Das Wort zum Schabbat

Ricklef Münnich || ahavta - Begegnungen

Mit Rosch HaSchana, dem Neujahrsfest im Herbst, beginnt das jüdische Jahr. Die Festtage des Volkes Israel sind gemäß der Gebote der Tora festgelegt. Die Zeit aber wird vom Schabbat, dem siebenten Tag der Woche, strukturiert. Ihn hat Gott selbst mit der Schöpfung der Welt eingeführt. Am Schabbat wird in den Synagogen ein Stück der Tora vorgelesen. Die Wochenabschnitte führen das Jahr über durch die fünf Bücher Mose. Das Ende und zugleich der neue Anfang der Lesungen ist an Simchat Tora, dem Fest der Tora-Freude zum Abschluss des Laubhüttenfestes. Bei ahavta - Begegnungen erklärt immer Freitags ein Rabbiner, Kantor oder Lehrer den jeweiligen Tora-Abschnitt. Die Video-Aufnahmen findest du bei https://plus.ahavta.com und auch bei YouTube unter https://youtube.com/@ahavta. plus.ahavta.com

  1. 6d ago

    Schabbat Schoftim || Richter im Tor

    Die Auslegung zur Parascha Schoftim wurde am 21. August 2020 aufgezeichnet. Rabbiner Walter Rothschild wählt aus der Fülle des Wochenabschnitts Schoftim (5. Mose 16,18–21,9) bewusst den Anfang: „Richter und Amtleute sollst du dir einsetzen in all deinen Toren.“ Er unterscheidet den Schofet, der über zivile Streitfälle entscheidet, vom Schoter, dem Wachmann, dessen eigentliche Aufgabe darin besteht, dafür zu sorgen, dass gar nicht erst etwas geschieht. Rechtsprechung wird damit zur Vorsorge, ein System, das Menschen zu einem anderen Verhalten anhält, weil sie wissen, dass sie zur Verantwortung gezogen werden können. Rothschild liest die Tora hier als erstaunlich progressives Gesetzbuch. Am Beispiel eines Kibbuz-Chronisten aus der Frühzeit des britischen Mandats Palästinas zeigt er, wie selbstverständlich Willkür, Raub und Totschlag in vielen Gesellschaften galten und teils bis heute gelten. Dagegen setzt die Tora ein einziges Recht für alle, auch für die Fremden, ein Anspruch, den er an heutigen Beispielen wie den entrechteten Wanderarbeitern am Golf misst. Das Verbot der Rechtsbeugung und der Bestechung sei bitter aktuell: Wo Spenden Genehmigungen ersetzen, macht Geld die Weisen blind. „Zedek, zedek tirdof“ – Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du verfolgen. Rothschild verbindet den Vers mit Levitikus 19 und der bevorstehenden Zeit vor Rosch Haschana: Wir wollen Gerechtigkeit für die anderen und Barmherzigkeit für uns selbst, doch vor dem Recht sind Ministerpräsident und einfacher Bürger gleich. Zugleich betont er die Verfahrensbindung: zwei bis drei Zeugen, sorgfältige Nachforschung, keine anonymen Denunziationen. Der Ankläger muss selbst Hand anlegen zur Steinigung – eine drastische Regel, die Verantwortung nicht ins Anonyme verschieben lässt und zugleich einer feigen Justiz widerspricht, die sich aus internen Machtmissbräuchen heraushält. Für schwierige Fälle verweist die Tora auf ein höheres Gericht bei den Priestern „in jenen Tagen“. Rothschild hebt hervor: Der Richter der Gegenwart ist nicht an die Vorgänger gebunden, sondern spricht für seine eigene Zeit – ein Grundprinzip jüdischer Rechtsentwicklung, das Kontinuität und Flexibilität verbindet. Ich verknüpfe das Gespräch mit den Toranlagen von Tel Dan und deute die pharisäische Lehre von der Auferstehung der Toten als Stärkung derer, die Unrecht erfahren: Am Ende kommt alles noch einmal zur Sprache. Rothschild ergänzt, dass die Rabbinen die Todesstrafe zwar formal bewahren, sie durch immer strengere Zeugen- und Verfahrensregeln aber praktisch aussetzen – ein Sanhedrin, der in siebzig Jahren einmal hinrichtet, gelte bereits als „blutig“. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  2. Aug 7

    Schabbat Re'eh || Der Name, den man nicht wegwerfen darf

    Die Auslegung zur Parascha Re’eh wurde am 14. August 2020 aufgezeichnet. Alexander Nachama, damals Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen eröffnet das Gespräch zum Wochenabschnitt Re’eh (5. Mose 11,26 – 16,17), der am Übergang vom Monat Aw zum Elul steht und schon eine leise Hinführung zu den Hohen Feiertagen bildet. „Sieh“ – so spricht Mose Israel an und legt ihm Segen und Fluch vor: Segen, wo die Gebote gehalten werden, Fluch, wo man von ihnen abweicht. Der Abschnitt bündelt außerdem Themen wie Zehnt, falsche Propheten, das Tätowierverbot, Kaschrut, das Schabbatjahr und die Wallfahrtsfeste. Nachama greift daraus einen unscheinbaren, aber alltagsprägenden Faden heraus: den Umgang mit dem Gottesnamen. Ausgangspunkt ist eine Kindheitserinnerung an ein Diktat mit der Wendung „Gott und die Welt“ – und die Frage, ob man „Gott“ ausschreiben darf. Der Wochenabschnitt gebietet, im verheißenen Land die Namen fremder Gottheiten zu tilgen, um Götzendienst zu verhindern; der Name des Ewigen aber darf gerade nicht ausgelöscht werden. Daraus folgt, dass Bücher und Schriftstücke, die Gottes Namen tragen, nicht einfach weggeworfen werden dürfen. Sie werden in einer Genisa, einem Abstellraum für unbrauchbar gewordene religiöse Schriften, bewahrt oder auf einem jüdischen Friedhof beerdigt. Nachama entfaltet, dass Maimonides sechs hebräische Gottesnamen zählt, die nicht getilgt werden dürfen – vom Tetragramm bis zu Schaddai und Zewaot –, nichthebräische Umschreibungen aber ausnimmt. Rabbiner Josef Soloveitschik folgert, das deutsche „Gott“ dürfe ausgeschrieben werden. Viele setzen dennoch einen Apostroph, weil sie nicht wissen, wo Zeitung, Brief oder ausgedruckte E‑Mail landen: Nach Dewarim 23,15 soll das Lager rein bleiben, und der Schulchan Aruch untersagt Gebet und Nennung des Namens in Räumen mit Unrat. So wird selbst Mülltrennung zur religiösen Pflicht. Ricklef Münnich ergänzt, dass wir der Genisa-Tradition unschätzbare Handschriftenfunde wie die Kairoer Genisa verdanken, und erinnert an den Brauch der Lutherbibel, „HERR“ in Kapitälchen zu setzen – nicht aus Furcht vor Tilgung, aber als Erinnerung, um wen es geht: nicht einen allgemeinen Gott, sondern den Gott Israels, den Christen in Jesus Christus wiedererkennen. Am Ende bleibt Nachamas Kernsatz: Wichtiger als das bloße Tun ist es, das Tun zu verstehen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  3. Jul 31

    Schabbat Ekew || Nach der Wüste beginnt es erst

    Die Auslegung zur Parascha Ekew wurde am 7. August 2020 aufgezeichnet. Rabbiner Andrew Steiman liest den Wochenabschnitt Ekew (5. Mose 7,12–11,25) als Text der Erneuerung. Das Volk steht am Jordan, unmittelbar vor dem Übergang in ein neues Land – und damit, so Steiman, vor einem neuen Anfang, nicht vor einem Abschluss. Er vergleicht diesen Moment mit einer Geburt: Die Schwangerschaft endet, doch das Leben beginnt erst. Auch der jüdische Festkalender spiegele diesen Rhythmus, denn nach Tischa be-Aw führe der Weg in sieben Wochen auf Rosch ha-Schana zu. Im Zentrum steht die Warnung aus Kapitel 8: „Hüte dich, den Ewigen zu vergessen.“ Wenn Sattheit, schöne Häuser, wachsende Herden, Silber und Gold kommen, droht Hochmut – das Vergessen der eigenen Herkunft aus dem Sklavenhaus. Steiman deutet Mose hier als Propheten im eigentlichen Sinn: einen, der eine Wenn-dann-Bedingung ausspricht. Wer die eigene Identität bewahrt, hat Bestand; wer sie vergisst, verliert sich selbst. Diese Warnung liest Steiman soziologisch und gegenwartsbezogen. Reiche – Ägypten, Persien, Griechenland, Rom – seien nicht von außen zerstört worden, sondern implodiert. Der Mechanismus verlaufe in Stufen: aus dem Wir-Gefühl der Wüstenjahre wird die Frage nach dem Nützlichen, dann nach Bequemlichkeit, Genuss und Luxus. Dabei bildet sich eine Elite, die andere abhängt – Steiman betont, dass Menschen sich nicht nur abgehängt fühlen, sondern tatsächlich abgehängt werden. Mit Bertrand Russell verweist er auf Griechenland und die Renaissance: höchste Kunst bei gleichzeitigem Zerfall des Zusammenhalts. Aktuelle Beispiele sieht er in Putins Zarenreich-Nostalgie, Erdoğans osmanischen Bezügen und im „Make America Great Again”. Als Rezept nennt Steiman drei Regeln: erstens die Identität nicht vergessen, was Freiheit und Gerechtigkeit (Zedaka, Zedek) hervorbringt und in Recht und Gewaltenteilung mündet; zweitens Ideale, die aus der eigenen Befreiungserfahrung erwachsen – gesichert durch den Kitt der Demut, sinnbildlich in der Kippa: Es gibt eine höhere Autorität, du bist nicht das Maß aller Dinge; drittens die Balance zwischen Einzelnem und Gemeinschaft, gebunden durch gemeinsamen Glauben – Religion als Rückbindung. Am Schluss verweist Steiman auf Schma Jisrael, Mesusa und Tefillin sowie auf die Türsymbolik: eine Tür schließt sich, eine neue öffnet sich. Als Seelsorger von Schoa-Überlebenden zieht er die Bilanz: Ägypter, Perser, Römer sind verschwunden – das jüdische Volk besteht. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  4. Jul 24

    Schabbat Wa'etchanan || Höre Israel – das Eine, das alles trägt

    Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens legt den Wochenabschnitt Wa’etchanan (5. Mose 3,23–7,11) aus und wählt aus der Fülle der Themen das Schma Jisrael als Zentrum. Er betont zunächst, dass es sich beim Beginn des Sefer Dewarim um ganz persönliche Abschiedsreden von Mose handelt – bemerkenswert für jemanden, der sich am Dornbusch selbst als „kein Mann der Worte“ bezeichnet hat und nun doch mit „ele dewarim“ spricht. Das Schma Jisrael (Kap. 6,4) ist für Ahrens das wichtigste jüdische Gebet, obwohl das Judentum eigentlich kein Glaubensbekenntnis kennt. Es ist gleichermaßen Bekenntnis, Aufschrei in schwierigen Zeiten und – neben dem Tischdank eines von nur zwei Gebeten aus der Tora selbst – geboten, morgens und abends zu sprechen. Es enthält die Verpflichtung zu Tefillin und Mesusa. Anhand des Talmud (Sukka 42a) zeigt der Rabbiner, dass Kinder es als eines der ersten Gebete lernen; die ergreifende Geschichte von Rabbiner Eliezer Silver, der nach der Schoah versteckte jüdische Kinder durch das gemeinsame Rezitieren des Schma wiedererkennt, unterstreicht dessen identitätsstiftende Tiefe. Das schwierige Wort „echad“ (eins) deutet Ahrens mit Maimonides und Leibowitz als qualitative, transzendente Einzigkeit Gottes. Nach dem Tiferet Israel (Rabbiner Israel Lipschitz) enthält der Vers drei Glaubensgrundsätze: Offenbarung und Hören, die Eigenschaften Gottes (Barmherzigkeit und Gerechtigkeit) sowie die Unsterblichkeit der einen Seele. Die in der Tora-Rolle größer geschriebenen Buchstaben Ajin und Dalet ergeben „Ed“ – „Zeuge“: Wer das Schma spricht, bezeugt Gott. Entscheidend ist für Ahrens die Einheit von Glaube, Liebe und Tat: Man soll „Recht und Gut” auch über das Gesetz hinaus tun (Raschi, Ramban). Das Extrembeispiel der Gottesliebe „mit ganzer Seele“ ist der Märtyrertod Rabbi Akiwas (Berachot 61b) in der brutalen römischen Verfolgungszeit. Im Gespräch klärt Ahrens schließlich, dass jüdisches Beten („hitpalel“) reflexiv gemeint ist: Selbstreflexion statt bloßer Bitte – das Schma konzentriert den Menschen auf das Wesentliche, auf den Einen. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  5. Jul 17

    Schabbat Dewarim || Mose blickt zurück – und wir mit ihm

    Rabbiner Dr. Walter Rothschild eröffnete am 24. Juli 2000 mit dem Wochenabschnitt Dewarim (Kapitel 1–3,22) das fünfte Buch Mose – zugleich der Schabbat Chason, dritter der drei mahnenden Schabbatot vor dem 9. Av, dem sieben Schabbatot des Trostes folgen. Er nennt Dewarim das Buch eines alten Mannes: Mose blickt zurück, mahnt eine Generation, die immer wieder ungehorsam war und dafür vierzig Jahre in der Wüste büßt, bis sie ausstirbt. Nur Mose, Josua und Kaleb überleben als Augenzeugen. Rothschild zieht die Parallele zu den letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, deren Stimme bald verstummt. Mose steht am Jordan, darf das Land nur schauen, nicht betreten, und bereitet seine Nachfolge vor. Rothschild deutet dies persönlich: Wie Mose fragt jeder Verantwortliche am Lebensabend, was er erreicht und wen er ausgebildet hat. Zentral ist für ihn die Aufgabe, Kontinuität zu stiften und die junge, freigeborene Generation in die Kette der Tradition einzubinden. In Kapitel 2 zeigt Mose, dass Gott den Völkern – Esau, Moab, Ammon – ihr Land zuweist und die Israeliten manche Gebiete achten müssen. Walter Rothschild verallgemeinert: Alle Geschichte besteht aus Völkerwanderungen; Grenzen und Nationen wandeln sich ständig, auch im Nahen Osten. Kein Volk bleibt ewig am selben Ort. Daraus folgt die Kehrseite: Das Land ist kein Besitz auf Dauer, sondern an ethisches Verhalten gebunden. Wer Gottes Willen verlässt, verliert es – Exil –, bis Umkehr (Teschuwa) die Rückkehr ermöglicht. Rothschild verweist auf Jesaja, dessen prophetische Selbstkritik Warnung und Trost verbindet, und betont: Nicht Prunk des Tempels zählt, sondern Ethik. Provokant lehnt er den Wiederaufbau des Tempels ebenso wie große Synagogenbauten ab. Für die heutige Israel-Debatte sieht er beide Seiten – Landnahme im Gottesauftrag und Nächstenliebe zum Nachbarn – als biblisch begründet. Seine bleibende Botschaft: Keiner lebt ewig; die wichtigste Aufgabe ist, würdig Nachfolge zu bereiten und abzutreten. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

    Schabbat Dewarim || Mose blickt zurück – und wir mit ihm
  6. Jul 10

    Schabbat Mattot & Massej || Der letzte Auftrag des Mose

    Die Tora ist ein riesiges Meer. Wie lernt man es kennen – gerade als Nicht-Jude? Wie wagt man sich hinaus auf dieses Meer, um ein Stück Tora zu entdecken? Im April 2020 haben wir damit begonnen: zunächst mit einem Rabbiner, dann kamen weitere hinzu, schließlich auch ein Kantor. Gemeinsam sind wir die Wochenabschnitte durchgegangen – jene fünf Bücher Mose, die das Volk Israel in den Synagogen im Lauf eines Jahres einmal vollständig liest. Inzwischen sind wir im siebten Jahr dieses Durchgangs angelangt. Nun stellt sich die Frage, wie sich das Meer der Tora gemeinsam mit den kundigen Rabbinern und dem Kantor auf neue Weise erkunden lässt. Deshalb erscheint heute zum letzten Mal das „Wort zum Schabbat” in seiner bisherigen Form – es ist, wenn wir richtig gezählt haben, die 301. Folge. Wer enttäuscht ist, dass diese Reihe endet, sei getröstet: In absehbarer Zeit, voraussichtlich Anfang September, wollen wir mit neuen Vorschlägen, neuen Formaten und neuen Wegen wieder hinaus aufs Meer der Tora fahren und die Reise fortsetzen. Zum Abschluss des vierten Buchs Mose wählt Kantor Amnon Seelig aus dem inhaltsreichen Doppelabschnitt Mattot-Massej (4. Mose 30,2–36,13) ein dichtes Motiv: den Rachefeldzug gegen die Midianiter (Kapitel 31). Auffällig ist eine feine Spannung im Text. Gott spricht von „Rache für die Israeliten an den Midianitern“, Mose aber von der „Rache des Ewigen“. Die Weisen im Midrasch (Bereschit Rabba) und Raschi deuten dies so: Mose korrigiert die Formulierung – und behält recht. Nicht Israel wird um seiner selbst willen angefeindet, sondern wegen dessen, was es repräsentiert. Der Hass gegen die Midianiter richtet sich in Wahrheit gegen Gott. Daraus entfaltet Seelig einen grundsätzlichen Gedanken: Judenfeindschaft ist kein rassistischer, sondern ein theologischer Hass. Die Juden werden angefeindet, weil sie die Tora und die Gebote tragen und weil sie versuchen, das Göttliche in die Welt zu bringen – ein „Licht“ für die anderen zu sein. Wer Israel angreift, greift, mit Raschis Worten, gleichsam den Heiligen an. Diese Dynamik reicht von Amalek bis in die Gegenwart, in der Juden wechselweise als Kapitalisten, Kommunisten, Kolonialisten oder Unterdrücker beschuldigt werden. Ein zweites Motiv ist Moses Größe: Er weiß, dass er unmittelbar nach dem Feldzug sterben wird, drängt aber ohne Zögern zum Kampf. Es geht ihm nie um sich selbst – Ausdruck äußerster Bescheidenheit. Das Volk hingegen weigert sich zunächst; die Krieger müssen ausgeliefert werden (hebräisch wajimmasru, nicht „sie nahmen”), weil niemand will, dass der geliebte Mose stirbt. Im Gespräch mit Ricklef Münnich folgt die Konsequenz für heute: Antisemitismus lässt sich in seiner Grundidee nicht besiegen, doch der Kampf gegen ihn bleibt geboten – „Es liegt nicht an dir, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, es zu vernachlässigen.“ Gehasst zu werden, sagt Seelig, sei letztlich ein Zeichen dafür, das Richtige zu tun. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

  7. Jul 3

    Schabbat Pinchas || Wenn Eifer belohnt und begrenzt wird

    Rabbiner Andrew Steiman entfaltet in seiner Auslegung zum Wochenabschnitt Pinchas (4. Mose 25,10-30,1) die tiefe Ambivalenz der Figur Pinchas. Der Enkel Aarons handelt am Ende des vorigen Abschnitts Balak im Affekt: Er durchbohrt den Fürsten Simri und die Midianiterin mit einem Speer. Damit endet eine Seuche, an der 24.000 Menschen sterben. Der Talmud betont, ein irdisches Gericht hätte diese Tat niemals erlaubt – und dennoch belohnt Gott Pinchas mit seinem Friedensbund (Brit Schalom). Steiman ordnet dies in die vorangehende Erzählung ein: Der heidnische Prophet Bileam erkennt die Schönheit der israelitischen Zelte, die so angeordnet sind, dass Privatsphäre und damit eine befreite, private Sexualität möglich werden – eine echte Revolution gegenüber der ägyptischen Herrschaftsordnung, in der Sexualität öffentlich und ein Machtinstrument ist. Bileam rät deshalb, Israel durch midianitische Frauen zu verführen und so in die alte Sklavenmentalität zurückzuwerfen. Simris öffentlicher Akt macht das Private wieder politisch – hier setzt Pinchas’ Eifer an. Der Rabbiner deutet den Lohn als Mahnung: Die Tat soll einmalig bleiben. Gott selbst eifert nur ungern; der Friedensbund soll Pinchas beruhigen, damit sich religiöser Extremismus nicht wiederholt. Der Abschnitt verbindet dies mit weiteren Themen: verschiedene Formen des Erbes, die drei Kronen (Königtum, Priestertum, Tora), das egalitäre Erbrecht der Töchter Zelofchads sowie die Nachfolge Moses durch Josua. Nach dem Targum Jonatan wird Pinchas kurzzeitig zum Engel und gilt als Vorläufer des Elija und Ankündiger der Erlösung – ein messianischer Bezug. Im Dialog zieht Ricklef Münnich die Parallele zu Johannes dem Täufer, ebenfalls einem Eiferer und Wegbereiter, der jedoch nicht tötet, sondern selbst getötet wird. Zum 250. Jubiläum der USA schlägt Steiman den Bogen zur Gegenwart: Sexualität bleibt hochpolitisch. Der Abschnitt zeigt jedoch, dass Umkehr und Tikkun Olam möglich sind – die Rückkehr zu einer freien, heiligen, privaten Ordnung. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

    Schabbat Pinchas || Wenn Eifer belohnt und begrenzt wird
  8. Jun 26

    Schabbat Chukkat & Balak || Der Fels, der Stab und ein hartes Urteil

    Im Doppelabschnitt Chukkat-Balak (4. Mose 19,1–25,9) widmet sich Rabbiner Alexander Nachama der bewegenden Frage, warum Mosche und Aaron das verheißene Land nicht betreten dürfen. Den Auftakt bildet das Gesetz der roten Kuh, deren Asche zur Reinigung dient und deren Fehlen heute als Hindernis für einen neuen Tempel gilt. Im Zentrum steht jedoch Kapitel 20. Mit dem Tod Miriams beginnt der Abschnitt traurig. Der Raschbam deutet die ausdrückliche Erwähnung ihres Begräbnisses: Miriam ist die Erste, die wieder ein reguläres Begräbnis erhält und nicht mehr am Tischa BeAw stirbt. Damit ist die erste, aus Ägypten ausgezogene Generation vollständig verstorben — vierzig Jahre sind vergangen, eine neue Generation tritt an. Doch die Hoffnung trügt: Es fehlt an Wasser, und einem Midrasch zufolge versiegt mit Miriams Tod die mitwandernde Quelle. Das Volk hadert mit den alten Vorwürfen. Gott gebietet Mosche, mit dem Stab zum Felsen zu reden, damit dieser Wasser gebe. Stattdessen schilt Mosche das Volk als ungehorsam und schlägt den Felsen zweimal. Wasser fließt, doch das Urteil folgt: Beide dürfen das Land nicht betreten, weil sie Gott nicht vertraut haben. Nachama bietet mehrere Deutungen an: Mosche handelt aus Zorn und Enttäuschung über die unveränderte neue Generation; er greift aus Unsicherheit zur erprobten Methode des Schlagens (Raschi); oder er schützt Israel sogar bewusst vor einer Anklage und opfert dabei seine eigene Zukunft. Aaron wird mitbestraft, weil er nicht einschreitet. Die tröstliche Erkenntnis: Selbst Mosche und Aaron sind fehlbare Menschen, die nicht alle Ziele erreichen. Ich ergänze, dass schon Psalm 106 die unbedachten Worte am Haderwasser benennt. Ich weise auf das Grab am Wadi Zin und die Quelle Ein Avdat hin und ziehe eine christliche Parallele: Der aus dem grünen Holz des Kreuzes Hervorgegangene kann selbst als eine mitwandernde Quelle lebendigen Wassers gesehen werden. This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit plus.ahavta.com/subscribe

    Schabbat Chukkat & Balak || Der Fels, der Stab und ein hartes Urteil

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Mit Rosch HaSchana, dem Neujahrsfest im Herbst, beginnt das jüdische Jahr. Die Festtage des Volkes Israel sind gemäß der Gebote der Tora festgelegt. Die Zeit aber wird vom Schabbat, dem siebenten Tag der Woche, strukturiert. Ihn hat Gott selbst mit der Schöpfung der Welt eingeführt. Am Schabbat wird in den Synagogen ein Stück der Tora vorgelesen. Die Wochenabschnitte führen das Jahr über durch die fünf Bücher Mose. Das Ende und zugleich der neue Anfang der Lesungen ist an Simchat Tora, dem Fest der Tora-Freude zum Abschluss des Laubhüttenfestes. Bei ahavta - Begegnungen erklärt immer Freitags ein Rabbiner, Kantor oder Lehrer den jeweiligen Tora-Abschnitt. Die Video-Aufnahmen findest du bei https://plus.ahavta.com und auch bei YouTube unter https://youtube.com/@ahavta. plus.ahavta.com

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