Ausgeglaubt: ein RefLab-Podcast

Manuel Schmid & Stephan Jütte

Was heisst das eigentlich, Christ zu sein? Woran glauben Christen und was können sie getrost aufgeben? Logisch, dass sich Manuel Schmid & Stephan Jütte dabei nicht immer einig sind. Aber sie versuchen in diesem Podcast zusammen herauszufinden, was für sie wirklich zählt und was ihnen eher im Weg steht. Und klar: Beide wissen es auch nicht wirklich. Aber vielleicht regt es dich an zum Mitdenken. Oder es regt dich auf und du magst mit ihnen streiten. Oder du schreibst ihnen einfach mal, was du nicht mehr glauben kannst oder musst oder willst.

  1. 4d ago

    Muss ich sogar meinen Schlaf optimieren?

    Schlaf ist eine der wenigen Erfahrungen, in denen wir die Kontrolle über uns selbst abgeben müssen – und darauf vertrauen, dass die Welt auch ohne unser Zutun weitergeht. Was verrät diese alltägliche Form der Hingabe darüber, wie wir uns selbst verstehen, worauf wir unser Leben gründen und was es heissen könnte, aus Gnade statt aus eigener Leistung zu leben? Bevor wir aber schlafen gehen, müssen wir noch kurz über Heterofatalismus reden. Unsere letzte Folge hat einige Reaktionen ausgelöst – und unsere Kollegin Stefanie Fischer-Lüthi hat die Debatte auf dem RefLab-Blog unter dem Titel «Frauen schulden Männern kein Vertrauen» weitergeführt. Ihre These: Frauen müssen nicht lernen, Männern wieder mehr zu vertrauen. Männer müssen dazu beitragen, eine Welt zu schaffen, in der dieses Vertrauen wieder vernünftig ist. In den Kommentaren entspannt sich darüber eine kontroverse Diskussion: Reicht es als Mann, selbst kein Täter zu sein? Oder entsteht aus struktureller Verantwortung eine Art kollektive Schuldzuweisung? Und wie lässt sich über die Verantwortung von Männern sprechen, ohne individuelle Schuld und gesellschaftliche Strukturen miteinander zu verwechseln? Von dort kommen wir zu unserem heutigen Thema – und interessanterweise geht es wieder um Vertrauen. Diesmal allerdings um das Vertrauen darauf, dass die Welt auch dann weiterläuft, wenn wir einmal gar nichts tun. Denn selbst unser Schlaf wird inzwischen vermessen. Smartwatches und Ringe sagen uns morgens, wie gut wir geschlafen haben. Neue Technologien sollen Schlaf künftig nicht nur beobachten, sondern durch akustische oder neuronale Stimulation aktiv verbessern. Ein aktueller bioethischer Beitrag in Nature warnt bereits davor, dass guter Schlaf damit irgendwann von einer privaten Angelegenheit zu einer überprüfbaren Verpflichtung werden könnte – zur «auditable obligation». Aber was passiert, wenn selbst die Zeit, in der wir nichts leisten, noch Leistung bringen muss? Wir fragen uns, wann Selbstsorge zur Selbstoptimierung wird. Ob unsere Smartwatch wirklich besser weiss als wir selbst, ob wir ausgeschlafen sind. Ob aus «Du kannst deinen Schlaf verbessern» irgendwann «Du solltest» und schliesslich «Du musst» wird. Und ob es Bereiche unseres Lebens geben muss, die sich der Vermessung und Optimierung entziehen. Dabei wird Schlaf überraschend philosophisch und theologisch: Einschlafen gehört zu den Dingen, die wir gerade nicht erzwingen können. Wir können die Bedingungen dafür schaffen – aber irgendwann müssen wir die Kontrolle abgeben. Ähnlich wie bei Liebe, Vertrauen, Glück oder vielleicht sogar Glauben. So landen wir beim Sabbat, bei Gnade und bei der alten reformatorischen Frage nach der Rechtfertigung: Muss ich meinen Wert eigentlich ständig produzieren? Muss ich sogar richtig schlafen? Oder könnte Schlaf die alltäglichste Übung darin sein, einmal nichts aus sich machen zu müssen?

  2. Aug 19

    «FOBO» – oder: Muss ich nützlich sein?

    Was passiert, wenn künstliche Intelligenz Dinge besser kann als wir? Wenn sie schneller schreibt, recherchiert, programmiert – und irgendwann vielleicht tatsächlich dafür sorgt, dass weniger menschliche Arbeit gebraucht wird? FOBO – Fear of Becoming Obsolete nennt sich die Angst, überflüssig zu werden. Stephan und Manu fragen sich, warum diese Vorstellung eigentlich so bedrohlich ist. Haben wir uns so sehr daran gewöhnt, unseren Wert über Arbeit, Leistung und Nützlichkeit zu bestimmen? Und wäre eine Welt, in der wir dank KI viel weniger arbeiten müssten, tatsächlich eine Befreiung – oder vor allem eine gewaltige Identitätskrise? Dabei stossen sie auf eine erstaunlich unproduktive Idee der Bibel: die Sabbatruhe. Einen Tag lang nichts herstellen, nichts optimieren, nichts leisten müssen. Vielleicht steckt darin ein ziemlich radikaler Einspruch gegen eine Welt, in der selbst Erholung noch der Leistungsfähigkeit dienen soll. Denn womöglich ist «Jeder Mensch ist nützlich» gar nicht der humanistische Satz, für den wir ihn halten. Vielleicht müsste es heissen: Kein Mensch muss nützlich sein. Und vielleicht stellt KI deshalb weniger die Frage, was Maschinen künftig alles können – als die Frage, was einen Menschen eigentlich wertvoll macht. Ausserdem: Hallelujah der Woche: Manu kann wieder mit dem Trainer zur Arbeit kommen. Stossgebet der Woche: Wenn ein Hausfest zur generalstabsmässigen Übung wird.

  3. Aug 12

    Was bleibt vom Christentum?

    Was bleibt von einer Religion, wenn ihre Kirchen leerer werden, ihre Institutionen an Bedeutung verlieren und immer weniger Menschen ihre Glaubenssätze teilen? Vielleicht überraschend viel. Vielleicht ist die Geschichte der Säkularisierung nämlich nicht nur eine Geschichte vom Verschwinden des Christentums – sondern auch eine seines Erfolgs. Ausgehend von Stephans Reise nach Luxor und der irritierenden Erfahrung, vor den gewaltigen Überresten einer Religion zu stehen, die ihre eigenen Tempel um Jahrtausende überlebt haben, fragen wir: Woran würden wir eigentlich erkennen, dass das Christentum verschwunden ist? An leeren Kirchen? Fehlenden Pfarrpersonen? Oder erst dann, wenn auch seine Vorstellungen aus unserer Kultur verschwunden sind? Mit Tom Hollands These vom christlichen Erbe der westlichen Welt diskutieren wir, wie viel Christentum noch in scheinbar säkularen Überzeugungen steckt: in Menschenwürde und Menschenrechten, im moralischen Vorrang der Opfer, in Solidarität, Sozialstaat und der Sorge für die Schwachen. Ist Säkularisierung vielleicht auch eine gewaltige Übersetzungsleistung – Diakonie wird Sozialstaat, Nächstenliebe Solidarität, Schöpfungsverantwortung ökologische Ethik? Doch dann wird es theologisch heikel: Wenn sich das Christentum vollständig in säkulare Begriffe übersetzen liesse – wozu bräuchte es dann noch das Christentum? Was geht verloren, wenn aus dem Glauben nur noch Ethik wird? Wir suchen nach dem unübersetzbaren Rest und landen bei Gnade, Gebet und der eigentümlichen Erfahrung, von Gott angenommen und geliebt zu sein. Passend dazu berichtet Stephan im Stossgebet von seinen erstaunlich zahlreichen und ausgesprochen ernst gemeinten Gebeten auf ägyptischen Landstrassen. Und Manu bringt ein Halleluja mit, das ordentlich Bass hat: ein Hip-Hop-Erlebnis, das offenbar auch religiöse Qualitäten entfalten konnte. Eine Folge über tote Götter und lebendige Werte, Säkularisierung als Verlust und Erfolg – und über die Frage, was vom Christentum bleiben muss, damit es noch Christentum ist.

  4. Jun 24

    Jesus auf dem Spielfeld: Wem gehört die Öffentlichkeit?

    Felix Nmecha und Jonathan Tah beten nach dem Spiel auf dem Rasen – und plötzlich ist der Kulturkampf wieder da. Für die einen ist das öffentliche Frömmigkeit, die in einer modernen Gesellschaft nichts verloren hat. Für die anderen ein ermutigendes Zeichen gegen den Bedeutungsverlust des Christentums. Doch was verrät diese Debatte eigentlich über unsere Gesellschaft? In der letzten Folge vor der Sommerpause fragen wir, warum religiöse Symbole heute gleichzeitig als harmlos und als gefährlich wahrgenommen werden. Ist öffentlich gelebter Glaube ein Problem für die offene Gesellschaft oder gerade Ausdruck ihrer Freiheit? Warum wird evangelikales Christentum oft als politische Bedrohung diskutiert, obwohl die Säkularisierung ungebrochen voranschreitet? Und wem gehört eigentlich die Öffentlichkeit: nur den säkularen Stimmen oder auch den religiösen? Wir sprechen über Religionsfreiheit, kulturelle Fremdheitsgefühle, die Rolle von Migration für das Christentum in Europa und über die Frage, ob die eigentliche Gefahr vielleicht weniger im öffentlichen Beten liegt als in der politischen Instrumentalisierung von Religion. Und natürlich landen wir am Ende bei Jesus selbst, der erstaunlich skeptisch gegenüber jeder Form religiöser Selbstdarstellung war. Im Stoßgebet leidet Manu heldenhaft und nicht ganz ohne Selbstmitleid unter den Zumutungen des Hochsommers. Im Halleluja berichtet Stephan von einigen Tagen in Warschau und seiner spontanen Liebe zu einer Stadt, die ihn völlig unerwartet begeistert hat. Mit dieser Folge verabschieden wir uns in die Sommerpause. Ausgeglaubt macht Ferien und kehrt am 12. August mit neuen Gesprächen zurück. Bis dahin wünschen wir euch einen schönen Sommer, gute Begegnungen und genügend Gründe zum Staunen.

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Was heisst das eigentlich, Christ zu sein? Woran glauben Christen und was können sie getrost aufgeben? Logisch, dass sich Manuel Schmid & Stephan Jütte dabei nicht immer einig sind. Aber sie versuchen in diesem Podcast zusammen herauszufinden, was für sie wirklich zählt und was ihnen eher im Weg steht. Und klar: Beide wissen es auch nicht wirklich. Aber vielleicht regt es dich an zum Mitdenken. Oder es regt dich auf und du magst mit ihnen streiten. Oder du schreibst ihnen einfach mal, was du nicht mehr glauben kannst oder musst oder willst.

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