East Reads West Literatur Podcast

Nils von Below & Anne Hardy

Westliche (Fach-)Literatur für östliche Therapeuten

Episodes

  1. 01/26/2023

    "Fair play" könnte Ihre Ehe retten

    Alles lief gut, bis das erste Kind geboren wurde. Dann tappte Juristin Eve Rodsky in die "Mutterfalle". Mit Methoden der Betriebsorganisation fand sie einen Weg zu mehr "fair play" in Partnerschaft und Familie. "Dieses Buch schenke ich in letzter Zeit gerne Paaren zur Hochzeit", sagt Nils. Denn es hilft ihnen von vornherein, Aufgaben gerecht zu verteilen. Die Methoden aus der Betriebsorganisation, die Eve Rodsky in ihrem Buch "Fair play" für die Familie abwandelt, orientieren sich an gemeinsamen Werten. Und an der Verständigung über Mindeststandards für die Erledigung einer Aufgabe. Es fördert somit die Kommunikation. Und minimiert zermürbenden Streit. Schädliche Zeitbotschaften Zu den Regeln des "Fair play" gehört: Zeit wird nicht in Geld, sondern in Minuten gemessen. Will heißen: Alle Zeit ist gleich viel Wert. Oder umgekehrt: Hausarbeit und Kindererziehung sind nicht weniger wert, weil sie nicht bezahlt werden. "Es ist besser, wenn Du Zuhause bleibst, weil Du weniger verdienst" ist eine schädliche Zeitbotschaft. Ebenso ist es alles andere als fair, das Geld für die Kinderbetreuung oder die Haushaltshilfe gegen das Gehalt nur eines Partners zu rechnen. Jede(r) hat das Recht, interessant zu sein Interessant sein bedeutet, den Horizont über Kinder und Haushalt hinaus erweitern zu können. Frauen, die als Mütter zu perfekten Familien-Managerinnen mutieren, tun ihrer Partnerschaft oft keinen Gefallen. Wenn sie nicht mehr dazu kommen, eigene (bezahlte oder unbezahlte) Interessen zu verfolgen, fehlt ihrem Leben und damit letztlich auch der Partnerschaft das Salz in der Suppe. Das gleiche gilt für den meist männlichen Hauptverdiener. Deshalb fordert Eve Rodsky als Bestandteil des "Fair play", dass die Partner einander Freiräume für "Einhorn-Zeit" schaffen. In dieser Zeit dürfen sie Projekte verfolgen, für die sie brennen. Besonders befriedigend ist dies, wenn man die eigene Begeisterung und Begabung mit anderen teilen kann. Erfassen, planen und ausführen Ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung und Gesprächen mit Freundinnen hat Eve Rodsky die Gründe für Unzufriedenheit und Streit im Familienalltag ermittelt. Wenn der Partner sich beispielsweise bereit erklärt, das Essen zu kochen, aber nicht das Menue plant und die Zutaten kauft, ist dies nur eine teilweise Entlastung. Sie führt dazu, dass die planende Person die Aufgabe noch im Kopf behält und nachprüft, ob sie erledigt wurde. Und möglicherweise fordert sie auch, dass die Aufgabe nach den eigenen Standards erledigt wird. Nörgeln und Kritik entmutigt und führt zu Rückzug. Eve Rodsky organisiert deshalb in "Fair play" alle Aufgaben innerhalb und außerhalb der Familie wie ein Kartenspiel. Alles, was zum Erfassen, Planen und Ausführen einer Aufgabe gehört, ist in dem Kartenset vermerkt. Die Partner können dann überlegen, welche Karten ihnen wichtig sind und wie sie verteilt werden. Die besonders wichtigen (und anstrengenden) Karten sollten abwechselnd übernommen werden. "Fair play": ein Praxisbuch Mit vielen Beispielen, Selbstests und Fallgeschichten hat Eve Rodsky ein lebenspraktisches Buch geschaffen. Es könnte Ihre Ehe retten, noch bevor sie durch Nörgeln und Frustration in Schieflage gerät. Und alle in der Familie zufriedener und entspannter machen. Übrigens: Der deutsche Titel ist "Auch Männer können bügeln". Wir finden ihn schlecht gewählt. Lassen Sie sich davon und von dem bügelnden Mann auf dem Titelbild nicht abschrecken. Ähnliche Podcasts: Weitere Tipps, wie man sein Leben ändern kann, besprechen wir in dem Podcast über das Buch von Michelle Weiner-Davis: "Ändere Dein Leben - aber wie?" Mehr Informationen: Mehr Tipps von Eve Rodsky und das Kartenspiel zum Bestellen finden sich auf der Fair play Webseite.

    37 min
  2. 01/26/2023

    Sheila de Liz: Woman on Fire

    Sheila de Liz mischt mit ihrem Buch über die fabelhaften Wechseljahre die "AlteHerren-Medizin" auf. Ihre wichtigste These: Wir brauchen den körperlichen Abbau durch schwindende Hormone nicht als unausweichlich hinzunehmen. Es geht nicht mehr allein um die Frage: "Wie komme ich gut durch die Wechseljahre?". Sondern auch: "Wie erhalte ich mich möglichst lange gesund?" Denn der Mangel an Östrogen, Progesteron und Testosteron erhöht das Risiko für Alterskrankheiten. Allen voran Osteoporose, Gelenkbeschwerden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Blasenschwäche, nachlassende Libido und Schmerzen beim Sex vervollständigen das Gruselkabinett. Sheila de Liz klärt über die körperlichen Vorgänge gut verständlich auf. Das Zusammenspiel der Hormone veranschaulicht sie etwa mit den Charakteren aus "Drei Engel für Charlie". Sie will Frauen ermöglichen, ihre Wechseljahre selbstbestimmt zu gestalten. Dazu müssen sie gut informiert sein. Und ihre Partner sollten ebenfalls über die Veränderungen Bescheid wissen, betont Nils im Podcast. Auch auf die psycho-emotionalen Veränderungen, die von Hormonschwankungen ausgelöst werden, geht Sheila de Liz ein. In dieser Phase ist es wichtig, dass Frauen wieder Freiräume für eigene Bedürfnisse und Träume schaffen. Wechseljahre in der Chinesischen Medizin Die Chinesische Lehre von der fünf Wandlungsphasen beschreibt die Wechseljahre ähnlich wie de Liz als Übergang. Von der Erde, in der wir hauptsächlich andere versorgen, ins Metall - auf der Suche nach dem ureigenen inneren Schatz. Das Versiegen des himmlischen Wassers (Menstruation) bringt die Chance, zur weisen Frau zu reifen. Im Podcast diskutieren wir dieses Konzept im Vergleich zu de Liz Beschreibung vom gesunden Altern. Gesundheit und Schönheit ist auch ein Anliegen der Chinesischen Medizin. Sie hat schon vor Jahrtausenden Wege zu gesundem Altern gewiesen. Etwa durch tägliche Qi Gong Übungen, die die Lebenskraft erhalten. Dass es wichtig ist, ab der Menopause auf den Lebensstil zu achten, betont auch Sheila de Liz. Gesund essen, Sport treiben, ausreichend schlafen, mehr Ruhephasen und Stille - das sind ihre Empfehlungen. Hormonersatz: Ja oder nein? Aus Annes Sicht wirklich wichtig ist die Neubewertung der Hormonersatz-Therapie mit bioidentischen Hormonen. De Liz erklärt, warum frühere Versuche mit Östrogen aus dem Urin trächtiger Stuten zu gefährlichen Nebenwirkungen wir Brustkrebs führten. Eine Neubewertung der amerikanischen Nurses Health Studies WHI-1 und WHI-2 hat gezeigt, dass das Risiko für viele Alterserkrankungen durch "richtigen" Hormonersatz erniedrigt wird. Über diese Erkenntnisse werden wir, die integrativ arbeitenden TCM-Therapeut:innen, noch diskutieren müssen. Noch ist nicht klar, ob wir der Empfehlung von Sheila de Liz zu einer niedrig dosierten Hormonersatz-Therapie auch aus Sicht der Chinesischen Medizin folgen können. Leider kommen die naturheilkundlichen Möglichkeiten zur Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden bei ihr nur am Rande vor. Hier bleibt ein reicher Schatz ungenutzt. Ähnliche Podcasts: In dem Podcast "Ebbe und Blut: der weibliche Zyklus" geht es ebenfalls um Frauenheilkunde. Hier besprechen wir ein modernes "Aufklärungsbuch" zum weiblichen Zyklus und allem, was damit zusammenhängt. Mehr Informationen: Shiela de Liz erzählt über die fabelhaften Wechseljahre im Podcast mit Idilkó von Kürthy.

    47 min
  3. 01/26/2023

    Ebbe und Blut: der weibliche Zyklus

    Eigentlich müssten junge Frauen über ihren Körper und speziell den weiblichen Zyklus gut informiert sein. Und doch haben die Autorinnen das Gefühl, dass viel grundlegendes Wissen an ihnen vorbei gegangen ist. Bei ihrer Entdeckungsreise durch den weiblichen Körper ist ein modern gestaltetes Aufklärungsbuch enstanden. Warum entscheiden sich zwei Grafikerinnen, über den weiblichen Zyklus zu schreiben? Über die Anatomie der weiblichen Geschlechtsorgane. Die erste und die letzte Menstruation. PMS. Schwangerschaft. Und das ganze Repertoire an Verhütungsmethoden? Weil sie neugierig sind. Weil ihre Mitmenschen sie mit ihrer Begeisterung und bohrenden Fragen zum Weitermachen bewegten. Und schließlich, weil sie "ziemlich dicke Freundinnen" sind. Der Text dieser ungewöhnlichen Abschlussarbeit entand mit fachlicher Begleitung: "Tief in den Tunneln verschiedener Körperfunktionen vergraben, haben uns viele Menschen unter die Arme gegriffen", schreiben Luisa Stömer und Eva Wünsch. Sie bedanken sich bei einer Gynäkologin, einer Hebamme, einer Internistin und einem Medizinstudenten. Im Kapitel "Natürliche Helfer" finden sich auch Tipps zur naturheilkundlichen Behandlung von Zyklusstörungen. Kollagen des weiblichen Körpers Aufgelockert wird das Buch durch die Zitate und Erfahrungsberichte von Frauen und Männern. Denn Kenntnis des weiblichen Zyklus ist für Partnerschaften wichtig. Nils findet, es ist auch eine Pflichtlektüre für pubertierende Jungen. Und Anne wünscht sich, dass Frauen ihren Körper nicht erst kennenlernen, wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappt. Weil die Autorinnen über den weiblichen Zyklus vor allem aus der Sicht der Betroffenen schreiben, verwenden sie nur unbedingt notwendige medizinische Fachausdrücke. Die Sprache ist locker. Ebenso das Layout. Hier merkt man die Freude am Spiel mit Typographie und Schriftgrößen. Besonders wird das Buch durch die Kollagen von Frauen und ihren Geschlechtsorganen. Die Bilder stammen aus den vergangenen 50 Jahren. Teilweise werden schwarz-weiß Fotos verwendet. Der Umgang mit dem Thema ist spielerisch. Und die leichte Verfremdung durch die Kollagen eröffnet einen neuen Blick auf das, was wir normalerweise verbergen wollen. Ähnliche Podcasts: In dem Podcast "Sheila de Liz: Woman on Fire" geht es ebenfalls um den weiblichen Körper. Hier besprechen wir einen aktuellen Bestseller über die Wechseljahre. Mehr Informationen: Luisa Stömer und Eva Wünsch fordern im Interview mit dem Stern: "Frauen, sprecht über eure Periode".

    17 min
  4. 10/14/2022

    Medizin mit Herz

    Wie kein anderer versteht es Abraham Verghese, die Medizin als eine Kunst zu beschreiben, die unser ganzes Herz und unseren ganzen Verstand fordert. Er erzählt die Geschichte adoptierter Zwillinge, die von einem indischen Ärztepaar in einem äthiopischen Missionskrankenhaus großgezogen werden. Allein schon das Setting ist ein Fest für die Sinne: die Weite der Landschaft, die an Gewürzen reiche Küche und die Musik von Tizita, die das äthiopische Lebensgefühl einfängt. Verghese, der selbst indischer Abstammung ist und in Adis Abeba aufwuchs, lässt autobiographische Erfahrungen einfließen. Wie seine Hauptfigur Marion Stone, musste er sein Medizinstudium 1974 wegen des Militärputsches unterbrechen und in die USA auswandern. In seinen Roman „Rückkehr nach Missing“ beschreibt er die Medizin als eine Leidenschaft. Marion, der die Arbeit seiner Eltern täglich im Missionskrankenhaus erlebt, übernimmt deren empathische Haltung gegenüber den Patient:innen. Und auch deren Engagement für soziale Gerechtigkeit. Denn ob im chronisch unterfinanzierten Missionskrankenhaus oder in der New Yorker Bronx: Immer noch sind die Armen und sozial Benachteiligten kränker und sterben früher. Eine Liebeserklärung an die Medizin „Rückkehr nach Missing“ ist aber nicht nur eine Liebeserklärung an die Medizin, sondern auch eine wunderbare Familiengeschichte. Und die spannungsreiche Geschichte des Zwillingspaars Shiva und Marion Stone. Vergheses Charaktere sind voller Leben und Wärme. Sie hadern mit Beziehungen, laufen weg, lieben und hassen sich – und finden doch letztlich zueinander. Bei allem auf und ab des Lebens gibt ihre Berufung zur Medizin ihnen Halt. Oder in den Worten von Verghese: “Medicine is a demanding mistress, yet she is faithful, generous, and true. […] she gives meaning to everything I do.” Ähnliche Podcasts: Auch in dem Podcast “Über meinen schizophrenen Bruder“ geht es um das liebevolle und zugleich schwierige Verhältnis eines Zwillingspaars. Hier ist der Bruder des Erzählers an Schizophrenie erkrankt. Mehr Informationen: Aktuell engagiert sich Abraham Verghese für den Fokus auf Heilung in einer Ära, in der Technologie die menschliche Seite der Medizin zu verdrängen droht. Dazu äußert er sich auch im Podcast „Medicine and the Machine“. Mehr dazu auf der Webseite von Abraham Verghese.

    51 min
  5. 10/07/2022

    Clean language: Vertraue dem Patienten

    "Clean language" ist eine wertfreie Fragetechnik, die Patient:innen dabei helfen soll, unbewusstes Wissen zu erschließen. Denn Philip Harland und seine therapeutische Schule sind überzeugt: Der Patient kennt die Lösung. In seinem Buch "Trust me, I'm the Patient" erläutert Autor Philip Harland den Ansatz seines Lehrers David Grove, der die "Clean language"-Technik entwickelte. Sie beruht auf zwei Regeln: Gehe davon aus, dass Du die Lösung nicht weißt. Und stelle Fragen, die wertfrei sind. Also frei von eigenen Annahmen, Eindrücken, Gefühlen, Suggestionen oder gar Unterstellungen. Dieser Ansatz stellt den Patienten/die Patientin in den Mittelpunkt. Der Therapeut oder die Therapeutin hat die Aufgabe einer Hebamme, die hilft, Unbewusstes zu Tage zu fördern. Indem wir uns selbst zurücknehmen und alle Aufmerksamkeit auf den Patienten/die Patientin richten, gleichen wir das Machtgefälle aus. Und wir stärken das Vertrauen des Patienten/der Patientin in den Prozess, der eigene, schlummernde Ressourcen erschließt. Achte auf Mehrdeutigkeiten und Wortspiele Nach dem Theorie-Teil des Buchs folgt ein praktischer Teil, in dem Harland exemplarisch therapeutische Gespräche wiedergibt. Er stellt einen großen Katalog an "Clean language"-Fragen zur Verfügung. Dabei sensibilisiert Harland, der auch als Drehbuchautor tätig ist, für Mehrdeutigkeiten und Wortspiele. Er ermutigt, nachzufragen, um die "Parallelwelten" im Unterbewussten zu erschließen. Denn aus der Fülle der Assoziationen, Empfindungen und Erfahrungen können wir jeweils nur Teilaspekte mit Sprache kommunizieren. Ein Schlüssel zum Unbewussten sind für Philp Harland Metaphern. "Wenn wir davon ausgehen, dass Metaphern eine kodierte Botschaft sind, dann ist Clean language die Formel, um den Code zu entziffern", so Harland. Und mit diesem Wissen eröffnen wir unseren Patient:innen die Möglichkeit zu heilen und sich zu ändern. Selbst wenn man den Ansatz nicht als einzig zielführenden ansieht, lohnt sich die Lektüre unserer Meinung nach für jeden, der therapeutisch arbeitet. Denn das Buch regt dazu an, sich kritisch damit auseinander zu setzen, welchen Einfluss wir auf unsere Patient:innen nehmen. Wobei anzumerken ist, dass therapeutisches Handeln unserer Ansicht nach nicht ohne eine - wie auch immer geartete - Beziehung zu unseren Patient:innen möglich ist. Mehr über Clean language Die deutsch Sprache ist nicht so vieldeutig wie die englische. Deshalb kann es unter Umständen schwierig sein, die grundlegenden Fragen des Clean language ins Deutsche zu übertragen. Vorschläge für deutsche Formulierungen finden sich hier. Mehr über Clean language auf englisch auf der Webseite von Penny Tompkins und James Lawley. Ähnliche Beiträge Auch Michelle Weiner Davis geht davon aus, dass Patient:innen die Lösung ihres Problems kennen. Sie nimmt jedoch bewusste Einfluss auf die Wahrnehmung ihrer Klient:innen, indem sie ihnen aufzeigt, wo sie bereits erfolgreich etwas verändert haben. Und sie dazu ermutigt, Neues auszuprobieren. Zum Podcast Ändere Dein Leben!- Aber wie?

    37 min
  6. 06/26/2022

    East reads West

    Einen schizophrenen Bruder zu haben, ist für seinen Zwilling Dominik schwer. Solange er denken kann, fühlt er sich für Thomas verantwortlich. Er befürchtet, die Krankheit könnte auch bei ihm ausbrechen. Und er hat Wut und Schuldgefühle, weil er sich nach einem ganz "normalen" Leben sehnt. Die Zwillinge Dominik und Thomas wachsen mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater im amerikanischen Bundesstaat Connecticut auf. Thomas, der schizophrene Bruder des Erzählers, zieht zu Beginn der Geschichte mit einer drastischen Tat die Aufmerksamkeit auf sich: Aus Protest gegen Amerikas Eintritt in den Golfkrieg schneidet er sich in der öffentlichen Bücherei des Ortes eine Hand ab. Domenik, der sich seit er denken kann für den Bruder verantwortlich fühlt, kommt an den Rand seiner Kräfte. Über sechs Monate kämpft er darum, seinen schizophrenen Bruder aus der psychiatrischen Hochsicherheitsklinik herauszuholen. Und lernt dabei die indische Psychiaterin Dr. Patel kennen. Für Nils ist Dr. Patel das Vorbild einer guten Therapeutin. Mit Gelassenheit, Humor und Weisheit begleitet sie ihre Patienten. Sie versteht, dass nicht nur ihr schizophrener Patient Thomas "sich im Wald verlaufen hat", sondern auch der Bruder. In Rückblende erfährt der Leser/die Leserin die Geschichte der Familie. Da ist der italienische Großvater, der sich in Amerika hochgearbeitet hat. Es kommt Dominiks und Thomas Verhältnis zu Mutter und Stiefvater zur Sprache. Das Geheimnis um den unbekannten Vater. Und Dominiks gescheiterte Ehe. Wally Lamb erzählt überzeugend die Geschichte von Dominiks Wut und Verzweiflung. Von Schuldgefühlen und erdrückender Verantwortung. Vom seinem Wunsch stark zu sein, der ihn von Trauer- und Verlustgefühlen abschneidet. Es ist eine Geschichte voller starker Gefühle. Mit allen Hochs und Tiefs des realen Lebens. Und eine Geschichte der Heilung. Des Ganzwerdens. Denn am Schluss findet Dominik, wie der Held im Märchen, seine wahre Identität. Über Wally Lamb Wally Lamb ist ein Autor, der schwierige Themen mit großer Menschlichkeit und Warmherzigkeit erzählt. Er hilft unter anderem Frauen im Gefängnis, sich über das Schreiben mit ihrer ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. In seinem dritten Buch erzählt Wally Lamb die Geschichte eines Amokläufers: Wally Lamb und der Wahnsinn der Welt Ähnliche Beiträge Michael Greenberg: Der Tag an dem meine Tochter verrückt wurde. Und Oliver Sacks: Mein Leben. Im Podcast Ausflug in die Psychiatrie.

    46 min
  7. 01/11/2022

    Wer ist ein guter Therapeut?

    Ein guter Therapeut hat eine liebevolle Beziehung zu seinen Patienten. So die Essenz der Bücher von Scott Peck und Irvin Yalom. Beide sind amerikanische Erfolgsautoren, die sich auch mit Romanen einen Namen gemacht haben. Irvin Yalom gilt als einer der bekanntesten amerikanischen Psychiater. In seinem Buch "Der Panama-Hut" fasst er die Lehren seines Lebens in 85 Lehrsätzen zusammen. So räumt er auf mit der Vorstellung, dass der Therapeute eine "leere Leinwand" für die Projektionen seiner Patientin sein soll. "Seien Sie Sie selbst". "Lassen Sie zu, dass Ihr Patient Ihnen wichtig ist." "Nutzen Sie Ihre eigenen Gefühle als Arbeitsmaterial." Damit gibt Yalom aber keine Technik vor. Vielmehr ermutigt er, mit dem zu arbeiten, was sich hier und jetzt zeigt. "Kreieren Sie für jeden Patienten eine eigene Therapie." Scott Peck, geboren 1931, war der "Psychiater der Hippie-Bewegung". Er hat die New Age-Bewegung mit angestoßen. Der Erfolg seiner Bücher beruhte darauf, dass spirituelles Wachstum als Ziel des menschlichen Lebens ansah. Und die Therapie als Weg, sich auf dieses Ziel hin zu bewegen. Obwohl Peck es ablehnte, ein Guru zu sein, hatte seine Popularität auch kultische Aspekte. Sein Buch "Der wunderbare Weg" gliedert sich in vier Abschnitte: Disziplin, Liebe, Wachstum und Religion und Gnade. Der liebende Therapeut Disziplin brauche der Mensch, um an sich zu arbeiten. Es bedeute, die Komfortzone zu verlassen und sich seinen Ängsten zu stellen. (Selbst-)Liebe und die Liebe des Therapeuten ist nach Peck die zweite Zutat für spirituelles und menschliches Wachstum. Peck sagt: Liebe ist der Wille, das Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen zu nähren. Der Therapeut muss dabei auch bereit sein, unsicheres Terrain zu betreten. Was Peck über Religion und Gnade schreibt, diskutieren wir im Podcast kontrovers. Auch wenn wir aus diesem Abschnitt des Buches einiges hinterfragen, ist es Scott Peck zu verdanken, dass Reliogion und Spiritualität in der Therapie einen Platz haben. Links Tara Brach: Radikales Selbst-Mitgefühl

    1h 3m
  8. 11/03/2021

    Generation beziehungsunfähig

    Michael Nasts „Generation beziehungsunfähig“ war einer der erfolgreichsten deutschen Online-Texte des Jahres 2015 und wurde in der ersten Woche von über einer Million Menschen gelesen. Mit seinen gleichnamigen Bestseller löste er eine landesweite Kontroverse über die vermeintliche Liebesunfähigkeit der Generationen Y aus. Wir kontrastieren diesen Bericht mit John Gottmans "Die sieben Geheimnisse einer glücklichen Ehe". Der amerikanische Professor für Psychologie behauptet, dass er schon nach 5 Minuten, die er einem Ehestreit zuhört, voraussagen kann, ob die Beziehung halten wird. Der Kolumnist Nast bezeichnet sich selbst als „Beobachter und Erzähler“. Er versteht sein Buch nicht als Ratgeber. Viele Leser schrieben ihm aber, er hätte ein vages Gefühl, das sie beschlich, in Worte gefasst. Als Therapeut:innen lernen wir etwas über Lebensgefühl der 1975er Generation, die offenbar auch mit 40 Jahren noch stark mit sich selbst beschäftigt ist und dadurch beziehungsunfähig. Nast kritisiert zwar den Narzissmus und die Selbstinzinierung, die innere Leere und die Unfähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber ganz oft schiebt er die Verantwortung dafür auf „das System“. So schreibt er „Egoismus, kompromisslose Selbstverwirklichung, das Denken in Idealzuständen, also das Streben nach Perfektion, die Unverbindlichkeit in Freundschaften und Beziehungen – das sind alles Anforderungen, die das System sich wünschen würde, damit wir bestmöglich funktionnieren.“ (S. 236) Als Kinder der geburtenstarken 1960er Generation wundern wir uns. Warum fällt es der Generation Y und auch unseren Kindern der 1990er Jahre zunehmend schwerer, Verantwortung zu übernehmen? Ist sie wirklich so beziehungsunfähig wie Nast sie beschreibt? Und welchen Anteil haben wir daran als Eltern? Verantwortungsvoll statt beziehungsunfähig Kritik, Verachtung, Rechtfertigung und Mauern – das sind die "vier apokalytischen Reiter", die laut John Gottman anzeigen, dass eine Ehe oder Beziehung in Gefahr ist. Das hat der Psychologe in mehr als 16 Jahren mit seinem "Ehelabor" beobachtet. Paare verbringen ein Wochenende in einem als Wohnung eingerichteten Labor. Sie werden gefilmt, während sie sich streiten. Tauchen die apokalyptischen Reiter auf? Werden „Rettungsversuche“ unternommen? Bemerkt der andere Partner den Versuch zur Deeskalation? Wie hoch ist der Stress-Level (Herzfrequenz, Cortisol-Spiegel) bei Männern im Vergleich zu Frauen? Was sind die Geheimnisse einer glücklichen Ehe? Gottman räumt mit der weit verbreiteten Vorstellung auf, dass verbesserte Kommunikation allein eine Ehe rettet. Sie ist zwar ein wichtiger Bestandteil, aber Gottman hat noch weitaus mehr zu bieten: Die "Partnerlandkarte" auf den neusten Stand bringen. Sich zuwenden und füreinander interessieren. Zuneigung zeigen. Lösbare Probleme lösen und mit unlösbaren Frieden schließen. Gemeinsame Werte und gemeinsamer Sinn. Das Buch enthält viele Tests in Form von Fragen, an deren Beantwortung man ablesen kann, wie es im bestimmten Bereichen um die eigene Ehe oder Beziehung steht. Darauf folgen praktische Übungen. Es geht etwa um Erfahrungen in der Herkunftsfamilie und wie sie uns gegenwärtig prägen. Oder um Rollenverständnis, Rituale und Werte. Die „magischen fünf Stunden“, die Paare einander wöchentlich widmen sollten, um ihre Beziehung zu pflegen, vereinen alle 7 Geheimnisse. Zusätzlich gibt er Paaren ein Frühwarnsystem mit, den „Ehe-Stinkbomben-Detektor“. Das Buch ist ein wunderbarer praktischer Leitfaden für Therapeut:innen und Paare, die ihre Beziehung dauerhaft verbessern möchten. https://eastreadswest.de/wp-content/uploads/2021/10/RS_HardyPodCast_Nast-Gottman_01.mp3 Links Podcast Stahl aber herzlich, Folge: Generation beziehungs(un)fähig mit Michael Nast thematisch ähnliche Podcasts in East reads West Trennt Euch! Nein, bleibt zusammen Nichts ist so erotisch wie eine Affäre. Und so erschütternd.

    1h 3m
  9. 07/21/2021

    Ausflug in die Psychiatrie

    Es ist ein drückend heißer Sommer in New York, als Autor Michael Greenberg mit seiner Tochter in die Psychiatrie fährt. Die 15jährige Sally benimmt sich auffällig, aber vielleicht hat sie mit Party-Drogen experimentiert. An diese Erklärung klammert sich Greenberg. Ungläubig nimmt er die Diagnose einer psychiatrischen Störung auf. Mit einer schonungslosen Offenheit und großer Feinfühligkeit beschreibt Greenberg, wie er und seine Familie die nächsten Wochen und Monate den Alltag mit Sally in der Psychiatrie. Der Aufenthaltsraum wird zur "Piazza", auf der sie sich zum Picknick treffen. Greenberg schildert seine Verzweiflung, Sally unter dem Einfluss der stark beruhigenden Medikamente nicht mehr erreichen zu können. Sie nennt ihn nicht mehr "Daddy", sondern "father". Er erlebt Schuldgefühle - auch bei Sallys Bruder und Großmutter. Scham gegenüber der Nachbarin. Und vor allem schreibt er über die ausdauernde, geduldige und verzweifelte Liebe eines Vaters, die ihn an die eigenen Grenzen bringt. "Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde" ist anrührend und sehr gut erzählt. Als Schriftsteller Greenberg weiß Greenberg, wie man eine gute Geschichte erzählt. Es gibt darin auch komische und alltäglich verrückte Szenen. Zugleich öffnet sein Buch die Augen für die Situation von Eltern und Angehörigen, deren Kind eine Psychose entwickelt. Auf der Suche nach Ursachen hat Greenberg auch die Fachliteratur konsultiert. Er will verstehen, wie es dazu hat kommen können und was in seiner Tochter vorgeht. Das geht soweit, dass er im Selbstversucht die volle Dosis ihrer Medikamente einnimmt. Als Therapeutinnen und Therapeuten gibt uns das Buch einen sehr lesenswerten Einblick in die Gefühlswelt eines betroffenen Vaters. Psychiater auf dem Motorrad Wie kein anderer hat Oliver Sacks mit seinen populärwissenschaftlichen Büchern über psychiatrische Patient:innen vielen Menschen die Augen geöffnet. Sein Fokus liegt dabei vor allem auf Fehlfunktionen des Gehirns, die zu seltsamen Erscheinungen führen. Etwa, dass ein Mann seine Frau mit einem Hut verwechselt. So der Titel einer Sammlung von Fallbeispielen, die viele Menschen weltweit anrührte. Und mindestens ebenso viele schrieben Sacks, sie hätten in seinen Bücher zum ersten Mal von ihrem eigenen Leiden gelesen, das sie bisher aus Scham verschwiegen hätten. Aus seiner "wilden Phase" in Californien, wo Sacks sein Medizinstudium abschloss, sind Sacks Sinnestäuschungen aus eigener Erfahrung bekannt. Er war einige Jahre von Amphetaminen abhängig und hätte sich als junger Facharzt mit seiner Sucht fast zugrunde gerichtet. In seiner Autobiografie "On the move" berichtet er, dass einige der Fallgeschichten seine eigenen Erfahrungen in verfremdeter Weise berichten. Sacks, der aus einer britisch-jüdischen Ärztefamilie stammt, ist begabt. Als junger Mann ist er einsam. Seine Homosexualität kann er nicht ausleben. Als Ausgleich zum Klinikalltag fährt er mit dem Motorrad weite Strecken, quer durch Amerika. Nach einem fehlgeschlagenen Versuch in der Forschung entdeckt er schließlich seine Berufung in der Psychiatrie und Neurologie, als er mit Patient:innen arbeitet, die die europäische Schlafkrankheit überlebt haben. Seit Jahren leben sie in einem Dämmerzustand. Vergessen von der Gesellschaft und beinahe auch von ihren Familien. Greenberg holt diese Menschen wenigens Zeitweise ins Leben zurück. Er filmt sie und schreibt über sie. Das ist er Anfang einer ganzen Reihe populärwissenschaftlicher Bücher, die ihn berühmt gemacht haben. Sein Blick auf das Individuum ist aus unserer Sicht vorbildlich für eine menschliche Psychiatrie. Zugleich eröffnen uns Sacks Bücher den Blick für die Wunder des Gehirns, die oft erst sichtbar werden, wenn es nicht optimal funktioniert. Links Podcast Radikales Selbst-Mitgefühl (Tara Brach, Chris Germer) Film "Awakenings" von Oliver Sacks über die Überlebenden der Schlafkrankheit https://www.youtube.com/embed/4H9ul7pqezs

    42 min
  10. 06/20/2021

    Desiderata

    Das Gedicht Desiderata begleitet Nils seit seiner Jugend. Er hat es in seiner Praxis im Regal neben der Liege stehen, so dass sein Blick mehrmals am Tag darauf fällt. Das Prosagedicht Desiderata des Poeten und Rechtsanwalts Max Ehrmann aus Indiana, USA, gilt als ein Meisterwerk der amerikanischen Dichtung. Der lateinische Begriff Desiderata heißt übersetzt „Herzenswünsche“ oder „ersehnte Dinge“. Ehrmann formuliert diese in poetischer Form als Lebensweisheiten und Lebensregeln. Gerade wegen seiner kurzen, einfachen und prägnanten Wortwahl in Kombination mit der ausgereizten poetischen Nutzung der amerikanischen Sprache gelingt es Max Ehrmann, einen direkten Zugang zum Herzen des Lesers zu finden. Das Gedicht der Hippies Das Gedicht aus dem Jahr 1927, auch als „Gebet von Baltimore“ bekannt, verbreitete sich in der Zeit der Hippies im Bezirk von San Francisco, wo es sich großer Beliebtheit erfreute. Selbst vielen Politikern diente Desiderata als Wegweiser. Seinem Weltruhm begründete dann in späteren Zeiten die Aufnahme von Leonard Nimoy, dem Schauspieler von Spock im Raumschiff Enterprise. Auch heute noch gilt es als eines der inspirierendsten Schriften der Moderne. Im Podcast tauschen Nils von Below und Anne Hardy sich darüber aus, was sie an dem Gedicht anspricht. Seine Weisheiten ähneln denjenigen, die uns in der östlichen Philosophie begegnen: Frieden in der Stille zu finden, sich selbst treu zu sein und nicht mit anderen zu vergleichen. Ehrmann empfiehlt das, was die alten Chinesen den "Weg der Mitte" nannten: "Stärke die Kraft Deines Geistes, so dass sie Dich schützt, wenn ein Schicksalsschlag Dich trifft. Doch halte Deine Fantasie im Zaum, damit sie Dich nicht in Sorge versetzt." Oder er rät, weder zu gutgläubig zu sein, noch blind zu sein für tugendhafte Menschen. Desiderata ist eine Liebeserklärung an das Leben. Ein Kompass, der uns auf Kurs hält. Auch und besonders über ein langes Berufsleben als Therapeutinnen und Therapeuten. "Bleibe an Deinem beruflichen Fortkommen interessiert, wie bescheiden es auch sein mag. Es ist ein echter Besitz in den Wechselfällen der Zeit." Links: Desiderata: Text in deutscher Übersetzung Desiderata, gelesen von Leonard Nimoy

    35 min

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Westliche (Fach-)Literatur für östliche Therapeuten

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