Aggression als destruktive Gewalt oder als lebendige Kraft für Wandel und Gerechtigkeit? In dieser Folge von „Feministisch katholisch jetzt“ spricht Jonathan mit Aggressionsexperte Thomas Scheskat darüber, wie Aggression als neutrale Energie verstanden und verantwortungsvoll genutzt werden kann. Es geht um Aggressionskompetenz in Beziehungen, Empowerment und Geschlechtergerechtigkeit, aber auch um Körperarbeit und Gewaltprävention, sowie innere Widersprüche von Männern und Frauen und darum, warum eine Kirche ohne Angst auch einen anderen Umgang mit Macht und Aggression braucht. Vom Prügelknaben zum Aggressionsdialog Thomas Scheskat wuchs in einer Arbeiterstadt auf, erlebte früh Bedrohung, körperliche Angriffe und das Gefühl, „immer den Kürzeren zu ziehen“. Parallel prägten ihn ein katholisches Elternhaus, ein liberal-humanistisches Weltbild – und eine innere Arroganz gegenüber „den Gewalttätigen“. Später fand er in körperorientierter Psychotherapie, Männerarbeit und der forensischen Psychiatrie zu seinem Thema: Aggression als Vorwärtskraft. Heute arbeitet er mit Männern, Frauen und Menschen aller Geschlechter an Aggressionsbalance, Empowerment und Selbstverantwortung – von Intensivkursen in freier Praxis bis hin zur Arbeit mit straffällig gewordenen Menschen in der Forensik. „Aggression ist zu kriegen, was man will“ – oder doch nicht? Aggression beschreibt für Thomas zunächst eine neutrale Vorwärtsbewegung: „herangehen, auf etwas zugehen“. Ob daraus Gewalt oder Wachstum entsteht, entscheidet der Umgang damit. In seinen Kursen wird Aggression über den Körper erfahrbar – beim Ringen, Boxen oder der Schlagklotz-Übung – immer gekoppelt an Dialog, Achtsamkeit und klare Zustimmung. Wer „zu brav“ sozialisiert wurde, entdeckt darin Handlungsmacht, wer zu impulsiv ist, lernt Regulierung und Empathie. Scheskat spricht von Aggressionsbalance statt Unterdrückung, von einem schwingen können zwischen Verteidigungsbereitschaft und Sanftheit. Unterdrückte Lebendigkeit kehrt sonst als verzerrte Gewalt zurück – in Beziehungen, Konsum, gesellschaftlichen Strukturen und auch in der Kirche. Verantwortung versteht er als „Antwort geben können“: erklären, warum ich etwas tue, Konflikte bewusst austragen, statt zu fliehen oder zu explodieren. Gerade für feministische Anliegen und Geschlechtergerechtigkeit sieht er Aggression als Ressource des Empowerments, um Rechte einzufordern und „sich nicht länger brav an die Seitenlinie stellen zu lassen“. Feminismus, Kirche und die Lust auf Kraft Aus seiner Perspektive blickt Thomas kritisch auf patriarchale Strukturen, Missbrauch und Angstkultur in der Kirche. Für ihn ist klar: ohne bewussten Umgang mit Aggression, Macht und Sexualität bleibt Gewalt im System. Bewegungen wie Out in Church oder die Bewerbung von Frauen bei Priesterseminaren liest er als selbstbewusste Aggressionsakte im besten Sinn – to get what you want. Eine wirklich feministische Kirche müsste Aggression nicht moralisch verdrängen, sondern als Kraft für Gerechtigkeit, Angstfreiheit und Konfliktfähigkeit ernst nehmen. „Nur brav sein ist Verrat am Leben“, sagt Thomas, und lädt dazu ein, die innere Tigerin, den inneren Krieger verantwortungsvoll zu kultivieren – auch im Glaubenskontext. Weitere Infos: Website zur Aggressions-Dialog-Arbeit: https://www.aggressions-dialog-arbeit.de/ Infos zu Thomas Scheskat (https://www.maennerbildung.de/referenten.html) und seine Angebote zur Aggressionsdialogarbeit (Seminare, Workshops, Männerarbeit, Aggressionskompetenz) (https://maennerbildung.de/tagungsworkshops.html) Literatur und das Buch von Thomas Scheskat: „Aggression als Ressource – Eine verkannte Kraft neu erleben“ https://www.maennerbildung.de/publikationen.html Hinweis auf die Podcastfolge zur Bewerbung katholischer Theologiestudierender als Priesterinnen (frühere Episode von „Feministisch katholisch jetzt“) https://open.spotify.com/show/18WSs1iYz4wKTcl4qSnLNl Webseite der Aktion „feministisch.katholisch.jetzt?!“(www.ebfr.de/feminismus)