Bücher im Gespräch

ZfL Berlin

Für »Bücher im Gespräch«, den Podcast des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), unterhalten sich Wissenschaftler*innen über ihre neuen Publikationen.

  1. Episode 29: Peripherie und Verbannung

    JAN 15

    Episode 29: Peripherie und Verbannung

    Ivana Perica und Aurore Peyroles (beide ZfL) sprechen über ihre Bücher »Politics, Literature and Tertium Datur« (London: Bloomsbury 2025) und »Voyages au bout de la banlieue« (Berlin: De Gruyter 2025). Beide eint die Neugier für die Peripherie und Phänomene der Verbannung und des Ausschlusses. Trotz unterschiedlicher Schauplätze, Zeiten und Gegenstände treten die Bücher als einander ergänzende Unternehmungen in einen Dialog miteinander. ———————— Aurore Peyroles unternimmt eine Reise in die Pariser Banlieue und die mit ihr verknüpfte Vorstellungswelt – von Honoré de Balzac über Victor Hugo bis Louis-Ferdinand Céline. Die Banlieue, in die historisch sowohl Friedhöfe als auch Fabriken und somit Tod und Arbeit verbannt wurden, lässt sich als ein Gegen-Ort zu Paris lesen, der »Hauptstadt der Moderne« (Benjamin). Von der Peripherie her wird so das Zentrum infrage gestellt. In der französischen Literatur entlarvt sie zugleich die republikanischen Versprechen, indem sie als Raum des Durchgangs und der Anonymität geschildert wird, wo keine demokratische Teilhabe an einer vorgestellten nationalen Gemeinschaft möglich ist. Die historische Banlieue Rouge der 1930er Jahre, Schauplatz politischen Aufruhrs und revolutionärer Energie, bleibt in der Literatur überraschend randständig. Dass die Banlieue überhaupt Darstellung in der Literatur findet, kann jedoch im Sinne Rancières als politisch verstanden werden, steht dahinter doch häufig die Absicht, diese sonst unsichtbaren Menschen und Lebensrealitäten zu zeigen. Das Schreiben über die Banlieue macht somit sichtbar, was im Verborgenen liegt und legt zugleich das Unsichtbare der Norm frei. Auch bei Ivana Perica steht der Wandel von Orten des literarischen Geschehens und politischer Debatten im Mittelpunkt. Sie untersucht, wie an den historischen Knotenpunkten 1928 und 1968 in Berlin, Wien, Prag und Zagreb sowie Belgrad das Verhältnis von Literatur und Politik verhandelt wurde. Besonders interessieren sie die Diskussionen um ein »Tertium Datur« (Lukács), einen sozialistischen dritten Weg, in den 1920er Jahren und ihr Nachleben nach 1945. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, was zuerst kommen soll: revolutionäre Kunst oder die Revolution? In den Debatten von 1928 zeigt sich eine politische Literatur, die sich von der auf die Autonomie der Kunst fixierten unterscheidet, die sich nach 68 vor allem im Westen etablierte. Viele der häufig parteilich organisierten linken Autor:innen der Zwischenkriegszeit sahen sich und ihr Schreiben als Teil einer kollektiven Bewegung. Sie agierten jedoch nicht als dogmatische Sprachrohre politischer Parolen, sondern verstanden ihre Texte als kundschaftende Beiträge zu einer lebendigen Kontroverse. In internationalen intellektuellen Netzwerken wurde diese differenzierter geführt, als es der enge Blick auf Moskau als Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit nahelegt. Die Frage, was politische Literatur ist, was sie leisten kann und soll und welches Politikverständnis ihr zugrunde liegt, ist auch heute noch aktuell. Sie stellt sich etwa bei Joseph Ponthus, der diskutiert, ob der Aussteiger oder der bekennende Aktivist die ›wahre‹ politische Figur ist, sowie in der Autosoziobiographie, in der die Banlieue als kultureller Identitätsmarker und als Ort zurückerobert wird, von dem aus – und nicht nur über den – geschrieben wird. ———————— Die Literaturwissenschaftlerin Ivana Perica und die Romanistin Aurore Peyroles sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt »Kartographie des politischen Romans in Europa am ZfL«. www.zfl-berlin.org

    1h 6m
  2. Episode 28: Nachdenken über Belarus

    11/20/2025

    Episode 28: Nachdenken über Belarus

    Nadine Menzel (Universität Bamberg) und Nina Weller (ZfL) sprechen über ihre Bücher zur gesellschaftlichen Situation und (Protest-)Kultur in Belarus. ———————— 2020 kam es im Gefolge der Präsidentschaftswahl in Belarus zu den größten Massendemonstrationen seit dem Ende der Sowjetunion. Das Lukaschenka-Regime begegnete ihnen mit massiven Repressionen. Keine drei Monate nach Beginn der Proteste erschien in Reaktion darauf die von Nina Weller mitherausgegebene Flugschrift »Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution«, in der über den feministischen Charakter der Proteste diskutiert wird. Die 2023 veröffentlichte Flugschrift »›Alles ist teurer als ukrainisches Leben‹« wiederum versammelt Stimmen aus der Ukraine, die sich gegen die Überheblichkeit wehren, mit der aus dem Westen allzu häufig auf die Ukraine geblickt und dabei die russische imperiale Bedrohung heruntergespielt wird. Während die Flugschriften aktivistisch-interventionistischen Charakter haben und sich auch als Handreichungen zum besseren Verständnis aktueller Entwicklungen verstehen, verfolgt der Sammelband »Appropriating History« ein wissenschaftlich-historisches Interesse. Ausgehend vom Befund, dass Geschichte in der Populärkultur von Belarus, Russland und der Ukraine allgegenwärtig ist, zielt ›Aneignung‹ dabei weniger auf die Usurpation historischer Ereignisse durch die dominante Kultur ab, sondern vielmehr auf die Neu(er)findung der Nationalgeschichte nach dem Ende der Sowjetunion. Dabei geht es auch um die Frage, in welchem Maße Geschichte als Unterhaltungsmedium und – nicht erst seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine – zunehmend auch als Waffe dient. Ein markantes Beispiel dafür liefert der Partisan, der in der Erinnerungskultur von Belarus sowohl als historische Gestalt wie auch als mythischer Held eine zentrale Rolle spielt. In den letzten Jahren erlebte das Partisanentum als Taktik einer dezentralen subversiven Aktion eine Renaissance: u.a. in Gestalt von ›Künstlerpartisanen‹ wie Artur Klinau und Igor Tishin oder der Cyber- und Schienenpartisanen der Gegenwart. Eine kritische Hinterfragung des Partisanenmythos hingegen fand bereits im 1975 erschienenen Buch »Feuerdörfer« statt, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Die von Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik geführten und collagierten Interviews mit Überlebenden der Wehrmachtsverbrechen in Belarus liefern ein vielstimmiges Bild der Geschichte und gelten als wegweisend für das dokumentarische Erzählen zeitgenössischer Autor*innen wie Swetlana Alexijewitsch. Traditions- und Einflusslinien geht schließlich auch der von Iryna Herasimovich, Nadine Menzel und Nina Weller herausgegebene Band »Befragungen am Nullpunkt« nach. Er verfolgt das Ziel, die unabhängige belarusische Kultur – vertreten durch A. Slabodchykava, A. Klinaŭ, Z. Vishnioŭ, M. Gulin und J. Dziwakoŭ – bekannter zu machen und zeigt historische Vorläufer heutiger Bewegungen und Kunstformen auf. Damit setzt er der häufigen Fixierung auf Belarus als ›letzte Diktatur‹ und ›blinder Fleck‹ Europas Zeugnisse des beharrlichen Widerstands und des Kampfes um die (Rück-)Eroberung von staatlich okkupierten Räumen der Kultur und des Austauschs entgegen. ———————— Die Slawistin und Literaturwissenschaftlerin Nina Weller ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Anpassung und Radikalisierung«. Bis 2022 leitete sie ein Projekt zu Geschichtsbildern in der belarussischen, russischen und ukrainischen Kultur an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und war zuvor an der LMU München, der FU Berlin und der Universität Potsdam beschäftigt. Nadine Menzel ist Slawistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Slavische Kunst- und Kulturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zuvor war sie an der Universität Leipzig tätig, wo sie 2015 mit einer Arbeit zu Reiseschriften über das postrevolutionäre Russland promovierte. www.zfl-berlin.org

    1h 3m
  3. Episode 27: Afrotopia

    07/15/2025

    Episode 27: Afrotopia

    Jenaba Samura spricht mit Liola Mattheis (beide ZfL) über ihren Essay »Afrotopia. Schwarze Konstruktionen von Gender und Sexualität« (Berlin: Querverlag 2025). Darin kritisiert sie die weitverbreitete Vorstellung, dass Schwarzsein und Queerness einander ausschließen, und untersucht die Verwobenheit von Geschlecht und Sexualität mit kolonialen Praktiken und Prozessen der Rassifizierung. ———————— Samura verbindet in der integrativen Form des Essays persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Beobachtungen. Besonders kritisch beleuchtet sie das Whitewashing queerer Geschichte sowie die Aneignung Schwarzer Ästhetiken und Praktiken der Lebensgestaltung. Dabei zeigt sie, dass Konzepte wie Nichtbinarität keine westlichen Erfindungen sind, sondern dass umgekehrt die rigide binäre Geschlechterordnung ein kolonialer Export ist, der als Teil einer ›colonization of the mind‹ begriffen werden kann. Dies wird anhand der deutschen Kolonialgeschichte und der Bedeutung ›weißer‹ deutscher Frauen für die Konsolidierung der kolonialen (Geschlechter-)Ordnung in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) deutlich. Ihre gezielte Aussiedlung, die von der ersten Frauenbewegung als feministisches Aufstiegsprojekt gepriesen wurde, sollte sogenannte Mischehen und somit die Weitergabe der Staatsbürgerschaft an Nichtweiße verhindern. Dieses koloniale Projekt der Etablierung ›weißer‹ Vorherrschaft ging mit der Kriminalisierung von Homosexualität durch den aus dem Kaiserreich exportierten § 175 einher. Generell lässt sich im Zuge der Etablierung einer auf Reproduktion ausgerichteten heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit in Europa die Tendenz feststellen, sexuelle ›Abweichungen‹ wie Homosexualität und Polygamie außerhalb Europas zu verorten. Nichtweiße Sexualität und Geschlechtlichkeit wurden dabei häufig widersprüchlich gezeichnet, Schwarze Körper z.B. gleichzeitig de- und hypersexualisiert. Im Bild des ›virgin land‹ verschmelzen schließlich Vorstellungen des zu erobernden Lands mit solchen von der Schwarzen Frau, was der Legitimierung kolonialer und sexualisierter Gewalt dient. Samura betrachtet jedoch nicht nur koloniale sowie cis- und heterosexistische Gewalt, sondern auch im heutigen Sinne queere Personen und Praktiken in der afrikanischen Geschichte. Deren Erforschung ist mit methodischen Herausforderungen verbunden. Zum einen besteht die Gefahr, heutige Identitätskategorien rückwirkend auf historische Kontexte zu übertragen und dabei präzisere lokale Konzepte zu verdrängen. Zum anderen gibt es große Lücken im Archiv, und vorhandenes Material stammt oft von Kolonialbeamten und muss kritisch betrachtet werden. ›Critical fabulation‹ im Sinne Saidiya Hartmans kann helfen, diese Lücken zu füllen. Insgesamt eröffnen historische Beispiele des Widerstands und der ›Abweichung‹ von hegemonialen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität Perspektiven für ein utopisches Nachdenken, in dem sich Vorstellungen von Afro- und Queertopia verbinden. ———————— Die Literaturwissenschaftlerin Jenaba Samura ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Schwarze Narrative transkultureller Aneignung: Literarische Akte des Konstruierens afroeuropäischer Welten und der Infragestellung europäischer Grundlagen«. In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie afropäische Reiseberichte als Gegenerzählungen zu kolonial-ethnografischen Darstellungen. Liola Mattheis ist Kulturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen«. Sie promoviert zu rekapitulativen Entwicklungsideen in Evolutionsbiologie und marxistischer Theorie. www.zfl-berlin.org

    39 min
  4. Episode 26: Ernst Jünger

    05/21/2025

    Episode 26: Ernst Jünger

    Detlev Schöttker spricht mit Claude Haas über sein Buch »Die Archive des Chronisten. Ernst Jüngers Werke und Korrespondenzen« (Wallstein 2025). Darin zeigt er Jünger als Chronisten des 20. Jahrhunderts, der keineswegs bloß historische Tatsachen aneinanderreiht, sondern sich als Geschichtsdeuter versteht. Das auf mittelalterliche und frühneuzeitliche Vorbilder zurückgehende Darstellungsverfahren der Chronik macht sich Jünger gattungsübergreifend zu eigen, in Tagebüchern und Briefwechseln, Kriegsberichten, Romanen und Essays. ———————— Jüngers Schreiben zeichnet sich durch eine Tiefe der Beobachtung aus, die erst durch die Distanz zum Geschehen möglich wird und die Jünger in seinem »Sizilianischen Brief an den Mann im Mond« zum poetologischen Prinzip erhebt. Diese Distanziertheit birgt jedoch auch eine gewisse Kälte in sich, die in der Rezeption immer wieder für Irritationen gesorgt hat. Das trifft besonders auf die »Strahlungen« zu, mit deren Veröffentlichung 1949 Jünger früh literarisches Zeugnis von Konzentrationslagern, Gestapo- und SS-Gefängnissen ablegte. Jüngers Schilderungen des Luftkriegs über Paris wurde der Vorwurf gemacht, das Schrecken zu ästhetisieren. Als bisweilen verstörend wurden Jüngers Versuche gewertet, den Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten im Geiste einer Universalgeschichte in ein größeres Sinngeschehen zu integrieren oder doch zumindest Erklärungsansätze dafür zu liefern. Von vielen als reaktionär bewertet, kann seine distanzierte Betrachtung der Geschehnisse wohl mindestens als eskapistisch gelten. Jüngers universalgeschichtlicher Zugriff stößt hier an eine politische Grenze. Andererseits erlaubt es Jüngers Betonung der starken Einzelpersönlichkeit des Geschichtsdeutenden, ihn entgegen gängigen Kategorisierungen als Vertreter der Moderne zu betrachten – selbst wenn der universalgeschichtliche Gestus seiner Chronistik in den literarischen Werken häufig in Kitsch umschlägt. Anders verhält es sich mit den Briefen, denen Schöttker neben den Tagebüchern besondere Aufmerksamkeit schenkt. Der Brief galt Jünger als die wichtigste historische Quelle überhaupt. Der schiere Umfang des Briefarchivs, an dessen Form und Organisation Jüngers zweite Ehefrau Liselotte als ausgebildete Archivarin maßgeblichen Anteil hatte, zeugt von der herausragenden Bedeutung, die er der Korrespondenz als partnerschaftlicher Form der Verbindlichkeit und des intellektuellen Austauschs beimaß. Für den ›Archivautor‹ Jünger, der bereits zu Lebzeiten bemüht war, sein Nachleben, mithin seine Unsterblichkeit zu sichern, hatten die sorgsam archivierten Briefwechsel noch eine weitere Bedeutung: Bei der Lektüre nimmt man posthum Anteil am persönlichen Leben der Schreibenden, die einem somit (fast) lebendig erscheinen. ———————— Der Literatur- und Medienwissenschaftler Detlev Schöttker ist Senior Fellow des ZfL und erforschte dort das Briefarchiv Ernst Jüngers. Derzeit leitet er das Projekt »Kommentierte Edition des Briefwechsels zwischen Ernst und Friedrich Georg Jünger (1908–1977)«. Der Germanist und Komparatist Claude Haas ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur am ZfL und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schwerpunktprojekt »Stil. Geschichte und Gegenwart«. www.zfl-berlin.org

    46 min
  5. Episode 25: Historizität und Historisierung

    03/13/2025

    Episode 25: Historizität und Historisierung

    Henning Trüper spricht mit Falko Schmieder über sein Buch »Unsterbliche Werte. Über Historizität und Historisierung« (Wallstein 2024). Darin setzt er sich mit elementaren geschichtsphilosophischen Kategorien und Methoden auseinander und unterzieht die Geschichtswissenschaft einer grundlegenden Kritik. Denn diese, so seine Diagnose, ist nicht nur, wie schon Koselleck befand, theorie-, sondern auch therapiebedürftig. ———————— Die Debatten um das Ende der Geschichte (Fukuyama) und die breite Gegenwart (Gumbrecht), aber auch die als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgerufene ›Zeitenwende‹ machen deutlich, wie umkämpft das Feld der Geschichte ist. Dass die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin nicht neu ist, zeigt die Kritik am Fortschrittsnarrativ der Geschichtsphilosophie. Auch Henning Trüper versteht Geschichte nicht als progressiven Lernprozess, sondern zeichnet nach, welche teils widersprüchlichen Antworten zu verschiedenen Zeiten auf die Frage gegeben wurden, was Geschichtlichkeit ist. Die Kritische Theorie hat Geschichtlichkeit vor allem im Sinne der Veränderlichkeit von Denkformen und Begriffen verstanden. Trüpers Interesse gilt demgegenüber den Praktiken des Historisierens: Mit welchem Ziel wird Vergangenes zu Geschichtlichem erklärt und als solches erinnert, welchen Ereignissen wird historischer Wert beigemessen und warum? Diese Wertsetzungen sind stets veränderlich und folgen bestimmten Motivationen, wie bereits Nietzsches Unterscheidung verschiedener Arten von Historisierung in der zweiten »Unzeitgemäßen Betrachtung« zeigt. Wann und wie aber erhalten diese flüchtigen Werte den Charakter von ›unsterblichen Werten‹, also von moralischen Normen? Und in welchem Verhältnis zur Geschichte stehen vermeintliche Nebensachen wie Moral, Humanitarismus oder auch naturgeschichtliche und philosophische Diskurse über das Aussterben? Ein Blick auf die Textgestalt und die Funktion von Intertextualität in der Geschichte hilft, sich diesen Fragen zu nähern. Die Neulektüre geschichtswissenschaftlicher Klassiker und deren Kombination mit unbekannten, in Vergessenheit geratenen Texten und Autoren führt bei Trüper zu einer aphoristischen, umwegigen, bisweilen ironischen Darstellung, die gleichwohl systematische Ansprüche verfolgt. Gegen Relativierungen und den Zerfall der Geschichte in plurale Geschichten setzt er einen starken Begriff von Geschichte: Die Tätigkeit des Geschichtlichmachens erzeugt ihren Gegenstandsbereich, der als Teil der Wirklichkeit real und wirkmächtig ist. ———————— Henning Trüper ist Historiker und leitet das ERC-Projekt »Archipelagische Imperative. Schiffbruch und Lebensrettung in europäischen Gesellschaften seit 1800« am ZfL. Seit Januar 2024 ist er Associate Professor an der Universität Oslo. Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das Schwerpunktprojekt »Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland« am ZfL. www.zfl-berlin.org

    38 min
  6. 01/22/2025

    Episode 24: Klassische Tragödie

    Claude Haas spricht mit Eva Geulen über sein Buch »Der König, sein Held und ihr Drama. Politik und Poetik der klassischen Tragödie« (Wallstein 2024). An der vermeintlich überholten Form der klassischen Tragödie interessieren ihn vor allem ihre Unwahrscheinlichkeit und der Kontrast zwischen Formstrenge und unterschwelligem Chaos. Außerdem bietet sie Anknüpfungspunkte für Debatten über die Rückkehr des Helden und Fragen der Souveränität in der heutigen Politik. ———————— Bei Corneille dient die klassische Dramenform der (Be-)Gründung absolutistischer Politik. Die aristotelischen Einheiten von Raum, Zeit und Handlung werden in den Dienst der Staatsgründung gestellt, der Souverän als derjenige inszeniert, der Gewohnheiten institutionalisiert und mit dem Helden dessen Machtverzicht verhandelt. Die Komplizenschaft von König und Held kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide als Verbrecher Recht stiften. Solche rechtspolitischen Probleme verschärft Racine dadurch, dass er hinter der Bühne das Volk als eine volatile Masse zu erkennen gibt, die die politische Handlung vor sich hertreibt. Weder König noch Held können die Ordnung stabilisieren und echte Souveränität schaffen. In der deutschen Rezeption galten die Dramen der tragédie classique oft als hölzern und formalistisch, im Gegensatz zur vermeintlich freieren und natürlicheren Darstellung Shakespeares. Und doch gibt es im ausgehenden 18. Jahrhundert Rückgriffe auf die Regelpoetik, die als nostalgische Versuche interpretiert werden können, Ordnung in die nach der Französischen Revolution in Unordnung geratene Welt zu bringen. In ihnen scheinen jedoch stets das Wissen um deren Nichtrestaurierbarkeit und die Einsicht durch, dass sich Politik nicht letztendlich begründen lässt. Aus dem Grund sind es vor allem die Schwierigkeiten, Widersprüche und unauflösbaren Reste der klassischen französischen Tragödie, an die Goethe und Schiller anknüpfen. Dennoch scheint die klassische Form spätestens in der Weimarer Klassik aus der Zeit gefallen. Nicht nur ist der Machtverzicht des Helden – bei Corneille noch als bewusster Willensakt inszeniert – hier eher Ausdruck seiner Ohnmacht: Goethes Tasso beruft sich auf ein am Hof bereits überholtes Politikverständnis, Schillers Wilhelm Tell hat zwar noch heroische Auftritte, liefert aber keinen Beitrag zur Neugründung der Schweiz. Auch die Einheit der Zeit, von der der Anschein der Zeitunabhängigkeit und universellen Gültigkeit des souveränen Rechts abhängt, wird ironischerweise nur noch in der »Iphigenie auf Tauris« eingehalten, wo das Recht bereits gegründet und sie folglich funktionslos ist. Spätestens der »Faust« markiert das Ende solcher Versuche, die Einheit der klassischen Form zu stiften. Zwar finden sich hier noch vereinzelt Form- und Stilelemente der klassischen Tragödie, doch ist die moderne Tragödie und mithin die Moderne mit dem Geld durch eine völlig andere Gründungsökonomie strukturiert als der absolutistische Staat. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, inwiefern Analysen der klassischen Tragödie Schlüsse für gegenwärtige Fragen nach dem Zusammenhang von ästhetischer Form und politischen Anliegen zulassen. Angesichts autoritärer politischer Akteure, die sich aufführen wie Heroen und Könige, ist mitunter ein unbewusster identifikatorischer Rückgriff auf das klassische Drama zu beobachten. Dem setzt Haas eine an der Analyse der dramatischen Form geschulte Sensibilität für die Unterschiede zwischen historischem Geschehen und Gegenwart entgegen. ———————— Der Germanist und Komparatist Claude Haas ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur am ZfL und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schwerpunktprojekt »Stil. Geschichte und Gegenwart«. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der HU Berlin. www.zfl-berlin.org

    38 min
  7. Episode 23: Geschwister-Logik

    11/29/2024

    Episode 23: Geschwister-Logik

    Stefani Engelstein (Duke University) spricht mit Stefan Willer (HU Berlin) über ihr Buch »Geschwister-Logik. Genealogisches Denken in der Literatur und den Wissenschaften der Moderne« (Berlin: De Gruyter 2024). Darin spürt sie Geschwisterbeziehungen nach, die in Genealogien oft zugunsten der vertikalen Abfolge der Generationen vergessen werden. Welche neuen Perspektiven eröffnet der Blick auf horizontale Verästelungen für Fragen der Ähnlichkeit und Identität? Und welche Rolle spielt die Literatur bei der Verhandlung von Geschwisterverhältnissen? ———————— Im langen 19. Jahrhundert werden in den verschiedensten Wissenschaften genealogische Modelle eingesetzt, um Wissen zu organisieren. Ein wichtiges Werkzeug ist dabei das Modell des Stammbaums, das in so unterschiedlichen Disziplinen wie der Sprachwissenschaft und der Evolutionsbiologie zum Einsatz kommt. In der Philologie dient es der Untersuchung literarischer Verwandtschaftsverhältnisse. Bereits bei Ödipus lässt sich nachlesen, dass die Literatur nicht nur von Eltern und Kindern, sondern auch von Geschwistern bevölkert ist. Um 1800 gibt es dann eine ganze Flut von Geschwistern in der Literatur. Zugespitzt im Zwilling oder Doppelgänger verkörpern sie ein Gegenüber, das weder ganz selbst noch ganz das andere ist. Die titelgebende Geschwister-Logik setzt der vertikalen Abstammungslogik und dem mit ihr verbundenen essentialistischen Subjektverständnis eine Auffassung von Identität entgegen, die auf veränderlichen Größen wie Ähnlichkeit und Differenz beruht. Besonders deutlich wird dies in Darwins »Über die Entstehung der Arten«, wo sich der Stammbaum, der vermeintlich eine gegebene Genealogie rekonstruiert, als Instrument zu deren Konstruktion erweist. Die Abwesenheit ›natürlicher Arten‹, die Notwendigkeit, deren Grenzen selbst zu bestimmen, entpuppt sich für Darwin als mindestens ebenso unheimlich wie die angenommene Verwandtschaft zwischen Mensch und Affe. Stefani Engelstein und Stefan Willer gehen im Gespräch auch gängigen psychoanalytischen Deutungen geschwisterlicher Beziehungen nach und stellen die verbreitete literaturwissenschaftliche Interpretation von Geschwistern als Ersatz für das gleichgeschlechtliche Elternteil auf den Prüfstand. Dabei wird die gängige Lesart von Ismenes Liebe zu ihrer Schwester Antigone als Hysterie und von Antigones Liebe zu ihrem Bruder Polyneikes als Heldentum einer kritischen Überprüfung unterzogen. Im Austausch mit dem Übersetzer André Hansen und der Lektorin Gesa Steinbrink wird deutlich, wie sehr die Diskurse und Traditionen genealogischen Denkens selbst zeit-, orts- und sprachgebunden sind. Besonders deutlich wird das am Umgang mit dem englischen Begriff ›race‹ und seiner Übertragung ins Deutsche. Wie sollen wir mit Kategorien und Trennungen umgehen, die zwar auf menschliche Erfindungen zurückgehen und einer validen naturwissenschaftlichen Grundlage entbehren, aber dennoch das Verhalten und die Lebensgeschichten von Menschen prägen, zu Ungerechtigkeiten führen und reales Leid verursachen? ———————— Stefani Engelstein ist Professor of German Studies und Professor of Gender, Sexuality, and Feminist Studies an der Duke University. Sie war mehrfach zu Gast am ZfL, zuletzt von 2023–2024 als Guggenheim, Fulbright und National Endowment for the Humanities Fellow mit einem Projekt zu »Geschlecht und Gegensatz«. Ihr Buch »Sibling Action: The Genealogical Structure of Modernity« erschien 2017 auf Englisch und wurde 2024 von André Hansen ins Deutsche übersetzt. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL und forschte dort zuvor in verschiedenen Projekten zu den Konzepten von Generation und Genealogie, darunter »Erbe, Erbschaft, Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel«. Das Gespräch wurde am 17.7.2024 im ZfL aufgezeichnet. www.zfl-berlin.org

    51 min
  8. Episode 22: Politik der Wahrnehmung

    09/10/2024

    Episode 22: Politik der Wahrnehmung

    Oliver Precht spricht mit Katrin Trüstedt (beide ZfL) über sein Buch »Der rote Faden. Maurice Merleau-Ponty und die Politik der Wahrnehmung« (August Verlag 2023). Darin stellt er den französischen Philosophen und Phänomenologen als politischen Denker vor, von dessen Haltung zur eigenen Gegenwart wir einiges für den Umgang mit den großen Fragen unserer Zeit – von der Klimakrise bis zum Postfaktischen – lernen können. ———————— Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) sah die Aufgabe der Philosophie nicht darin, ›ewige Fragen‹ zu wälzen, sondern sich im Hier und Jetzt zu verorten. Mit seinen Weggefährt*innen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, mit denen er 1945 die Zeitschrift »Les Temps Modernes« gründete, teilte er das Interesse an der Rolle des Intellektuellen im politischen Geschehen. Doch in der Frage des Engagements brach Merleau-Ponty mit Sartre, dem er vorwarf, sich von der historischen Situation zu unkritischen Parteinahmen hinreißen zu lassen, ohne eine kohärente Politik zu verfolgen. Demgegenüber pflegte Merleau-Ponty einen bedächtigeren Politikstil, der durch die ständige selbstkritische Hinterfragung der eigenen Position im jeweiligen historischen Kontext gekennzeichnet war. Diese Haltung der aufmerksamen Wahrnehmung zieht sich als titelgebender roter Faden durch Merleau-Pontys Philosophie. Deren Aktualität verdankt sich Oliver Precht zufolge seinem Nachdenken über Politik und Gegenwart, das von Kritikfähigkeit und Offenheit für unvorhergesehene Begegnungen geprägt ist. Im Mittelpunkt steht dabei der Leib, der sich erst in der Begegnung mit der ihn umgebenden Welt und den sie bevölkernden Wesen ausbildet. Durch den positiven Fokus auf den Leib unterscheidet sich Merleau-Pontys ›Politik der Wahrnehmung‹ von der aufklärerischen Pädagogik eines bestimmten Typs der Modernekritik, der besonders prominent von Bruno Latour vertreten wurde. Davon ausgehend, dass die Moderne von der Illusion einer starren Trennung von Natur und Kultur beherrscht wird, setzte Latour auf eine radikale Revolution des Denkens, die alle Verbindungen zur Moderne kappt. Merleau-Ponty hingegen spürte jenen Strömungen im modernen Denken nach, in denen diese Trennung bereits brüchig ist und liefert damit auch Anknüpfungspunkte für heutige Versuche, die marxistische Trennung der Sphären von Natur und Kultur zu reformieren. Einen solchen Versuch, den roten Faden wiederaufzunehmen und durch die Anknüpfung an moderne Klassenkämpfe weiterzuspinnen, unternahm in seinem gemeinsam mit Nikolai Schultz verfassten Memorandum »Zur Entstehung einer ökologischen Klasse« schließlich auch Latour und zeigte sich dadurch dem Denken Merleau-Pontys näher, als er selbst wohl zugegeben hätte. ———————— Der Philosoph Oliver Precht ist mit dem Projekt »Marx in Frankreich. Die Selbstbestimmung der französischen Theorie (1945–1995)« wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. 2019 promovierte er mit einer Arbeit zur Selbst- und Fremdbestimmung von Heideggers Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Literaturwissenschaftlerin Katrin Trüstedt ist Ko-Leiterin des Programmbereichs Theoriegeschichte am ZfL und forscht dort zur »Politik des Erscheinens«. Zuvor war sie Assistant Professor of Germanic Languages & Literatures an der Yale University und Juniorprofessorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Erfurt. www.zfl-berlin.org

    33 min

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