261003PC 36 Jahre deutsche Einheit Mensch Mahler am 03.10.2026 Zum Tag der deutschen Einheit ein Kommentar von André Bochow von der Stuttgarter Zeitung: Was soll man nach 36 Jahren sagen? Ja, die Immobilien gehören den Westdeutschen und die Ossis wohnen bei ihnen zur Miete. Und noch ein Klischee: Die Ostdeutschen wählen AfD und sind so von ihrer Diktaturerfahrung geprägt, dass sie es an ihre Kinder weitergegeben haben, die nun Nazis oder Kommunisten werden. Nur so nebenbei, liebe Wessis, schaut mal auf die Umfragen: In Sachen AfD macht ihr erstmals den Brüdern und Schwestern aus der ehemaligen Zone etwas nach. Weniger demokratischer Hochmut wäre ganz angebracht. Außerdem gibt es Einigkeit, wohin man schaut. Etwa in der Ablehnung des aktuellen Kanzlers, bei der Verehrung für Helene Fischer und die DFB-Männer-Elf wird unisono gefeiert oder verflucht. Jenseits der Tatsache, dass den Ostdeutschen die westdeutschen Regeln übergestülpt, die Betriebe und Chefposten ihnen auf Nimmerwiedersehen weggenommen wurden und sie immer verdächtig bleiben, genetisch totalitär disponiert zu sein, benehmen sie sich letztlich auch nicht sehr anders als ihre Zeitgenossen auf der anderen Elbseite. Dabei kann man sich getrost die Frage stellen, ob diese deutsche Einheit, die immerzu beschworen wird, nicht vielleicht eine Schimäre oder gar ein Popanz ist. Interessiert haben sich dafür sowieso nur die aus der verblichenen DDR. Für die Westgermanen änderte sich ja nichts. Außer, dass sie viele Scharlatane und Mittelmäßige abschieben konnten, um den Osten zu belehren oder anzuschmieren. Und natürlich floss Geld in den Osten. Die Gewinne wiederum flossen westwärts. So oder so, es geht immer nur darum, ob sich endlich Ostdeutsche und Westdeutsche liebhaben und warum das, oh Gott, oh Gott, immer noch nicht so ist. Als ob sich Nord- und Süditaliener leiden könnten. Pariser und Marseiller blicken auf die Schtis herab, Flamen und Wallonen sind im Dauerstreit und so weiter. Aber weil wir gerade bei unterschiedlichen Nationalitäten sind. Mehr als ein Viertel der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund und 14 Millionen sind richtige Ausländer. Es gibt, ohne Berlin, noch 10 bis 12 Millionen Ostdeutsche, dafür aber sieben Millionen Muslime. Vielleicht sind viele Ossis deswegen so permanent frustriert. Sie sind eine Minderheit und von den Minderheiten noch nicht einmal die größte. Unabhängig davon wäre es höchste Zeit, die deutsche Einheit neu zu definieren. Wir sollten nicht mehr messen, wie traurig die Ossis am 3. Oktober sind, sondern wie weit wir mit der Integration sind. Als Gradmesser der Einheit könnte die gesunkene Zahl der Nikabs oder Freitagsaufrufe in Moscheen zur Verbrüderung mit israelischen und anderen Juden dienen. Die Tatsache, dass Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien im Durchschnitt schlechtere Startchancen als ihre Altersgenossen haben, hat der neueste Einheitsbericht der Ostbeauftragten deutlich gemacht. Wie einig sind sich aber die Oben und die Unten? Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.