im Rahmen der internationalen Studienwoche an der Hochschule Luzern Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, Sie hören’s schon an der Anrede: Ich gehöre einer untergehenden Welt an. Tatsächlich ist das ein Thema, das mich seit langer, langer Zeit begleitet – und wenn Sie sich in dieser Studienwoche mit der »Frage der sozialen Arbeit angesichts antidemokratischer Gesellschaftstendenzen« beschäftigen, dann sehen wir, dass eine dunkle Woke über uns heraufgezogen ist, aber es gibt kaum jemanden, der plausibel erklären kann, warum das eigentlich passiert ist. Dieses große Warum zu erhellen und der Frage nach den Gründen für das grassierende Unbehagen in unserer Kultur nachzugehen, wäre die Aufgabe – denn ist die Krankheit unbekannt, sieht’s mit der Behandlung doch eher schlecht aus. Da laboriert man halt an den Symptomen… Also: Warum? Und was ist da eigentlich passiert? Von Goya gibt es einen wunderbaren Bildtitel, nämlich: »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«. Wenn wir das für einen Moment einmal, als gedankliche Hypothese, stehenlassen, dann wäre abzuleiten, dass sich unsere derzeitigen Kalamitäten auf einen Schlaf der Vernunft zurückführen lassen. Das führt uns gleich zu einem weiteren großen Psychologen, Nietzsche nämlich, der den wunderbaren Gedanken notiert hat: »Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.« Das ist, wie ich denke, eine präzise Beschreibung unserer heutigen politischen Diskurse. Denn wenn Sie sich umschauen, dann sehen Sie, ob links oder rechts, lauter Menschen, die sich an irgendwelchen Ungeheuern festhalten – und die sich dabei selbst, ganz unversehens, dem annähern, was sie da eigentlich bekämpfen wollen. Man könnte das, mit Hans Magnus Enzensberger, einen »molekularen Bürgerkrieg« nennen – in jedem Fall haben wir es mit einem Verlust an Zivilität zu tun, den ich in meinem ganzen, nicht mehr ganz jungen Leben so zuvor nicht habe feststellen können. Aber ich will mich hier gar nicht mit Details aufhalten, sondern möchte gleich ins abgründige Thema hineinspringen: Was ist passiert? Oder genauer: Was haben wir eigentlich verschlafen? Wenn wir das so nehmen, wird die Geschichte plötzlich interessant. Denn es stellt sich die Frage, ob die Erzählung, die wir als Wirklichkeit ausgeben, überhaupt noch Relevanz besitzt – und Sie mit lebbaren, praxistüchtigen Handlungsoptionen ausstattet. Hier schon setzt mein erster Zweifel an. Denn wenn Sie einen Zeitgenossen, genauer: einen Intellektuellen fragen, wie er sich unsere Welt in 10, 20 Jahren wohl ausmalen wird, wird er Ihnen entgegnen, dass er schön froh wäre, wenn er das nächste Jahr überblickte. Ein Beispiel: ich habe vor nicht allzulanger Zeit, im Rahmen eines Symposions zur Zukunft der Bildung, vor gut 100 Bildungsphilosophen einen Vortrag gehalten – und das Bemerkenswerte war: ich war der einzige, der eine positive Vision entworfen hat – wohingegen die Titel der anderen Vortragenden lauteten: Die Zukunft schrumpft, oder ärger noch: Wer hat mir meine Zukunft gestohlen? Ruft man sich ins Gedächtnis, dass die Aufgabe des Bildungsphilosophen darin bestünde, sich über der Lernen der Zukunft im Klaren zu sein, ist das Schrumpfen der Aufmerksamkeitsspanne auf die reine Gegenwart, ärger noch, das Abgleiten ins Ressentiment, fast grotesk – kann eine jede Rede darüber nur wortreiche Maskierung einer Unterlassungssünde sein. Diese Gedankenblockade artikuliert sich als Lähmung, so als wachte man gerade aus einem Alptraum auf. Ja, es scheint geradezu, als ob viele Menschen die Gegenwart überhaupt als eine Art Alptraum auffassten – was ein Philosoph auf die paradoxe Formel gebracht, nämlich, dass es einfacher sei, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. So betrachtet erscheint die Apokalypse, das Ende der Welt, wie eine Wunschvorstellung ist – der Wunsch, dass dieser Alptraum, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, endlich ein Ende haben möge. Aber ich will mich gar nicht lange mit Spekulationen aufhalten. Ich würde behaupten, dass der tiefste Grund für unser Unbehagen die Erschütterung ist, die mit der digitalen Kultur einhergeht – und weil ich einige Bücher zur Philosophie und zur Kulturgeschichte der Maschine geschrieben habe, bin ich mir deutlich bewusst, dass unseren Eliten noch nicht einmal in Ansätzen klar ist, was ihnen da widerfahren ist. Dies nebenbei ist der Grund, warum die Grundsätze, die man Ihnen in der Schule hat beibringen wollen, keine wirkliche Vorbereitung sind für das, was Ihnen in den nächsten Jahren bevorstehen wird. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die KI einen nicht geringen Teil unserer White Collar Jobs überflüssig machen, genauer: sie in den Arbeitsspeicher, ins Museum der Arbeit überführen wird, ist klar, dass plötzlich große Teile unserer Gesellschaft mit einer höchst realen Entwertungsdrohung konfrontiert sind. Und das ist nicht einmal ein ferner Zukunftsprospekt, sondern widerfährt Ihnen schon jetzt. Wenn der Professor, dem Sie eine Bachelor- oder Master-Arbeit vorlegen, diese nicht liest, weil er ohnehin davon überzeugt ist, dass sie mit ChatGPT verfasst worden ist, stellt sich die Frage, ob die Zeugnisse, die man Ihnen am Ende aushändigt, noch das Papier wert sind, auf das sie gedruckt sind – was, wenn Sie wie in Amerika üblich, mit zweihunderttausend Dollar Schulden aus Studiengebühren dastehen, eine durchaus existenzielle Frage sein kann. Lassen Sie mich dazu eine kleine Geschichte erzählen, die deutlich macht, dass nicht einmal diejenigen, die sich unsere schöne, vernetzte Welt ausgedacht haben, sich über die Konsequenzen im Klaren waren. Die Geschichte handelt von Robert Metcalfe, der unsere Computerwelt mit dem Ethernet bestückt hat – also der materiellen Voraussetzung dessen, was sich dann später in Gestalt des Internets realisiert hat. Metcalfe ist im übrigen auch dafür verantwortlich, was wir den Netzwerkeffekt nennen, oder je nachdem, scalability, Skalierbarkeit. Dem wohnt, was den meisten Menschen nicht klar ist, durchaus eine politische Dimension inne. Nicht wahr, wenn Sie sich die Welt Ihrer Eltern, die Welt der Repräsentation in Erinnerung rufen, da gab es soetwas wie eine top-down-Logik – one-to-many, und da gab es die Eliten, die sich als Wächter des guten Geschmacks usw. betätigt haben. In unserer vernetzten Welt gelten diese Regeln nicht mehr. Denn nunmehr kann jedermann sich nach Belieben artikulieren und – nicht selten hinter einer digitalen Tarnkappe versteckt – die wildesten Dinge in die Welt hinausposaunen. Man nennt das, je nachdem, ein bottom-up oder dezentrales Kommunikationssystem - und das ist die Welt, in die Sie als digital natives hineingeboren sind. Aber was ist hier, neben der Tatsache, dass wir es mit einer totalen, doch eigentlich begrüßenswerten Demokratisierung der Öffentlichkeit zu haben, das Neue? Gehen wir’s systematisch an. Wenn ich mich mit einem anderen Menschen vernetze – dann verfügen wir beide, er und ich, über genau eine Verbindung. Stellen wir uns nun vor, es käme ein Dritter hinzu, hätten wir genau drei Verbindungen. Bei Vieren wären es 6, bei 5 Personen 10 Verbindungen. Tatsächlich können wir das mathematisch formalisieren: Wir nehmen die Anzahl der Verbindungen – sagen wir hundert - und multiplizieren dies mit x-1, das wären also 100*99 = 9900 – und wenn wir das durch 2 teilen, haben wir die genaue Zahl von Verbindungen vor uns, die in diesem Netzwerk möglich sind, nämlich 4450. Das klingt noch nicht sonderlich beeindruckend, aber wenn Sie eine Stadt wie Luzern nehmen, die 85.534 Einwohner zählt, dann ergibt dies grob 3 Milliarden 658 Millionen Verbindungen. Vergleichen Sie das mit der alten Welt. Wenn Sie die Auflage der Luzerner Zeitung nehmen, die früher einmal Waldstädterbote hieß, haben Sie 98.000 Verbindungen – und diese Zahl nimmt sich, verglichen mit 3,7 Milliarden potenzieller Luzerner Kommunikationbsverbindungen geradezu lächerlich aus. In jedem Fall sehen wir uns einem Medienbruch gegenüber, einer medialen Disruption. Lassen Sie uns für einen Moment vorstellen, die Stadt Luzern hätte nun einen veritablen Influencer-Star, der nicht bloß (wie Leon Isek) Kissenschlachten für einen TikTok-Ruhm organisiert, sondern allen Luzernern am Herzen läge, so sehr, dass jeder seinen Account subskribiert hätte – dann hätte dieser Account mit seinen potenziell 3,7 Milliarden Verbindungen ein unglaubliches Gewicht. Und dieses geht schwerlich mit dem Gleichheitsgrundsatz der Demokratie, der Logik des One Man One Vote zusammen. Ich bin ziemlich sicher, auch wenn Ihnen der Netzwerkeffekt und die Formel dahinter unbekannt, so wissen Sie allesamt, wovon ich rede. Wenn ein großer Prozentsatz Ihrer Generation, nach dem Berufswunsch gefragt, erklärt, man wolle Influencer werden, so haben Sie diese Logik, nein, nicht mit der Muttermilch, sondern über Ihr Smartphone-Display in sich aufgenommen. Zurück aber jetzt zu Robert Metcalfe, der dies technisch möglich gemacht hat. Der war, als er die Computer vernetzen wollte, das war um 1971 herum, ein junger Mann von gerade 25 Jahren - und er arbeitete in einem Computerlabor des Kopiermaschinenherstellers Xerox in Palo Alto. Außer ihm waren da eine ganze Reihe anderer Computernerds präsent: da waren die beide Adobe Gründer Warnock und Geschke, da war der Ur-Programmierer des Word-Textverarbeitungsprogramms Charles Simonyi usw. Man hätte sich also durchaus vorstellen können, dass all diese Computernerds begeistert, ja, geradezu enthusiasmiert auf die Möglichkeit, sich lokal zu vernetzen, reagiert hätten. Aber das war keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Man unternahm alles, um dem bedauernswerten Robert Metcalfe das Leben schwer zu machen. Und warum? Was war der Grund für diese Animosität? Auch das ist nicht schwer zu b