Taiwan in Bewegung

Juliane Miller,Rti

Juliane beleuchtet in dieser Sendung wöchentlich Themen, die Menschen in Taiwan bewegen, und spricht mit Menschen, die etwas in Taiwan bewegen wollen.

  1. Sep 9

    KI-Industrie: kommt jetzt die taiwanische Kernkraft-Kehrtwende?

    Ende November werden Taiwaner in einem Referendum über den Wiedereinstieg in die Atomkraft abstimmen - nur etwa eineinhalb Jahre, nachdem im Mai 2025 der letzte taiwanische Atomreaktor ausgeschaltet wurde. Referendem über Atompolitik sind in Taiwan keine Seltenheit, so handelt es sich dabei um das vierte Referendum dieser Art in nur acht Jahren. Seit Langem ist Atomkraft ein politischer Zankapfel in Taiwan; die Regierungspartei DPP stand jahrelang für eine Politik der “atomfreien Heimat” (非核家園). Das bevorstehende Referendum wurde von der Oppositionspartei KMT vorgeschlagen und im August gemeinsam mit der TPP im Parlament verabschiedet. Doch schon im März diesen Jahres verkündete der taiwanische Präsident und DPP-Vorsitzende Lai Ching-te (賴清德), als Reaktion auf die Forderungen der Öffentlichkeit habe das Kabinett reagiert und den staatlichen Energieversorger Taipower und das Wirtschaftsministerium beauftragt, Anträge auf die Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke Nr. 2 und Nr. 3 zu stellen. Die finale Entscheidung über eine Wiederinbetriebnahme seitens der Kommission für Kernkraftsicherheit (核能安全委員會) steht aktuell zwar noch aus, dennoch hat die DPP-Regierung ihren politischen Willen für eine Rückkehr zur Atomkraft deutlich gemacht. Das Referendum über eine Rückkehr zur Atomkraft wirkt damit etwas redundant. Doch wie kommt es, dass die DPP ihren jahrzehntelangen Widerstand gegen Atomkraft aufgegeben hat? Wie begründet die KMT die Notwendigkeit des Referendums? Und wie haben taiwanische Wähler in der Vergangenheit über Atomkraft abgestimmt? Die Kehrtwende von Präsident Lai Die taiwanische Anti-Atomkraft-Bewegung hat ähnlich wie in Deutschland ihre Anfänge den 70er und 80er Jahren. Die taiwanische Demokratiebewegung, aus der später die DPP hervorging, hatte eine enge Verbindung zu den Anti-Atomkraft-Protesten. Nach dem Atomunglück von Fukushima 2011 stieg der gesellschaftliche Druck für einen Atomausstieg weiter. Der Atomausstieg wurde dann 2016 von der Regierung der damaligen DPP-Präsidentin Tsai Ing-wen (蔡英文) nach ihrer Amtsübernahme beschlossen. Damals hatte Taiwan drei aktive Atomkraftwerke. Die beiden Reaktoren des Atomkraftwerk 1 (Jinshan) bekannt, gingen 2018 und 2019 vom Netz. Die beiden Reaktoren des Atomkraftwerk 2 (Kuosheng) gingen 2021 und 2023 vom Netz. Beide Atomkraftwerke lagen in Neu Taipei im Norden Taiwans. Der Reaktor 1 des Atomkraftwerk 3 (Ma’an Shan) an der Südspitze Taiwans ging Ende Juli 2024 vom Netz. Mit dem Abschalten des zweiten Atomreaktors von Atomkraftwerk 3 im Mai 2025 wurde der taiwanische Atomausstieg dann vollzogen – vorerst. Wie sich schon 2024, vor Vollzug des Atomausstiegs, eine Kehrtwende in der Atompolitik der DPP andeutete, hatte ich damals in einem Beitrag für Rti dokumentiert. Hören wir von Präsident Lai Ching-te, wie er die Anträge auf Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerk 2 und 3 im März dieses Jahres begründete: “Im letzten Jahr lag die Reservekapazität der Stromerzeugung in Taiwan ohne Atomkraft bei etwa 10 % oder sogar darüber. Das bedeutet, dass die Stromversorgung in Taiwan stabil ist. Aber Taiwan befindet sich mittlerweile in einer neuen Situation. Erstens: Unsere Wirtschaft hat sich sehr deutlich entwickelt. Dazu kommt das KI-Zeitalter. Der Bau von Rechenzentren braucht mehr Strom als unsere Schätzungen ursprünglich vorgesehen hatten. Zweitens: Als Reaktion auf den Klimawandel hat die europäische Union das CO2-Grenzausgleichsystem CBAM eingeführt. Dieses gilt derzeit für einige Produkte, in Zukunft könnte es weiter ausgeweitet werden. Um in den EU-Markt zu gelangen, müssen die Produkte unbedingt die Anforderungen an geringe oder gar keine CO₂-Emissionen erfüllen. Drittens: Die geopolitische Situation hat sich geändert. Die taiwanische Strom-Infrastruktur muss neben einer ausreichenden Strommenge und niedrigen Emissionen auch Energiesicherheit bieten.” Damit begründete Lai die Anträge auf die Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke 2 und 3.....

  2. Sep 2

    Green Advocates: Taiwans erste Energiegenossenschaft

    Ein Flachdachhaus in Miaoli im Nordwesten Taiwans. Auf einem Metallgestell sind Solarpanele installiert, mit einer Leistung von 10,03 kWp. Seit Ende 2017 produziert die Anlage etwa 13000 kWh Strom pro Jahr. Das Besondere an der Anlage – es handelt sich um die erste PV-Dachanlage in Taiwan, die von einer Energiegenossenschaft betrieben wird. Die Bürgerenergiegenossenschaft “Green Advocates”, auf Chinesisch 綠主張綠電合作社 wurde 2016 gegründet, als erste Energiegenossenschaft in Taiwan. Doch sie hat es nicht nicht einfach. Dass die taiwanische Energiewende nur stockend voran kommt, darüber habe ich in dieser Sendung schon häufig berichtet. 2025 wurden 13.3% der Elektrizität in Taiwan aus erneuerbaren Energien generiert. Nach den Ausbauzielen der taiwanische Regierung hätten es eigentlich 20% sei sollen – Taiwan liegt also fast 7 Prozentpunkte unter dem Zielwert. Ein Grund für den langsamen Ausbau ist auch eine gesellschaftliche Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien, befeuert durch Korruptionsfälle und Desinformationen. Eine Möglichkeit, die zu mehr Akzeptanz von erneuerbaren Energien führen könnte, sind Bürgerenergiegenossenschaften. Hier schließen sich Menschen zusammen, um selber in erneuerbare Energien zu investieren. Statt Großkonzernen sollen Bürger selber finanziell profitieren. Ich habe mit Hwang Shu-te (黃淑德) gesprochen. Sie ist die Direktorin der Bürgerenergiegenossenschaft “Green Advocates”. Diese Bürgerenergiegenossenschaft wurde im Jahr 2016 von Mitgliedern der Hausfrauen-Allianz-Stiftung gegründet, jener feministischen Umweltbewegung, über die ich kürzlich ein einem anderen Beitrag berichtet hatte. PV-Dachanlagen zur Vermeidung von Landnutzungskonflikten Der Gründung der Energiegenossenschaft im Jahr 2016 gingen drei Jahre der intensiven Vorbereitung voraus, in denen sich die Gruppe mit Initiativen in Japan und Südkorea beschäftigte. Dabei merkte man, dass es zwar viele Gemeinsamkeiten gibt – aber auch Unterschiede. “Zum Beispiel ist Südkorea flächenmäßig 10 mal so groß wie Taiwan, und die Bevölkerung ist sechsmal so groß. Weil die Überalterung der Gesellschaft in Südkorea früher eingesetzt hat, gibt es dort mehr landwirtschaftliche Flächen, die brachliegen. Wenn sie also Agri-PV machen, ist ihre Überlegung, neben landwirtschaftlichem Ertrag zusätzliche Einnahmen durch Stromerzeugung zu haben.” In Taiwan sei das anders – Freiflächen-PV gehe hier mit anderen Problemen einher. “Die Herangehensweise in Taiwan war, wild Flächen aufzukaufen, das nennt sich land grabbing. Es ist ein ernstes Problem, egal ob in landwirtschaftlichen Gebieten oder in der Fischzucht. “ Vor vier Jahren habe dann das Landwirtschaftsministerium (damals noch der Landwirtschaftsrat) diesem Prozess Einhalt geboten. Dennoch zeigt sich Hwang Shu-te kritisch gegenüber Freiflächen-PV in Taiwan. “Was ich damit meine ist, dass landwirtschaftliche Flächen von Solarkraft übermannt werden, ohne dass es eine Koexistenz gibt. Weil die Fläche von Taiwan sehr begrenzt ist, wird das Land relativ leicht zum Spekulationsobjekt.” Um das Problem einmal zu veranschaulichen: Taiwan hat in etwa die Fläche von Baden-Württemberg, mit mehr als doppelt so vielen Einwohnern. Die Green Advocates Genossenschaft entschloss sich aufgrund dieser potentiellen Landnutzungskonflikte, auf Photovoltaik-Dachanlagen zu setzen, anstatt auf Freiflächen-PV. “Anfangs haben wir uns dafür entschieden, aus ethischen Gründen nur Dachanlagen zu machen. Wir machen keine Freiflächen-PV, weil wir bemerkten, dass es dabei Landnutzungskonflikte mit dem Anbau von Lebensmitteln gibt. Außerdem ist der Genehmigungsprozess viel langwieriger.” Die Herausforderung beim Betrieb von Dachanlagen wiederum lägen in den Ausschreibungsverfahren, erzählt Hwang Shu-te. “Bei Schulen oder öffentlichen Gebäuden ist die normale Herangehensweise von Lokalregierungen, dass man eine Ausschreibung macht. Ich suche eine Firma, es gibt eine Auktion, und dann heißt es: “the winner takes it all”.....

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