ST. PAULI POP

Erik von St. Pauli POP

Was ist der St. Pauli POP Podcast?: “Ein launiges Tribünengespräch über den FCSP, die Mannschaft, das Viertel, Musik und Anekdoten rund um St. Pauli.” With love from Hamburg, St. Pauli. erikpop.substack.com

  1. VOR 11 STD. · BONUS

    FC St. Pauli - Stehplatz-Adel und andere Armleuchter

    Moin Moin, St. Pauli - hier kommt ein Rant-Reply ;) Jeder von uns hat mindestens eine “Bezugsgruppe” im Stadion, von der er weiß, wo er sie im Zweifel findet. Das geht mir auch so. Insgesamt sind es drei, wobei ich mich mit den Jungs vom Podcast derzeit meist in der zugigen Ecke zwischen Nord und Gegengeraden treffe. Auch da ist es bei attraktiven Spielen voll. Und auch da gibt es diese unangenehme Art St. Paulianer, über die “Philex 99” jüngst ein Video gemacht hat. Dieser Blog/Podcast ist ein Reply - inkl. einer persönlichen Anekdote. Das Problem heißt A*******h-Attitude Ich gehe seit über 30 Jahren zum FC St. Pauli und kann euch berichten, auch Dir Phil, das Problem mit den “Fans” mit eingebauter Vorfahrt gibts nicht nur auf der Gegengeraden (obwohl mal interessant wäre zu erfahren, ob die SUV-Verbreitung und die “Hier stehen wir schon immer”-Attitude korreliert?). Meine kleine Geschichte spielt auf der Nord. Deswegen würde ich sagen: das Problem haben wir überall dort, wo alte weiße Männer auf Stehrängen sich einfinden. Wohl der einzige Grund, warum es ähnliches nicht von der Haupt zu berichten gibt ;) Bundesligasaison 2010/2011 - Nordkurve Nach dem vorletzten Aufstieg im Frühjahr 2010 wurde es auf der alten Nord in meiner Wahrnehmung noch enger, als dieses Mal auf der neuen. Ich hatte damals gerade keine Dauerkarte und stellte mich, wie viele St. Paulianer:innen mitten in der Nacht bei jedem Wetter vor das Ticketcenter, um Karten zu ergattern. Meist Nord - die Gegengerade war damals schon eine Art closed shop. Mit der Twitter Crowd traf ich mich dann, wie eigentlich immer seit 30 Jahren, mindestens 90 Minuten vor Anpfiff in der Ecke zur Gegengeraden. Meist war um diese Zeit noch viel Platz - eng wurde es erst später. Zum ersten Heimspiel des Jahres 2011 gegen den SC Freiburg, das später wegen des stadionweiten Jolly Rouge in die Vereinsgeschichte eingehen sollte, wurde es besonders voll. Neben mir stand ein Mitte 40 Jahre alter Mann in Kutte, der gerade einem anderen erklärte, dass er hier nicht stehen könne. Da kämen noch zehn! Wie sich herausstellte, hatte der so angeschnauzte sein Ticket für 100 EUR auf einem illegalen Zweitmarkt erworben, war das erste Mal am Millerntor; weswegen er sich anschickte, kleinlaut der rüden Anweisung zu folgen. Nix da, intervenierte ich; wer zuerst kommt, steht zuerst. Besetzen gibt es am Millerntor nicht. (Zusammenkuscheln schon, aber das ist eine anderes Mindset). “Wir stehen schon seit der Regionalliga hier” “Wir stehen schon seit der Regionalliga hier”, erklärte sich der Mann nun mir gegenüber. Als ob das ein Recht begründet, andere von den Stehtarversen zu mobben. “So?”, antwortete ich ruhig, “da hab ich dich gar nicht gesehen”. Vielleicht lag es daran, dass ich (für diejenigen, die mich nicht kennen) damals noch so aussah, als wäre es keine gute Idee, meine Überzeugungen herauszufordern. (Heute wäre ich gespannt, was passierte, würde man das “Awareness Team” des FCSP beauftragen, das Problem zum Ausgang zu begleiten?). Inzwischen trafen einige seiner Freunde ein, es wurde geschubst und gemeckert, aber am Ende gab die Truppe nach und verzog sich unter Abgesang schmutziger Lieder nach unten. (Dort pöbelten sie dann die Kinder am Zaun an, dass sie nix sehen könnten - aber das ist eine andere Geschichte, unterstreicht aber vielleicht, wie asozial diese Typen sind). Es gibt kein Recht auf denselben Stehplatz. Ende der Diskussion! Es wäre schön, wenn auch der Verein dies mal klarstellen würde: es gibt kein Recht auf eine private Ecke im Stadion. Und dabei ist es unerheblich, wie lange man dort schon steht oder wieviele echte oder imaginierte Verdienste man um diesen Verein hat. Punkt! (Die organisierten Supportblöcke auf der GG, Nord und Süd würde ich hier ausnehmen - aber da sind sowieso alle 2h vorm Anpfiff da in der Regel) Wer mit seiner Gruppe an einem bestimmten Platz stehen möchte, der kommt 90 Minuten vor Anpfiff, wie wir alle. Besetzen ist wirklich wie Handtücher abends auf Liegen verteilen; es ist so erbärmlich wie unstpaulianisch. Mir sind bisher nur alte weiße Männer mit Agenturhintergrund negativ aufgefallen, was einem gewissen Muster folgt. “Das ruckelt sich schon zurecht” Auch ich war mal neu am Millerntor. Auch ich habe Platz gemacht, wenn jemand verbal oder anders mit zeigte, dass er hier stehen will/darf/muss. Aber ich habe auch - und überwiegend - andere Erfahrungen gemacht. “Das ruckelt sich schon zurecht”, sagte mir einer mal auf der alten Gegengeraden, “nach dem ersten Tor steht hier sowieso keiner mehr an dem Platz, an dem er vorher stand”. Zusammenrücken statt Besetzen, darauf können wir uns doch bitte einigen, oder muss ich erst laut werden? Get full access to Erik von St. Pauli POP at erikpop.substack.com/subscribe

    16 Min.
  2. VOR 6 TAGEN

    St. Pauli Vibes auf Mallorca

    Es gibt Tage, da musst du einfach raus. Wenn der Hamburger Nieselschnee sich wie eine kalte, nasse Decke über dein Bewusstsein legt und die Trümmer der letzten Niederlage (dieses verdammte Leverkusen-Spiel!) noch in deinen Knochen stecken, hilft nur die Flucht. Ein Ticket, ein Flieger, und plötzlich stehst du nicht mehr an der Feldstraße, sondern im grellen Licht der mallorquinischen Sonne. 15 Grad. Ein Hauch von Frühling, der sich anfühlt wie der erste Schluck eines eiskalten Cerveza nach einem langen Winter, mit gefrierendem Astra. Vor dem Stadion gibt's eine kleine Bar mit starkem Café und lokalem Bier für nach dem Spiel. Willkommen im Estadio Municipal Ses Forques. Willkommen in Porreres. Ich bin hierhergekommen, um den Kopf frei zu kriegen, doch der Fußball verfolgt mich wie ein süchtiger Geist. Ich stehe am Sonntag um 12 Uhr mittags am Rand dieses beschaulichen Platzes, der seit über hundert Jahren – die Unió Esportiva Porreres wurde 1923 gegründet, als man hier wahrscheinlich noch mit Lederbällen gegen die bleierne Franco-Zeit ankickte – das emotionale Zentrum dieses Dorfes ist. Die Farben? Rot und Weiß. Die Stimmung? Pur. Es riecht nach gewässertem Kunstgras, scharf gebranntem Kaffee und der verzweifelten Hoffnung, die nur die vierte Liga (Segunda Federación) bieten kann. Blick auf die Tribüne. Auf dem Papier ist es Porreres erste gegen die Reserve des FC Girona. In der Realität ist es ein Kampf gegen das Schicksal eines Absteigers. St. Pauli-Vibes unter Palmen Man sagt, man kann den Verein wechseln, aber nicht die Neurose. Und da sitze ich nun, tausende Kilometer vom Millerntor entfernt, und was sehe ich? St. Pauli-Vibes. Oder Altona 93-Vibes, für die Feinschmecker unter euch. Das Spielniveau hat diesen herrlichen, kantigen Regionalliga-Charme. Es ist ehrlich, es ist schmerzhaft, und es ist verdammt schön es anzusehen und dabei in die Sonne zu blinzeln. Porreres rennt. Sie beißen. Aber zur Halbzeit steht es 0:2. Javi Sarasa hat sie schon in der 6. Minute eiskalt erwischt, und kurz vor dem Pausenpfiff legte Carles Garrido nach. Ein Schlag in die Magengrube, den jeder Fan von Braun-Weiß im Schlaf mitsingen kann. Die Sonne brennt auf die Flutlichter – diese „Love-Lights“, wie mein Gehirn sie im Rausch der Euphorie umtauft –, und ich denke: Wie schön doch Flutlichtmasten sind. Ich werde nostalgisch. Zweite Halbzeit: die Hoffnung lebt auch hier … Dann passiert es. Die zweite Halbzeit beginnt, und dieses Team in Rot fängt an zu glauben. Es ist dieser Teamgeist, den wir am Millerntor so oft beschwören und so selten in Punkte ummünzen können. In der 64. Minute gibt es Elfmeter. De Tomás tritt an. Der Ball zappelt im Netz. 1:2. Plötzlich ist da Lärm im Ses Forques, kein Murmeln mehr, sondern ein Brüllen. Es ist die pure, unfiltrierte Lust am Widerstand. Ich sehe Parallelen, die mich noch nostalgischer machen. Diese jungen Talente, dieser strategiefreie Wahnsinn, das letzte Aufgebot, das sich weigert, einfach umzukippen. Es ist Fußball in seiner reinsten Form: Ein Dorf gegen die Übermacht vom Festland, ein Gefühl von Wir gegen die Statistiken des modernen Fußballs. Der Kater und die Erkenntnis Noch eine Ecke … und das wars. Am Ende reicht es nicht. Girona schaukelt das Ding über die Zeit. 1:2. Die Gesichter der Einheimischen sind gezeichnet von jener Mischung aus Stolz und Erschöpfung, die man nur kennt, wenn man alles gegeben hat und trotzdem mit leeren Händen dasteht. Es gibt sogar noch n Tumult mit Spielertraube zum Abpfiff. Porreres kennt die Tragik auch, so viel ist sicher. Was bleibt? Ein Sonnenbrand auf der Nase, ein leerer Becher und die Erkenntnis, dass Fußball überall gleich wehtut und gleich gut. Ob im Nieselregen von Hamburg oder unter den Pinien Mallorcas. Die UE Porreres mag auf Platz 17 der Tabelle hängen, genau wie unsere Jungs im Keller der Bundesliga darben, aber solange da noch dieser Funke ist, dieser „Mir-doch-egal-und-Spaß-dabei“-Vibe, ist nichts verloren. Nächste Woche bin ich wieder am Millerntor. Der Hamburger Regen wird mich empfangen wie ein alter, mürrischer Freund. Aber in meinem Kopf brennt noch das Licht von Ses Forques. Porreres, du schönes patiniertes Stück Fußball geschichte – ich komme wieder. Aber nur, wenn ihr weiter so kämpft, ob ihr dabei gewinnt, ist mir Sopa. Get full access to Erik von St. Pauli POP at erikpop.substack.com/subscribe

    30 Min.
  3. 7. FEB.

    Klassenkampf mit dem letzten Aufgebot

    Angst und Schrecken (und verdammt viel Spaß) verbreitet der FCSP im Hamburger Nullgrad-Nieselregen: Wie das letzte Aufgebot des FC St. Pauli den VfB Stuttgart zerlegte Von unserem Korrespondenten im digitalen Exil Es war ein Tag für Grabenkämpfe. Draußen herrschten ein Grad, Nieselregen und jene spezifische Art von Hamburger Klammigkeit, die normalerweise Depressionen züchtet. Aber drinnen, im Kessel, oder besser gesagt: in den Köpfen derer, die noch übrig waren, passierte etwas Seltsames. Etwas, das man am Millerntor schon fast für einen Mythos hielt, begraben unter monatelangem Abstiegskampf-Gejammer. Es roch plötzlich nach Lust. Lust am Kampf, Lust an der Kraft. Ich war nicht dort. Ich konnte heute nicht. Vielleicht darf ich auch nie wieder hin, denn wenn ich nicht da bin, spielen sie plötzlich wie von der Tarantel gestochen. Ich saß vor dem Schirm, trötete auf Social Media und sah zu, wie sich das „letzte Aufgebot“ gegen den Champions-League-Adel aus Stuttgart erhob. Das Lazarett tanzt Pogo Man muss sich die Szenerie mal vorstellen: Da kommt der VfB, bereit, sich an den Trögen der Champions League gütlich zu tun, und trifft auf einen Kader, der eher einer Krankenstation gleicht. Ein Lazarett, das die Hälfte des Gesamtwerts umfasst. Dapo ist weg, Rocky Jones kaputt, und kurz vor Anpfiff fällt auch noch Fujita aus, der einzige, der seit Monaten konstant liefert. Jeder vernünftige Mensch, jeder Buchhalter des Fußballs hätte auf ein massakerartiges 0:3 getippt. Aber stattdessen? Statt den Bus vor dem Tor zu parken und um Gnade zu winseln, entscheiden sich diese Wahnsinnigen für „Free your mind and the rest will follow“. Wieder da: Jackson Irvine. Der Mann spielt mit Schmerzen, als wäre Schmerz nur eine Illusion, reißt fast zwölf Kilometer ab und grätscht an der Seitenlinie in meine Erinnerung an Carsten Rothenbach. Und dann war da wieder Manolis Saliakas. Es gab Gerüchte, der Mann sei schon halb in Griechenland, aber an diesem Nachmittag hatte er einfach die Schnauze voll. Er fand diese Attitude wieder: „Ich bretter das Ding mal kurz unter die Latte“. Ein Tunnel-Zuspiel von Sinani, mit dem Überblick eines Feinsinnigen, und Saliakas wuchtet das Leder oben rechts rein. 1:0. Das Millerntor brüllte nach mehr, noch mehr Klassenkampf. Basketball im Strafraum und die Wiederentdeckung der Offensive Der VfB Stuttgart wusste nicht, wie ihm geschah. Sie dachten, sie spielen gegen einen Abstiegskandidaten, aber sie spielten gegen ein Gefühl. Ein Gefühl von: „Mir doch egal.“ Und dann wurde es grotesk. Ein Stuttgarter entschied sich mitten im Strafraum für eine kurze Basketball-Einlage. Dummdi-dummdi-dumm mit der Hand. Sinani, der Mann mit dem Radar-Auge, trat an. 2:0. Ein Satz, so trocken wie ein Bond-Martini. Es war nicht nur Glück. Es war pure Statistik für die Seele: 15 Torschüsse, neun davon direkt auf den Kasten, 6,2 Kilometer mehr gelaufen als der Gegner. Sie haben nicht verwaltet, sie haben gejagt. Vorchecking, hohes Pressen – Dinge, die man eigentlich nur aus Erzählungen kannte. Die Erlösung des Alexander Blessin Und an der Seitenlinie? Alexander Blessin. Der Mann, den ich – ich gestehe es – oft genug zum Teufel gewünscht habe. Aber an diesem nasskalten Abend sah man etwas Neues. Nach dem Abpfiff eine Umarmungstraube zwischen ihm, Nemeth und dem weißhaarigen Bornemann. Der Druck fiel ab wie nasser Putz von der Wand. Heute hatte er aufgehört, nur die Null halten zu wollen. Heute ließ er sie spielen. Natürlich wurde es am Ende nochmal eng. Das obligatorische Gegentor in der 90. Minute, weil der FC St. Pauli ohne Herzrasen nicht funktionieren kann. Aber Lars Ritzka verteidigte nach vorne, kratzte den Ball fast von der Linie – ein ungültiges Traumtor nimmt auch Minuten von der Uhr; wen kümmert das schon? – körpereigener Rausch ist der schönste. Das Fazit: Wir ziehen sie alle mit runter Als der Schlusspfiff ertönte, war es keine Freude, es war Erlösung. Wir stehen zwar immer noch auf Platz 17, aber wir sind nur noch einen Punkt hinter Bremen. Und das ist die perverse Schönheit dieses Spieltags: Mit diesem Sieg ziehen wir Wolfsburg und Bremen wieder ganz tief mit rein in den Sumpf. Das war kein taktisches Meisterwerk am Reißbrett. Das war ein Sieg des Willens, der „Lust am vorne Verteidigen“. Ein Sieg für die, die schon abgeschrieben waren. Ich werde wohl doch wieder ins Stadion gehen, schiet doch auf Aberglauben. Wenn sie so weiterspielen – mit dieser „Mir doch egal und Spaß dabei“-Attitüde – dann tröte ich gerne weiter aus der Ferne. Prost. Auf den Klassenkampf. Auf zu weiterem Spaß mit Leverkusen. Get full access to Erik von St. Pauli POP at erikpop.substack.com/subscribe

    14 Min.
4,6
von 5
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