Taiwans heutige Kaffeekultur ist nicht einfach eine Kopie der westlichen Kaffeekultur – sie entwickelte sich während der japanischen Kolonialzeit, dann im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung und Modernisierung, dem amerikanischem Einfluss, der Convenience-Store-Kultur und schließlich der taiwanischen Tee- und Handwerkskultur. Uta Rindfleisch berichtet über die Entstehung der heutigen taiwanischen Kaffeekultur. Kaffee gelangte bereits im 19. Jahrhundert nach Taiwan. Wie kürzlich an dieser Stelle berichtet, wurde während der japanischen Kolonialzeit (1895–1945) der Kaffeeanbau systematisch vorangetrieben. Ab 1902 experimentierte die japanische Kolonialverwaltung unter anderem in Yunlin, Chiayi und im Osten Taiwans mit Arabica, Robusta und Liberica. Gleichzeitig entstand eine urbane Kaffeekultur. Kaffeehäuser waren zunächst vor allem ein modernes, kosmopolitisches Phänomen. Ein frühes Café in Taipei wurde bereits 1912 im damaligen Neuen Park (heute 2/28 Friedenspark) eröffnet. Kaffee war dabei weniger ein Alltagsgetränk als ein Zeichen von Modernität und urbanem Lebensstil. Die japanische kissaten-Kultur mit Siphon, Filterkaffee, sorgfältiger Zubereitung und dem Café als ruhigem Aufenthaltsort hinterließ langfristig Spuren in Taiwan. Nach dem Zweiten Weltkrieg brach der Kaffeeanbau erst einmal weitgehend zusammen. 1981 waren in Gukeng in Yunlin beispielsweise nur noch etwa 1,7 Hektar Kaffee vorhanden. Das bedeutet aber nicht, dass die Kaffeekultur verschwunden wäre. Gerade in den Städten gab es schon seit den 1970er und 1980er Jahren Cafés. Kaffee blieb allerdings zunächst eher ein urbanes und gesellschaftliches Getränk, während Tee tief in der Alltagskultur verankert war. Interessant ist, dass Taiwan in dieser Zeit eine eigene Form von Kaffeeindustrie entwickelte. Ein Beispiel ist Mr. Brown Coffee, eine Marke, die die King Car Group ab 1982 aufbaute. Kaffee wurde dadurch zunehmend zu einem industriell produzierten Konsumgut und nicht mehr nur zu einem Cafégetränk. Der entscheidende Wandel kam mit Taiwans Wirtschaftswunder: in den 1980er und 1990er Jahren veränderte sich die Gesellschaft enorm: die Einkommen stiegen, es kam zu einer zunehmenden Urbanisierung, die internationalen Kontakte nahmen zu und mit der Aufhebung des Ausnahmezustands fielen auch Beschränkungen auf Auslandsreisen und Auslandsstudien. Die westliche und japanische Konsumkultur verbreitete sich dank einer wachsenden Mittelschicht. Das Landwirtschaftsministerium beschreibt die 1980er Jahre ausdrücklich als eine Phase, in der mit dem wirtschaftlichen Aufschwung auch der Kaffeekonsum stark zunahm. Kaffee wurde damit von einem eher exklusiven Getränk zu einem Teil des modernen städtischen Lebensstils. Moderne Kaffeeketten in Taiwan 1993 wurde die Dante Kaffeekette (丹堤咖啡) gegründet, die zu den frühen taiwanischen Kaffeeketten gehört. In den 1990er Jahren entstand damit bereits ein Netz von Cafés, das Kaffee zu einem normalen Bestandteil des städtischen Lebens machte. 1998 kam dann Starbucks und eröffnete seine erste Filiale in Taiwan. Das war zwar ein enorm wichtiger Wendepunkt, aber nicht der Anfang der taiwanischen Kaffeekultur. Durch Starbucks wurde Kaffee zum Lifestyle-Erlebnis. Das Café war nicht mehr nur ein Ort, an dem man Kaffee trank, sondern ein „third place“ zwischen Zuhause und Arbeitsplatz. Gleichzeitig wurde es normal, mit einem Kaffeebecher auf der Straße oder im Büro gesehen zu werden. Das veränderte insbesondere die Frequenz des Konsums. 1998 trank ein Taiwanese durchschnittlich nur etwa 32 Tassen Kaffee pro Jahr. Im Jahr 2025 waren das inzwischen 190 Tassen Kaffee pro Kopf und Jahr. Allerdings hat eine andere Erhebung herausgefunden, dass fast 60% der Bevölkerung überhaupt keinen Kaffee trinken, weshalb die Kaffeetrinker durchschnittlich sicher mehr als eine Tasse Kaffee pro Tag trinken. Die erste Filiale einer weiteren taiwansichen Kaffeekette, nämlich 85°C (85度C) wurde am 28. Juli 2004 in Yonghe eröffnet.....