Eine Weltordnung im Umbruch und Europas Rolle darin
Die geopolitische Lage der Gegenwart beschreibt Jürgen Trittin als einen „Zeitenbruch“. Nach Jahrzehnten relativer Stabilität sei die Rückkehr imperialer Machtpolitik nicht mehr zu übersehen – in Russland ebenso wie in den USA. Putins Angriff auf die Ukraine deutet er als Versuch, ein historisches Imperium wiederherzustellen, während die Vereinigten Staaten unter Donald Trump zunehmend eine Rolle als klassische Großmacht akzeptieren, statt als globaler Hegemon aufzutreten. Für Europa bedeutet diese Entwicklung eine fundamentale Herausforderung: Die Vorstellung, wirtschaftliche Verflechtung allein könne Konflikte verhindern, habe sich als zu optimistisch erwiesen.
Trittin warnt jedoch davor, Europa kleinzureden. Mit rund 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern, einem starken Binnenmarkt und hoher Rechtssicherheit verfüge der Kontinent über erhebliche Machtressourcen. Gerade deshalb müsse Europa selbstbewusster auftreten – wirtschaftlich, technologisch und politisch. Dazu gehöre auch, sich unabhängiger von amerikanischer Infrastruktur zu machen, etwa bei Cloud-Diensten, Software oder Satellitensystemen. „Resilienz kostet“, sagt Trittin – doch strategische Unabhängigkeit sei der Preis für politische Handlungsfähigkeit in einer zunehmend konfliktreichen Welt.
Gleichzeitig sieht er auch im Inneren eine zentrale Aufgabe: Demokratie müsse liefern. Wenn politische Entscheidungen immer wieder verwässert würden oder Reformen aus Angst vor Konflikten zurückgenommen würden, verliere Politik ihre Glaubwürdigkeit. Gesellschaften könnten nur funktionieren, wenn sie Konflikte aushalten und Mehrheitsentscheidungen respektieren. Trotz vieler beunruhigender Entwicklungen bleibt Trittin deshalb bei einem vorsichtigen Optimismus. Mit einem Verweis auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci formuliert er seine Haltung so: Pessimismus des Geistes – aber Optimismus des Willens. Denn ob sich die Welt zum Besseren oder Schlechteren entwickelt, sei letztlich keine Frage des Schicksals, sondern menschlichen Handelns.
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Informationen
- Sendung
- Kanal
- HäufigkeitWöchentlich
- Veröffentlicht5. März 2026 um 18:34 UTC
- Länge58 Min.
- Folge181
- BewertungUnbedenklich
