Im „MUT“-Talk spricht Tupoka Ogette mit Tijen Onaran über ihr neues Buch „Trotzdem Zuhause“, über Zugehörigkeit – und die Frage, wie wir in einer Welt voller einfacher Antworten den Mut zur Nuance bewahren können. „Es lohnt sich, die Anstrengung zu unternehmen, auf Nuancen zu schauen“, sagt Ogette. „Beides kann existieren und wahr sein.“ Ogette, eine der prägenden Stimmen der Rassismuskritik in Deutschland, gibt dabei einen ungewöhnlich persönlichen Einblick in ihre eigene Geschichte. In „Trotzdem Zuhause“ beschreibt sie ihr Aufwachsen in der DDR, den tiefgreifenden Einschnitt durch die Ausreise und die langjährige Suche nach einem Gefühl von Zugehörigkeit. Den Schreibprozess bezeichnet sie als intensive „Seelenarbeit“, bei der sie sich noch einmal bewusst mit prägenden Erfahrungen und schmerzhaften Erinnerungen auseinandersetzen musste. Im Zentrum des Gesprächs steht das von ihr geprägte Bild des „Brückenmenschen“. Ogette beschreibt damit einen Zustand zwischen verschiedenen Welten – ein Leben in Übergängen, ohne klare Zuordnung. Diese Position sei zugleich eine Stärke und eine Herausforderung: Wer sich in der Mitte der Brücke befinde, könne unterschiedliche Perspektiven einnehmen und verbinden, müsse aber auch aushalten, nirgendwo vollständig dazuzugehören. Zugehörigkeit werde so nicht zu einem festen Zustand, sondern zu etwas, das immer wieder neu verhandelt werden müsse. Mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wird Ogette deutlich. In einer Zeit wachsender Polarisierung, in der einfache Antworten und vermeintliche Gewissheiten an Attraktivität gewinnen, warnt sie vor genau diesen Vereinfachungen. Besonders kritisch sieht sie die Sehnsucht nach einem idealisierten „Früher“, das oft als Gegenentwurf zur komplexen Gegenwart herangezogen wird. Für Ogette liegt die eigentliche Stärke jedoch im Aushalten von Widersprüchen und im differenzierten Blick auf Realität. Die Zwischentöne seien kein Zeichen von Unsicherheit, sondern Ausdruck von Reife und Erkenntnis. Das Gespräch beleuchtet auch die persönlichen Kosten von Ausgrenzung und Rassismus. Ogette schildert eindrücklich, wie frühe Erfahrungen des Andersseins ihr Selbstbild geprägt haben. Ständige Zuschreibungen und das Gefühl, nicht dazuzugehören, können dazu führen, die eigene Existenz infrage zu stellen. „Irgendwann hinterfragst du deine Daseinsberechtigung“, sagt sie – und macht damit deutlich, wie tief solche Erfahrungen wirken können. Gleichzeitig bleibt der Ton des Gesprächs nicht resignativ. Ogette formuliert eine klare Haltung im Umgang mit Unsicherheit und Veränderung. Für sie ist Kontrolle eine Illusion – und gerade darin liegt eine Chance. Statt an starren Vorstellungen von Heimat festzuhalten, plädiert sie für ein dynamisches Verständnis: ein Zuhause, das sich verändert, mitwächst und neue Erfahrungen zulässt. „Ich möchte ein Zuhause, das sich bewegt“, sagt sie. Stillstand bedeute für sie nicht Sicherheit, sondern das Ende von Entwicklung. Ihr Buch versteht Ogette deshalb auch als Einladung: einen Resonanzraum zu schaffen, in dem Menschen sich selbst, ihre Widersprüche und ihre Brüche wiederfinden können. Es geht darum, die eigene Geschichte anzunehmen, ohne sie zu vereinfachen – und den Mut zu entwickeln, in einer komplexen Welt differenziert zu bleiben. Ihr Fazit: Der Mut zur Nuance ist keine Schwäche, sondern eine zentrale Fähigkeit unserer Zeit. Nur wer bereit ist, Ambivalenzen auszuhalten und unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander bestehen zu lassen, kann sowohl persönlich als auch gesellschaftlich wachsen.