Tapas und Merlot

Julius Krämer, Jakob Uhlig

Ist das noch Underground oder schon Feuilleton? In „Tapas und Merlot“ diskutieren die Musikjournalisten Jakob und Julius ohne erhobenen Szene-Finger über alternative Musik. Fernab von Band-Gossip sezieren die beiden Folge für Folge ein Album bis auf seine Grundbestandteile, geraten regelmäßig in endlose Monologe über unhörbare Akkordwechsel und setzen die Platten stets in großformale Kontexte zeitgenössischer Popkultur. Entgegen jedem Nerd-Gehabe ist "Tapas und Merlot" das Herzensprojekt zweier Musik-Enthusiasten und für die besprochenen Platten die verkopfte Würdigung, die gerade noch fehlt.

Folgen

  1. Zeal & Ardors "Stranger Fruit": Das Erbe afroamerikanischer Musik

    03.08.2020

    Zeal & Ardors "Stranger Fruit": Das Erbe afroamerikanischer Musik

    Der jüngste Aufschwung der "Black Lives Matter"-Bewegung sorgte in zahlreichen Teilen unserer Geschichte für eine neue Reflektion scheinbar zementierter Gepflogenheiten. Statuen mit rassistischem Hintergrund wurden versenkt, Whitewashing wird endlich wieder thematisiert und auch die Musik muss sich nicht erst seit dem Tod von George Floyd fragen, ob sie schwarze Musiker*Innen und deren Erbe ausreichend würdigt. Zeal & Ardors "Stranger Fruit" drängt sich für ein Gespräch in diesem Kontext aus vielfältiger Hinsicht auf. So entstand nicht nur das gesamte Projekt im Grunde als Reaktion auf eine rassistische Provokation, es vereint darüber hinaus eindrücklich Elemente aus Gospel, Blues und Black Metal - also Einflüsse aus ganz unterschiedlichen musikalischen Zeiten, die sich aber alle unmittelbar oder mittelbar auf die im Zuge der Versklavung von Schwarzen entstandenen Worksongs zurückführen lassen. Nicht zuletzt referenziert sogar der Titel von "Stranger Fruit" einen Jazz-Klassiker von Billie Holiday, der schon gegen Ende der 1930er Jahre ein erschütterndes Zeugnis der rassistischen Verfolgung Schwarzer darstellte. Wir fragen uns deshalb: Wie lassen sich die satanischen Soundwelten von Zeal & Ardor im Auge der "Black Lives Matter"-Bewegung deuten? Wieso ist schwarze Musikkultur so wichtig für quasi alle Arten von Popmusik, mit denen wir heute tagtäglich beschallt werden? Und wie erfahrbar kann Musik ganz generell die vielen Gräueltaten machen, die die Menschheitsgeschichte im Lauf der Jahrhunderte hervorgebracht hat? Eine Spurensuche, bei der wir alle noch lernen.

    1 Std. 16 Min.
  2. Enter Shikaris „Nothing Is True & Everything Is Possible“: Der Tod des Genres?

    14.06.2020

    Enter Shikaris „Nothing Is True & Everything Is Possible“: Der Tod des Genres?

    Die Geschichte der Popmusik weist für den mittlerweile fast zur kämpferischen Phrase mutierten Ausruf des Genre-Tods etliche Beispiele auf. Auch Enter-Shikari-Sänger Rou Reynolds hat die Konventionen musikalischer Gattungen schon mehr als einmal für veraltet erklärt. Das neue Album seiner Band scheint diese Haltung zu verkörpern wie kaum eine andere Platte der jüngeren Vergangenheit. Auf „Nothing Is True & Everything Is Possible“ stehen Rave-Rock, Jazz-Walzer oder sogar reine Orchesterwerke nicht im Widerspruch zueinander, sondern geben sich wie selbstverständlich die Hand, ohne dabei ein eigenständiges und markantes Klangbild zugunsten von verrückten Kombinationsspielchen aufzugeben. Julius und Jakob bringt das zu einer intensiven Diskussion über oft verpönte Versuche, Musik kategorisch zu beschreiben. Manifestieren sich in Enter Shikaris Werk nicht gerade durch die spektakuläre Gegenüberstellung scheinbar konträrer Welten die Klischees einzelner Genres umso stärker? Sind es die Künstler*Innen oder das Publikum, die für verallgemeinernde Konstrukte im Diskurs sorgen? Ist Genre-Denken beim Komponieren hinderlich oder entstehen durch das bewusste Verstehen des Repertoires gerade erst die spektakulärsten Neuschöpfungen, wie es das Beispiel Zeal & Ardor zeigt? Und wie sehr spielen eigentlich jahrhundertealte Konventionen aus der klassischen Musik bei Enter Shikari und in der Popmusik im Allgemeinen heute noch eine Rolle? Ein 90-minütiger Talk in Schubladen, aber ohne Scheuklappen.

    1 Std. 26 Min.
  3. Touché Amorés "Stage Four": Das Dogma des Geschichtenerzählens

    30.03.2020

    Touché Amorés "Stage Four": Das Dogma des Geschichtenerzählens

    Mit dem 2016er Emocore-Meisterwerk "Stage Four" veröffentlichten Touché Amoré unbestreitbar eines der eindringlichsten Alben über Trauer und Verlust aller Zeiten. Ihre vierte Platte landete in ihrem Erscheinungsjahr auf zahlreichen Jahres-Top-Listen weit oben, wurde vom VISIONS Magazin kürzlich sogar zu einem der besten Alben des Jahrzehnts gekürt und gilt als absolute Sternstunde melodischen Hardcores. Interessant, dass in der Rezeption trotzdem wenig über Musik, sondern vielmehr über die Mutter von Jeremy Bolm geredet wird, deren Krebstod auf dem Album eindringlich behandelt wird. Julius und Jakob bringt das zu einer kontroversen Diskussionen über eine der wichtigsten Grundfragen der Kunst: Geht ein Werk in seiner Bedeutung über die Intention des Künstlers hinaus? Sind klare Aussagen über künstlerische Ideen überhaupt möglich? Und ist es wichtig, für das Verständnis eines Albums die Perspektive seines Urhebers einzunehmen oder verdirbt dieser Blickwinkel gar den Wert der Kunst? Im Gespräch erörtern die beiden dabei vielschichtige Sichtweisen auf diese Problemstellungen und streifen nicht nur die radikalen Thesen des französischen Literaturkritikers Roland Barthes', der Mitte der 60er sogar für den "Tod des Autors" plädiert hatte, sondern lassen den Blick von David Bowie bis hin zu Queen auch über andere große Geschichten der Pop-Historie schweifen. Am Ende steht eine intensive und differenzierte Debatte über ein gleichsam kompliziertes wie emotionales Thema und die Suche nach den Ursprüngen menschlichen Verlangens nach trauriger Musik, die in der Erhabenheit von "Stage Four" aber schlussendlich ihren gemeinsamen Nenner findet - aus ganz unterschiedlichen Gründen.

    1 Std. 29 Min.
5
von 5
8 Bewertungen

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Ist das noch Underground oder schon Feuilleton? In „Tapas und Merlot“ diskutieren die Musikjournalisten Jakob und Julius ohne erhobenen Szene-Finger über alternative Musik. Fernab von Band-Gossip sezieren die beiden Folge für Folge ein Album bis auf seine Grundbestandteile, geraten regelmäßig in endlose Monologe über unhörbare Akkordwechsel und setzen die Platten stets in großformale Kontexte zeitgenössischer Popkultur. Entgegen jedem Nerd-Gehabe ist "Tapas und Merlot" das Herzensprojekt zweier Musik-Enthusiasten und für die besprochenen Platten die verkopfte Würdigung, die gerade noch fehlt.