rausausdenfedern

rausausdenfedern

Bei uns findest du keine Diätvorschläge und keine Ernährungstipps, dafür aber Gedanken, mit denen du dein Leben auf Trab bringen kannst.

Folgen

  1. 20.06.2022

    Aufbruch? Ja bitte, aber kann ich mein Haus behalten?

    Es ist für viele ein Traum: Ein Haus, ein sicherer Job, Familie mit Kindern. Angekommen sein im Leben und in der Gesellschaft. Doch was, wenn auf einmal ein Ruf ergeht, der stört? Hast du ein Haus? Oder wünschst du dir eins? Dann bist du oder wirst du mit einem erheblichen Problem konfrontiert: In Deutschland sind in den vergangenen 10 Jahren die Immobilienpreise erheblich angestiegen. Eine Inflation, die das alte bürgerliche Versprechen Lügen straft: Wenn du hart und ehrlich arbeitest, dann kannst du dir mit deiner Familie ein eigenes Haus leisten. Heute geht das nur noch, wenn du entweder wirklich gut verdienst, viel geerbt hast oder bereit bist, dich bis zur Halskrause zu verschulden. Bei vielen ist letzteres der Fall. Und dann zahlst du Jahre bis Jahrzehnte an die Bank, der das Haus nach Schuldenstand im Grunde gehört. In manchen Familien geht einer der Partner überhaupt nur arbeiten, um den Schuldendienst leisten zu können. Aber wir bauen ein Haus ja nicht, um uns den Banken auszuliefern; sondern weil wir einen Ort wollen, der uns gehört, an dem wir uns wohl fühlen können, den wir frei und selbstständig gestalten können. Doch eine solche Heimat zu besitzen kann uns durchaus zu Knechten machen. Das lehnte Jesus für sich ab. Jesus radikalisiert sich Welche Konsequenzen das hat, darauf verweist uns der Evangelientext des kommenden Sonntags. „Zu einem anderen (der ihm nachfolgen wollte) sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben! Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich Abschied nehmen von denen, die in meinem Hause sind. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ Jesus wirkt hier nicht verständnisvoll. Er macht harte Ansagen. Da wollen Menschen Jesus nachfolgen und kriegen als Antwort auf ihre völlig berechtigten Bitten eine Watsche. „Dann taugst du nicht für das Reich Gottes“, das ist die Botschaft Jesu in diesem Moment. Dabei wollen sie nur die sozialen Standards ihrer Zeit einhalten. Raus aus der gewohnten Umgebung Wieso aber legt Jesus auf einmal einen so harten Maßstab an? Betrachten wir den Kontext der Evangelienstelle, so fällt uns auf, dass Jesus nach Jerusalem hinaufzieht. Er hat sich entschieden, den für ihn relativ sicheren Raum Galiläa zu verlassen und nach Jerusalem zu gehen, zum Showdown mit der Jerusalemer religiösen Elite, mit den Römern; und damit auch der Kreuzigung entgegen. Jesus macht jetzt richtig ernst. Und damit macht er auch für seine Jünger ernst. So ein bisschen mitlaufen, das reicht jetzt nicht mehr. Denn wer noch in die sozialen Systeme eingebunden und ihnen damit verpflichtet ist, der wird auch durch sie kontrolliert. Jesus weiß: Nachfolge wird nach dem Kreuz für seine Jünger nicht einfacher. Also fängt er an, härtere Maßstäbe anzulegen. Nachfolge meint jetzt den Ausbruch, das Loslassen aus sozialen Bindungen, sich befreien von dem, was einen festhält. Es bedeutet sich einlassen auf Jesus, ihm einen Vertrauensvorschuss geben; denn man weiß noch nicht, was er (mit einem) vorhat. Nachfolge gerne, aber lieber light Hand aufs Herz: Das erscheint uns heute doch ein bisschen viel des Guten. Wer will denn schon für Jesus aus seinen etablierten Sozialsystemen ausbrechen und sich radikal auf Nachfolge einlassen? Zumal: Es erscheint uns ja gar nicht mehr nötig. Wenn wir zu Jesus eine Beziehung haben möchten, dann können wir das in der Sonntagsmesse tun; manche gehen dafür auch nur in den Wald. Es ist ein recht bequemes Christentum, dass die meisten sich leisten. Als Christ, ja, auch einer, der Beziehung zu Jesus ernst nimmt, stellt sich der daher die Frage: Wie kann ich mein Leben, meine Gewohnheiten, meine Bedürfnisse, aber auch meine Verpflichtungen und Zwänge und die Forderungen, die Jesus an mich hat, gut miteinander verbinden? Das ist eine verständliche Frage. Die werden sich die Apostel auch gestellt haben in der ersten Phase des Wirkens Jesu. Und die werden sich diejenigen, die mit Jesus mitpilgern wollten, auch gestellt haben. Und es hat durchaus Zeiten gegeben, wo Jesus diese Frage großzügig beantwortet hat. Aber eben auch Zeiten, in denen er härter war, wo der Kompromiss nicht mehr ging. Du erinnerst dich: Heute, am 20. Juni, ist Pfingsten noch nicht lange her. Und nach Pfingsten ging es bei den Aposteln richtig ab. Da war keine Zeit für „so lala“. Nachfolge Jesu, darauf kann es innerhalb einer Biografie unterschiedliche Antworten geben. Es gibt Zeiten, wo Nachfolge sich intensiviert, und es gibt Zeiten, wo der Alltag und die sozialen Verpflichtungen stärkeren Platz einnehmen. Das macht es so schwer, den faulen Kompromiss zu umgehen. Ein fauler Kompromiss ist es, wenn die drängenden Anforderungen des Alltags mehr Raum einnehmen, als ihnen zukommt. Weil es einfacher ist, auf den Lautsprecher der sozialen Forderungen zu hören als auf das Flüstern Jesu. Welchem Primat folgst du? Ein Beispiel für solche Kompromisse ist der hl. Nikolaus von Flüe. Obwohl er schon als Kind Visionen gehabt haben soll, führte er die ersten Jahrzehnte ein normales Leben. Als wohlhabender Bauer, Ratsherr seines Kantons und Soldat. Erst im Alter von 50 Jahren kam der Umschwung. Sein jüngstes Kind war damals erst 1 Jahr alt. Der älteste Sohn aber schon 20 Jahre; und damit war er in der Lage, das Erbe seines Vaters anzutreten. So zog sich Nikolaus mit dem Einverständnis seiner Frau als Einsiedler in eine Klause in der Nähe seines ehemaligen Hofes zurück. Nikolaus von Flüe ist also nicht einfach von seiner Familie weggelaufen. Er ist dem Ruf Gottes gefolgt, als sich eine Gelegenheit bot und die Zeit reif war. Dennoch erscheint sein Weg wie eine große, heroische Leistung. Das muss nicht wundern. Denn der Kompromiss des Nikolaus ist von einem klaren Primat gekennzeichnet: Er hielt am Ruf Gottes fest und wartete auf die Möglichkeit, ihm zu folgen. Häufig ist es bei uns heute anders herum. Wir folgen dem Primat der Anforderungen, die unsere soziale Stellung mit sich bringt. Und in den Räumen, die uns dann noch gelassen werden, schauen wir, wie wir den Ruf Gottes auch noch unterbringen. Bleiben wir beim Haus am Anfang: Wenn du dir ein Zuhause aus Stein gebaut hast, Schulden drauf laufen, dann ist es schwieriger, eine Arbeitsstelle an einem anderen Ort anzunehmen oder das Risiko einzugehen, deinen Beruf zu wechseln. Viele Chancen gehen damit verloren. Natürlich: Nicht jeder von uns ist zum Eremiten berufen. Oder zum Wandermissionar. Aber sind wir wirklich bereit, uns die Frage nach dem Ruf Jesu so ernsthaft zu stellen, dass wir zu der Erkenntnis kommen könnten: Wir müssen unser Leben ändern, mehr oder weniger radikal. Um dann darauf zu warten, wann es Zeit ist, es zu tun. Geduldig, aber entschlossen; und, wenn das Signal zum Aufbruch an uns ergeht, loszulegen. Text und Ton: Maximilian Röll

    11 Min.
  2. 13.06.2022

    Wer ist Jesus für dich

    „Jesus ist der Christus, der Messias, der Sohn Gottes“, diese Antworten haben wir alle mal gelernt. Aber: Was verbirgt sich dahinter für dich? Umfragen sind keine Erfindung der heutigen Zeit. Scheinbar gab es sie schon zur Zeit Jesu. Er selber startet eines Tages eine kleine Umfrage unter seinen Jüngern: „Für wen halten mich die Leute?“ (Lk 9, 18) Auf diese Frage erhält er ganz verschiedenen Antworten: Die einen halten dich für Johannes den Täufer, andere für Elija und andere wiederum für einen der anderen Propheten (vgl. Lk 9, 19). Sehen heisst nicht verstehen Es scheint also unter den Leuten, denen Jesus begegnet ist, keine Einigkeit in dieser Frage zu geben. Ich frage mich immer wieder, warum das so ist. Diese Leute hatten doch uns gegenüber einen scheinbar sehr großen Vorteil: sie konnten Jesus von Angesicht zu Angesicht begegnen. Er hat unter ihnen gelebt, zog umher und hat gepredigt. Für die Leute damals muss es doch viel einfacher gewesen sein, als für uns, zu verstehen wer Jesus ist. Offensichtlich ist das aber nicht so. Jesus einmal zu begegnen oder etwas über ihn gehört zu haben reicht nicht aus, um zu verstehen, wer dieser Mann ist. Jesus stellt dann noch eine weitere Frage an seine Jünger: „Für wen haltet ihr mich?“. Die Antwort kommt von Petrus: „Für den Christus Gottes“ (Lk 9, 20). Immerhin haben die Jünger ein bisschen mehr verstanden als die übrigen Leute. Einstudierte Antworten Und Du? Was würdest Du auf diese Frage antworten? Wahrscheinlich würden viele, ich auch, sofort antworten: „Er ist der Christus, er ist der Sohn Gottes“. Aber wenn jemand genauer nachfragen würde, müsste ich wahrscheinlich erst einmal gut überlegen. Was heißt das denn genau? Und was bedeutet das für mein Leben? Sage ich das einfach, weil es mir so beigebracht wurde oder bin ich wirklich voll und ganz davon überzeugt? Jesus hat eine Antwort von seinen Jüngern erhalten, die ihn eigentlich zufrieden stellen müsste. Sie haben schließlich vollkommen richtig geantwortet. Jesus macht aber wieder einmal etwas sehr Merkwürdiges: Er befiehlt seinen Jüngern, es niemandem zu sagen (vgl. Lk 9, 21). Wenn wir den griechischen Originaltext des Evangeliums wörtlich übersetzen, heißt es sogar: „Indem er sie anfuhr, gebot er, dies keinem zu sagen“. Hätte er nicht vielmehr sagen sollen: Schön, dass ihr das verstanden habt. Erzählt es bei jeder Gelegenheit weiter! Sagt es den Leuten, damit auch sie endlich verstehen, wer ich bin und was ich tue! Weggemeinschaft, nicht Bewunderung Warum macht Jesus genau das nicht? Ich persönlich glaube, der Grund liegt in der Tatsache, dass es Jesus nicht so sehr darum geht, dass die Jünger über ihn reden. Sie sollen ihm nachfolgen. Und das sagt er auch ein paar Sekunden später, knallhart: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9, 23). Es wird viel über Jesus geredet. Er ist aber nicht auf der Suche nach Bewunderern. Er erwartet keine staunenden Mengen, die sagen, was für ein toller Mann er war. Oder besser gesagt: Jesus möchte, dass die Menschen über das Staunen hinausgehen. Jesus will Leute, die das in ihrem Leben konkret umsetzen, was sie von ihm, was sie vom Evangelium verstanden haben. Es geht also nicht darum, dass wir eine perfekte Definition für Jesus finden. Es geht darum, dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir ihm begegnet sind und mit ihm unterwegs sind. In unserem konkreten Leben, in unserem Alltag sollen wir das umsetzen, was wir von Jesus verstanden haben. Verkündigung der Frohen Botschaft heißt nicht, dass wir Informationen - irgendwelche nackten Fakten - über Jesus verbreiten. Verkündigung bedeutet, dass wir erzählen, wo wir Jesus in unserem Leben begegnet sind und dass wir zeigen, dass uns diese Begegnung verändert hat. Also: Wer ist Jesus für Dich? Wo und wann bist Du Jesus begegnet? Was würdest Du anderen über Jesus erzählen? Text und Ton: P. Patrick Vey OMI

    5 Min.
  3. 06.06.2022

    Von Pipi Langstrumpf zum Gott der Gemeinschaft

    Trinität. Ein Gott in drei Personen. Wer soll das verstehen? Richtig verstehen tut es keiner. Aber es gibt eine wesentliche Botschaft dieser Lehre. Zwei mal drei macht vier. Widdewiddewitt und drei macht neune. Ich mach' mir die Welt. Widdewidde wie sie mir gefällt. Das ist die einfache mathematische Rechnung von Pipi Langstrumpf. Oder besser gesagt, sie schafft sich ihre eigene Realität, in der die Mathematik nicht ganz so wichtig ist. So machen Kinder das. In ihrer Welt sind die Dinge oft einfacher als in der komplizierten Welt der Erwachsenen. Der Glaube an den dreifaltigen Gott Am kommenden Sonntag feiert die Christenheit den Dreifaltigkeitssonntag. Und auch da könnte man meinen, wir rechnen als Christinnen und Christen im Stil von Pipi Langstrumpf. Eins, plus eins, plus ein gleich eins. Wie soll das denn gehen: Ein Gott in drei Personen? Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der Geist ist Gott. Aber sie sind nicht drei, sondern eins. Was soll das? Der Glaube an einen Gott in drei Personen, also an einen dreifaltigen oder dreieinen Gott ist eine tiefe christliche Glaubenswahrheit, die schon für die ersten christlichen Generationen in der heiligen Schrift begründet liegt. Aber was bedeutet es, an einen Gott zu glauben, der gleichzeitig drei ist? Ein Gott, der Gemeinschaft ist Gott, so glauben wir, ist in sich selbst Gemeinschaft. Wir glauben nicht an einen Gott, der sich selbst genügt, der niemanden braucht, der einfach für sich selbst existiert. Der christliche Glaube bekennt einen Gott der Liebe, einen Gott, der in sich selbst Liebe ist, einen Gott, der sich selbst verschenkt. Und das geht nur in Gemeinschaft. Aber damit nicht genug! Gott will uns in diese Gemeinschaft mit hineinnehmen. Indem der Sohn, die zweite Person der Dreifaltigkeit, in Jesus Christus Menschen geworden ist, hat Gott seine göttliche Gemeinschaft für immer für uns, Seine Geschöpfe, geöffnet. Er will uns teilhaben lassen an Seiner Liebe. Deshalb schenkt er uns Seinen Heiligen Geist. Lass dich hineinziehen! Und wenn das jetzt alles für dich ein wenig theologisch klingt, dann macht das nichts. Wichtig ist, dass dieser Gott Gemeinschaft haben möchte mit dir, dass Er dein Herz mit Seiner Liebe füllen möchte. Und Er kann das, weil er selbst in sich liebende Gemeinschaft ist. Und sich dort hineinziehen zu lassen, ist einfach wunderbar! Ja, manchmal ist die Welt der Erwachsenen, unsere Welt, kompliziert. Da tut es gut zu wissen, dass ich an einen Gott der Liebe glauben darf, mit kindlichem Vertrauen, das mich tiefer erkennen lässt, dass eins, plus eins, plus eins tatsächlich eins sein kann. P. André Kulla OMI

    4 Min.
  4. 30.05.2022

    Einfach mal machen lassen

    Jeder Tag ist ein Kampf. Anstrengung, Power, Einsatz. Damit du was wirst. Noch immer ist das eine geläufige Philosophie. Die Kirche stellt mit Pfingsten ein anderes Modell vor. Heute feiert die Kirche das Fest vom „Einfach mal machen lassen“ – oder auch Pfingsten genannt. Pfingsten bedeutet nichts anderes, als den Heiligen Geist einfach machen zu lassen. Dabei geht es nicht um ein stures Abtreten von Aufgaben an andere. Im Evangelium und der Apostelgeschichte liest sich das so: Nach der Auferstehung Jesu scheint im Leben der Apostel und Jünger erstmal nicht viel zu passieren. Ok, da ist eine riesige Freude und wahnsinnige Überraschung, dass der am Kreuz gestorbene Jesus wieder leibhaftig vor ihnen steht, aber trotzdem hört man nach diesem Ereignis nichts Ungewöhnliches von den Jüngern. Die gehen einfach weiter ihren Berufen nach, und ab und zu scheinen sie sich dann auch zu treffen, sich auszutauschen und zu beten. Auch nachdem Jesus ihnen einen ganz klaren Auftrag gegeben hat: „Geht in die ganze Welt und tauft alle“, geschieht – nichts. Die Apostel sind weiterhin in Jerusalem und warten. Und während sie warten passiert es: Mit Brausen und Dröhnen erfüllt der Heilige Geist den Raum, in dem die Apostel sind, und sie fangen an in fremden Sprachen zu reden – das ist ja an sich schon recht ungewöhnlich – aber noch ungewöhnlicher ist der Mut, den die Apostel auf einmal haben. Sie trauen sich, rauszugehen, altes zu verlassen, und neues zu wagen. Die Zeit des Wartens und Alltag-weiterlaufen-lassens ist vorbei. Jetzt beginnt für die Apostel die Zeit, den Heiligen Geist machen zu lassen. Dieser Heilige Geist – das ist immer so ein bisschen schwer vorstellbar, wer das ist. Da kommt vielleicht noch das Bild von der Taube in den Sinn, und das der ja auch irgendwie zu Gott dazugehört. Aber einfacher, als zu erkennen wer er ist, kann man ihn eben an dem erkennen, was er tut. Die Liturgie vom heutigen Pfingstfest hat dazu eines der schönsten Gebete hervorgebracht, die Pfingstsequenz. Sie beschreibt das, was wir vom Heiligen Geist erwarten können, und was er in unserem Leben tut: Komm herab, o Heil’ger Geist, der die finstre Nacht zerreißt, strahle Licht in diese Welt. Komm, der alle Armen liebt, komm, der gute Gaben gibt, komm, der jedes Herz erhellt. Höchster Tröster in der Zeit, Gast, der Herz und Sinn erfreut, köstlich Labsal in der Not, in der Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Tod. Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele Grund. Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein noch gesund. Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält. Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt. Gib dem Volk, das dir vertraut, das auf deine Hilfe baut, deine Gaben zum Geleit. Lass es in der Zeit bestehn, deines Heils Vollendung sehn und der Freuden Ewigkeit. Der Heilige Geist ist der, der einfach macht. Aber er macht nichts allein. Wie er nach Ostern angefangen hat, durch die Apostel zu wirken, ihnen Mut zum Aufbruch gegeben hat, so will er auch in und durch uns einfach machen. Lassen wir ihn! Denn er macht alles gut. Text und Ton: Christian Orth

    4 Min.
  5. 23.05.2022

    Der Spieler auf den es ankommt

    Messias. Retter. Der, der das Reich Gottes bringt. Die Hoffnung, die die Jünger in Jesus gesetz haben, war riesig. Und sein Tod am Kreuz eine Katastrophe. Aber Jesus kam zurück - mit einer wichtigen Botschaft: IHR werdet meine Zeugen sein. Fußballfans und Sportbegeisterte kennen es: Selbst wenn es schlecht aussieht, das Spiel schon verloren scheint und fast zu Ende ist – ist eben noch nicht alles vorbei. Wie oft schon, ist der entscheidende Treffer gerade in der Nachspielzeit gefallen? Der Ausgleich in letzter Sekunde, der die Mannschaft vor dem Abstieg rettet. Der Siegtreffer quasi zeitgleich mit dem Abpfiff und die Meisterschale ist sicher. Und so manches Endspiel entscheidet sich ja auch erst im Elfmeterschießen, längst nach der Nachspielzeit. Immer wieder wird dabei die Hoffnung auf einen einzelnen Spieler gesetzt. Jetzt wird nochmal jemand eingewechselt, von dem man sich erhofft, dass er das Spiel noch dreht, jetzt liegt der Blick ganz besonders auf dem Star der Mannschaft, von dem man weiß, dass er die entscheidenden Tore besonders gut kann. Jesus, der Hoffnungsträger Für die Jüngerinnen und Jünger Jesu war es kein Spiel, sondern eine sehr ernsthafte Sache. Jesus haben sie als Messias erkannt und ihre ganze Hoffnung auf ihn gesetzt. Endlich! Der, der Rettung bringt, Befreiung, das Reich Gottes. Und sicher hatten sie ganz unterschiedliche Vorstellungen, was das bedeutet und wie das konkret aussieht. Sein Tod am Kreuz – die Katastrophe schlechthin. Nicht nur, dass sie einen guten Freund und Vertrauten verloren haben – die Hoffnung auf den Messias muss in diesem Augenblick ebenso zerbrochen sein. Da scheint es ganz klar, dass nach der Auferstehung die Hoffnung wieder aufflammt. Es ist doch noch nicht alles verloren. Noch ist alles möglich, jetzt muss Jesus doch handeln – und so bricht die Frage aus ihnen heraus: „Stellst du JETZT das Reich Gottes her?“ Die falsche Perspektive: Es liegt in UNS Die Antwort Jesu wird in der Apostelgeschichte berichtet. Aber er sagt weder Ja noch Nein. Ein wenig ausweichend antwortet er und doch sehr klar und direkt: IHR, sagt er zu denen, die ihm zuhören, IHR werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und meine Zeugen sein. Was beim Fußball Binsenweisheiten sind, nämlich, dass das Spiel 90 Minuten dauert und manchmal auch 120 oder bis ins Elfmeterschießen und dass es darum immer noch zu gewinnen ist. Und dass kein Spieler allein das Spiel gewinnt, sondern es immer auf die Mannschaft ankommt -  das gilt im Glauben an den Messias bis heute. Es ist immer und überall möglich, dass was im Leben und in der Welt geschieht, nochmal neu in die Hand zu nehmen. Auch wenn es aussieht, als wäre kaum noch etwas machbar: die Hoffnung, dass das Leben siegt, die können wir immer haben. Wir alle können den Unterschied machen Aber wer dann die Hände in den Schoß legt und sagt: Jetzt muss Jesus ran, er ist schließlich der Messias, der uns rettet – der vergisst, dass er schon seinen Jüngern klar gemacht hat, dass das Leben und diese Welt in unserer Hand liegen. Er wirkt und hilft und stärkt – das macht er ebenfalls klar – durch seinen Heiligen Geist, der in uns lebt. Aber entscheidend ist das, was wir tun, mit seiner Hilfe und Unterstützung und in seinem Sinn. Denk daran: du hast die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und du wirst Gottes Zeuge sein! Heute ist der Tag, um damit zu beginnen. Autor und Sprecher: P. Jens Watteroth OMI

    5 Min.
  6. 16.05.2022

    Sehnsucht nach Frieden

    „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“. Diesen Satz hören wir am Sonntag wieder im Evangelium und in Zeiten des Ukraine-Kriegs bekommt er wohl eine stärkere Bedeutung denn je. Frieden – erstmal beginnt er in uns selbst. F - R - I - E - D - E – N. Aktuell ist dieser Begriff wohl leichter zu buchstabieren als auszusprechen. Auch wenn die Welt vermutlich bisher nur einmal, nämlich am Beginn ihrer Schöpfungsgeschichte, in genau diesem Zustand war, haben die Menschen seit jeher in sich eine Sehnsucht danach – bis heute. Und ganz besonders in diesen Tagen des Ukraine-Kriegs, in denen viele bisherige Gewissheiten einfach umgestoßen werden und in denen ein Krieg in Europa nicht mehr nur theoretisch möglich erscheint. F - R - I - E - D - E - N. Die Rede ist von Frieden. Spätestens am Sonntag werden wir wieder über diesen Begriff stolpern, wenn Jesus im Evangelium seinen Jüngern und somit auch uns folgendes verspricht: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Man könnte fast schon behaupten, der Begriff ist ein Dauerbrenner, dass er irgendwie schon als abgenutzt bezeichnet werden kann. Vielleicht schwingt hier auch ein bisschen Resignation mit: richtigen Frieden wird es doch sowie nie geben, solange die Menschen so sind wie sie sind. Der Blick auf sich selbst Rufen wir uns aber zunächst noch einmal das vor Augen, was zwar keine bahnbrechende Erkenntnis, aber irgendwie klar ist: Frieden fängt bei jedem Einzelnen selbst an. Wie sagt man umgangssprachlich so schön: Erst einmal vor der eigenen Haustür kehren. Wenn wir einmal ehrlich zu uns sind, wissen wir, dass wir meistens doch lieber erstmal den Zeigefinger gegen andere erheben. Ertappt? Jesus hat hier einen anderen Ansatz. Er ist mit sich selbst ganz im Reinen, wenn er sagt: Frieden hinterlasse ich euch, MEINEN Frieden gebe ich euch. Es kommt ihm nicht darauf an, wie sein Gegenüber reagiert oder was es zur Situation beigetragen hat – Jesus hat von seiner Seite aus alles getan, damit Frieden eintreten kann, er hat seinen Frieden mit sich gefunden und kann diesen dann der Welt weiterschenken. Ist das dann nicht eigentlich der schönste Satz, den ein Mensch sagen kann, wenn es um das letzte Treffen auf Erden geht? Ich kann beruhigt gehen, da ich mit mir und euch in Frieden bin. Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Was brauche ich für MEINEN Frieden? Um Frieden für uns selbst zu finden und um anschließend auch anderen Frieden schenken zu können, müssen wir also zwingend bei uns selbst anfangen, uns selbst beleuchten und vielleicht auch einmal kritisch hinterfragen. Ein wertvoller und zielführender Ansatz hierbei kann die Frage sein: Was genau brauche ich für meinen inneren Frieden? Eher klassische Ansätze, die in vielen Ratgebern und Anleitungen zu finden sind, können u. a. sein: in der Stille, der Meditation, im Gebet, in der Musik, im Sport. Ein neuer und – wie ich finde – nicht uninteressanter Ansatz ist für mich aus einem Zitat entstanden, das ich vor kurzem gelesen habe und das mir ziemlich gut in Erinnerung geblieben ist: Schau zweimal hin, wenn dich etwas ärgert - vielleicht findest du einen deiner Träume wieder. Wenn wir uns über irgendetwas ärgern oder uns von irgendjemandem angegriffen fühlen, wenn wir also gerade das größte Potenzial haben, um für Unfrieden zu sorgen, dann sollten wir uns genau diese Frage stellen: Ärgert mich hier vielleicht etwas, wovon ich selbst schon immer geträumt habe oder was ich mir selbst für mich wünschen würde – etwas, was ich aber nicht habe oder was ich nicht erreichen kann? Mitunter können wir mit genau dieser Frage die Ursache oder den Keim für einen Konflikt aufspüren und so bereits bei uns selbst anfangen, unabhängig von unserem Gegenüber an einer Lösung zu arbeiten und letztlich mit uns ins Reine kommen. Natürlich sollte in dem erwähnten Zitat der Begriff Traum nicht allzu hoch gehängt werden: Gemeint ist damit wohl eher ein eigenes Bedürfnis oder ein eigener Wunsch. Frieden beginnt in uns selbst Ein Beispiel: Mich ärgert, dass mein Partner / meine Partnerin oft so spät von der Arbeit kommt. Das Problem ist hier nicht, wann wer wie spät nach Hause kommt, sondern dass mein eigener Traum bzw. mein eigenes Bedürfnis nicht erfüllt wird – etwa mit allen gemeinsam am Tisch zu essen oder mich selber auch auf der Arbeit verwirklichen zu können. Anstatt direkt in einen Streit einzusteigen, frage ich mich: Was könnte ich unabhängig von meinem Partner / meiner Partnerin und den Arbeitszeiten tun, damit das funktioniert? Ich MUSS bei mir anfangen, um Frieden näher zu kommen. Nur so kann ich Frieden ausstrahlen und hinterlassen, wenn ich gehe, aus der Besprechung, aus dem Büro, von Freunden, von zu Hause… Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Wäre das nicht ein wunderschönes Abschiedsritual? Autorin und Sprecherin: Carolin Hoffmann

    6 Min.
  7. 09.05.2022

    Frühlingsgefühle

    Die Sonne scheint, die Pflanzen blühen - und meistens steigt dann auch unsere Stimmung. Das Licht und die Wärme tun so gut! Den Frühling finden wir auch in der Bibel - in den Texten der Offenbarung. Endlich ist er wieder da – der Frühling. Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich durch die Wolken ihren Weg, wecken die Natur aus dem Winterschlaf und erfreuen unsere Herzen. Manchmal erinnere ich mich an Goethes Osterspaziergang, wenn ich derzeit einen kleinen Streifzug durch das frische Grün unternehme. „Im Tale grünet Hoffnungsglück“, heißt es in einem seiner bekanntesten Gedichte. Eine Wohung in unserem Herzen Auch in der Bibel finden wir mutmachende Zitate. In der Offenbarung lesen wir, dass Gott in unserer Mitte wohnen und bei uns sein wird. Er habe gar seine Wohnung unter uns. Doch er lebt nicht als neuer Nachbar in unserem Mehrfamilienhaus. Nein, er möchte direkt in Dein Herz einziehen. Gewährst Du ihm dort eigentlich ein Zuhause, oder ist es von einer Stahlkette und zig Schlössern versperrt? Wir teilen unseren Lebensraum, unsere Gedanken und Gefühle am liebsten mit Menschen, die uns vertraut sind. Mit Menschen, die wir achten und lieben, und die einen besonderen Platz in unserem Herzen einnehmen. Wo findet Gott einen Platz in Deiner Wohnung? Vielleicht sitzt er in der kommenden Woche öfter bei Dir oder Eurer Familie am Küchentisch, wenn ihr von Eurem Tag erzählt, ein Tischgebet sprecht oder einem lieben Menschen einfach nur zuhört. Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, würde es in einem Lied heißen. Trost in unserer Trauer Die Offenbarung geht jedoch noch weiter: „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ Was für eine hoffnungsschwangere Aussage! Gott trocknet unsere Tränen, führt uns aus jedem Joch und nimmt sogar dem Tod den schwarzen Mantel ab. Vor wenigen Tagen durften wir von der Auferstehung erfahren, den Glauben daran stärken und mit diesem Schwung nach dem Osterfest unseren Alltag bestreiten. Doch plötzlich nehmen uns auch wieder diese dunklen Momente ein. Ein geliebter Mensch stirbt oder leidet an einer schweren Krankheit, nicht weit von uns herrschen Krieg und Armut, der Alltag wächst über den Kopf, eine schwere Prüfung naht, Beziehungen brechen auseinander oder böse Worte können nicht zurückgenommen werden. Genau dann ist Gott unter uns. Er möchte unsere Tränen trocknen; uns ermutigen Vergangenes hinter uns zu lassen, und gestärkt von seiner Liebe etwas Neues zu wagen, zu vergeben oder den ersten Schritt zu tun, zu hoffen und uns wieder zu freuen. Ja, ich wage zu sagen, die Worte aus der Offenbarung lassen mit Gott den Frühling in unsere Seelen einziehen. Autorin und Sprecherin: Elisabeth Schaab

    3 Min.
  8. 02.05.2022

    Optimierungswahnsinn

    Die richtige Ernährung, ein gesunder Geist, Work-Life-Balance - wer im Netz surft oder Zeitschriften liest, bekommt schnell vermittelt: DU selbst bist dafür verantwortlich, wie erfolgreich du bist. Alles muss optimiert sein. Außer... Wer erfolgreich sein möchte, muss etwas dafür investieren. Tipps dazu findet man ohne Probleme im Internet, kann man in Podcasts hören und in Zeitschriften lesen oder in Youtube-Videos erfahren. Erfolg hat damit zu tun, sich selbst zu optimieren. Schon, wie man in den Tag startet, hat Auswirkungen darauf, wie erfolgreich er wird. Meditation, Sport, das richtige Frühstück – für alles gibt es hilfreiche Tipps. Arbeit und Aufgaben müssen vor allem richtig strukturiert und geplant sein. Ein guter Umgang mit dir selbst ist natürlich auch wichtig. Und die Work-Life-Balance soll ebenso stimmen. Puh. Ich muss ehrlich sagen – schon nach einem kurzen Blick auf ein paar wenige Websites mit entsprechenden Ratgebern, habe ich den Eindruck: Das ist eine ziemlich große Herausforderung. So viel zu beachten und zu tun – mich setzt das schon beim Lesen unter Druck. Ob das wirklich zu schaffen ist? Sehnsucht im Optimierungswahn Wenn ich darüber nachdenke, dann merke ich, dass ich mich eigentlich nach etwas ganz anderem sehne. Ich brauche niemanden, der mir zeigt, wie ich mich optimieren kann. Ich wünsche mir jemanden, der mich an die Hand nimmt und mit mir geht. Mich aufbaut, wenn es mir schlecht geht. Mich motiviert, wenn ich lustlos bin. Mich auffängt, wenn alles schief läuft. Jemanden, der mich versteht, weil er sich für mich interessiert und mich kennt. Ein kleiner Abschnitt aus dem Evangelium spricht mich an. Jesus spricht über sich selbst als guten Hirten. Darüber, dass wir Menschen seine Stimme kennen und ihm vertrauen und dass er uns kennt und bei uns ist. Die vertraute Stimme – jemand, den ich nicht sehen muss, von dem ich nur ein Wort hören muss, um zu wissen, dass er da ist. Vertraute Stimme, die uns führt Und er sagt: Ich gebe ihnen ewiges Leben und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Wie genial ist das denn? Keine Spur von Selbstoptimierung, Tagesstart und Aufgabenplanung – weil er schon alles optimiert hat! Darauf möchte ich heute vertrauen: dass es denjenigen, der mich versteht, weil er mich kennt, schon gibt. Denjenigen, der für mich da ist in allen Situationen. Und dass nicht ich alles leisten und erreichen muss, weil er das schon für mich getan hat. Das kann verändern, wie ich mit mir selbst umgehe, das spüre ich. Das kann verändern, wie ich morgens in den Spiegel schaue, egal wie die Umstände sind. Und das wird verändern, wie ich anderen gegenübertrete, wie ich rede und handle und was ich sie spüren lasse. Das klingt nach einem guten Plan für ein erfülltes Leben. Autor und Sprecher: Pater Jens Watteroth

    4 Min.
  9. 18.04.2022

    Leidest du unter deinen Wunden?

    Sie gehören zum Leben dazu: Wunden, Schrammen, Verletzungen. Des Körpers. Aber auch der Seele. Jesus zeigt im kommenden Sonntagsevangelium einen Weg zur Heilung auf. Kannst du Wunden sehen? Kennst du dieses Gefühl, wenn dir beim Anblick einer tiefen und vielleicht eitrigen Verletzung flau im Magen wird und sich in deinem Kopf alles zu Drehen anfängt? Normalerweise sehen wir Verletzungen lieber nur von ferne, verdeckt unter einem dicken Verband zum Beispiel. Da macht es auch wenig Unterschied ob es eigene oder fremde sind, körperliche oder seelische. Besser nicht hinsehen. Zeige deine Wunden Wunden erinnern uns daran, dass wir nicht allmächtig sind, nicht alles können, nicht über allem stehen, sondern eben verletzlich sind. Wir sind nicht nur Macher, Könner und Schöpfer, sondern zuallererst Geschöpfe aus Fleisch und Blut, mit all unseren Grenzen. Wunden lassen mich sehen, wie sehr ich auf andere angewiesen bin, Hilfe brauche. „Ach, das kann ich doch alleine, dich brauche ich dafür nicht“ sagt uns der Stolz. Aber das Bein ist gebrochen, die Wunde ist frisch, ich kann die Kartoffeln beim besten Willen nicht alleine aus dem Keller holen. Und wenn ich es doch versuche, platzt die Wunde, gerade erst auf dem Weg der Heilung, wieder auf. Damit Wunden heilen können, brauchen sie Zeit – viel Zeit. Ich muss sie annehmen, den Schmerz zu- und Luft dranlassen, vielleicht müssen sie behandelt werden. Wenn nicht, wird die Narbe immer größer. Narben sind gefühllos, hart. „Noch mal verletzen sie mich nicht“, sagen sie „Ich muss mich schützen, will keinen Schmerz fühlen“ Gesunde Haut ist offen für Berührungen, schmerzhafte wie auch zärtliche. Bilden sich Narben, wird dies gestört, es geht uns ein Urvertrauen verloren. Vielleicht ist das auch Thomas passiert. Wer weiß, wie viele Verletzungen er in seinem Leben erleiden musste, dass nun nicht vertrauen kann, als er von der Auferstehung Jesu hört. Vertrauen ist gefährlich. Sehen und Anfassen ist viel sicherer als Glauben. Besser als noch eine Enttäuschung, noch eine Wunde zu erleben, ist, erst gar nicht zu glauben, zu hoffen, zu lieben. Heilung erlangen Und ich? Wie lange bin ich denn schon mit Jesus unterwegs, weiß um seine unverbrüchliche Liebe zu mir? Wie ist es um mein Vertrauen, Glauben, Hoffen, Lieben bestellt? Auch bei mir sind Wunden da, all die Verletzungen die ich erleben musste, Beziehungen die in die Brüche gegangen sind, in der Familie, durch Freunde, am Arbeitsplatz, vielleicht sogar durch Menschen die mir sehr nahe waren,... Einige sind halb verheilt, andere offen und manchmal blutend und wieder andere hinter einer dicken Schicht aus Negation verborgen, weil ich es nicht aushalten würde, sie direkt anzuschauen. Jesus weiß um die Wunden: die von Thomas und die von mir. Und er öffnet uns einen Weg zur Heilung: Er lässt uns seine eigene Verletzlichkeit sehen, lädt ein, seine Wunden zu berühren. Sagt damit „Schau, auch ich bin verwundbar, bin wahrer Mensch. Hab keine Angst, es ist nicht schlimm, wenn du nicht immer stark bist.“ Der Blick auf Jesu Wunden kann mir den Mut und das Vertrauen geben, ihm auch meine Wunden zu öffnen und sie von seinen Händen berühren und heilen zu lassen; mich in meinen Verletzungen und meiner Schwachheit anzunehmen und mich einfach lieben zu lassen, ohne etwas leisten zu müssen. So kann die Erfahrung meiner Verletzlichkeit zu etwas sehr Schönem werden: Sie lässt mich seine bedingungslose Liebe erfahren, die mich eben nicht nur als perfekte, unverwundbare Wonderwomen liebt, sondern genau als die, die ich bin. Sie zeigt mir, dass ich zutiefst abhängig, der Erlösung bedürftig und ganz auf Gott angewiesen bin. Jesus lädt mich dadurch immer wieder neu ein zu vertrauen; ihm, nicht meinen Kräften. Meine Wunden werden davon vielleicht nicht verschwinden, aber ich kann sie nun auf dieselbe Art tragen wie er: als verklärte Male, die von nun an nicht mehr nur auf Schmerz verweisen; sondern für mich und für andere zu Zeichen der Liebe Gottes geworden sind; zu Zeichen der Erlösung. Theresa Rautenberg

    5 Min.

Bewertungen und Rezensionen

5
von 5
3 Bewertungen

Info

Bei uns findest du keine Diätvorschläge und keine Ernährungstipps, dafür aber Gedanken, mit denen du dein Leben auf Trab bringen kannst.