Das Wort zum Schabbat

Ricklef Münnich || ahavta - Begegnungen

Mit Rosch HaSchana, dem Neujahrsfest im Herbst, beginnt das jüdische Jahr. Die Festtage des Volkes Israel sind gemäß der Gebote der Tora festgelegt. Die Zeit aber wird vom Schabbat, dem siebenten Tag der Woche, strukturiert. Ihn hat Gott selbst mit der Schöpfung der Welt eingeführt. Am Schabbat wird in den Synagogen ein Stück der Tora vorgelesen. Die Wochenabschnitte führen das Jahr über durch die fünf Bücher Mose. Das Ende und zugleich der neue Anfang der Lesungen ist an Simchat Tora, dem Fest der Tora-Freude zum Abschluss des Laubhüttenfestes. Bei ahavta - Begegnungen erklärt immer Freitags ein Rabbiner, Kantor oder Lehrer den jeweiligen Tora-Abschnitt. Die Video-Aufnahmen findest du bei https://plus.ahavta.com und auch bei YouTube unter https://youtube.com/@ahavta. plus.ahavta.com

  1. 4d ago

    Wajera || Gastfreund in Sodom

    Die Auslegung zum Wochenabschnitt „Er ließ sehen“ wurde am 6. November 2020 aufgezeichnet. Auf diesem Portal habe ich sie noch nicht veröffentlicht. Rabbiner Dr. Walter Rothschild richtet den Blick in der Parascha Wajera (1. Mose 18,1–22,24) auf eine Randfigur: Lot, den Neffen Abrahams, über den die Tora auffallend wenig erzählt. Er stellt Fragen über Fragen. Lot wächst ohne Vater bei seinem kinderlosen Onkel auf, gilt als möglicher Erbe und zieht doch stets nur „mit ihm“, nie ganz als Teil der Familie. Als die Hirten beider streiten, schlägt Abraham die Trennung vor – für Rothschild der erste von vielen Teilungsplänen im Nahen Osten. Lot wählt den grünen Jordankreis, der aussieht wie ein Garten Gottes; der Text verrät jedoch schon, dass dieses Paradies untergehen wird. Erst nach Lots Abschied verheißt Gott Abraham das Land für die eigenen Nachkommen. Im Zentrum steht Lot am Tor von Sodom. Er wohnt zwar in einem Haus aus Stein, ist im Herzen aber Beduine geblieben und übt als Einziger Gastfreundschaft. Als die Männer der Stadt die beiden Gäste fordern, bietet er ihnen seine Töchter an. Rothschild urteilt nicht vorschnell, sondern zeigt das Dilemma eines Mannes, für den der Schutz des Gastes heilige Pflicht ist, und erinnert an Menschen, die im Krieg ihre Familien gefährdeten, um Verfolgte zu verstecken. Zugleich bleibt Lot der Fremde, dem man vorwirft, „den Richter spielen“ zu wollen – ein Spiegel auch für heutige Debatten über Minderheiten. Aus dem Schweigen des Textes liest Rothschild eine Familiengeschichte: verheiratete Töchter, deren Männer Lot auslachen, keine Söhne, eine namenlose Frau, wohl aus Sodom, die zurückblickt, weil sie ihre Heimat verliert. Abraham sieht am Morgen nur Rauch und hält auch Lot für tot. Lot endet jenseits des Jordans als Stammvater von Moab und Ammon – ein Leben, das ins Leere läuft. Ein in Theresienstadt entstandener moderner Midrasch, in dem Gott selbst hinabsteigt und zum Gefangenen wird, verbindet die Erzählung mit der Schoa. Der Schluss weist in die (damalige) Gegenwart der Pandemie: Nicht jede Katastrophe fällt als Feuer vom Himmel, und noch bleibt Zeit zur Umkehr. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

    Wajera || Gastfreund in Sodom
  2. Oct 23

    Lech Lecha || Aufbruch mit 75

    Die Auslegung zum Wochenabschnitt „Geh für dich“ wurde am 30. Oktober 2020 aufgezeichnet. Auf diesem Portal habe ich sie noch nicht veröffentlicht. Rabbiner Alexander Nachama liest den Wochenabschnitt Lech Lecha (1. Mose 12,1–17,27) als Geschichte von Aufbruch, Vertrauen und menschlicher Schwäche. Der Ruf „Lech Lecha“ – „Geh für dich“ oder „Zieh hinweg“ – verlangt von Awram, Land, Geburtsort und Vaterhaus zu verlassen: ein Vorgang, der in einem einzigen Vers steht und doch ein Leben umwälzt. Anders als bei Noach, den die Tora als gerechten Mann erwählt, schweigt sie bei Abraham über die Gründe. Für Nachama zeigt das, dass Gottes Beweggründe nicht immer verständlich sein müssen und dass eine an keine Bedingung geknüpfte Erwählung auch durch spätere Entwicklungen nicht infrage steht. Abraham ist bereits 75 Jahre alt. Ein Midrasch erzählt, wie er die Götzen seines Vaters Terach zerschlägt; von Gott als Schöpfer muss er nicht erst überzeugt werden. Darum folgt er der Stimme in fast blindem Vertrauen und lebt Mut vor, auch im Alter Neues zu wagen, ohne das Ziel zu kennen. Ein anderer Midrasch vergleicht ihn mit einer verschlossenen Orange: Erst in der Fremde öffnet er sich und verbreitet seinen Duft in alle Himmelsrichtungen. Bald folgt die erste Krise. Eine Hungersnot treibt Abraham nach Ägypten; Raschi deutet sie als Prüfung, die Abraham besteht, weil er nicht an Gott zweifelt. In Ägypten aber gibt er Sarai aus Todesangst als seine Schwester aus – eine halbe Wahrheit, denn nach Genesis 20,12 haben beide denselben Vater. Sarai gelangt in den Palast des Pharao, Abraham erhält reiche Gaben, von Zweifeln berichtet die Tora nichts. Erst Plagen über den Pharao, nach Raschi eine Hautkrankheit, führen zur Ausweisung des Paares. Gerade diese Fehler machen Abraham für Nachama menschlich und sympathisch, wie später Jizchak, Jaakow und Mosche. Hinterher zu kritisieren ist leichter, als in schweren Lagen zu entscheiden. Mit Blick auf die Pandemie verweist er auf Pikuach Nefesch: lieber im Zweifel leben, als ohne Zweifel sterben. Auf die Frage, warum so viele Wege nach Ägypten führen, bis zur Flucht Jesu, kennt er keine überlieferte Antwort. Er verweist aber auf Ägypten als Großmacht, an deren als Gott verehrtem Herrscher sich Gottes Allmacht erweist. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  3. Oct 16

    Noach || Das bittere Blatt des Friedens

    Diese Auslegung zum Wochenabschnitt „Noah“ wurde am 23. Oktober 2020 aufgezeichnet. Auf diesem Portal habe ich sie noch nicht veröffentlicht. Rabbiner Andrew Steiman liest die Parascha Noach (1. Mose 6,9–11,32) als vielschichtige Erzählung über Licht, Frieden und das moralische Minimum menschlichen Zusammenlebens. Ausgangspunkt ist das hebräische Wort Tewa: Es bezeichnet die Arche, aber auch das Körbchen, in dem Mose auf dem Nil treibt. Buber und Rosenzweig übersetzen deshalb mit „Kasten“. Tewa meint ein Behältnis, im übertragenen Sinn auch ein Konzept, ähnlich wie Dawar zugleich Wort und Sache bedeutet. Im Anschluss an eine von Raschi angestoßene Diskussion deutet Steiman den nur einmal belegten Sohar, die Dachluke der Arche, als Hinweis auf verschiedene Formen von Licht. Manche Stimmen sehen darin einen Glanz im Innern, andere sehen Noach selbst als Lichtträger, gleichsam als Vorläufer des strahlenden Mose. Noach ist jedoch ein Gerechter „zu seiner Zeit“, eine Zwischenstation zwischen Schöpfung und Abraham. Nach der Flut zerbricht sein Heldentum: Er wird zum ersten dokumentierten Betrunkenen der Menschheitsgeschichte. Mit dem Turmbau zu Babel endet die Parascha in einem Drama von Höhe und Fall. Steiman warnt davor, diese Geschichten zu infantilisieren. Die Abstammung aller Menschen von einem Paar und die bunte Nachkommenschaft von Schem, Cham und Jafet, gespiegelt im Regenbogen, widerlegen jeden Rassismus. Mit Amos Oz deutet er das bittere Ölblatt im Schnabel der Taube: Frieden ist nicht süß, er kostet Mühe, verlangt tiefes Fliegen und die Rückkehr mit einer Botschaft. Die noachidischen Gebote, allen voran das Verbot des Blutvergießens, versteht Steiman als universellen Minimalkonsens, als Minima Moralia im Sinne Adornos. Sie sind für ihn ein klares Nein zu Gewalt, wie sie sich in der Ermordung eines Lehrers in Frankreich zeigt. Den Neubau des Jüdischen Museums in Frankfurt erlebt er als moderne Tewa: hermetisch, weiß, mit Licht von oben, ein Ort der Aufklärung. Die Tora erscheint ihm als Straßenkarte: Wort ohne Welt führt ins Nichts, Welt ohne Wort verliert den moralischen Kompass. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

    Noach || Das bittere Blatt des Friedens
  4. Oct 9

    Bereschit || Kein Sündenfall, sondern Erwachsenwerden

    Diese Auslegung zum Wochenabschnitt „Im Anfang“ wurde am 16. Oktober 2020 aufgezeichnet. Rabbiner Dr. Walter Rothschild, der sich aus seiner Heimatstadt Bradford zuschaltete, beginnt beim Lesezyklus: Nach Simchat Tora fängt die Toralesung mit Bereschit (1. Mose 1,1–6,8) wieder von vorn an. Warum es 54 Wochenabschnitte gibt, erklärt er mit Schaltjahren, zusammengelegten Abschnitten, Feiertagen und dem zweiten Feiertag der Diaspora. Nichts im Judentum ist so einfach, wie man denkt. Genesis 1 hält er für eines der meist missverstandenen Kapitel der Bibel. Er liest es nicht als Tatsachenbericht, sondern als Gedicht. Die „Tage“ sind keine 24 Stunden, denn Sonne und Mond entstehen erst später. Gott trennt Licht und Finsternis, doch Abend und Morgen sind Übergänge, keine scharfen Grenzen. Dass Gott Sonne, Mond und Sterne nur als Lichter setzt, versteht Rothschild als Absage an Gestirnsgötter und Astrologie. Der Auftrag „Seid fruchtbar“ sorgt dafür, dass das Leben weitergeht. Daraus folgt für ihn: Alles Leben ist heilig, und der Mensch darf nur mit Verantwortung herrschen. Kapitel 2 ist eine zweite, parallele Schöpfungserzählung, die Fundamentalisten gern übersehen. In Kapitel 3 sieht Rothschild keinen Sündenfall, sondern das Erwachsenwerden: Die Menschen schämen sich ihrer selbst, verlassen den Garten und können nun selbst für Nachwuchs sorgen, mühsam und unter Schmerzen. In Übersetzungen gehen Wortspiele wie „arum“ (nackt und listig) verloren, ebenso die Schlange, die im Hebräischen männlich ist. Den Namen Chawa gibt Adam seiner Frau erst nach der Vertreibung: Sie wird zur Mutter. Kain ist für ihn kein kaltblütiger Mörder. Er bringt als Erster ein Geschenk und wird von Gott, einem unerfahrenen „Großvater“, zurückgewiesen. Dann schlägt er im Affekt zu, ohne zu wissen, was Sterben ist. Auf den Fluch antwortet er trotzig: Er baut eine Stadt und gründet eine Familie. Am Ende stehen die offenen Fragen nach Herkunft, Aufgabe und Verantwortung für Mensch, Tier und Natur. Rothschild warnt vor jedem Fundamentalismus: Wer nur Antworten hat, hört auf, Fragen zu stellen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

    Bereschit || Kein Sündenfall, sondern Erwachsenwerden
  5. Oct 2

    Schemini Azeret || Bleibt noch einen Tag!

    Diese Auslegung zum Schabbat an Schemini Azeret wurde am 9. Oktober 2020 aufgezeichnet. Rabbiner Alexander Nachama erklärt Schemini Azeret, das Schlussfest am achten Tag, als eigenständigen Feiertag, der direkt auf Sukkot folgt. Sukka und Feststrauß fallen weg. Beim Kiddusch spricht man aber erneut den Segen Schehechejanu, der sonst den Beginn eines Festes markiert. Anders als Pesach, Schawuot oder Sukkot hat Schemini Azeret keinen erkennbaren Anlass: Die Tora (4. Mose 29,35) nennt nur Festversammlung, Arbeitsruhe und Opfer. Eine Deutung findet Nachama bei Raschi. Nach dem Midrasch bittet Gott die Wallfahrer vor der Heimkehr um ein kleines Festmahl. Wie ein Vater, dem der Abschied seiner Kinder schwerfällt, sagt er: Bleibt noch einen Tag. Schemini Azeret erscheint so als zärtliche Zugabe nach Rosch haSchana, Jom Kippur und Sukkot, bevor der Winter beginnt. Ein Midrasch des Rabbi Levi deutet den Festkalender: Wegen des Goldenen Kalbs im Tammus erhält Israel in Tammus, Aw und Elul keine Feste. Der Tischri gleicht dies aus, indem Rosch haSchana, Jom Kippur und Sukkot für diese drei Monate stehen. Damit wird Schemini Azeret zum eigentlichen Fest des Tischri. In der Liturgie beginnt an Schemini Azeret das Gebet um Regen für Israel, wo ausbleibender Winterregen eine Katastrophe bedeutet. Rabbi Chama ben Chanina vergleicht den Regentag mit der Erschaffung von Himmel und Erde. Rabbi Tanchum bar Chija hält ihn sogar für größer als die Gabe der Tora, weil er die ganze Welt erfreut, Mensch und Tier. Wer den ersten Regen nach dem langen israelischen Sommer erlebt, versteht das als Wunder. Ich frage, ob im Regen wie im Johannesevangelium auch das Bild des herabkommenden Geistes mitschwingt. Nachama betont, dass Leben und Torastudium den Regen als Nahrungsgrundlage voraussetzen. Er verbindet ihn mit Hoschana Rabba als letzter Gelegenheit, das Urteil zum Guten zu wenden, mit dem Wunsch nach einem guten Kwittel, mit dem Wasserschöpffest und mit dem Schwenken der vier Arten als möglichem Regenritual. Zum Schluss beschreibt er Simchat Tora unter den Corona-Bedingungen, ohne Tanz und Umzug mit der Tora. Für mich bleibt die Kawana entscheidend. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  6. Sep 25

    Sukkot || Vollmond über der Laubhütte

    Diese Auslegung zum Wochenabschnitt Haasinu wurde am 25. September 2020 aufgezeichnet. Rabbiner Alexander Nachama ordnet den Wochenabschnitt Haasinu (5. Mose 32,1–52) zunächst in den besonderen Schabbat ein, an dem er gelesen wird: den Schabbat Schuwa. Der Name stammt aus den ersten Worten der Haftara – „Kehre zurück, Israel, zum Ewigen, deinem Gott, denn du bist gestrauchelt durch deine Sünde“ (Hosea 14,2). Nachama erinnert an den aschkenasischen Brauch, dass Rabbiner früher nur zweimal im Jahr vor die Gemeinde traten, um zu predigen: am Schabbat Hagadol vor Pessach und am Schabbat Schuwa, um zur Umkehr aufzurufen. Auch heute gilt es, die zehn Bußtage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur zu nutzen, um zu prüfen, wo man anderen Unrecht getan hat, und sich zu versöhnen. Angesichts der Schadenfreude, mit der mancher über die Fehler anderer herzieht, bleibt fragwürdig, was das neue Jahr bringt – doch zur Umkehr ist es nie zu spät, und Gott eröffnet die Möglichkeit, Negatives hinter sich zu lassen. Haasinu ist ein Lied der Hoffnung und der Warnung, eines von drei Liedern, die auf Mosche zurückgehen: neben dem Lied am Schilfmeer (Schirat Hajam) und Psalm 90. Der Text ist in schwerem Hebräisch verfasst und deshalb beim Vortrag ohne Vokale eine Herausforderung. In der Tora steht er zweispaltig geschrieben; der zweite Teil einer Zeile bekräftigt jeweils den ersten – „meine Rede tropfe wie Regen“ / „meine Rede fließe wie Tau“. Inhaltlich beruht die Hoffnung des Liedes auf Gottes Treue: „Ein Fels ist er, ein Gott der Treue ohne Fehl.“ Treue zeigt sich darin, dass man nicht nur in guten, sondern gerade in schweren Zeiten zusammenhält. Trotz goldenem Kalb und ständigem Murren bleibt Gott Israel treu – das gibt Sicherheit für kommende Herausforderungen. Das Adlerbild, das über den Jungen schwebt und sie auf seinen Schwingen trägt, drückt Mosches Hoffnung aus, dass Gott sein Volk führt und Israel keinem fremden Gott verfällt. Nachama überträgt das auf die Gegenwart: Wenn Menschen zum „Fußballgott“ erhoben werden, gilt es zu erkennen, dass sie nur Menschen sind. „Ich kann töten und beleben, verwunden und heilen“ zeigt: Alle Macht liegt bei Gott; Ärzte haben ihren wichtigen Anteil, wären ohne Gottes Hilfe aber machtlos. So passt das Lied in die Gegenwart: Es erinnert an Gottes Macht, an seine erwiesene Treue und daran, dass nichts Gewesenes vergessen wird – gerade an Jom Kippur, wenn das Schicksal besiegelt wird. Nachama schließt mit dem Gebet um Einschreibung in das Buch des Lebens und dem Wunsch Chatima Towa. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  7. Sep 18

    Schabbat Haasinu || Mosches letztes Lied

    Diese Auslegung zum Wochenabschnitt Haasinu wurde am 25. September 2020 aufgezeichnet. Rabbiner Alexander Nachama ordnet den Wochenabschnitt Haasinu (5. Mose 32,1–52) zunächst in den besonderen Schabbat ein, an dem er gelesen wird: den Schabbat Schuwa. Der Name stammt aus den ersten Worten der Haftara – „Kehre zurück, Israel, zum Ewigen, deinem Gott, denn du bist gestrauchelt durch deine Sünde“ (Hosea 14,2). Nachama erinnert an den aschkenasischen Brauch, dass Rabbiner früher nur zweimal im Jahr vor die Gemeinde traten, um zu predigen: am Schabbat Hagadol vor Pessach und am Schabbat Schuwa, um zur Umkehr aufzurufen. Auch heute gilt es, die zehn Bußtage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur zu nutzen, um zu prüfen, wo man anderen Unrecht getan hat, und sich zu versöhnen. Angesichts der Schadenfreude, mit der mancher über die Fehler anderer herzieht, bleibt fragwürdig, was das neue Jahr bringt – doch zur Umkehr ist es nie zu spät, und Gott eröffnet die Möglichkeit, Negatives hinter sich zu lassen. Haasinu ist ein Lied der Hoffnung und der Warnung, eines von drei Liedern, die auf Mosche zurückgehen: neben dem Lied am Schilfmeer (Schirat Hajam) und Psalm 90. Der Text ist in schwerem Hebräisch verfasst und deshalb beim Vortrag ohne Vokale eine Herausforderung. In der Tora steht er zweispaltig geschrieben; der zweite Teil einer Zeile bekräftigt jeweils den ersten – „meine Rede tropfe wie Regen“ / „meine Rede fließe wie Tau“. Inhaltlich beruht die Hoffnung des Liedes auf Gottes Treue: „Ein Fels ist er, ein Gott der Treue ohne Fehl.“ Treue zeigt sich darin, dass man nicht nur in guten, sondern gerade in schweren Zeiten zusammenhält. Trotz goldenem Kalb und ständigem Murren bleibt Gott Israel treu – das gibt Sicherheit für kommende Herausforderungen. Das Adlerbild, das über den Jungen schwebt und sie auf seinen Schwingen trägt, drückt Mosches Hoffnung aus, dass Gott sein Volk führt und Israel keinem fremden Gott verfällt. Nachama überträgt das auf die Gegenwart: Wenn Menschen zum „Fußballgott“ erhoben werden, gilt es zu erkennen, dass sie nur Menschen sind. „Ich kann töten und beleben, verwunden und heilen“ zeigt: Alle Macht liegt bei Gott; Ärzte haben ihren wichtigen Anteil, wären ohne Gottes Hilfe aber machtlos. So passt das Lied in die Gegenwart: Es erinnert an Gottes Macht, an seine erwiesene Treue und daran, dass nichts Gewesenes vergessen wird – gerade an Jom Kippur, wenn das Schicksal besiegelt wird. Nachama schließt mit dem Gebet um Einschreibung in das Buch des Lebens und dem Wunsch Chatima Towa. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  8. Sep 11

    Erew Rosch HaSchana || Abrahams Schweigen

    Diese Auslegung zur Akedat Jizchak wurde am 18. September 2020 aufgezeichnet. Zu Erew Rosch HaSchana 5781 sprach Rabbiner Dr. Walter Rothschild nicht über einen Wochenabschnitt, sondern über die Festtagslesung: Weil Rosch HaSchana 5781 wie auch im neuen Jahr 5787 auf den Schabbat fällt, tritt der Feiertagsabschnitt an die Stelle der Parascha. Gelesen werden 1. Mose 21 und 22 – nach Rothschild zwei versuchte Morde: an Hagar und Jischmael, dann an Jizchak. Warum ausgerechnet diese Texte am Tag des Gerichts stehen, an dem Menschen um Vergebung für ihre vergleichsweise kleinen Verfehlungen bitten, bleibt für ihn die offene Frage. Er liest Genesis 22 als zehnte und letzte Prüfung Abrahams und stellt die theologische Kernfrage: Hat Abraham bestanden – oder versagt? Abraham zeigt Gehorsam, Glauben und Vertrauen. Doch zwischen Vers 2 und Vers 3 fehlt, was man erwarten müsste: Einspruch, Protest, Verhandlung. Derselbe Mann, der um Sodom mit Gott feilscht, steht schweigend früh auf und geht. Drei Tage Weg ohne ein einziges Wort. Rothschild betont, dass gerade das Ungesagte im Text zu lesen ist: das doppelte „Hineni“, die betonte Wendung „Abraham, sein Vater“, der Vers, in dem Bauen, Schichten, Binden und Legen in einem Atemzug geschehen, und das fehlende Komma in „Gott wird sich das Lamm ersehen, mein Sohn“. Der Engel spricht: „Jetzt weiß ich, dass du gottesfürchtig bist.“ Ist das Lob oder Vorwurf? Rothschild fragt, was Gott vom Menschen will – blinden Gehorsam oder Partnerschaft, Widerspruch, Dialog. Er zieht die Linie zur Gegenwart: zu Menschen, die im Namen Gottes töten, und zur Grenze zwischen Glaube und Fanatismus. Zu viel Religion, sagt er, sei auch schlecht für die Seele. Zuletzt wendet er sich Jizchak zu, dem Sohn einer greisen Mutter, über den gelacht wird, der sich keine Frau sucht, der von seinen Söhnen getäuscht wird und erblindet. Rothschild trägt diese Hinweise zusammen und wagt eine Vermutung: eine Behinderung, vielleicht ein Kind, um dessen Zukunft die Eltern fürchten. Vater und Sohn gehen gemeinsam hinauf – zurück gehen sie nicht. Etwas ist zerstört. Jizchak bleibt das Zwischenglied zwischen Abraham und Jakob. Das Rätsel des Tages, sagt Rothschild nach Jahrzehnten im Rabbinat, ist ungelöst. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

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