Den harmlosen Putin habe es nie gegeben. Die Journalistin und Russlandexpertin über strategische Fehleinschätzungen, Männerfreundschaften und Merkels Schweigen. Als Russlands Machthaber Wladimir Putin im Jahr 2001 eine Rede vor dem Bundestag hielt, präsentierte er sich als bescheidener Reformer, auf der Suche nach Demokratie. Als jemand, der Russland für Geschäfte mit dem Westen öffnen wollte und dafür in Deutschland warb. Bis heute gilt dieser Auftritt Putins manchen als Indiz dafür, dass es den anderen – harmlosen – Putin doch gegeben habe. Der Westen, so die Erzählung, habe Putin durch die Erweiterung der Nato an Russlands Grenzen in die Ecke gedrängt. Eine Argumentation, die „immer wieder verblüfft, verwirrt und in Teilen verzweifeln lässt“, sagt die Russlandexpertin und Journalistin Katja Gloger im Gespräch mit Carolin Emcke. Putin sei als ehemaliger Offizier des russischen Geheimdienstes KGB schon immer jedes Mittel Recht gewesen, die eigenen Machtinteressen durchzusetzen. „Diesen anderen Putin, so wie wir ihn sehen wollten, den gab es nicht“, sagt Gloger in der neuen Folge des Podcasts von Carolin Emcke. Der Fehler deutscher Russlandpolitik lag also nicht darin, Putin nicht die Hand zu reichen. Sondern sie ihm überhaupt anzubieten. „Diesen anderen Putin, so wie wir ihn sehen wollten, den gab es nicht.“ Katja Gloger, geboren 1960 in Koblenz, beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit Russland. Sie studierte einige Zeit lang in Moskau, arbeitete später für den Stern unter anderem als Moskau-Korrespondentin. 2010 erhielt Gloger den Henri-Nannen-Preis (den heutigen Stern-Preis). Heute arbeitet sie aus Hamburg als freie Journalistin und schreibt über Russland und Sicherheitspolitik. In ihrem zuletzt erschienenen Buch „Das Versagen“ arbeitete Gloger gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Investigativjournalisten Georg Mascolo, die deutsche Russlandpolitik auf. Hinweis: Am 25. März diskutiert Carolin Emcke mit dem SZ-Redakteur Ronen Steinke in Berlin darüber, wie die Demokratie besser geschützt werden kann. Dabei können Sie live dabei sein. Alles Infos zur Veranstaltung und zum Kartenverkauf finden Sie auf SZ.de Im Podcast spricht Katja Gloger über die strategischen Fehleinschätzungen und Illusionen, die jahrelang die deutsche Russlandpolitik geprägt haben. So haben etwa Politiker wie Gerhard Schröder und Angela Merkel gehofft, dass enge wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland zu einer Demokratisierung des Landes führe. Doch diese Annahme habe sich, genau wie der Glauben daran, dass Wladimir Putin als rationaler Nutzenmaximierer agiert und deswegen keinen Angriffskrieg führen wird, als falsch herausgestellt. Eine frühere Unterstützung der Ukrainer – zum Beispiel als Russland 2014 die Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektierte – hätte laut Gloger die Verhältnisse zugunsten der Ukrainer verändern können und müssen. Doch „jetzt stehen wir da und alles um uns herum zerbricht“. Was Katja Gloger als Lehre aus der Geschichte fordert, hören Sie mit SZ Plus im Podcast, hier auf sz.de, in der SZ-Nachrichtenapp und auf Spotify. Katja Gloger empfiehlt ein Buch all jenen, die sich mit Russland und der Geschichte des Landes beschäftigen oder dies tun möchten. In Swetlana Alexijewitschs „Secondhand-Zeit“ komme ein Chor von Stimmen zu Wort, „in all ihrer Verzweiflung, ihrer Hoffnung und ihrem Alltag, den die Menschen dann am Ende so meisterhaft und mit diesem alltäglichen Mut bestehen“. Das sei ebenso rührend wie lehrreich. „Schlicht wunderbare Literatur.“ Moderation, Redaktion: Carolin Emcke Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Justin Patchett Produktion: Imanuel Pedersen Bildrechte Cover: Hans-Jürgen Burkard/Bearbeitung SZ Hinweis: Katja Glogers Mitautor Georg Mascolo leitete von 2014 bis 2022 den Rechercheverbund des NDR, des WDR und der „Süddeutschen Zeitung“. Sie erreichen die Redaktion dieses Podcasts unter podcast@sz.de – wir freuen uns über Anregungen, Lob oder Kritik.