Geist.Zeit

  1. 27. Sept.

    Kirche, was willst Du mal werden, wenn Du klein bist?

    In dieser Folge von Geist.Zeit sprechen Andi und Thorsten mit Rita Famos, der Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Zuerst geht es um Rita Famos selbst: Wie führte ihr Weg als Pfarrerin und Seelsorgerin an die Spitze der EKS? Ist sie so etwas wie die Bischöfin der Schweizer Reformierten? Und was bedeutet es, als Frau in einer lange von Männern geprägten Kirche Leitung zu übernehmen? Ihr Buch «Leadership. Weibliche Perspektiven» (2026) gibt Anlass, über die Frauen-Kirche-Bewegung und überhaupt eine Geschichte der Transformation zu sprechen, auf welche die reformierte Kirche stolz sein kann. Denn die Kirche hat sich gerade nicht einem veränderten Zeitgeist angepasst; teilweise ging sie ihm voraus und hat ihn zumindest ein wenig mitgeprägt. Zugleich formulieren wir im Podcast auch kritische Fragen, die Menschen zur Kirche haben. Hat die reformierte Kirche ihre Mission aus dem Blick verloren, weil sie vor allem gesellschaftlich relevant sein will? Muss sie nicht neu lernen, Glauben und Spiritualität der Mitglieder nicht nur vorauszusetzen, sondern anzuregen und zu fördern? Oft behauptet wird auch: die Kirche ist zu politisch. Statt in Glaubensfragen deutliche Impulse zu setzen und in der Politik die Vielfalt der Mitglieder und ihrer Überzeugungen zu respektieren, mache die Kirche es scheinbar umgekehrt; sie bekenne Farbe in politischen Debatten – und betont Vielfalt in Glaubensüberzeugungen. Rita Famos kann solche Kritik verstehen und betont zugleich: Wir geben als Kirche nie politische Positionen vor. Wir melden uns zu Wort mit Kritik, mit Argumenten und Abwägungen, nicht um zu bevormunden, sondern um zur Auseinandersetzung und zum mündigen Urteilen zu ermutigen. Kritik und Auseinandersetzung braucht die Kirche auch mit ihrer eigenen Geschichte. Rita Famos erzählt von ihrer eigenen Entdeckung, dass Reformierten Kirche heute Verantwortung für sexualisierte Gewalt in ihrer Geschichte übernehmen muss. Am Ende kehren Andi und Thorsten zur Ausgangsfrage zurück: Wer sind wir als Kirche, jetzt schon und auch in Zukunft? Mit Rita Famos suchen sie nach einer Vision für eine Kirche, die nur quantitativ kleiner wird – und ihre wahre Grösse auch in anderer und neuer Gestalt zeigen kann. Link zum Buch: https://www.tvz-verlag.ch/buch/leadership-9783290187811/?page_id=1

  2. 13. Sept.

    Was ist Kirche? Basics zum Mitreden

    Wer beim Thema «Kirche» mitreden will, sollte wenigstens ein paar Basics kennen. Thorsten und Andi starten aber nicht mit theologischen Basisinformationen, sondern mit einer soziologischen Perspektive von Aussen, die zum Staunen anregt: Wie kam es, dass unter den Religionen nur das Christentum so etwas wie eine Kirche hervorgebracht hat? Und wie erklärt sich die mittlerweile fast 2000 Jahre dauernde Tradition der christlichen Kirche? Die beiden Podcaster knüpfen an zentrale Ideen des Sozialphilosophen Hans Joas an: Kirche entsteht, damit gemachte religiöse Erfahrungen erinnert, ermöglicht und weitergegeben werden können. Bewahrt wird damit auch das Ethos einer universalistischen Moral und ihre Ideale wie Menschenwürde und Gewaltlosigkeit. Die Institution Kirche ist die soziale Form, in der diese Ideale gepflegt und tradiert werden, auch gegen Widerstand von innen und aussen. Im zweiten Teil des Podcast geht es um die grossen Unterschiede zwischen den Kirchenfamilien. Andi und Thorsten geben einen gerafften Überblick über das Kirchenverständnis der römisch-katholischen, orthodoxen, der reformatorischen Kirchen und auch der Pfingtskirchen und charismatisch orientierten Freikirchen. Danach widmen sich die beiden Podcaster den klassischen Eigenschaften von Kirche: Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität. Dabei wird deutlich: Die empirische Kirche hinkt hinter diesen Idealen her. Kirche glaubt nicht nur, sie wird auch geglaubt. Inwiefern ist diese Unterscheidung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche hilfreich, ab wann verkommt sie zu einer fragwürdigen Selbstrechtfertigung? Am Ende stellen Andi und Thorsten fest: Es gibt richtig gute Gründe, neugierig und staunend zu fragen, was Kirche ist. Einseitig progressive oder konservative Haltungen verfehlen den Reichtum der kirchlichen Tradition bzw. ihre Kraft zu immer neuen Veränderungen.

  3. 30. Aug.

    Kirche - wo bist du?

    Kirche - wo bist du? Es gab Zeiten, da hätte die Antwort wahlweise gelautet: Mitten im Dorf. Oder auch: überall, wo es wichtig wird. In den letzten Jahrzehnten hat sich viel verändert. Aktuelle Beispiele zeigen, dass die Bedeutung der Kirchen immer weniger selbstverständlich ist. Aus ihrem eigenen Erleben tragen Andi und Thorsten zusammen, wie sehr ihr eigenes Bild von Kirche dem Wandel unterliegt. Kirche gibt es in höchst unterschiedlicher Gestalt. Gemeinsam deklinieren die beiden Podcaster Ernst Troeltschs bekannte Unterscheidung der drei Haupttypen von Kirche (Kirche, Sekte, Mystik) durch: a) Universal-, Volks- oder Staatskirche als das grosse Dach für alle, die lebendige Mitte einer Gesellschaft, wo der Glaube eng verbunden ist mit allen Entwicklungen der Wissenschaft, der Politik und der Kunst und des sozialen Zusammenhalts b) Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, als Zusammenschluss der Entschiedenen und Überzeugten, als Gegenkultur zu allem, was als Mainstream gilt («Sekte», Freikirche etc.) c) Kirche als das unsichtbare Reich der individuellen Spiritualität, in der die Einzelnen ihre Gottesbeziehungen leben, ohne sich durch die Dogmen und Regeln der organisierten Religion reinreden zu lassen. Vieles spricht dafür, dass diese Haupttypen nur im Zusammenspiel darstellen, wie universal, persönlich und gemeinschaftlich der christliche Glaube angelegt ist. Zugleich sehen Andi und Thorsten auch: Troeltschs Traum, dass eine elastisch gemacht Volkskirche alle drei Aspekte miteinander verbinden könne, verblasst heute. Gerade die alle Menschen verbindende Idee der Volks- bzw. Grosskirche scheint immer weniger Menschen einzuleuchten. Gerade für die Landeskirchen stellt sich neu die bekannte Kinderfrage: Was willst du denn mal werden, wenn du gross bist? Was wollen wir denn als Kirche werden, wenn wir klein sind? Denn klein ist nicht die Antwort. Wenn die Kirchen nicht mehr die Mitte sind, sondern Minderheit wird, ändert sich vieles. Können wir lernen, diese Frage ohne Krisen- und Katastrophengefühle zu diskutieren? Als offene, ja spannende Herausforderung angesichts einer neuen Phase von Christentum, für die es keine historischen Vorbilder gibt.

  4. 12. Juli

    Wo uns die Bibel immer noch herausfordert

    Thorsten und Andi schliessen mit dieser Folge die Serie über die Bibel ab – zumindest vorläufig. Sie nehmen einige der Rückmeldungen auf, in denen Hörer:innen auf bleibende Herausforderungen für ihr heutiges Lesen der Bibel aufmerksam gemacht haben. Ein Knackpunkt betrifft die Balance zwischen historischem Verstehen und persönlicher Anverwandlung biblischer Texte. Dass die Bibel durch wissenschaftliche und historische Auslegung erst einmal fremd und kompliziert wird, ist nötig. Wie aber kommt es zu einer Dynamik, in der uns die Texte wieder nahe kommen, uns berühren und zu Herzen gehen? Andi und Thorsten berichten von persönlichen Erfahrungen und sprechen über gelungene Beispiele, in denen Dekonstruktion und Rekonstruktion zusammenspielen. Als nächstes gibt es einen Nachschlag zur Podcast-Folge mit Sonja Ammann über die Gewalttexte des Alten Testaments. Andi macht klar, wie brutal manche Gottesbilder der Bibel sind. Er stellt die einflussreichsten theologischen Strategien zum Umgang mit Gottesbildern der Gewalt dar und diskutiert dann mit Thorsten jeweils die Schwächen und Stärken. Auch wenn lange nicht alles zu diesem schwierigen Thema gesagt werden kann, so bleibt am Ende die begründete Überzeugung: Die Texte hatten damals eine wichtige Funktion, auf die wir in unserer gewalthaltigen Zeit nicht verzichten sollten: Sie eröffnen einen Raum, in dem Betroffene einen guten Umgang mit Erfahrungen von Gewalt entwickeln können. Als dritte Herausforderung nehmen die beiden Podcaster das aktuelle Buch von Michael Roth auf und fragen, ob die Bibel wirklich so gefährlich für die Ethik ist, wie er behauptet. Ist eine Ethik ohne Bezug zur Bibel noch eine theologische Ethik? Welche Rolle kann die Bibel in ethischen Problemen unserer Zeit spielen, die in biblischen Zeiten noch gar nicht da waren? Thorsten plädiert dafür, die Bibel als Ausgangs- und Bezugspunkt zu nehmen und sich von ihr in unserer ethischen Arbeit irritieren und inspirieren zu lassen.

  5. 5. Juli

    Thomas Schlag: Post-digitale Zeiten, KI und die Frage nach dem Menschlichen

    Seit Jahren beschäftigt sich der Zürcher Prof. für Praktische Theologie, Thomas Schlag, mit den Herausforderungen des digitalen Wandels. Als Direktor des Sonderforschungsbereichs «Digital Religions» an der Universität Zürich beobachtet er die technischen und medialen Entwicklungen unserer Zeit. Dass sich selbst der Papst der römisch-katholischen Kirche, Leo XIV., in seiner ersten Enzyklika ausführlich zu den Herausforderungen der künstlichen Intelligenz für unsere Zeit äussert, nehmen Andi Loos und Thorsten Dietz zum Anlassen, sich im Podcast Geist.Zeit ausführlich mit Thomas Schlag zu diesen Fragen zu unterhalten. Thomas Schlag spricht inzwischen von einer post-digitalen Situation. Post- nicht in dem Sinne, dass die Bedeutung dieser Entwicklungen schon wieder nachlässt; im Gegenteil. Digitale Welten sind inzwischen so selbstverständlich, dass sie keine Sonderwelt mehr sind, sondern etwas, was sich auf alle Lebensbereiche auswirkt, auch auf Kirche und Religion. Digitale Selbstverständlichkeiten verändern unsere Kommunikationsgewohnheiten. Sie stellen auch klassische Hierarchien und Expertisen in Frage. Die neuen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz fordern uns seit einigen Jahren zusätzlich heraus. Die Enzyklika des Papstes «Magnifica Humanitas» ist ein guter Einstieg in das Thema. Durchaus beeindruckt stellt Thomas Schlag fest: Der Papst ist mit diesem Text (der mit viel Expertise im Hintergrund verfasst wurde) auf der Höhe der heutigen Entwicklungen. Er stellt wichtige Fragen, die für uns wesentlich sind. Wer sind wir Menschen angesichts der rasanten Entwicklungen? Müssen wir der Möglichkeit ins Auge sehen, dass sehr viele von uns ersetzbar sind oder gemacht werden? Es ist eindrücklich, wie der Papst unter dem Titel der grossartigen Menschheit unsere Verletzlichkeit betont. Das ist nicht unsere Schwäche – sondern unsere Stärke. Nur angesichts unserer Grenzen entwickeln wir die Fähigkeit zu Solidarität, zu Fürsorge und Mitgefühl. Es ist mehr denn je entscheidend, diese Merkmale nicht verdrängen zu wollen. Überzeugend findet Schlag auch die päpstliche Kritik an den Machtverhältnissen, die im Hintergrund besteht. Das Stichwort der «Entwaffnung» der Künstlichen Intelligenz ist notwendig, vor allem wenn man bedenkt, wie stark technischen Entwicklungen heute auch mit der militärischen Aufrüstung unserer Zeit verbunden sind. Weiterführende Links: Zum Forschungsbereich «Digital Religions» geht es hier: (https://www.digitalreligions.uzh.ch/de.html) Hier (https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html) findet sich die Enzyklika «Magnifica Humanitas» von Papst Leo XIV KI und Digitalität ist auf bei RefLab eine eigene Themenwelt: https://www.reflab.ch/category/themenwelten/digitalisierung-und-ki/. Dort findest Du zwei aktuelle Podcastfolgen zum Thema: «Himmel und Erdung»: Johanna di Blasi spricht mit Thomas Schlag und Sina Horner über neuste Forschungsergebnisse zur Nutzung von KI bei persönlichen Lebensfragen: Wenn der Algorithmus zum Seelsorger wird – Studie von «Digital Religion(s)» (https://www.reflab.ch/wenn-der-algorithmus-zum-seelsorger-wird-digital-religions/) Und auch Manuel Schmid und Stefan Jütte sprechen in ihrem Podcast «Ausgeglaubt» über die Enzyklika des Papstes: Papst Leo, die KI und wir (https://www.reflab.ch/papst-leo-die-ki-und-wir/)

  6. 21. Juni

    Sonja Ammann: Wieso ist das Alte Testament so voll mit Gewalt?

    Die Gewalttexte der Bibel sind verstörend. Religionskritikern liefern sie die Gründe, den Glauben an Gott abzulehnen. Andere meiden diese Texte oder würden sie am liebsten aus der Bibel löschen. Sonja Ammann, Professorin für Altes Testament an der Uni Basel, hält dagegen: Gerade für Menschen, die heute mit Gewalt überzogen werden, können diese Texte eine wichtige Funktion haben. Die Opfer von Gewalt bekommen darin eine Stimme. Ihr Erfahrungen kommen zur Sprache und werden so gemeinschaftlich verarbeitet. Gerade auch in der Begegnung mit Bibelwissenschaftler:innen, die aus ihrer Heimat selbst schwere Gewalterfahrungen kannten, gewann Sonja Amman den Anstoss, sich mit kriegerischer Gewalt im AT intensiver zu beschäftigen. In einem ersten Gesprächsgang (ab Minute 13) entwickelt Sonja Ammann zusammen mit Andi und Thorsten einen knappen Überblick: Was sind die unterschiedlichen Formen von Gewalt im Alten Testament, in welchen Textgattungen wird Gewalt thematisiert, und wer spricht aus welcher Perspektive? Im Hauptteil stellt Sonja Ammann (ab Minute 33) ihren Zugang vor, den sie vor allem ausgehend von den Ereignissen rund um die Eroberung Jerusalems (ab 597 v.Chr.), der Zerstörung des Tempels und der Deportation des jüdischen Volkes nach Babylon entwickelt. Die Gewalttexte des Alten Testaments helfen der Gemeinschaft, Kriegserfahrungen zu erinnern und durch Deutung zu verarbeiten. Wesentlich ist auch das Bewusstsein, dass Neuanfänge möglich sind und traumatische Erfahrungen nicht das Ende sein müssen. Wie läuft dieser Prozess, durch den eine Mastererzählung entsteht, eine kollektive Identität, welche die Zukunft einer Gemeinschaft prägt? Schliesslich fragen die drei Podcaster, wie wir heute mit den Gewalttexten des Alten Testaments umgehen können (ab Minute 56). Denn sie bilden keine Dunkelfolie im Gegensatz zu unserer eigenen, friedlichen Zeit. Auch unsere Welt ist voller Gewalt. Können wir vom alttestamentlichen Umgang mit Gewalterfahrungen heute etwas lernen? Wer Sonja Ammann ist und woran sie forscht: https://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_Ammann Weiterführende Publikationen Sonja Ammann: Der zerbrochene Spiegel. Die babylonische Eroberung Jerusalems als kulturelles Trauma. Studies in Cultural Contexts of the Bible, Bd. 9. Leiden: Brill 2024. Open Access unter https://brill.com/display/title/68367 Sonja Ammann; Helge Bezold; Stephen Germany; Julia Rhyder (Hg.): Collective Violence and Memory in the Ancient Mediterranean. Culture and History of the Ancient Near East, Bd. 135. Leiden: Brill 2023. Open Access unter https://brill.com/edcollbook-oa/title/60065 Sonja Ammann und Andere: Gewalt. Prospektiv. Theologisches und Religionswissenschaftliches aus Basel, Nr. 15, 2022. https://theologie.unibas.ch/fileadmin/user_upload/theologie/05_Fakultaet/2_Organisation__frueher_Zur_Fakultaet_/Publikationen/2022_Prospektiv_Nr.15.pdf

  7. 7. Juni

    Ralph Kunz: Höre diese Podcastfolge, bevor Du Deine Bibel wegschmeisst!

    Die Bibel fasziniert viele Menschen. Als Literatur, als kultureller Schatz, auch als Heilige Schrift, in der wir Gottes Wort erfahren. Und etliche sagen, dass die Bibel sie nicht (mehr) interessiert. Die Bibel erscheint ihnen irrelevant. Mit dem Professor für Praktische Theologie Ralph Kunz reden Andi und Thorsten über die Bibel und den Umgang mit ihr heute. Leben mit der Bibel ist für Ralph Kunz ein Lebensthema. In seiner Jugend ist er in einem erwecklich-charismatischen Umfeld für den christlichen Glauben begeistert worden. Auf seinem Weg in Kirche und Theologiestudium entdeckte er vielfältige Anregungen des christlichen Lebens, das soziale Engagement der Friedenskirchen, kontemplative Tradition in Taizé, das reiche Erbe der Wort-Gottes-Theologie an den Universitäten und die uns in heilsame Unruhe versetzenden Befreiungstheologien mit ihrer politischen und auch queer-sensiblen Parteilichkeit für alle Menschen. Heute setzt er sich für eine lebendige der Nachfolge Jesu ein, in der Verbindungen entscheidend sind: zwischen Gemeinde und Weltoffenheit, Friedensengagement und Mission, aufgeklärte Bibelwissenschaft und Liebe zur Bibel. Ralph Kunz ist überzeugt: Christlicher Glaube als Lebensform lebt von der Erfahrung der Menschennähe Gottes. Diese geistliche Erfahrung kann man überall machen. Vor allem aber sind es die Buchstaben der Bibel, die uns mit Gott verbinden, die wie ein einladendes Zelt Räume der Begegnung mit Gott erschliessen. Das ist auch für jede Kirche, die Zukunft haben wird, entscheidend: dass sie Erzählgemeinschaft der grossen Bibelgeschichten und Erfahrungsraum der Nähe Christi wird. Die Bibel ist nicht nur ein Speichermedium, in dem Glaubenswahrheiten aufbewahrt werden. Die Bibel ist ein Medium des Geistes, sie berührt und verändert uns, sie ermöglicht Erfahrungen der Begeisterung. Und gerade so macht die Bibel auch kritisch, auch gegenüber Entgleisungen der christlich-religiösen Welt. Bibellesen bildet, auch in unserer Zeit.

  8. 24. Mai

    Christina Aus der Au: Wie würde Jesus seine KI trainieren?

    Mit dieser Folge starten RefLab und Fokus Theologie ein kleines KI-Experiment: Sharing Jesus. Es geht um einen Jesus-Bot. Also um ein KI-gestützte Programm, das es den Nutzer:innen ermöglicht, interaktive Gespräche mit einem virtuellen Jesus Christus zu führen. Solche Bots gibt es mittlerweile in Hülle und Fülle. Das Besondere unseres Bots ist: Wir wollen ihn nicht nur einsam im persönlichen Chat erleben, sondern gemeinsam mit unseren Hörer:innen Erfahrungen sammeln und darüber reflektieren. Unser KI-Jesus wurde von Spiro Mavrias erstellt. Du kannst ihn hier ausprobieren und unser Experiment mitgestalten und bereichern: https://udify.app/chat/G3UpA7tXsQjAHbRP Um Jesus-Chatbots geht es in dieser Folge mit Christina Aus der Au und Andi Loos. Beide haben sich anlässlich der «Bibel-Genuss-Tage 2025» in Flims getroffen. Sie spüren der spirituellen Sehnsucht nach, die in den unzähligen Apps und Jesus Bots zum Ausdruck kommt. Und die Frage poppt auf, ob etliche Nutzer:innen die Jesus-KI nicht als den besseren Gott erleben? Ist das eine echte Interaktion, die da zwischen einem Jesus-Bot und uns stattfindet? Oder fühlt sich das nur täuschend echt an? Andi ist hier eher skeptisch, während Christina Aus der Au überraschende Aspekte einspeist, die zeigen, wie eine KI uns tatsächlich als kommunizierendes Du gegenüberstehen kann. Sind wir gerade dabei, etwas ähnliches zu erleben, wie Gott mit uns Menschen? Dass etwas, was wir ursprünglich geschaffen haben, sich von uns emanzipiert und uns in eigener Freiheit gegenübertritt? Wie und mit welchen Daten sollte eine KI trainiert werden, damit sie einigermassen nach Jesus klingt? Das Gespräch macht klar: So einfach ist das gar nicht. Sollte da wirklich alles herangezogen werden, was im Neuen Testament und darüber hinaus in den Jahrtausenden danach über Jesus geschrieben worden ist? Und damit auch alle fragwürdigen Jesusbilder. Ein KI-Jesus mutet uns zu, seine Antworten kritisch zu bedenken und zu fragen, ob darin Jesus zu uns spricht. Und das gelingt wohl nur gemeinsam. Alle Infos zum KI-Experiment «Der gemeinsame Jesus» gibt es hier https://www.reflab.ch/der-gemeinsame-jesus-ein-kleines-ki-experiment/ oder hier https://fokustheologie.ch/sharing-jesus/ Wer Christina Aus der Au ist, erfährst Du hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Christina_Aus_der_Au Das Kloster Kappel bietet vom 5. bis 6. Juli 2026 Klostertage zum Thema KI und Spiritualität an: https://www.klosterkappel.ch/de/veranstaltungen/klostertag-theologie-ki-spiritualitaet

  9. 10. Mai

    Moises Mayordomo: Die Bibel historisch ernst nehmen?!

    Die vorangehenden Folgen haben bei einigen Hörer:innen Fragen aufgeworfen: Wie kann ich nun die Bibel als Glaubensgrundlage lesen und sie zugleich historisch ernst nehmen? Und geht das auch, ohne theologische Vorbildung? Um solche Herausforderungen anzupacken ist Moises Mayordomo ein passender Geist.Zeit-Gast. Gleich zu Anfang berichtet der Professor für Neues Testament, wie ihm die Spannung zwischen Glaube und historischen Fakten persönlich begegnet ist und wie er sie lebt. Wie viel historisches Wissen brauchen wir über Jesus, ohne dass der Glaube an ihn in einer Faktenversessenheit endet? Die neutestamentlichen Geschichten als Jesusmärchen abtun, scheint jedenfalls keine hilfreiche Alternative. In dieser Gesprächssequenz wird klar: An Jesus als den auferstandenen Christus zu glauben ist mehr als historische Tatsachen für wahr zu halten. Und die Bibel bietet mehr als «Fakten oder nicht Fakten». An zwei konkreten Beispielen versuchen Andi und Thorsten mit ihrem Gast aus Basel zu zeigen, wie hilfreich es für heutige Fragen ist, die Bibel historisch ernst zu nehmen. Zunächst geht es um die wachsende Sehnsucht vieler junger Männer nach klaren und traditionellen Rollenbildern von Mann und Frau. War damals wirklich so klar, was Geschlecht bedeutet, wie heute gerne behauptet? Wie verstand man Männlichkeit in der Antike, und wie stand dazu die Männlichkeit eines Jesus oder eines Paulus? Schliesslich dreht sich das Gespräch um die Offenbarung des Johannes. Sie enthält die gewaltvolle Darstellung eines allmächtigen Gottes, der brutal seinen Heilsplan verwirklicht. Wie gehen wir mit diesen Texten heute um? Was ist ihre Botschaft an uns in einer Zeit, in der Herrscher und Nationen ihre Interessen mit kriegerischer Gewalt durchsetzen und dies manchmal religiös und biblisch begründen? Eine Podcast-Folge, in der exemplarisch und konkret klar wird, wie ein Umgang mit der Bibel gelingen kann, der uns hilft zu glauben und zu leben.

  10. 26. Apr.

    Tania Oldenhage: Christliche Bibel, Jüdische Bibel

    Lange Zeit wurde die Bibel gelesen als ein Buch, das für uns, die christlichen Kirchen, geschrieben wurde. Gemeinsam mit der Pfarrerin und Neutestamentlerin Tania Oldenhage stellen Andi und Thorsten diese Selbstverständlichkeit in Frage. Denn das Alte Testament ist als Hebräische Bibel zugleich die Heilige Schrift des Judentums. Auch die Verfasser des Neuen Testaments waren zum grössten Teil Juden. Diese Verwurzelung im Judentum wurde nicht nur verdrängt. Allzu lange wurde das Judentum in der Bibelauslegung als eine Art Dunkelfolie des Christentums benutzt. Und schlimmer. Im Anschluss an einzelne Passagen im Neuen Testament wie die Passionsgeschichte wurden «die Juden» pauschal als «Gottesmörder» verurteilt, die von Gott verstossen wurden. Tania Oldenhage macht deutlich, wie tief die Wirkungsgeschichte solcher antijüdischer Stereotype in der Christentumsgeschichte war und ist. Und sie macht Mut, diese Sichtweisen konsequent zu hinterfragen und die biblischen Texte neu zu entdecken, auch wenn das bedeutet, sich auf eine intensive Auseinandersetzung mit den überlieferten Worten einzulassen. Im Gespräch kommen sie auf ihr neues Buch «Else Lasker-Schüler und der Flüchtlingssonntag» (2025), in dem Oldenhage zeigt, wie anregend der Bibelumgang einer jüdischen Schriftstellerin wie Lasker-Schüler (1869-1945) auch für uns sein kann. Oldenhage erzählt von der 1933 erfolgten Flucht der deutsch-jüdischen Autorin nach Zürich und ihren dortigen Erfahrungen. Bibeltexte waren für sie Halt und Inspirationsquelle, um ihr Geschick in Zeiten eines mörderischen Antisemitismus zu deuten. Wer sich für diese Erfahrungen öffnet, kann nicht übersehen, dass die Schweiz auch heute Ziel von Geflüchteten ist, die vielfach auf Vorurteile und Abwehr treffen. «Gott ist ein Flüchtling», so habe ihr ein Mann aus Eritrea einmal im Zusammenhang eines Gottesdienstes mit Geflüchteten gesagt. Bibeltexte voller Migrationserfahrungen erweisen sich bis heute als lichtvoll, wenn wir sie nicht als sicheren Besitz ansehen, sondern sie mit Erfahrungen unserer Zeit ins Gespräch bringen. Quellen: Tania Oldenhage (2025): Else Lasker-Schüler und der Flüchtlingssonntag. Impulse für eine biblische Migrationstheologie, Zürich: TVZ Videovortrag von Tania Oldenhage: «Selig sind die Unfruchtbaren». Tania Oldenhage zur Gerichtsandrohung an Jerusalem. https://www.eaberlin.de/themen/projekte/bildstoerungen/antisemitismuskritische-bibelauslegungen/selig-sind-die-unfruchtbaren/ In den nächsten Tagen erscheint von ihr ein Vortrag zum Kindermord des Herodes in der Reihe «Antisemitismuskritische Bibelauslegungen» der Evangelischen Akademie in Berlin. https://www.eaberlin.de/themen/projekte/bildstoerungen/antisemitismuskritische-bibelauslegungen/ Im März 2026 wurde die Handreichung «Kirche ohne Antisemitismus» von der Synode der Zürcher Landeskirche angenommen. Hier geht es zum Text und weiteren Materialien. https://fokustheologie.ch/stoffwelten-dossiers/kirche-ohne-antisemitismus/

  11. 12. Apr.

    Von der Bibel zur Ethik

    Wie kommt man von der Bibel zu ethischen Urteilen? Möglichst direkt und unmittelbar, denn Gottes Willen gilt für alle Zeit, sagen die einen. Möglichst gar nicht, denn die biblischen Texte sind 2000 Jahre alt und haben mit unserer Welt nicht mehr viel zu tun, sagen die anderen. Andi und Thorsten schauen sich die Geschichte des ethischen Umgangs mit der Bibel an und merken bald: Schnellschüsse sind bei diesem Thema gar nicht hilfreich. Wo die Bibel kaum oder gar nicht mehr zu Gehör kommt, verstummt so etwas wie eine christliche Stimme insgesamt in der Öffentlichkeit. Wo man sich direkt auf einzelne Bibelstellen meint berufen zu können, zeigt sich immer: Niemand macht das wirklich konsequent. Selektiv sind alle. Die Frage ist nur, wie ehrlich und reflektiert man damit umgeht. Offensichtlich stiften biblische Texte bis heute moralische Orientierung, Sensibilisierung des Gewissens und Schärfung des Blicks auf heutige Herausforderungen. Das geschieht in grosser Vielfalt: Biblische Texte sprechen uns an durch konkrete Weisungen, grosse Visionen vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, Haltungen des Mitgefühls, der Ehrlichkeit oder der Treue sowie zentralen Prinzipien wie der Nächsten- und Feindesliebe. Wer die Bibel ernstnehmen möchte, kommt nicht daran vorbei, sich mit dem jeweiligen Kontext ihrer Aussagen zu beschäftigen. Dass die Bibel keine Grundlage für eine Regelbefolgungsmoral sein kann, hat man in der Christentumsgeschichte immer wieder eingesehen. Die Bibel ist so viel mehr, als man ihr oft zuschreibt, stellen Andi und Thorsten fest. Sie ist Entdeckungszusammenhang wichtiger Einsichten zum Menschsein und zum gelingenden Leben. Sie ist ein Erhellungszusammenhang für das Verständnis auch aktueller Entwicklung. Sie ist Motivationsbuch und Trostschreiben in einem. Sie macht Mut, im Streben nach Gerechtigkeit nie aufzugeben, weil Gottes Geschichte mit uns immer weitergeht. Und sie entlastet uns vom Druck der totalen Reinheit; denn menschliches Leben ist auch in aller Gebrochenheit von Gottes Güte umfangen.

  12. 29. März

    Benjamin Schliesser: Ein gekreuzigter Gott

    Wie konnte es passieren, dass sich ausgerechnet das Christentum in der römischen Antike durchgesetzt hat? Diese Frage wurde zum Ausgangspunkt eines Forschungsprojekts, dass der Berner Prof. Benjamin Schliesser gemeinsam mit Jan Rüggemeier und einem grossem Team in den letzten Jahren betrieben hat. Viele der dabei gewonnenen Erkenntnisse werden nun Interessierten in einem ansprechenden Format zur Verfügung gestellt: In insgesamt 9 YouTube-Videos sieht man die Wissenschaftler:innen auf den Spuren der frühen Christusgläubigen. Im Gespräch wollen wir es nun auch wissen: Wie konnte sich eine religiöse Gruppe durchsetzen, die mit ihrer Verehrung eines von den Römern gekreuzigten Juden alle vor den Kopf stossen musste? Benjamin Schliesser erklärt, dass der Erfolg der frühen Gemeinde wohl mit einer eigentümlichen Mischung zu tun hat. In vielerlei Hinsicht ähneln die ersten christlichen Kirchen bekannten Phänomenen der damaligen Zeit. Sie bieten Heilung wie der Asklepius-Kult, ethische und weltanschauliche Orientierung wie philosophische Schulen, Vergemeinschaftung wie antike Vereine. Und sie bieten zugleich etwas völlig Neues. In einer Welt, in der Macht und Stärke bewundert und die Erfolgreichen gefeiert werden, stellt die christliche Verkündigung das Leiden eines Menschen ins Zentrum, der von den Römern zur Hinrichtungsart für aufsässige Sklaven bestimmt wurde. Dieser Glaube sprach Menschen an, für die die Antike sonst nur Verachtung und Ausgrenzung kannte. Der Erfolg des Christentum war weder notwendig noch nur zufällig. Aber dieser Glaube gab Antworten auf viele Sehnsüchte seiner Zeit; und zugleich forderte er alle heraus. Zuletzt bot dieser Glaube ein Zentrum, das alle seine Mitglieder verband. Der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten. Zum Forschungsprojekt siehe: https://www.earlychristiancenters.com Zum Einstieg in die Videos vgl.: Ein neuer Gott für Roms Imperium. https://youtu.be/VKdQ7LuVZtM?si=-mo-vHz3tguBb2E_

  13. 15. März

    Schädigt die historisch-kritische Bibelauslegung den christlichen Glauben?

    Andi und Thorsten wollen in dieser Folge wissen, wie ein lebendiges Wechselspiel zwischen aufrichtigem Glauben und historisch-kritischem Bibellesen aussehen kann. Dazu haben sie Jörg Frey, Professor für Neues Testament an der Universität Zürich, eingeladen. Er macht gleich zu Beginn deutlich: Die historisch-kritische Methode der Bibelforschung gibt es nicht. Es handelt sich um ein Ensemble an Methoden und Fragestellungen, die dem einen Ziel dienen: Unterschiedliche Texte aus einer uns fremden Zeit und Kultur zu erschliessen, bevor nach der Bedeutung der Texte für heute gefragt wird. Zu knistern beginnt es, wenn Jörg Frey von seinem persönlichen Weg erzählt, auf dem er gelernt hat, dass die historische Bibelforschung für den eigenen und gemeinsamen Glauben unentbehrlich und förderlich ist. Wie gelingt es ihm, diejenigen mit auf diesen Weg zu nehmen, die aus vielen Ländern bei ihm studieren, promovieren oder sich habilitieren? Den Haufen an Vorurteilen gegenüber der historisch-kritischen Bibelforschung versucht das Gespräch ein wenig abzutragen: Zerfleddert die historische Forschung nicht den biblischen Jesus? Schliesst sie nicht von vornherein Gott, das Übernatürliche und die Wunder aus? Und warum sollte man historisch-kritisches Arbeiten nicht einfach als "liberale Theologie" abtun? Danach wird es konkret: Was ist das Besondere am Johannesevangelium? Wie unterscheidet sich der Sohn Gottes dieses Evangeliums vom Messias der drei anderen, synoptischen Evangelien? An dieser Stelle ist die Podcast-Folge für alle diejenigen relevant, die glauben, dass Jesus „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, auch wenn er das so wohl nie gesagt hat. Warum historisch-kritisch Bibelforschung auch heute noch wichtig ist, erörtern die drei Podcaster im Schlussteil. Sie schützt vor Missbrauch der Bibel, etwa wenn Soldaten der Krieg mit Hilfe falscher Endzeitdeutungen der Johannesapokalypse plausibel gemacht wird. Kritisches Lesen distanziert und entfremdet die Texte der Bibel von uns, damit wir sie nicht instrumentalisieren, sondern uns immer wieder neu anverwandeln.

  14. 1. März

    7 Gründe, sich über die Bibel zu wundern

    Die Bibel ist ein Buch, das fast alle haben und nur wenige lesen. In dieser Folge laden Andi und Thorsten dazu ein, sich neu über die Bibel zu wundern – über ihre Eigenart, ihre Tiefe und ihre Widerständigkeit. Die Bibel ist kein Buch, sondern eine Bibliothek. Zwischen ihren Deckeln versammeln sich Gedichte und Gesetze, Weisheitsliteratur und Weltgeschichte – geschrieben über Jahrhunderte hinweg von Priestern und Propheten. Sodann erzählen sie von ihrer Lerngeschichte, z.B. dass die erzählte Geschichte und die Geschichte der Erzähler zweierlei sind. Die biblischen Texte berichten von kleinen Anfängen und grossen Niederlagen, oft aus einer viel späteren Perspektive. Geschichte wird erzählt, um Gegenwart zu verstehen. Die Bibel hat keine Verfasser – zumindest nicht im modernen Sinn. Viele Texte sind gewachsen und immer neu überarbeitet worden. Viele biblische Texte sind Traditionsliteratur, nicht Autorenliteratur. Die Bibel ist das Produkt eines langen Ringens um Worte für Gott und die Welt. Wer die Bibel liest, steht in einer langen Geschichte. Nicht alle haben dieselbe Bibel. Jüdische, katholische und evangelische Traditionen unterscheiden sich im Umfang ihrer Schriften. Schon der Kanon ist Ergebnis theologischer Entscheidungen. Aber auch im Aufbau des Kanons unterscheiden sich die Religionsgemeinschaften und Konfessionen Man kann die Bibel nicht nicht auslegen. Jede Lektüre ist schon Interpretation. Wer meint, nur «wörtlich» zu lesen, folgt dennoch bestimmten Voraussetzungen. Die Frage ist nicht, ob wir auslegen – sondern wie bewusst wir es tun. Alles in allem: Wer Gott und dem Glauben treu bleiben möchte, muss sich manchmal auf tiefe Wandlungen einlassen. Die Bibel ist ein zutiefst menschliches Buch, voller Spannungen und Entwicklungen. Gerade so ist sie Spiegel des Göttlichen in dieser Welt.

  15. 15. Feb.

    Ist die Bibel Gottes Wort?

    Für manche ist das keine Frage, sondern die Grundlage ihres Lebens und Glaubens. Für andere ist das ein Gedanke aus ferner Vergangenheit. Wie menschlich, allzu menschlich die Bibel ist, habe die historische Forschung der letzten Jahrhunderte doch eindrücklich gezeigt. Und für wieder andere ist diese Diskussion schon kaum noch verständlich. Haben wir heute nicht ganz andere Fragen? Andi und Thorsten wollen sich in den nächsten Monaten der Bedeutung der Bibel für uns heute ausführlich stellen. In dieser Eröffnungsfolge eines neuen Bibel- Dossiers erzählen sie von ihrer langen Geschichte mit der Heiligen Schrift, ihren Entdeckungen und ihren Zweifel, was sie anspricht und was sie abstösst. Beide stören sich an zwei verbreiteten Haltungen zur Bibel: Für einige ist die Bibel sakrosankt, irrtumslos, absolute Autorität. Und indem sie Bibel in einem autoritären Geist lesen zur Untermauerung eigener Überzeugungen, werden sie ihr überhaupt nicht gerecht. Für andere gilt die Bibel als überholt, langweilig oder gefährlich, religiöser Stoff ohne Wert für die Gegenwart; und sie ahnen nicht, welche Unbildung sich in solcher Unterschätzung dieses Menschheitsbuches verrät. Die Bibel ist viel zu aufregend und inspirierend, um sie ihren lauten Fans und Verächtern zu überlassen. Mehr Bildung zur Bibel – dafür wollen sie sich in dieser Reihe insgesamt einsetzen. Sie kommen auf klassische Diskussionen zu sprechen: Ob es Irrtümer und Widersprüche in der Bibel gibt und warum manche das beharrlich verdrängen, ob auch die Bibel ein Buch voller Dichtung und Wahrheit ist und wie man mit Berichten umgeht, die nicht Wirkliches, aber Wahres zu sagen haben. Und sie stellen sich der Herausforderung vieler Bibelpassagen, in denen Unmoralisches, ja Böses passieren zu scheint und das im Namen Gottes. Wie kann die Bibel Orientierung geben in Fragen der Lebensführung, wenn man immer wieder auf Aussagen trifft, die überholt, fragwürdig oder unbegreiflich erscheinen? Wie geht die heutige Theologie mit solchen Fragen um?

  16. 1. Feb.

    Christiane Tietz: Mit Nietzsche um den Glauben ringen

    Seine Religionskritik war bissig und kam mit wuchtigen Worten. Der christliche Glaube war ihm eine gefährliche Illusion, doch hörte er nie auf, im Dunstkreis des Christentums zu denken und sich an der Gottesfrage abzuarbeiten. Es geht in dieser Folge von Geist.Zeit um das Leben und Denken von Friedrich Nietzsche. Thorsten und Andi treffen dazu Christiane Tietz in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Sie hat in ihrem neusten Buch gezeigt, wie man Nietzsche empathisch zuhören und mit ihm die schwierigen Fragen diskutieren kann, die das Leben dem Glauben zumutet. Zu drei Fragekomplexen liest die ehemalige Theologieprofessorin kurze Passagen aus ihrem Buch vor, dann geht jeweils das vertiefende Gespräch darüber los. Zunächst stehen die frühen und tragischen Leiderfahrungen Nietzsches im Zentrum. Etliche Jahre fand er Trost im Gedanken eines fürsorglichen Gottes, der seinen Menschen Leid zumutet, dessen Sinn sich dermaleinst im ewigen Leben erschliessen wird. Wie Nietzsche das Leiden zunehmend ohne Gott reflektierte und welch schonungslose Antworten ihm bei der Bewältigung des eigenen Leidens halfen, das wird in diesem ersten Themenblock nachgezeichnet. Die nächste Sequenz beschäftigt sich mit Nietzsches schroffer Kritik des christlichen Mitleids. Was ist dran an seinem Vorwurf, die christliche Liebesethik mach unfähig zur Selbstliebe und hemme die Freude am vitalen, gesunden Leben? In einem dritten Block sprechen die drei Podcaster über Nietzsches radikale und auch schwierige Idee von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Wo liegen die Berechtigung aber auch die Grenze dieser umfassenden Bejahung des Lebens? Nietzsches Antithese zur Hoffnung löst hier die Frage aus, was denn falsches und was gutes Hoffen im christlichen Glauben ist. Abschliessend geht es um die Erfahrungen, die man in der aufrichtigen Beschäftigung mit Nietzsche machen kann. Seine Kritik hat klärende und reinigende Wirkung für den Glauben. Man muss nicht gegen, sondern kann mit Nietzsche um den Glauben ringen und zweifeln. Nur so lassen sich andere Antworten finden und ein Glaube, der sich als tragfähig erweist. Lesen lohnt sich! Christiane Tietz: Nietzsche – Leben und Denken im Bann des Christentums. C.H.Beck, München 2025; 249 Seiten.

  17. 18. Jan.

    Carel van Schaik: Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen

    Dem Evolutionsbiologen Carel van Schaik ist es mit seinem Bestseller «Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät (mit Kai Michel)» gelungen, die Natur- und Kulturgeschichte des Menschen höchst anschaulich zu erschliessen und daraus sehr anregende Folgerungen für unser heutiges Menschenbild abzuleiten. In einem Live-Podcast in Münchenstein sprachen Andreas Loos und Thorsten Dietz mit ihm über sein jüngstes und hochaktuelles Buch: «Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen» (zusammen mit Harald Meller und Kai Michel). Weit verbreitet ist der Mythos, das Gewalt und Krieg unlöslich mit der Menschheitsgeschichte verbunden seien. Auf Grundlage breiter Forschung zeigt der Zürcher Professor, dass sich dieses Bild nicht halten lässt. Kriege sind erst in den letzten Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte entstanden. Es ist nicht in uns veranlagt, dass wir Kriege führen müssen. Für den allergrössten Teil der Menschheitsgeschichte, als Menschen als Jäger:innen und Sammler:innen lebten, finden sich keine Spuren massenhafter Gewalt. Was bedeutet das für unser Bild vom Menschen? Im Gespräch führt Carel van Schaik ein in die Unterscheidung dreier Naturen des Menschen. Wir müssen zunächst zwischen der biologischen, der älteren Natur des Menschen, und der kulturellen, der jüngeren Natur des Menschen unterscheiden. Dann wird sichtbar: Gewalt ist eine Folge unserer jüngeren kulturellen Entwicklung. Darum ist diese Entwicklung kein Schicksal. Kraft ihrer dritten, der vernünftigen Natur, können Menschen sich kritisch zu ihrer eigenen Gewalttätigkeit verhalten. Für van Schaik sind die biblischen Texte aus dieser Perspektive überaus interessant. Vor allem in der Jesusbewegung sieht er eine Kritik menschlicher Gewalttätigkeit. In diesem jesuanischen Ethos der Gewaltlosigkeit und Feindesliebe könne man eine Anknüpfung an die besten Anlagen erkennen, die Menschen in ihrer langen Geschichte gezeigt haben: Ein Leben in Kooperation statt Konkurrenz, in Gemeinschaft und nicht in feindlichen Lagern. Wir danken Judith Borter und der Fachstelle Bildung und Diversität der Reformierten Kirche Baselland, dem Forum für Zeitfragen Basel sowie der Reformierten Kirche in Münchenstein für die Einladung und die Ausrichtung dieses Live-Podcasts. Literatur: Van Schaik, Carel/Michel, Kai: Mensch sein. Von der Evolution für die Zukunft lernen. Hamburg: Rowohlt Verlag 2023. Van Schaik, Carel/Michel, Kai: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Hamburg: Rowohlt Verlag 2016

  18. 4. Jan.

    Das Bekenntnis und die Freiheit

    Wie spielen das Bekenntnis und die Freiheit im christlichen Glauben zusammen? Die reformierten Landeskirchen der Schweiz gehören zu den wenigen Kirchen, die weder in ihren Verfassungen noch in ihren Liturgien eine Verpflichtung auf ein Bekenntnis kennen. Was genau bedeutet diese Bekenntnisfreiheit? Ist sie überhaupt noch zeitgemäss? Mit diesen Fragen war Geist.Zeit am 13. September 2025 zu Gast auf dem grossen Kirchenfest der reformierten Kirche Aargau. Thorsten und Andi blenden zurück ins 19. Jahrhundert und erzählen die reformierte Freiheitsgeschichte des Glaubensbekenntnisses nach. Als sich die schweizerische Gesellschaft insgesamt demokratisierte, regte sich der Freiheitsdrang auch in der Kirche. Die staatskirchliche Bekenntnispflicht wurde aufgehoben. Autoritätskritisch befreite sich die Kirche von den Glaubensbekenntnissen, die je länger, je mehr als unzumutbar, zwingend und unterdrückend empfunden worden waren. So wichtig die Befreiung der Gläubigen von aufgezwungenen Bekenntnissen ist, kommt da nicht die Freiheit zu kurz, selbstbestimmt zu überlegen und auszudrücken, was gemeinsame Glaubensüberzeugungen sind? So fragen sich die beiden Podcaster und stellen fest, wie zeitgemäss unterschiedliche Formen des Bekennens in unserer Kultur sind. Wer bekennt, zeigt sich authentisch. Wer bekennt, zeigt sich loyal zu dem, was uns gemeinsam wichtig ist. Bekennen ist mehr als intellektuelle Zustimmung zu Dogmen. Bekennen ist Herzenssache. Ist die Zeit reif, das Bekennen als gegenwärtige Sprachform des Glaubens neu zu entdecken? Welche Initiativen gab es bereits innerhalb der reformierten Kirchen der Schweiz? Wie könnte ein Bekenntnis zum Himmel heute lauten, damit das Motto des Kirchenfestes lebendig und glaubhaft klingt: Wie im Himmel, so im Aargau?

  19. 21.12.2025

    Matthias Zeindler: Was ist reformierte Spiritualität?

    Bunt ist die heutige Landschaft der Spiritualität, in und ausserhalb der Kirche. Gibt es in all den vielfältigen Angeboten der Gegenwart noch so etwas wie eine typisch reformierte Spiritualität? So fragen Andi und Thorsten ihren Gast für diese Folge, Prof. Matthias Zeindler, langjähriger Leiter der Abteilung Theologie der Reformierten Kirche Bern, Jura und Solothurn. Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als wären die Reformatoren in der Schweiz vor allem Meister der Dekonstruktion gewesen: Unzählige Bilder und Skulpturen wurden zerstört. Abgeschafft wurden die Verehrung der Heiligen, Wallfahrten, Marienfrömmigkeit, Fastentage etc. In den reformierten Kirchen wurde die Frömmigkeit karg und nüchtern. Ja, so Matthias Zeindler: die Reformierten setzten auf eine Spiritualität der Andacht und der Konzentration. Die vermeintliche Leere der Kirchen schaffte Platz für das, worum es eigentlich geht: Die Gemeinschaft mit Christus und das Vertrauen auf Gott, für ein Leben in der Liebe Gottes, das sich in tätiger Hingabe im Alltag der Welt bewährt. Aber brauchen Menschen nicht auch praktische Hilfen, um ihren Glauben mit dem Lebens-Alltag bewusst zu verbinden? Dass die Reformierten an dieser Stelle wenig für notwendig erklärten, macht die Offenheit für individuelle und aktuelle Entwicklungen so typisch reformiert, so Zeindler. Weil es für Reformierte keine heiligen Orte, Zeiten und Praktiken gibt, sind sie frei, je nach Herausforderung Übungen und Wege zu finden, die den Glauben stärken: Immer neue Lieder und Musikstile, das Wort der Bibel in vielfältiger Gestalt, von der Losung am Morgen bis zum Gottesdienst mit seinen Gebeten und Predigten.

  20. 07.12.2025

    Luzia Sutter Rehmann: Feministische Spiritualität

    Im Spektrum der Spiritualitäten dürfen die feministischen Farben nicht fehlen. Daher ist Luzia Sutter Rehmann in dieser Folge zu Gast. Die Titularprofessorin lehrt Neues Testament in Basel und macht gleich zu Beginn deutlich, wie grundlegend die Bibel für feministische Spiritualität ist. Sie zeigt, wie die biblischen Geschichten von Frauen uns heute Kraft und Sprache verleihen, genau hinzuschauen, realistisch in die Welt zu blicken, ohne dabei den Mut zu verlieren. Kritisch gegenüber jenen Mächten sein, die ein Interesse daran haben, dass alles so bleibt, wie es ist; Menschen auf ihre ausstehende Befreiung aufmerksam und neugierig machen – das sind die biblischen Grundzüge feministischer Spiritualität. Berührenden Tiefgang entwickelt das Gespräch dort, wo es um die Erfahrung des Sterbens und eine traumasensible Spiritualität geht. Was hilft eine feministische Leseart der Auferstehungsgeschichten, wenn wir heute trauern? Wer kam auf die Idee, mitten in den traumatischen Jahren nach der Zerstörung Jerusalems (70 n.Chr.) ein Markusevangelium zu schreiben? Wie können wir weiterleben, wenn alles zerstört ist? Schliesslich interessiert Thorsten und Andi, wie ihre Gästin aus einer feministischen Interpretation der Johannesoffenbarung eine apokalyptische und hoffnungsstiftende Spiritualität entwickelt. Was sind Drachen und Dämonen? Warum fällt die neue Schöpfung nicht aus heiterem Himmel in unseren Schoss? Und was hat es mit den gebärenden Kräften der Erde auf sich? Eine Geist.Zeit Folge voll feministischer Impulse für eine standhafte und beherzt zupackende Spiritualität.

  21. 23.11.2025

    Noa Zenger: Kontemplative Spiritualität

    Seit Jahren geschieht das früher Unvorstellbare: Zunehmend gewinnen klassische katholische Formen der Spiritualität wie die Exerzitien der Jesuiten Zulauf auch bei Reformierten. Längst ist es auch für Protestanten selbstverständlich, Meditationsübungen zu machen, Kontemplation für sich zu entdecken und nach geistlicher Begleitung zu fragen. Andi und Thorsten reden mit Noa Zenger, reformierte Pfarrerin, geistliche Begleiterin und Anleiterin von Kontemplation. Sie lassen sich von ihr erzählen, wie sie selbst die Faszination klassischer Formen der Spiritualität entdeckt hat. Tatsächlich sind die Ursprünge solcher Übungswege oft sehr viel älter als die reformierte und die römisch-katholische Kirche. Stille und Selbsterfahrung, Begleitung auf geistlichen Wegen der Reifung und die Erfahrung der Gottesliebe sind in der Christentumsgeschichte immer wieder entdeckt worden. Wenn reformierte Gläubige heute danach fragen und zunehmend Angebote in anderen und auch in ihrer eigenen Kirche finden, dann entdecken sie ein reiches Erbe christlicher Frömmigkeit. Passt kontemplative Spiritualität denn zur reformierten Konzentration auf die Bibel? Ja, so Noa Zenger, im Schweigen frei und offen für neues Hören zu werden, das passt ausgezeichnet zur reformierten Betonung der Bibel und der Freiheit des Einzelnen. Das gilt auch für die neue Faszination, die das Fasten für viele hat. Es war eine urreformierte Handlung in Zwinglis Zürich, sich im Froschauer Wurstessen 1522 gegen den religiösen Zwang zum Fasten aufzulehnen. Zugleich ist das freiwillige Fasten schon immer Teil vieler religiöser Wege gewesen, auch im Judentum und Christentum. Fasten ist nicht nur aus gesundheitlichen Gründen eine Option. Auch die geistliche Entdeckung innerer Freiheit kann für viele Menschen eine grosse Bereicherung sein, auch in den reformierten Landeskirchen.

  22. 09.11.2025

    Jahreslosung 2026: «Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu»

    Thorsten und Andi lassen die neue Jahreslosung 2026 sprechen. Wochenlang haben sie an den Worten aus der Johannesoffenbarung gearbeitet und eine Fülle an Impulsen, Ideen und Arbeitshilfen online gestellt. Ihre Begeisterung über die Botschaft von Gottes hoffnungsfroher Kreativität behalten sie nicht für sich. Die beiden Theologen nähern sich der Jahreslosung auf dem Weg eigener Erfahrungen. «Siehe, ich mache alles neu», das sind Kraftworte, die zunächst jenseits theologischer Reflexionen in ausweglosen Momenten tragen können. Von der Gegenwart geht es zurück in die Zeit gegen Ende des ersten Jahrhunderts, als der Seher Johannes die Worte der Jahreslosung kommunizierte. Sein Buch war Untergrundliteratur zum Widerstand gegen das mächtige Römische Reich und prophezeite dessen Untergang. Was will die Johannesapokalypse, was will sie nicht? Was ist die Faszination, die sie kulturgeschichtlich zum einflussreichsten Buch der Bibel machte? Leider wurde sie in der Geschichte des Christentums oft missverstanden als Endzeitfahrplan und missbraucht, um die Zeiger auf der Weltuntergangsuhr zu bestimmen. Andi und Thorsten versuchen, die Jahreslosung als Kriterium zu verstehen für das, was heute Hoffnung sein könnte. Denn das Neue ist genauso wie das Alte ein schillernder Begriff. Wie geht gutes Hoffen auf eine neue Welt jenseits von Erneuerungsfuror und Verklärung des Alten? Hoffnung stiften kann die Jahreslosung, weil Gottes Kreativität durch seine Liebe bestimmt ist. Sie erschafft weder willkürlich noch durch blinde Zerstörung, sondern zielt auf Kooperation mit allen Geschöpfen. Daraus ergeben sich neue Perspektiven auf die Art und Weise, wie Gott die Erde neu macht.

  23. 26.10.2025

    Lea Hümbeli: Ekstatische Spiritualität

    Noch immer gehen manche davon aus, das Christentum befinde sich in einem Niedergang schrumpfender Mitgliedzahlen und sich leerender Kirchen. Weltweit gesehen stimmt das keineswegs. Das Christentum wächst. Vor allem eine Strömung wird immer grösser: Charismatische Bewegungen und Pfingstkirchen sind längst ein globales Massenphänomen, mit je nach Schätzung mit bis zu 600 Millionen Mitgliedern. Auch in Europa gibt es Zulauf, wenn auch in viel geringerem Masse als überall sonst. Die Gründe sind vielfältig. Nicht zuletzt dürfte es an der emotionalen und begeisterten Frömmigkeit liegen. Was ist das Geheimnis dieser Spiritualität der Ekstase? Darüber haben Andi und Thorsten mit der reformierten Theologin Lea Hümbeli gesprochen. Gemeinsam tragen sie Gründe zusammen, warum diese Art zu glauben für manche Menschen so anziehend ist. Charismatische Gottesdienste sind anders. Menschen, vor allem auch viele Jüngere, geniessen sie. Die Spiritualität bleibt nicht im Kopf. Sie durchdringt den ganzen Körper, entfacht tiefe Emotionen und wirkt wie ein Wärmestrom in der Kälte. Es werden aber auch Risiken und Gefährdungen diskutiert. Viele waren erstaunt, als sie sahen, wie stark die Stürmung des Kapitols am 06.01.2021 von solchen charismatischen Gruppen getragen war. In kaum einer religiösen Gruppe haben sich so viele als anfällig für christlichen Nationalismus erwiesen, z.B. auch in Brasilien. Woran kann das liegen? Was hilft gegen solche Versuchungen? Zuletzt führt das Gespräch zur Frage: Was könnten die Landeskirchen lernen? Was ist kulturelle Prägung, was Zeitstimmung, und was könnten geistliche Entdeckungen sein, die zumindest für manche eine Bereicherung wären?

  24. 12.10.2025

    Uwe Habenicht: Grüne Spiritualität – Abtauchen in der Natur

    Zum Spektrum der Spiritualitäten gehört auch die Farbe Grün, finden Andi und Thorsten. Darum haben sie Uwe Habenicht als Gast zum Gespräch geladen. Der St. Galler Pfarrer schreibt nicht nur über Naturspiritualität, er praktiziert sie im «WaldGwunder» mit anderen und macht sie in Weiterbildungskursen erfahrbar. Und dabei geht es wahrlich um mehr, als einfach nur Bäume zu umarmen. «Schöne Erlebnisse in der freien Natur» sind die Hoffnungsquelle Nr. 1 für die Schweizer:innen. Das Podcast-Trio versucht zu verstehen, welche Bedeutung die Natur, die sich immer ambivalent zeigt, für Religion und Spiritualität haben kann. Denn anscheinend haben viel Menschen den Eindruck, dass die Kirchenräume zu eng sind, zu wenig durchlüftet, um in ihnen Erfahrungen der Gegenwart Gottes machen zu können. Was kann die Natur, was andere Räume so nicht können? Wie hilft uns die Begegnung mit der Natur, über uns hinauszukommen, um jenseits der Selbstfixierung neue Gotteserfahrungen zu machen? Uwe Habenicht gibt eine Reihe an konkreten Impulsen und Beispielen, die dabei helfen können, ein inneres und äusseres Hören und Achtsamsein in der Natur zu kultivieren. Denn das ist nötig, um die Verbundenheit mit Gott, der Welt und sich selbst auf andere Weise zurückzugewinnen. Schliesslich nimmt das Gespräch den Vorwurf der Blühwiesen- und Naturromantik auf, der auch von theologischer Seite gegenüber einer grünen Spiritualität geäussert wird. Lebenstaugliche Naturspiritualität, so Uwe Habenicht, muss weder kitschig noch naiv werden. Denn sie hält sich offen für Erfahrungen, in denen uns die Natur die bedrohte, leidvolle und sterbliche Dimension unseres Lebens erfahren lässt. Die Folge könnte Lust machen, grüne Spiritualität auszuprobieren. Am Ende kommen ein paar praktische Vorschläge, die Uwe Habenicht in einem eigenen Blogbeitrag noch ausführlicher entfaltet. Also … ab nach draussen!

  25. 28.09.2025

    Fehlt uns die Mystik?

    Ist uns die Mystik verloren gegangen? So fragen in dieser Folge Andi und Thorsten nicht nur für sich selbst – sondern für die reformierte Kirche. Unter Mystik versteht man heute eine Intensivform des christlichen Glaubens, in der es um die unmittelbare Nähe bzw. Gegenwart Gottes geht. Diese Strömung ist sehr alt. Es gibt sie seit den ersten Jahrhunderten der Christenheit; länger als Kirchengebäude und Gesangbücher, theologische Fakultäten und Lehrbücher, Orgel und Kanzel. Entsprechend vielfältig ist sie. Und doch ist es immer wieder umstritten, was alles zur Mystik zählt und ob sie eine Vertiefung oder Verfälschung des Glaubens darstellt. Ist sie in der Reformierten Kirche heimisch, darf sie es sein? Thorsten und Andreas erinnern an den Schweizer Theologen und Schriftsteller Walter Nigg (1903-1988), der viele Bücher zu Themen wie Mystik und Spiritualität, Mönchtum und Heilige verfasst hat. Vielfach hat er beklagt: Die Kirchen haben diese intensive Form des Glaubens verloren. Im Versuch, der heutigen Zeit nahe zu sein, haben sie die Pflege der intensiven Nähe zu Gott und der Gottesfreundschaft zurückgestellt. Stimmt das? Andi und Thorsten gehen wesentliche Merkmale der Mystik durch und verbinden sie mit geschichtlichen Beispielen und eigenen Erfahrungen. Sie diskutieren auch das Recht der kritischen Anfragen an die Mystik und Fehlentwicklungen in ihrer Tradition. Und zuletzt finden sie: Die Mystik sollte der Kirche nicht einfach fehlen. Diese Spur sollte neu aufgenommen werden, wo sie gänzlich verlorengegangen ist.