#3 - Die Flöte der Hawakani Geschrieben und gesprochen von Heinrich Dickerhoff Ich will euch eine seltsame Geschichte erzählen, aber zuerst will ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Jakob Philipp von Hardenberg, ich stamme aus einem so alten wie weitverzweigten, aber leider nicht sonderlich begütertem norddeutschen Adelsgeschlecht. Für nachgeborene Söhne, die nicht den Familiensitz erben, gibt es nur drei standesgemäße Beschäftigungen: das Militär, die preußische Verwaltung oder die kirchliche Laufbahn. Anders gesagt: Stumpfer Kadavergehorsam, Schreibstuben-Langeweile oder scheinheilige Frömmelei. Weil ich nichts davon wollte, versuchte ich mich mit wechselndem Erfolg als Dichter und Schriftsteller. Und nun, am Ende meines langen Lebens angekommen, will ich ein letztes Werk schreiben, es soll heißen: Das Grauen am Ende der Welt. Und weil hoffe, dort weitere Inspirationen zu bekommen, habe ich mich noch einmal aufgemacht zu den Hawakani-Inseln, die wirklich am Ende der Welt liegen und über die ich viel Unheimliches gelesen hatte. So schiffte ich mich ein, von Amsterdam nach Philadelphia, von Philadelphia nach Nouvelle Orleans, von dort nach Vera Cruz in Mexico, dann über Land nach Guadalajara, wo ich ein Schiff nach San Francisco fand. Dort angekommen war meine Reisekasse fast leer, so suchte ich eine günstige Unterkunft und fand in der Nähe des Hafens die „Madre de Corazon“, die Mutter der Herzen. Vor dem Haus steht eine schäbige Marienstatue mit tränendem Herzen, aber nichts passt weniger zu der Spelunke als diese Figur. In der Madre de Corazon trifft sich der Bodensatz von San Francisco, Mexikaner und Amerikaner, Engländer, Franzosen, Spanier, Seeleute ohne Heuer, desertierte Soldaten, schmierige Händler, kleine Gauner, Glücksritter, Spieler, und natürlich höchst zweifelhafte Damen. Doch das Essen und der Wein sind akzeptabel, ich bekam eine recht saubere Kammer, das alles zu einem günstigen Preis. Und so zwielichtig die Mutter der Herzen auch war, ich war dort kaum in Gefahr. Meine Kleidung und mein Gepäck ließen ganz zu Recht nicht auf Reichtum schließen, mein Alter schützte mich vor Pöbeleien und Prügeleien, und meine Pistolen, die ich durchaus zu gebrauchen weiß, trugen auch dazu bei, mir Respekt zu verschaffen. Während ich auf eine Passage zu den Hawakani-Inseln warten musste, saß ich Abend für Abend an einem kleinen Tisch in der Ecke der Kneipe und betrachtete das Treiben. Und ab und zu lud ich eine abenteuerliche Gestalt oder eine verlorene Seele ein, sich zu mir zu setzen, mir ihre Geschichte zu erzählen und mit mir meinen Weinkrug zu leeren. Fast vier Wochen war das so, bis ich endlich eine Mitfahrtgelegenheit fand. An meinem letzten Abend in der Madre de Corazon spielten am Nebentisch vier Männer Karten. Einer gewann ständig, doch dann wurde er als Falschspieler entlarvt. Die betrogenen Mitspieler stürzten sich auf ihn, verprügelten ihn, nahmen ihm sein Geld ab und warfen ihn auf die Straße. Dann machten sich zwei der Mitspieler davon, der dritte aber, ein blasser magerer Junge, kaum zwanzig Jahre alt, fragte, ob es sich zu mir setzen dürfte, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Er war noch ganz aufgeregt und erzählte mir ungefragt von seinem Leben. In England geboren war er nicht ganz freiwillig Schiffsjunge geworden, dann aber bei einem Aufenthalt auf den Hawakani-Inseln davongelaufen. Zwei Jahre hatte er sich dort aufgehalten. Ich bat ihn, mir mehr von diesem Ort zu erzählen. „Ach“, sagte er, „da ist nichts Besonderes. Fromme Spinner wie überall in Amerika. Korrupte Herren, wie überall, wo England herrscht. Unheimliche und Verrückte, wie überall, wo die Wildnis nah an die Menschen heranrückt. Nur eins ist dort ungewöhnlich, das ist die Flöte der Hawakini.“ Weiter kannst du diese Folge auf unserer Homepage lesen.