"Woher kommst du wirklich?"

Erdal Uğur Ahlatçı

Wie oft hast du die Frage "Woher kommst du wirklich?" schon gehört oder selbst gestellt? Die Frage wird oft leichtfertig gestellt, als wäre sie ein einfacher Eisbrecher. In einer Gesellschaft, in der selbst unter besten Freunden nicht nach dem Gehalt gefragt wird, scheint es erstaunlich, dass die Frage nach der "Herkunft" als so banal angesehen wird. Sie ist weit mehr als eine neugierige oder beiläufige Frage. Sie öffnet eine Tür zu einem Labyrinth aus emotionalen Erfahrungen, impliziten Annahmen und tief verankerten Stereotypen. Dahinter können sich komplexe und intime Lebensgeschichten verbergen, die ebenso Traumas, Schmerzen, Ängste und Sorgen enthalten können.Im Podcast "Woher kommst du wirklich" werden genau die Menschen zu Wort kommen, denen diese Frage regelmäßig gestellt wird – sei es wegen ihres Aussehens oder ihres "anders" klingenden Namens. Doch entgegen dem, was der Titel vermuten lässt, geht es in diesem Podcast nicht um die Herkunft meiner Gäste.Stattdessen sprechen wir über das, was wirklich zählt: die einzigartigen, komplexen und emotionalen Geschichten der Menschen.Ich folge in meinem Podcast keinem Skript, und es gibt keine vordefinierten Fragen. Mein Gast und ich öffnen unsere Herzen und Emotionen und gehen auf eine Entdeckungsreise durch unsere Vergangenheit und Erfahrungen. 

  1. 11/19/2024

    Episode 30: Sprache öffnet Türen, aber der Akzent hält sie halb geschlossen // mit Alla Leshenko

    Sende uns deine Meinung über diese Episode Alla wurde in Usbekistan geboren, hat ukrainische Wurzeln, besitzt einen russischen Pass und lebt seit fast 20 Jahren in Deutschland, wo sie sich heute heimisch und deutsch fühlt. In der 30. Episode von Woher kommst du wirklich? habe ich mit Alla Leschenko gesprochen, einer Frau mit einer unglaublich vielschichtigen Geschichte und einer komplizierten Herkunft und Identität. Alla ist Lektorin und Autorin, die die deutsche Sprache liebt und mit beeindruckender Präzision beherrscht – und doch wird sie immer wieder auf ihre Migrationserfahrung reduziert. In Usbekistan galt sie als Russin, obwohl sie ethnisch ukrainisch ist. In Deutschland sieht sie sich als Usbekin und als Deutsche – doch ihr Akzent und ihr Name machen sie für viele automatisch zur „Russin“. Unsere Unterhaltung zeigt, wie tief Vorurteile in der Gesellschaft verankert sind. Besonders bewegend erzählt Alla von einem Erlebnis mit der Lehrerin ihres Sohnes: Als dieser in der Schule Schwierigkeiten hatte, wurde ihr geraten, zu Hause mehr Deutsch zu sprechen – eine Empfehlung, die sie tief traf. „Deutsch ist unsere Gefühlssprache, unsere Familiensprache – es hat nichts mit der Herkunft zu tun“, betont Alla. Später stellte sich heraus, dass die Lernschwierigkeiten ihres Sohnes auf eine Schreibschwäche zurückzuführen waren – und nicht auf eine vermeintlich mangelnde Deutschkenntnis. Im Gespräch reflektieren wir auch die „heilige Dreifaltigkeit“ von Sprache, Namen und Aussehen, die oft entscheidet, ob jemand in Deutschland als „deutsch“ wahrgenommen wird. Allas Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, werden selbstverständlich als deutsch angesehen, da sie helle Haut haben. Doch Alla selbst, obwohl sie die deutsche Sprache liebt und meisterhaft beherrscht, erlebt immer wieder, dass sie nicht ganz dazugehört. Von Vorurteilen gegenüber russischsprachigen Frauen, die oft auf stereotype Rollen reduziert werden, bis hin zu den politischen Spannungen zwischen Russen und Ukrainern in der Diaspora – Alla teilt offen ihre Erfahrungen. Sie spricht über Brüche in Familien, die durch Krieg und politische Meinungen verstärkt werden, und über den Schmerz, der entsteht, wenn die eigene Identität ständig hinterfragt wird. Trotz dieser Herausforderungen bleibt Alla optimistisch. Sie schätzt die Freiheit, die sie in Deutschland genießt, und glaubt fest daran, dass Sprache der Schlüssel zu Integration und Verständnis ist. Mit dieser Episode endet vorerst die Reise von Woher kommst du wirklich?. Die 30. Folge ist ein würdiger Abschluss der ersten Staffel, mit einem Gespräch, das zeigt, wie komplex und faszinierend Identität sein kann – und wie wichtig es ist, einander zuzuhören. Danke, dass ihr diesen Weg mit mir gegangen seid. Vielleicht hören wir uns in einer neuen Staffel wieder. Bis dahin: bleibt neugierig und begegnet der Vielfalt um euch herum mit Offenheit und Respekt. -------------------------------------- Alla Leschenko ist deutsche Lektorin, Texterin und Schriftstellerin. Seit 2005 lebt sie in Deutschland. Ihre Leidenschaften sind Sprache, Gesellschaft und Politik – sowie ihre Liebe zu Horror und Katzen. https://www.linkedin.com/in/alla-leshenko https://www.facebook.com/alla.leshenko Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Episode 30: Sprache öffnet Türen, aber der Akzent hält sie halb geschlossen // mit Alla Leshenko
  2. 11/05/2024

    Episode 29: Wenn alle nach deinen Wurzeln fragen, aber du selbst sie nicht kennst // mit Ellen Wagner

    Sende uns deine Meinung über diese Episode „Ich hatte nie ein Zuhause, nirgendwo auf dieser Erde,“ sagt Ellen Wagner, meine heutige Gästin. Ellen ist Diversity-Beraterin, Autorin und Aktivistin. Sie wurde in Deutschland geboren, ist dort aufgewachsen, hat in vielen Ländern gelebt und gearbeitet und lebt derzeit mit ihrer Familie in den USA. Im Gespräch teilt sie, wie es ist, als von weißen Eltern adoptiertes schwarzes Kind aufzuwachsen und was es bedeutet, immer wieder gefragt zu werden, woher man „wirklich“ kommt. Die Erfahrung, als „Andersartige“ betrachtet zu werden, begann schon im Kindergarten. „Das erste Mal, als man mich fragte, woher ich wirklich komme, war ich fünf,“ erzählt Ellen. Schon da begann die Suche nach Zugehörigkeit, die immer wieder von anderen in Frage gestellt wurde – selbst in ihrer eigenen Familie, wo sie als einziges schwarzes Mitglied oft die irritierten Blicke anderer ertragen musste. Ellen beschreibt, wie tief sich das Gefühl des „Nicht-Dazugehörens“ in ihre Identität eingeschrieben hat. Sogar als sie beruflich als Reiseleiterin für deutsche Gäste arbeitete und stolz ihren Heimatort und Anekdoten erzählte, erhielt sie oft die Frage, ob sie überhaupt Deutsch spreche – trotz der Deutschlandflagge auf ihrem Namensschild. Diese wiederholten Momente des „Andersmachens“, das ständige „Woher kommst du wirklich?“ sind für sie wie „tausend Pflaster auf Wunden, die immer wieder entfernt werden und dadurch nicht heilen“. Heute klärt Ellen in Workshops darüber auf, welche emotionalen Narben solche scheinbar harmlosen Fragen hinterlassen. Sie bringt Menschen bei, dass es nicht auf die Absicht ankommt, sondern auf die Wirkung. Für sie ist das Ziel, dass eine neue Generation von Kindern aufwachsen kann, ohne ständig nach einer Herkunftsrechtfertigung gefragt zu werden. Doch Ellen ist skeptisch, ob rassifizierte Menschen diese Freiheit je erfahren können. Besonders in den USA, wo Ellen jetzt lebt, ist es für ihre Tochter überlebenswichtig, bei Polizeikontrollen besonders vorsichtig zu sein – ein Überlebenswissen, das weiße Kinder nicht brauchen. In dieser Episode sprechen wir u.a. darüber, wie tief die Frage nach Identität und Zugehörigkeit geht und wie fest Stereotype verankert sind. Wir reflektieren über die Erfahrung, sich in Deutschland oder den USA fremd zu fühlen, über Rassismus, institutionelle Ungleichheit und intersektionale Diskriminierung, die viele Betroffene prägt. Ellen und ich beleuchten, wie sich Zuschreibungen und Vorurteile auf das Selbstbild und die Entwicklung unserer Kinder auswirken und welche Maßnahmen wir uns wünschen, damit auch marginalisierte Menschen sich wirklich als Teil der Gesellschaft fühlen können. Mehr über die Gästin: Ellen Wagner ist Moderatorin, Speaker, Workshop Facilitator und Autorin. Ihr Schwerpunkt ist die Schaffung inklusiver Unternehmenskulturen. Dies gelingt ihr anhand strategischer Beratung sowie mit Talks & Trainings rund um die Themen Diversity, Equity, Inclusion & Belonging. Als queere, Schwarze und neurodivergente Frau ist ihre Herangehensweise immer mit intersektionalem Blick und mit einem besonderen Fokus auf LGBTQIA-Feindlichkeit, anti-Schwarzen Rassismus und Neurodivergenz. Webseite, linkedin, instagram Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Episode 29: Wenn alle nach deinen Wurzeln fragen, aber du selbst sie nicht kennst // mit Ellen Wagner
  3. 10/22/2024

    Episode 28: Identität und Nationalismus – Wie aus Nachbarn und Freunden Feinde wurden // mit Meri Eramut

    Sende uns deine Meinung über diese Episode „Wer bist du als Mensch? Können unsere Herzen korrespondieren?“ – Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Meri Eremut, die in dieser Episode von ihrem Weg zwischen Kulturen und Krisen erzählt. Geboren in Deutschland, aber als „Kofferkind“ bis zum Vorschulalter bei ihrer Tante in Kroatien aufgewachsen, kennt Meri das Gefühl, nirgendwo ganz dazuzugehören. In unserem Gespräch wird deutlich, wie ihre Identität durch äußere Zuweisungen und eigene Erfahrungen im Spannungsfeld zwischen zwei Ländern geformt wurde. Meri beschreibt, wie sie in ihrer Jugend Teil einer jugoslawischen Community war, in der Kroaten, Serben, Slowenen und Bosnier friedlich zusammenlebten. Nationalität spielte lange Zeit keine Rolle – bis der Nationalismus in den 90er-Jahren den Krieg brachte und die Community zerbrach. „Früher war es egal, wer Serbe oder Kroate war, wir waren einfach Freunde“, erzählt Meri. Doch mit dem Krieg kamen Feindseligkeiten, Freundschaften zerbrachen, und aus der vermeintlichen Einheit entstand tiefe Spaltung. Besonders bewegend ist, wie Meri schildert, dass ihre Familie direkt vom Krieg betroffen war, mit dem Verlust zweier naher Verwandter. Statt in Hass und Ressentiments zu versinken, entschied sich Meri für den Weg des Dialogs und der Versöhnung. Sie kehrte nach dem Krieg in die Krisengebiete zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen, und suchte den Austausch mit Menschen auf allen Seiten. „Der Krieg hat niemandem etwas gebracht“, sagt sie nachdenklich. Ihre Erfahrungen in dieser Zeit prägten nicht nur ihre eigene Identität, sondern auch ihre Sicht auf die Gesellschaft und das Miteinander. Überraschend ist, dass sich Meris Kinder stärker mit ihrer kroatischen Herkunft identifizieren, obwohl sie mit ihnen überwiegend Deutsch spricht und sie in Deutschland aufwachsen. „Es hat mich erstaunt, dass sie sich als Kroaten sehen“, erzählt Meri. Dabei ist es weniger die Sprache oder eine tiefe Verbindung zu Kroatien, sondern vielmehr die Tatsache, dass ihnen in Deutschland oft das Gefühl gegeben wird, nicht ganz dazuzugehören. „Man sagt ihnen, sie seien nicht ganz deutsch, und so fangen sie an, sich woanders zu verorten.“ Diese fehlende bedingungslose Zugehörigkeit in der deutschen Gesellschaft führt dazu, dass ihre Kinder sich vermehrt mit ihrer kroatischen Herkunft identifizieren. Das Gespräch macht deutlich: Die Frage „Woher kommst du wirklich?“ berührt mehr als nur die geografische Herkunft. Sie geht tief in die Seele und beeinflusst die Selbstwahrnehmung und das Zugehörigkeitsgefühl. Solange Menschen in Schubladen gesteckt und als „anders“ wahrgenommen werden, wird es für viele schwer, in Deutschland wirklich anzukommen. Meri Eremut ist Hochwasser- und Starkregenrisikomanagerin mit einer tiefen Leidenschaft für den Schutz von Menschen vor Naturgefahren. Sie berät Ministerien, Landkreise und Kommunen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, um Vorsorgekonzepte zu entwickeln, die Leben retten können.  Meri begleitet Projekte von der ersten Idee bis zur Umsetzung und sieht darin eine Möglichkeit, die Welt widerstandsfähiger und sicherer zu machen. Bereits als Kind entwickelte sie den Wunsch, Menschen zu helfen. Diese Ambition wuchs weiter, als der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien ihr Leben prägte und sie erkannte, welche verheerenden Folgen das „Andere-Sehen“ von Menschen haben kann. Ihre erste berufliche Erfahrung sammelte sie in Entwicklungshilfeprojekten des Auswärtigen Amts auf dem Westbalkan, wo sie miterlebte, was echte Versöhnung bedeutet. Der Klimawandel bereitet ihr nicht nur wegen der zunehmenden Extremwetterereignisse Sorgen, sondern auch wegen der sozialen Spannungen, die daraus entstehen. Meris Engagement zielt darauf ab, sowohl Gemeinden als auch Menschen widerstandsfähiger gegen die Herausforderungen von morgen zu machen – sei es gegen Naturkatastrophen oder die sozialen Folgen des Klimawandels. Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Episode 28: Identität und Nationalismus – Wie aus Nachbarn und Freunden Feinde wurden // mit Meri Eramut
  4. 10/08/2024

    Episode 27: "Es geht nicht darum, wie du die Frage meinst, sondern was sie mit mir macht." // mit Abir Lamiya Pitussi

    Sende uns deine Meinung über diese Episode "Es geht nicht darum, wie du die Frage meinst, sondern was sie mit mir macht." – sagt Lamiya in Bezug auf die immer wiederkehrende Frage nach ihrer „wirklichen“ Herkunft. Lamiya wuchs in Deutschland auf, hat hier ihren Lebensmittelpunkt, und doch begleitet sie eine Frage, die sie immer wieder daran erinnert, dass sie für viele nicht „deutsch“ ist: „Woher kommst du wirklich?“ In dieser Episode erzählt sie, was diese Frage mit ihr gemacht hat – von ihrer Kindheit in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg, in dem sie immer wieder daran erinnert wurde, dass sie anders aussieht, bis hin zu ihrer heutigen Reflexion als Mutter, die sich entschieden hat, ihre Identität nicht länger von außen bestimmen zu lassen. Lamiya spricht nicht nur über die Belastungen durch rassistische Mikroaggressionen, sondern auch darüber, wie sie ihren Kindern eine starke, selbstbewusste Identität vermitteln will. Besonders spannend ist ihre Erfahrung, als sie an einem AfD-Stand ein Gespräch mit einem AfD-Mitglied führte, das ihr Mut abverlangte – und welches aufzeigt, wie tief die gesellschaftlichen Gräben sind, wenn es um Fragen der Herkunft und Zugehörigkeit geht. Ein prägender Moment in der Episode ist, als Lamiya reflektiert, wie sie als junges Mädchen mit ihrer vermeintlichen Andersartigkeit und der Frage nach ihrem eigenen Wert kämpfte. Sie erzählt von ihrem Drang zur Überanpassung, um endlich Akzeptanz zu finden – bis sie schließlich erkannte, dass wahre Akzeptanz nur aus ihrem Inneren kommen kann. Diese Erkenntnis war ein wichtiger Wendepunkt in ihrem Leben, und sie beschreibt den Weg zu dieser Befreiung als einen Prozess voller Selbstreflexion und Mut. Diese Episode ist ein Einblick in das Leben einer Frau, die sich jahrelang mit der Frage auseinandergesetzt hat, wer sie wirklich ist – und was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, die zu oft nur nach Äußerlichkeiten urteilt und Menschen eine Identität zuweist. Mehr über Lamiya: Lamiya Pitussi ist psychologische Beraterin, Autorin, Podcasterin, Coach und Psychologie-Influencerin. Auf ihrem reichweitenstarken Instagram Kanal unterstützt sie täglich Menschen dabei, sich selbst besser zu verstehen und ein glückliches und zufriedenes Leben für sich aufzubauen. Darüber hinaus hält sie regelmäßig Vorträge und Workshops rund um das Thema mentale Gesundheit und begleitet Menschen auf ihrer Selbstfindungsreise. Podcast "Werde Glücklich": https://podcasters.spotify.com/pod/show/werde-glcklich https://www.youtube.com/@Lamiya.Pitussi/podcasts Webseite: https://werdeglücklich.de Instagram: https://www.instagram.com/werdegluecklich_/ LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/a-lamiya-pitussi-5752472ba/ Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Episode 27: "Es geht nicht darum, wie du die Frage meinst, sondern was sie mit mir macht." // mit Abir Lamiya Pitussi
  5. 09/24/2024

    Episode 26: Verdrängte Wunden – Trauma rassistischer Gewalt und der lange Weg der Aufarbeitung // mit Mina Mangal

    Sende uns deine Meinung über diese Episode Was bedeutet es, als Kind einen rassistischen Anschlag zu überleben und die traumatischen Erlebnisse jahrzehntelang zu verdrängen? In dieser Folge spricht Mina über ihre Kindheit im Flüchtlingsheim, den Angriff auf ihre Familie und die schmerzhaften Erinnerungen, die sie lange Zeit tief in sich verborgen hielt. Wie prägt es ein Kind, in einer Umgebung aufzuwachsen, in der es nicht willkommen ist, während die Eltern alles tun, um es zu schützen, obwohl sie selbst keine Sicherheit haben? Minas Geschichte ist nicht nur die eines Traumas, sondern auch eine Geschichte von Widerstandskraft und Anpassung. Sie erzählt von ihren Eltern, die in Afghanistan erfolgreiche Akademiker waren, in Deutschland jedoch um Akzeptanz und Anerkennung kämpfen mussten. Ihr Vater, ein talentierter Künstler, stellte seine Leidenschaft zurück, um die Familie zu ernähren. Ihre Mutter, einst in einer gut bezahlten Position, sah sich plötzlich mit Vorurteilen und sprachlichen Barrieren konfrontiert. Doch das tiefere Problem war das Gefühl, nie wirklich dazuzugehören. Selbst der Kauf eines Hauses im Schwabenland – ein Symbol für Integration und Erfolg – wurde zur Hürde, als die Nachbarn versuchten, den Verkauf an „Ausländer“ zu verhindern. Nur der pragmatische Ansatz des Verkäufers ermöglichte es der Familie, das Haus zu erwerben. Mina schildert, wie ihre Familie trotz aller Hindernisse nie aufgegeben hat. Heute sind ihre Eltern in der Nachbarschaft geschätzt, Rezepte und Freundschaften werden ausgetauscht. Doch der Weg dorthin war lang und beschwerlich. Mina spricht auch über die subtilen Formen des Rassismus, die sie bis heute begleiten: Die Erwartung, sich ständig erklären zu müssen, das Gefühl, sich für die eigene Identität rechtfertigen zu müssen, und die Angst, dass bei einem Anschlag der Täter afghanischer Herkunft oder Muslim sein könnte – und sie und ihre Familie pauschal dafür mitverantwortlich gemacht werden. Besonders eindrücklich wird Minas Erzählung, als sie über ihre eigenen Kinder spricht. Sie möchte ihnen das Selbstbewusstsein mitgeben, das sie selbst lange nicht hatte. „Ich will, dass meine Kinder stolz auf ihre afghanischen Wurzeln sind“, sagt sie, „aber ich muss erst selbst mit meiner Vergangenheit aufräumen, bevor ich ihnen diesen Stolz vermitteln kann.“ Am Ende steht jedoch eine klare Botschaft: „Vielfalt verbindet“, sagt Mina. „Lasst uns das Positive daraus ziehen.“ Ihre Agentur „Diversity Connects“ steht genau für dieses Prinzip – den Glauben daran, dass uns Unterschiede bereichern und dass es trotz aller Widerstände möglich ist, eine starke, inklusive Gesellschaft zu schaffen. ----------------------------------------- Mina Mangal ist eine deutsch-afghanische Gründerin und Mutter von zwei Kindern, die in Stuttgart lebt. Als Kind aus Kabul geflüchtet, beschäftigt sie sich intensiv mit Fragen der Identität und der Weitergabe kultureller Erfahrungen an ihre Kinder. Mit ihrer Agentur „Diversity Connects“ setzt sie sich für die Förderung von Vielfalt und interkulturellem Verständnis ein. https://diversity-connects.de https://www.instagram.com/diversity_connects/ https://www.linkedin.com/in/mina-mangal/ Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Episode 26: Verdrängte Wunden – Trauma rassistischer Gewalt und der lange Weg der Aufarbeitung // mit Mina Mangal
  6. 09/12/2024

    Episode 25: Unsichtbare Herkunft, stiller Migrationsschmerz – was bleibt von der Identität? // mit Nina Löwen

    Sende uns deine Meinung über diese Episode Blond, mit einem deutschen Namen und akzentfreiem Deutsch – Nina Löwen erfüllt keine der klassischen „Dreifaltigkeitsfaktoren“, Hautfarbe, Name und Sprache, die sonst zur Frage „Woher kommst du wirklich?“ führen. Doch die Migrationsgeschichte ihrer Familie als Russlanddeutsche erzählt eine andere Geschichte: das Gefühl, in Russland als „die Deutschen“ abgestempelt zu werden und in Deutschland trotzdem nicht ganz dazuzugehören. Ninas Vater heißt Heinrich – ein Name, der ihn in Russland sofort als „den Deutschen“ erkennbar machte. Doch in Deutschland wurde er oft als „der Russe“ wahrgenommen. Diese doppelte Fremdzuschreibung zieht sich durch Ninas gesamte Familiengeschichte. In der neuesten Episode spricht Nina Löwen über diese Zerrissenheit und teilt mit uns, wie es war, zwischen zwei Welten aufzuwachsen. Ein zentraler Punkt in unserem Gespräch ist die emotionale Sprachlosigkeit in ihrer Familie. Generationen von Entwurzelung und Migration haben dazu geführt, dass über Gefühle kaum gesprochen wurde. Nina erzählt, dass Zuneigung oft auf praktische Weise ausgedrückt wurde – in Handlungen, nicht in Worten. Das erinnert mich stark an meine eigene Erfahrung. Auch meine Mutter drückte ihre Liebe oft durch Kochen für uns aus, statt über Gefühle zu reden. Diese Art der emotionalen Distanz ist etwas, das viele migrantische Familien teilen und das oft unausgesprochen bleibt. Es gibt Dinge, die Nina sehr vermisst. Besonders stark ist die Sehnsucht nach der „russischen Seele“, dieser tiefen Melancholie, die durch Musik und Filme transportiert wird. Sie spricht darüber, wie diese Nostalgie ein Teil ihrer Identität geblieben ist, auch wenn sich ihr Leben verändert hat und sie teilweise einen Bruch mit ihren Wurzeln erlebt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Unsichtbarkeit, die viele Russlanddeutsche erleben. Sie leben oft im „Stealth-Modus“, wie Nina es nennt – sie passen sich an und verbergen ihre Herkunft. Das ist für sie möglich, weil sie äußerlich und mit Namen als Deutsche durchgehen. Doch was geht verloren, wenn man sich ständig anpasst? Wie viel von der eigenen Identität bleibt, wenn man sich unsichtbar macht, um nicht aufzufallen?  Wie stark prägt uns unsere Herkunft? Und wie geht man damit um, wenn man nach außen hin als „normale Deutsche“ wahrgenommen wird, innerlich aber den Migrationsschmerz mit sich trägt? Wir haben festgestellt, dass das Gefühl, verstanden zu werden und sich einer Community anzuschließen, helfen kann, den Schmerz der Entwurzelung und die Fragen der Identität zu bewältigen. Dieser Podcast ist auch eine Community, und ich lade euch alle ein, gemeinsam diese Episode anzuhören und über die eigene Identität zu reflektieren. Infos über Nina: Nina Löwen ist eine Psychotherapeutin und forscht im Bereich User Experience (UX) und Nutzerverhalten, speziell im Zusammenhang mit digitalen Gesundheitslösungen. Sie legt großen Wert auf gendersensible und antirassistische Arbeit in der Therapie. Neben ihrer Tätigkeit als Therapeutin ist sie auch in der Entwicklung von digitalen Lösungen für psychische Erkrankungen aktiv und setzt sich für die Einbindung von Patienten in diese Prozesse ein. Zudem ist sie als Dozentin tätig und engagiert sich für Diversität und Chancengleichheit​. https://www.psychotherapie-loewen.de/ueber-mich/ https://www.linkedin.com/in/ninaloewen/ Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Episode 25: Unsichtbare Herkunft, stiller Migrationsschmerz – was bleibt von der Identität? // mit Nina Löwen
  7. 08/28/2024 ·  Bonus

    Special Episode: Geflohen vor dem Hass, gefangen im neuen Hass: Mujtaba Sarfaraz‘ Leben in Bautzen

    Sende uns deine Meinung über diese Episode Vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland sehen viele Politiker geflüchtete Menschen als größte Gefahr und stellen sie als Sündenböcke dar, doch selten hört man ihre Perspektive. Oft wird vergessen, dass hinter den politischen Debatten echte Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten stehen. In einer Special Episode spreche ich mit Mujtaba Sarfaraz, der 2016 als Minderjähriger alleine aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet ist. Er lebt heute in Bautzen, Sachsen – einer Stadt, die für ihre rechtsextreme Szene und den hohen AfD-Stimmenanteil bekannt ist. Mujtaba war 10 Jahre alt, als die Taliban seinen Vater ermordeten, weil dieser als Dolmetscher für die Amerikaner arbeitete. Die Familie musste nach Iran fliehen, da auch der älteste Sohn, der nun die Familie unterstützte, von den Taliban bedroht wurde. Im Iran lebten sie unter extrem prekären Verhältnissen, und Mujtaba musste als Kind bis zu 16 Stunden täglich arbeiten, ohne Aussicht auf gültige Papiere. Auf der Suche nach Sicherheit flüchtete er alleine über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. In der Türkei versteckte er sich mit anderen Geflüchteten wochenlang in einem Keller und entkam knapp dem Tod, als sie beinahe an einer Gasvergiftung starben, weil sie sich mit einem Gasherd gegen die Kälte schützen wollten. Die gefährliche Überfahrt nach Griechenland auf einem überladenen Schlauchboot war nur eine von vielen Situationen, in denen er dem Tod entkam. Mujtaba spricht über den alltäglichen Rassismus in Bautzen, seine Sehnsucht, einmal unsichtbar zu sein und nicht ständig unwillkommen angestarrt zu werden. Er äußert seine Angst um die Zukunft seiner Kinder, deren Mutter Deutsche ist und Bautzen ihre Heimat. Er ist wütend darüber, dass seine Geschichte als Ausnahme gesehen wird, obwohl er viele positive Geschichten anderer Geflüchteter kennt. Er erzählt von der Einsamkeit, weil seine Freunde und viele Menschen mit Migrationsgeschichte Bautzen verlassen haben. Die Liebe zu seiner Frau gibt ihm die Stärke, mit dem Rassismus umzugehen und in Bautzen zu bleiben. Weil er weiß, wie schwer es ist, ohne Familie zu sein und seine Heimat zu verlassen, möchte er nicht wegziehen und nicht, dass seine Frau das auch erleben muss. Mujtaba sorgt sich, dass die Demokratie in Deutschland, für die er unter Lebensgefahr gekommen ist, durch Rechtsextremisten bedroht ist. Er hebt auch die Chancen hervor, die er in Deutschland bekam, darunter die Möglichkeit, eine Schule mit deutschen Mitschülern zu besuchen. Dank einer engagierten Lehrerin konnte er schnell Deutsch lernen, seinen Schulabschluss machen, eine Ausbildung abschließen und eingebürgert werden. Heute arbeitet er als Pflegedienstleiter, führt ein Team von 10 Mitarbeitern und studiert nebenbei. Vor den Landtagswahlen am Sonntag ist dies eine wichtige Gelegenheit, innezuhalten und zu reflektieren, welche Auswirkungen unsere Stimmen auf das Leben von Menschen wie Mujtaba haben können. Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Special Episode: Geflohen vor dem Hass, gefangen im neuen Hass: Mujtaba Sarfaraz‘ Leben in Bautzen
  8. 08/20/2024

    Episode 24: Ohne Zugehörigkeitsgefühl ist die deutsche Staatsbürgerschaft nur ein Pass // mit Saber Romdhani

    Sende uns deine Meinung über diese Episode Was bedeutet es wirklich, deutsch zu sein? Ist es nur die Staatsbürgerschaft, die unsere Zugehörigkeit definiert, oder steckt da mehr dahinter? Diese Frage habe ich mir oft gestellt, und in dieser Episode hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit meinem Gast Saber darüber nachzudenken und zu diskutieren. Saber, dessen Eltern aus Tunesien kommen, ist deutscher Staatsbürger. Er wurde in Braunschweig geboren und ist dort aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Frau, deren Familie aus der Türkei stammt, und ihren Kindern in Düsseldorf. Ein Satz von ihm, der mich besonders berührt und zum Nachdenken gebracht hat, lautet: „Ich war bei der Bundeswehr und hab all das getan. Heißt das, ich bin deutsch? Nein, würde ich nicht sagen.“ Dieser Satz verdeutlicht, dass es in unserer Gesellschaft oft nicht ausreicht, eine deutsche Staatsangehörigkeit zu haben – Deutschsein wird von vielen nicht allein durch einen Pass oder bestimmte Leistungen definiert. Es geht um mehr – es geht darum, wie man in dieser Gesellschaft wahrgenommen und behandelt wird und wie man sich selbst in ihr sieht. In unserem Gespräch haben Saber und ich über die tiefgehende Sehnsucht nach Zugehörigkeit gesprochen. Es geht nicht nur um formale Aspekte, sondern um das Gefühl, tatsächlich in dieser Gesellschaft angenommen zu sein, ohne dass ständig nach der „wahren“ Herkunft gefragt wird. Warum müssen wir uns ständig erklären, nur weil wir vielleicht eine andere Sprache sprechen oder eine andere Religion praktizieren? Ich frage mich: Warum trennen wir nicht einfach unsere persönliche Identität – die Sprachen, die wir sprechen, unsere religiösen Ansichten, unsere Essgewohnheiten – von unserer nationalen Identität? Deutsch sollte doch jeder sein, der eine deutsche Staatsangehörigkeit hat. Warum reicht das nicht aus? Warum wird immer wieder die Frage gestellt: „Woher kommst du wirklich?“ – als ob das, was auf unserem Pass steht, nicht genug wäre. Warum müssen wir uns ständig beweisen und rechtfertigen, dass wir „wirklich“ aus Deutschland kommen und deutsch sind? Saber und ich teilen die gleichen Gefühle, die wir aus unterschiedlichen Perspektiven ausdrücken und diskutieren. Deutschsein sollte nicht an äußeren Merkmalen oder an einer vermuteten Herkunft festgemacht werden, sondern allein an der Staatsbürgerschaft. Alles andere – unsere persönlichen Überzeugungen, unsere Vorlieben und unsere Kultur – sollten als das gesehen werden, was sie sind: individuelle Merkmale, die uns als Menschen einzigartig machen, aber nichts an unserer nationalen Identität ändern. Diese Episode soll dazu anregen, offen über Identität und Zugehörigkeit zu sprechen und gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie wir eine Gesellschaft schaffen können, in der sich jeder zu Hause fühlt, unabhängig davon, welche Sprache er spricht oder woher seine Familie stammt. Infos über Saber: Saber Romdhani ist Transformationsbegleiter und vereint technisches Know-how mit einem tiefen Verständnis für zwischenmenschliche Dynamiken. Er unterstützt Führungskräfte und Teams durch praxisorientierte Workshops, Keynotes und Management Trainings bei der erfolgreichen Umsetzung von Veränderungsprozessen. https://www.linkedin.com/in/saberromdhani/ Support the show Bitte Feedback oder Fragen an Erdal Ahlatci per Mail ,  LinkedIn oder Instagram Podcast LinkedIn Profil: https://www.linkedin.com/company/woher-kommst-du-wirklich/ Musik & Postproduktion: Joscha Grunewald

    Episode 24: Ohne Zugehörigkeitsgefühl ist die deutsche Staatsbürgerschaft nur ein Pass // mit Saber Romdhani

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Wie oft hast du die Frage "Woher kommst du wirklich?" schon gehört oder selbst gestellt? Die Frage wird oft leichtfertig gestellt, als wäre sie ein einfacher Eisbrecher. In einer Gesellschaft, in der selbst unter besten Freunden nicht nach dem Gehalt gefragt wird, scheint es erstaunlich, dass die Frage nach der "Herkunft" als so banal angesehen wird. Sie ist weit mehr als eine neugierige oder beiläufige Frage. Sie öffnet eine Tür zu einem Labyrinth aus emotionalen Erfahrungen, impliziten Annahmen und tief verankerten Stereotypen. Dahinter können sich komplexe und intime Lebensgeschichten verbergen, die ebenso Traumas, Schmerzen, Ängste und Sorgen enthalten können.Im Podcast "Woher kommst du wirklich" werden genau die Menschen zu Wort kommen, denen diese Frage regelmäßig gestellt wird – sei es wegen ihres Aussehens oder ihres "anders" klingenden Namens. Doch entgegen dem, was der Titel vermuten lässt, geht es in diesem Podcast nicht um die Herkunft meiner Gäste.Stattdessen sprechen wir über das, was wirklich zählt: die einzigartigen, komplexen und emotionalen Geschichten der Menschen.Ich folge in meinem Podcast keinem Skript, und es gibt keine vordefinierten Fragen. Mein Gast und ich öffnen unsere Herzen und Emotionen und gehen auf eine Entdeckungsreise durch unsere Vergangenheit und Erfahrungen.