Erzählkünstler

Volker Drüke

In diesem Podcast werden regelmäßig vorgelesene Novellen und Erzählungen präsentiert. Es geht also um Literatur, aus urheberrechtlichen Gründen um jene vergangener Jahrhunderte. Die Texte wurden meist von Schauspielerinnen und Schauspielern eingelesen, und das, was zu hören ist, befindet sich auf professionellem Niveau. Zunächst jeden Dienstag, ab März 2024 jeden zweiten Dienstag gibt es Neues aus der reichhaltigen und vielfältigen Welt der Literatur. Ein Erlebnis für alle, die sich gerne etwas vorlesen lassen.

  1. Jun 22

    "Am Südhang" (Eduard von Keyserling) (Teil 1)

    Der Sommer hat begonnen. Und nun gibt es in diesem Podcast denn auch die passende Geschichte. Eduard von Keyserlings Novelle „Am Südhang“ spielt – stets von sommerlicher Schwüle begleitet – in und an einem Landhaus, wo sich die Familie des Protagonisten mit einer Gesellschaft umgibt, in die sich ein paar Adelige und eben auch Karl Erdmann mischen. Aus seiner Perspektive wird erzählt, und wie hier erzählt wird! Gerade zum Leutnant ernannt, „hatte (er) das Gefühl, als sei etwas Neues in ihm; das ihn zu einem andern machte, zu einem, der mehr Recht auf Liebe, Bewunderung und alles Gute der Welt hatte als der frühere Karl Erdmann“. So subjektiv bleibt die Erzählhaltung, doch niemand und nichts wird bewertet, beurteilt, trotz der spürbaren Distanz der Erzählstimme zur Dekadenz der Aristokratie. Manchmal weiß man nicht, ob Keyserling seine wortreichen Beschreibungen von Szenen und Figuren (in ihrer für heutige Gewohnheiten sehr impressionistisch wirkenden Art) ernst meint oder ob das alles Ironie ist. Das muss man/frau auch nicht wissen. Es kann offen bleiben. Stattdessen können wir diese Darstellungen, die ausnahmslos von hoher literarischer Qualität sind, genießen. Was für eine feine Figurenzeichnung! Was für ein eigentümlicher Humor! Was für zwischenmenschliche, auch erotische Verwicklungen werden hier zum Thema, mal in symbolischer, mal in humoristischer Weise dargestellt, ohne in die Komödie abzudriften. Was für grandios-komische Annäherungs- und fast schon übertrieben tragische Abschiedsszenen! Zudem bleibt dieser Text aus dem Jahr 1911 immer spannend, da subtextuell lange ein Geheimnis beherbergt und bewahrt wird. Dass Karl Erdmann zu einem Duell antreten muss, wissen nur wenige Eingeweihte – und wir, die Leser und Hörerinnen dieser einzigartigen Erzählung. Das alles ist sehr klug und ästhetisch schön gestaltet. Ein Meisterwerk der Novellistik! Keyserlings „Am Südhang“ wird ab heute in vier aufeinanderfolgenden Teilen veröffentlicht und von Heide Bertram gelesen – und das in einer Weise, als wäre sie ein unsichtbarer Gast gewesen, eine Zeugin der Geschehnisse rund um das Landhaus, und würde uns nun davon erzählen.

  2. Jun 8

    "Der Zug hat gepfiffen" (Luigi Pirandello)

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird immer häufiger der Büroangestellte zum Thema literarischer Erzählungen. Berühmt in deutscher Sprache natürlich die vielen Kafka- und Walser-Figuren, die vor der Kulisse der Sorgfalt, Ordnung und Disziplin oftmals in irgendwelche Schwierigkeiten geraten, die sie sich zuvor aus ihrer sicheren Schreibtisch-Perspektive gar nicht hätten vorstellen können. Auch Luigi Pirandellos Figur Belluca wirkt in jener Novelle, die wir heute vorstellen, merkwürdig, sein Gesicht zeigt einen anderen Ausdruck als üblich. Und sein Chef beklagt sich schließlich darüber, dass sein Angestellter den ganzen Tag über nichts erledigt hat. Die Kollegen lachen über ihn – zunächst. Doch dann ... Belluca erzählt von einem Zug, den er in der Nacht zuvor pfeifen gehört und gesehen hatte, ja ihm hinterhergelaufen war. Und da regte sich in ihm die Sehnsucht: „Viel, viel ferne Welt, der jener Zug entgegenfährt. Florenz, Bologna, Turin, Venedig“, erzählt der Erzähler. Es sei eine „wiedergefundene Phantasie“. Doch eine solche Phantasiewelt ist nicht bürofähig. Der Erzähler klärt uns auf, er klärt den sozialen Hintergrund des Ganzen, die Vergangenheit, das elende Zuhause. „Geheul und Gebrüll“ jeden Abend. Enge. 13 Menschen in ’ner knappen Wohnung: 5 Frauen (3 sehr alt und erblindet), 7 verwaiste Kinder. Und Belluca, der Alleinverdiener, der kaum schläft, weil er zusätzlich nachts arbeitet. „Abschreibeaufträge“ – wie Bartleby (ein weiterer bedeutender Büroarbeiter in der Weltliteratur). Für den Erzähler ist der Ausbruch der psychischen Störung eine natürliche Folge der bitteren sozialen Umstände, in denen Belluca leben muss, der „buchstäblich vergessen (hatte), dass die Welt existierte“ – bis er den Zug pfeifen hört, als Signal des Beginns eines neuen inneren Lebens. Seine Imaginationsfähigkeit („ein wenig Weltluft zu atmen“) ist ihm dann mehr als Trost, sie ist die Öffnung einer kompensatorisch wirkenden Welt, die sein Leben erträglicher macht. Und die Idee des Erzählers, dass Belluca im Büro doch die Erlaubnis erhalten könnte, zwischendurch imaginär nach Sibirien oder in den Kongo zu reisen, ist äußerst human und humanistisch. Doch leider unrealistisch. Belluca landet in der psychiatrischen Anstalt. „Der Zug hat gepfiffen“ ist eine starke Erzählung, sehr realistisch wirkend, im Sprachduktus geradezu sachlich, fast kühl daherkommend. Luigi Pirandello publizierte sie in Italien zuerst im Jahr 1922 und wird hier gelesen von Volker Drüke.

  3. May 11

    "Acht Uhr" (Robert Walser)

    Es ist eine Eigenart der Literatur, der Kunst überhaupt, dass sie Bekanntes, Gewöhnliches, Banales, alle Dinge des Lebens neu betrachtet, aus einer anderen Perspektive. Somit sollte es uns nicht überraschen, dass auch mal eine Uhrzeit literarisch porträtiert wird. Tut es aber doch, denn es ist schon komisch im besten Sinne, wenn Robert Walser in seinem Text „Acht Uhr“ von ihrer „Unerbittlichkeit“ schreibt und davon, dass sie nicht „nach persönlichem Gefühl, Geschmack oder Belieben“ fragt. Morgens sei sie „die Treibende, Zwingende“ – die tätigen Menschen eilen an ihre Arbeits- oder Studierstätten. Abends werde „auch geeilt, aber auf eine andere Art, in einem anderen Gewande“. Das Konzert beginnt, das Theaterstück. Diese zweite Acht-Uhr-Art „glitzert, während die andere scheinbar ohne Schimmer ist“. Die am Abend befiehlt nicht, sie „ladet mehr ein“ (sic!). Walser ist ein Schriftsteller mit einer eigentümlichen Sprache und äußerst unterhaltsamen Verrücktheiten. Zu Lebzeiten blieb er von der Öffentlichkeit fast ebenso wenig beachtet wie das, worum dieser Text kreist. Im Leben neben dem Schreibtisch quälten diesen Autor bald Angst und Halluzinationen. Er suchte freiwillig – auf Anraten seines Arztes – eine psychiatrische Klinik auf, blieb dort und schrieb weiter. Bis zu seinem Tod. Was uns bleibt, sind vier Romane und etliche kurze Prosatexte. Einen dieser präsentieren wir heute. „Acht Uhr“ ist exakt 100 Jahre alt und wird hier vorgetragen von Volker Drüke.

  4. Apr 27

    "Stuck ... stuck .. stuck! ..." (Iwan S. Turgenjew)

    In den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts gab es in Russland eine breite intellektuelle Strömung, die das individuelle Leben als komplett determiniert ansah. Da war einfach nichts zu machen, wenn die Sterne für einen schlecht standen, das Schicksal es nicht gut mit einem meinte. Iwan Turgenjews Geschichte „Stuck ... stuck ... stuck! ...“ spielt gewissermaßen mit diesem Gedankengut, das höchstwahrscheinlich vielen Menschen das Leben unnötig vergraulte, vielleicht auch versaute. So auch dem Protagonisten in Turgenjews Erzählung. Tegljows Fatalismus versperrt ihm vollkommen den Blick auf die Wirklichkeit des Geschehens. Zahlenmystik, Astrologie, das übliche Programm des Determinismus bestimmt seine emotionale Verfasstheit, dies dann auch im psychopathologischen Sinne: So ist Tegjlows Braut sicher an Cholera gestorben – für ihn steht aber fest, dass sie Selbstmord beging, aus Frustration darüber, dass er sein Heiratsversprechen ihr gegenüber nicht einlösen konnte. Und nun rufe sie ihn zu sich. Die Konsequenz heißt: Suizid. Wie erwähnt: Da ist nichts zu machen, wenn man die Welt als von fremden Kräften und Mächten gestaltet ansieht. Eine „Studie eines russischen Selbstmords“ sei diese 1871 erschienene Erzählung, schrieb Turgenjew. Eins ist aber auch wahr: Trotz der eigentlichen Tragik enthält sie sehr komische Szenen. Wir veröffentlichen Christian Brückners unnachahmliche Vorleseversion des Werks dank der Genehmigung der Westdeutschen Blindenhörbücherei (WBH) in Münster.

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In diesem Podcast werden regelmäßig vorgelesene Novellen und Erzählungen präsentiert. Es geht also um Literatur, aus urheberrechtlichen Gründen um jene vergangener Jahrhunderte. Die Texte wurden meist von Schauspielerinnen und Schauspielern eingelesen, und das, was zu hören ist, befindet sich auf professionellem Niveau. Zunächst jeden Dienstag, ab März 2024 jeden zweiten Dienstag gibt es Neues aus der reichhaltigen und vielfältigen Welt der Literatur. Ein Erlebnis für alle, die sich gerne etwas vorlesen lassen.