Diese Woche, vom 5. bis 7. Mai 2026, läuft in Karlsruhe die New Work Evolution. Eine große Branchenkonferenz zu modernen Arbeitswelten, Office-Design, KI im Alltag. Parallel passiert in Berlin etwas vergleichsweise Stilles. Der Sovereign Tech Fund der Bundesregierung hat in diesem Jahr über 50 Millionen Euro für Open-Source-Infrastruktur freigegeben. Das Zentrum Digitale Souveränität, kurz ZenDiS, betreibt mit openCode eine Plattform, auf der über 10.800 Menschen an mehr als 5.500 digitalen Projekten der öffentlichen Verwaltung mitarbeiten. Behördenübergreifend, in offenem Code. Ein Kriterienkatalog für digitale Souveränität wird gerade in offener Konsultation erarbeitet. Das klingt nach Verwaltungstechnik. Tatsächlich ist es eine Antwort auf eine grundsätzliche Frage: Wem gehören die Werkzeuge, mit denen Organisationen arbeiten? Und wem dienen sie? Konvivialität. Geprägt 1973 vom Kulturkritiker Ivan Illich in seinem Buch „Tools for Conviviality". Konvivial ist ein Werkzeug, das Menschen dient, statt sie zu beherrschen. Eine Schreibmaschine ist konvivial. Eine Buchhaltungssoftware, die Reihenfolge, Felder und Takt vorgibt, ist es nicht — sie zwingt ihre Anwender in ihre Logik. Illichs radikaler Sprung: Werkzeuge sind nicht nur Geräte. Auch Hierarchien, Regeln, Organisationen sind Werkzeuge im selben Sinn. 2022, im Zuge der Aufarbeitung der Ahrtal-Flutkatastrophe, geriet die damalige Bundesfamilienministerin Anne Spiegel öffentlich unter Druck. Sie hatte kurz nach der Katastrophe einen vierwöchigen Familienurlaub angetreten. Was zunächst nicht öffentlich war: Ihr Mann hatte 2019 einen Schlaganfall erlitten und befand sich in Rehabilitation. Ihre vier Kinder waren durch die Pandemie erheblich belastet. Spiegel trat zurück. Es geht nicht um Spiegel, ihre Politik oder ihre Partei. Es geht um das Werkzeug, das diese Rolle eigentlich zur Verfügung stellen sollte. Die Konvivialitätsfrage hat hier eine Geschlechterdimension. Hohe politische Ämter, hohe Managementpositionen sind historisch von Männern für Männer entworfen, deren Sorgearbeit zu Hause von einer anderen Person erledigt wurde. Das Werkzeug funktioniert reibungslos, solange jemand im Hintergrund die Kinder versorgt, das kranke Familienmitglied pflegt, das Mittagessen kocht. Eine Frau, deren Mann selbst pflegebedürftig ist, sprengt diese Annahme. Nicht weil das Amt gegen Frauen gerichtet wäre, sondern weil seine Bauweise eine Konstellation voraussetzt, die es so nur noch selten gibt. Dasselbe Muster wirkt überall, nur leiser. In Pflege-Dokumentationssoftware, die Pflichtfelder fordert, die niemand jemals liest. In Bürogebäuden, in denen die Gestaltungsfreiheit mit der Topfpflanze auf dem Schreibtisch endet. In Hierarchien, die Telearbeit verbieten, weil sie sich selbst beweisen müssen. Werkzeuge, die ursprünglich Hilfe sein sollten, beginnen ab einer bestimmten Größe Anforderungen zu produzieren. Die andere Seite zeigt sich auf openCode. Wenn in einer Behörde eine Funktion fehlt, verschiebt sich die Antwort weg vom Warten auf das nächste Update eines Anbieters, hin zur gemeinsamen Lösung im offenen Code. Das ist im Detail unspektakulär. Im Prinzip aber verschiebt es den Ton einer Organisation, weil die Beschäftigten nicht mehr nur Anwender eines fertigen Werkzeugs sind, sondern dessen Mitgestalter. Konvivialität ist keine Eigenschaft, die eine Organisation einmal erlangt. Sie ist eine Frage, die ihre Mitglieder regelmäßig stellen müssen. Dient dieses Werkzeug den Menschen, die mit ihm arbeiten? Oder müssen sie sich an das Werkzeug anpassen? Wer aufhört, sie zu stellen, baut eine Organisation, die sich selbst dient. Erwähnte Personen: Ivan Illich, Anne Spiegel Schreib mir: mail@robin-taylor.de Mehr Infos: http://www.robin-taylor.de