Wenn wir „Machtmissbrauch“ im Kontext der Akademia hören, denken viele an offensichtlich übergriffige Handlungen oder Verhaltensweisen: Der Professor, der sich die Ideen seiner Mitarbeiter*innen aneignet und als seine eigenen ausgibt; die Laborleiterin, die der befristeten wissenschaftlichen Mitarbeiterin mehr Aufgaben aufbürdet, als diese plausiblerweise im Rahmen einer 40-Stunden Woche erledigen kann; die Forschungsgruppe, deren Mitglieder bei der Weihnachtsfeier rassistische Witze machen und dann Druck auf die eine Kollegin ausüben, die sich darüber bei der Personalbeauftragten beschweren wollte. Fälle wie diese gibt es in Akademia nach wie vor, weil Universitäten zwar Demokratie-erhaltende Institutionen, selbst aber wenig demokratisch, sondern vielmehr stark hierarchisch organisiert sind. Der Vortrag eröffnet eine weitere Dimension. Er fokussiert Machtausübung oder sogar Beherrschung, die entsteht, obwohl die Beteiligten keinerlei Normen brechen oder anders moralisch auffällig werden. Genauer geht es um moralisch problematische Beherrschung, die auch dann erfolgt, wenn die beherrschenden Akteur*innen mit Fug und Recht behaupten können, dass sie doch eigentlich nichts gemacht hätten. Es wird dargelegt wie in Institutionen wie Universitäten, in denen viele vom guten Willen weniger abhängig sind, Personen systematisch in Positionen der Verwundbarkeit gedrängt werden und dann rationalerweise ihr Verhalten an diese prekären Verhältnisse und insbesondere an die vermuteten Wünsche ihrer Vorgesetzten oder der fachlichen Community anpassen – egal, ob diese aktiv hierauf hingewirkt haben oder nicht. So kommt es, selbst wenn dies niemand aktiv beabsichtigt hat, zu moralisch problematischer Beherrschung. Diese Einsicht ist insofern zentral, weil sie Aufschlüsse darüber gibt, wie Universitäten durch die Akteur*innen verändert werden müssen, wenn sie wirklich zu dem werden sollen, was sie ihrem Selbstverständnis nach schon immer waren, nämlich herrschaftsfreie Räume, in denen das bessere Argument zählt. Christine Bratu hat die Professur für Philosophie mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung an der Georg-August-Universität Göttingen inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind analytisch feministische Philosophie, politische Philosophie, praktische Philosophie sowie weitere Themen der normativen Ethik und Metaethik. Aktuelle Publikationen: Bratu Christine (2025): Insult and Injury: Toward a Comprehensive Account of Discrimination. Canadian Journal of Philosophy 54(8), 570–586; Bratu Christine (2025): Wettlauf mit Hindernissen: Plädoyer für ein philosophisch informiertes Verständnis von Vereinbarkeit. Zeitschrift für praktische Philosophie. Moderation: Aura Heydenreich, stellvertretende Universitätsfrauenbeauftragte und Frauenbeauftragte des Departments Germanistik und Komparatistik sowie Akademische Oberrätin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur mit komparatistischem Schwerpunkt.