Zamperl Amore - Der Hundepodcast aus München

Eine Kastration löst nicht sämtliche Verhaltensprobleme

Alles, was Du über das Thema Kastration bei Hunden wissen musst, erfährst Du in dieser Podcastfolge. Etwa: Ist es überhaupt sinnvoll, seinen Hund zu kastrieren? Und wird mein Hund nach einer Kastration ruhiger? Antworten hat Verhaltensbiologin Carina Kolkmeyer, die seit Jahren zum Thema Kastration forscht. In der Folge erfährst Du u. a., warum Du einen Hund nicht schon vor oder in der Pubertät kastrieren lassen solltest und dass eine Kastration nicht automatisch Verhaltensprobleme löst – genau das ist ja oft der Grund für viele Hundehaler und -halterinnen, ihren Hund kastrieren zu lassen. Blöd, wenn dann genau das Gegenteil eintrifft. Das ist allerdings nicht wirklich überraschend. Warum, hörst Du in der Folge.

Was passiert genau bei einer Kastration?

Von einer Kastration sprechen wir dann, wenn wir beim Rüden die Hoden entfernen, also wenn wir chirurgisch die Organe wegnehmen und bei der Hündin die Eierstöcke entfernen und weil es meistens dann auch eine Ovariohysterektomie ist, also ein etwas größere Eingriff, wird dann meistens noch neben den Eierstöcken die Gebärmutter mit entfernt. Das heißt also, wir haben dann die Gonaden weg bei beiden Geschlechtern und in dem Moment entfällt auch die Sexualhormonproduktion. Und das wäre dann beim Rüden eben das Testosteron, was nicht mehr gebildet wird. Und bei der Hündin wird dann eben das Östrogen nicht mehr gebildet und auch das Progesteron nicht mehr gebildet.

Denise

Das ist ja unter anderem nicht ganz zu verachten, weil es wichtig ist, dass es eine Balance gibt – jetzt bleib‘ ich mal beim Rüden – zwischen dem Testosteron und dem Cortisol, dem sogenannten Stresshormon. Könntest du vielleicht erklären, warum das so wichtig ist? Und was passiert bei einer Kastration dann?

Carina Kolkmeyer

Wir haben das Cortisol, unser Stresshormon und das ist tatsächlich ein sehr wichtiger Gegenspieler von unseren Sexualhormonen. Wie du es gerade schon richtig gesagt hast, haben wir bei dem Rüden das Testosteron, was der Gegenspieler von Cortisol ist. Das heißt, wenn das eine steigt, sinkt automatisch das andere. Und bei der Hündin haben wir das Östrogen und das Progesteron als Gegenspieler vom Cortisol. Und wenn jetzt ein Hund kastriert wird, dann entfällt natürlich diese wichtige stressdämpfende Wirkung. Das heißt, die Gegenspieler sind weg, also die Sexualhormone. Und in dem Moment können wir einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel haben bzw. ein Hund kann schneller reizbar, schneller gestresst sein und eben schneller seinen Cortisolspiegel steigen lassen.

Denise

Da kommen wir jetzt gleich drauf zu sprechen, weil ich habe dir ja vorab verraten, dass ich auf meinem Instakanal meine Follower*innen gefragt habe, ob sie irgendetwas interessiert zum Thema Kastration. Und da kamen einige Fragen, die würde ich gerne so an dich weitergeben als Expertin. Zum Beispiel hat Ingeborg gefragt: Ist es denn immer sinnvoll zu kastrieren?

Carina Kolkmeyer

Diese Frage kann man eigentlich mit einem klaren Jein oder Nein beantworten, weil es ist tatsächlich so, dass es oft ein Irrglaube ist, dass durch eine Kastration sämtliche Verhaltensprobleme gelöst werden können.

Also man denkt halt oft: Ja gut, wenn ich meinen Hund jetzt kastriere, dann kann ich auf einem einfachen Wege durch eine chirurgischen Eingriff mal eben sämtliche Problematiken abschaffen. Das heißt, ich könnte meinen Rüden eventuell nachher weniger aggressiv haben oder er hat nicht mehr so ein hypersexuelles Verhalten, was eben auch leider oft als Grund genannt wird.

Wunsch vs. Realität

Die Realität sieht in sehr vielen Fällen ganz anders aus. Also es gibt wirklich viele Hundehalter und -halterinnen, die hinterher diesen Schritt auch bereuen und das ist ja ein irreversibler Schritt. Das heißt, was einmal ab ist, kann halt nicht mehr wieder dran gesetzt werden. Positiv beeinflussen lässt sich zum Beispiel bei einer Kastration auch immer nur das Verhalten, was per se durch die Sexualhormone abhängig ist. Und das sind halt ganz wenige Verhaltensweisen.

Und da gibt es eben oft so einen Irrglauben oder so viele Missverständnisse, dass man sofort das Testosteron zum Beispiel beim Rüden mit ganz vielen Verhaltensweisen in Verbindung setzt, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. So heißt es ganz oft der Rüde ist dominant oder er hat eine Dominanzaggression oder der Rüde hat ein Statusproblem oder der Rüde gehorcht nicht richtig oder der Rüde läuft immer läufigen Hündinnen hinterher und man denkt okay, wenn ich jetzt diesen Rüden kastriere, dann hört das alles auf oder das Markierverhalten entfällt dann auch. Und das ist tatsächlich eben ein Irrglaube, weil wir müssen wirklich schauen, welches Verhalten hängt definitiv vom Testosteron ab. Und das ist wie gesagt nur ein kleiner Bereich von Verhaltensweisen.

Wann ist eine Kastration ratsam?

Denise

Gibt es dann doch Fälle, wo es Sinn macht, einen Hund oder eine Hündin zu kastrieren.

Carina Kolkmeyer

Ganz klar vom Tierschutzgesetz her natürlich, wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht, also dann, wenn ein Organ irgendwie lebensbedrohlich erkrankt ist. Also wenn ein Hodentumor vorliegt oder gefährliche Mammatumore entstanden sind, dann sollte man natürlich handeln, das ist klar. Da sollte man nicht vehement sagen, dann stirbt mein Hund jetzt lieber, als dass ich ihn kastrieren lasse. Das ist natürlich klar. Wenn das Tierwohl gefährdet ist, dann dürfen wir handeln und dann darf ein Tierarzt oder eine Tierärztin natürlich auch kastrieren.

Aus verhaltensbiologischer Perspektive sieht es so aus, dass wir eigentlich wie gesagt nur dann kastrieren können, wenn wir per se eine Sexualhormonabhängigkeit haben. Das heißt zum Beispiel, wenn wir jetzt im Falle des Rüden gesprochen, wirklich mal hypersexuelles Verhalten haben. Und von hypersexuell sprechen wir aber wirklich nur dann, wenn wir von dem Rüden die gesamte Verhaltenskaskade gezeigt bekommen, die zu hypersexuellem Verhalten dazugehört. Das reicht nicht aus, dass man sagt „Mein Hund, der ist ständig am Aufreiten, der rammelt alles kurz und klein, der rammelt an Gegenständen, womöglich sogar andere Hunde oder sogar vielleicht am menschlichen Bein.“ Also der Rüde ist in dem Moment noch nicht hypersexuell, weil das Aufreiten zum Beispiel auch eine ganz andere Herkunft haben kann. Es kann auch als Ursache wieder das Cortisol mit reinspielen. Es kann wieder eine Stresshandlung sein. Eine Übersprungshandlung oder stereotypes Verhalten. Also da muss man halt ganz doll aufpassen.

Empfehlung bei wirklich hypersexuellem Verhalten

Wenn wir wirklich hypersexuelles Verhalten haben, dann sagen wir auch immer: „Okay, erst einmal bitte von einem Experten abschätzen lassen, beobachten lassen. Also das heißt immer eine Expertise einholen. Wir bieten zum Beispiel auch so eine Beratung an, lassen uns dann mitunter auch mal Videos schicken und gucken uns das Verhalten an und werten das dann eben aus und sagen:“ Okay, ja, das fängt an mit Maul lecken, Zähneklappern, einer gewissen T-Formation – dass sich ein Hund in einer bestimmten Formation zu einem anderen Hund stellt, schon mal das Kinn aufgelegt wird und die Deckbereitschaft gezeigt wird bis hin zu Ejakulatstropfen, die rauskommen oder schon ein richtiger Deckakt, mit einer richtigen Kopulationsbewegung.

Wenn diese ganze Kaskadeabfolge da ist, dann können wir sagen: Okay, das ist hypersexuell. Wenn das nur mal auftritt, wenn eine läufige Hündin vor ihm steht, ist das noch nicht hypersexuell, sondern einfach nur reines Sexualverhalten. Aber wenn der Rüde natürlich extrem leidet, er macht eine Futterverweigerung, er schläft nicht mehr, der Hund haut ständig ab und man kann im Prinzip mit diesem Hund nichts mehr anfangen. Er ist ein Häufchen Elend. Dann kann man sagen: Okay, da könnte auch mal wirklich aus Verhaltensperspektive kastriert werden.

Denise

Du hast gerade gesagt, man kann sich bei Fragen zu hypersexuellem Verhalten an euch wenden. Wie genau geht es dann?

Carina

Entweder schreibt man direkt eine E-Mail an mich oder an Dr. Udo Gansloßer. der ist ja mein Doktorpapi und quasi bei uns auch – ja, das Headmitglied quasi unseres Teams, unserer Mammalia AG. Genau, wir sind ja für verhaltensmedizinische Beratungen zuständig. Tatsächlich hilft es vielen als Entscheidungshilfe einfach auch noch mal einen anderen Blickwinkel zu haben und zu schauen okay, soll ich jetzt meinen Hund wirklich kastrieren und hab ich das richtig abgeschätzt das Verhalten? Das kann auf jeden Fall ganz hilfreich sein.

Kontakt zu Carinas TeamHerunterladen

Verändert sich mein Hund nach einer Kastration?

Denise

Weil in der Tat, also ich habe viele Kunden und Kundinnen, aber auch so Menschen in meinem Umfeld, die sich genau die Frage stellen: Soll ich meinen Hund kastrieren? Also aus unterschiedlichsten Gründen, eben oft auch in der Hoffnung, bei Rüden aggressives Verhalten abschalten zu können. Was du ja schon angesprochen hast, was eigentlich nur Sinn ergeben würde, wenn dieses Verhalten, wie du es vorhin gesagt hast, testosterongesteuert ist. Also wenn der Hund nach vorne geht, weil er Angst hat, dann ändert sich nach einer Kastration wenig. Beziehungsweise kann sogar vielleicht noch schlimmer werden. Aber da komme ich drauf noch zu sprechen, weil da gibt es auch Fragen.

Und zwar: Der Martin hat mir zum Beispiel auch ein paar Fragen geschickt. Er sitzt im Rollstuhl und hat eine Hündin und die Läufigkeit seiner Hündin, die stresst ihn sehr, weil er kann dann nicht mehr alleine mit ihr raus und er hat zum Beispiel gefragt – also das bezi