EVOMENTIS - Neurodivergenz, ADHS, Autismus und darüber hinaus

Mathias Küfner

Dein Podcast zu Neurodivergenz, Evolutionärer Psychologie, Gesellschaft, Philosophie und mentaler Entwicklung www.evomentis.de

  1. Jul 4

    ⚡Krankschreibung ab Tag 1: Warum Kontrolle Neurodivergente länger krank machen kann

    In dieser Zwischenepisode sprechen wir über die geplante Änderung bei Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und darüber, was es bedeuten würde, wenn wir ab dem ersten Krankheitstag ein Attest bräuchten. Wir ordnen die bisherige Regelung ein, nach der eine AU meist erst nach einigen Tagen nötig ist, und vergleichen das mit den seit Corona möglichen telefonischen Krankschreibungen. Ein Schwerpunkt liegt auf den Folgen für Neurodivergente, vor allem für Menschen mit ADHS, Autismus und ähnlichen Profilen. Wir beschreiben, dass viele von uns ohnehin schon unter hoher Grundlast arbeiten, oft in reizintensiven oder stark strukturierten Umgebungen, und bei zusätzlichen Belastungen wie Infekten, Schlafmangel, Zyklusbeschwerden oder privatem Stress schneller an Grenzen kommen. Wir erklären, dass kurze Erholungsphasen oft sinnvoll sind, weil aus einem oder zwei Tagen Ausfall sonst leicht längere Krankheitsphasen werden können. Gleichzeitig kritisieren wir die Annahme, viele würden nur „blau machen“, und stellen dem gegenüber, dass viele Betroffene aus Verantwortungsgefühl arbeiten wollen und sich trotz Beschwerden oft zu lange durchbeißen. Ein weiterer Punkt ist die Belastung für Hausarztpraxen. Wir gehen davon aus, dass mehr Menschen bei leichteren Beschwerden in die Praxen gehen würden, was zu mehr Wartezeiten, mehr Druck auf Ärztinnen und Ärzte und zu eher pauschalen, längeren Krankschreibungen führen könnte. Das könnte nach unserer Einschätzung am Ende mehr Krankheitstage und mehr Bürokratie erzeugen. Zum Schluss sprechen wir über mögliche Folgen für Betriebe, insbesondere für kleinere Unternehmen, sowie über den Vertrauensverlust zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Wir kündigen an, dass in kommenden Folgen weitere Themen wie ADHS, Autismus, PDA, Beziehungsökonomie und Fragen eines besseren Umfelds für Neurodivergente behandelt werden.

  2. Jun 27

    Reiz und Reaktion: Wie frei ist unser Wille wirklich?

    In dieser Folge knüpfen wir an die vorherige Episode über Stress als Dauerzustand an. Wir sprechen darüber, dass uns oft Sicherheitssignale fehlen und wir dadurch in Alarmbereitschaft bleiben. Darauf aufbauend greifen wir die frühere Folge zum Grübeln wieder auf und ordnen das Thema neu ein. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Reiz und Reaktion. Wir diskutieren das bekannte Zitat vom Raum zwischen beiden und fragen, wie viel Freiheit in diesem Raum tatsächlich liegt. Dabei betonen wir, dass viele Reaktionen automatisch ablaufen und nicht einfach eine klare Kette aus Reiz und bewusster Entscheidung sind. Wir unterscheiden zwischen Grübeln und Reflexion. Beides beginnt mit dem Nachdenken über Erlebnisse außerhalb der akuten Situation, etwa über vergangene Gespräche oder Fehlentscheidungen. Grübeln beschreiben wir als Wiederholen ohne Lösung, Reflexion dagegen als Nachdenken, das zu Einsicht und Veränderung führt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, warum wir überhaupt nachträglich über Situationen nachdenken. Wir erklären das mit Automatismen, begrenzter Zeit, begrenzter Energie und der Notwendigkeit, viele alltägliche Abläufe ohne ständige bewusste Entscheidung zu bewältigen. Gleichzeitig zeigen wir, wie Rückblick und neue Informationen dazu führen können, dass wir frühere Reaktionen später anders bewerten. Wir ordnen das Ganze außerdem mit einer Firmenmetapher: Die bewusste Kognition ist wie die Chefetage, während viele andere Prozesse automatisch in den unteren Ebenen laufen. Grübeln und Reflexion dienen dann dazu, diese Abläufe zu überprüfen, zu trainieren und für zukünftige Situationen bessere „Hinweisschilder“ oder Regeln aufzubauen. Zum Schluss sprechen wir noch über freie Wille, Impulskontrolle und das Libet-Experiment. Wir erwähnen die moderne Lesart, nach der sich Handlungstendenzen im Gehirn vorbereiten, bevor sie bewusst werden, aber noch unterbrochen werden können. Abschließend verknüpfen wir das mit dem Gefühl von Agency, also dem Erleben von Kontrolle über das eigene Handeln.

  3. Jun 20

    Angst braucht keinen Auslöser: Warum Sicherheit erst hergestellt werden muss

    In dieser Folge sprechen wir über die Generalized Unsafety Theory of Stress, kurz GUTS, ein Modell aus dem Jahr 2016. Wir ordnen die Theorie evolutionspsychologisch, neurobiologisch und stressphysiologisch ein und zeigen, dass sie Stress und Angst nicht als reine Reaktion auf konkrete Gefahr versteht, sondern als Folge fehlender Sicherheitssignale. Wir gehen dabei der Frage nach, warum Unsicherheit selbst Stress auslösen kann. Nach diesem Modell ist Stress kein Ausnahmezustand, sondern eher der Grundzustand, der nur durch empfundene Sicherheit aktiv gehemmt wird. Entscheidend ist also nicht nur, ob tatsächlich Gefahr vorliegt, sondern ob genügend Hinweise vorhanden sind, die dem Nervensystem signalisieren, dass Entwarnung möglich ist. An Beispielen wie Dunkelheit, Nebel, einer stehen gebliebenen S-Bahn oder einer unklaren sozialen Situation machen wir deutlich, dass fehlende Vorhersagbarkeit bereits Stress erzeugen kann. Das Gehirn wird hier als Vorhersageorgan beschrieben, das laufend einschätzt, was als Nächstes passiert. Wenn diese Orientierung fehlt, entstehen Unsicherheit, Angst und Anspannung. Wir übertragen das Modell auch auf frühe Kindheit, Trauma, komplexe Traumafolgestörungen, soziale Unsicherheit, Einsamkeit und neurodivergente Erfahrungen. Besonders betonen wir, dass Sicherheit nicht nur kognitiv verstanden, sondern emotional und körperlich erlebt werden muss. Dazu gehören Vorhersagbarkeit, Verlässlichkeit, Kompetenz anderer, soziale Einbettung und Autonomie. Zum Schluss sprechen wir über mögliche therapeutische Konsequenzen. Wir halten fest, dass nicht nur nach konkreten Auslösern gesucht werden sollte, sondern vor allem nach fehlenden Sicherheitsfaktoren. Sicherheitssignale, Orientierung und die Erfahrung, auch bei Fehlern handlungsfähig zu bleiben, stehen dabei im Mittelpunkt.

  4. Jun 13

    EDHD: Das ADHS-Modell, das Hyperfokus endlich mit erklärt

    In dieser Folge sprechen wir über eine neue Studie, die ADHS nicht primär als Aufmerksamkeitsdefizit beschreibt, sondern ein Modell von Energie- und Stoffwechselregulation vorschlägt. Dabei wird der Begriff EDHD geprägt, also „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“. Wir ordnen diese Idee als wissenschaftlichen, aber noch nicht diagnostisch anerkannten Begriff ein. Im Mittelpunkt steht die These, dass Konzentration, Exekutivfunktionen und Hyperaktivität stark vom jeweiligen Energiezustand abhängen. Wir beschreiben, dass Aufmerksamkeit bei ADHS nicht grundsätzlich fehlt, sondern situativ verfügbar ist. Hyperaktivität, Fidgeting, Task-Switching und Rückzug werden als Strategien verstanden, um unter Belastung Energie zu kompensieren oder aufrechtzuerhalten. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Mitochondrien und der ATP-Verfügbarkeit in Gehirnzellen. Die Folge erklärt, dass ATP als unmittelbare Energiequelle dient und bei neurodivergenten Personen an manchen Stellen weniger stabil verfügbar sein kann. Daraus leiten wir ab, dass Leistungsfähigkeit nicht nur von Willenskraft abhängt, sondern auch von Erholung, Belastung, Kontext und körperlicher Energieversorgung. Wir gehen außerdem darauf ein, dass das Modell Überschneidungen mit Schlafproblemen, Burnout, Depression, Angst und neuroinflammatorischen Prozessen besser einordnen kann. Die Folge betont, dass sichtbare Leistungsfähigkeit Erschöpfung oft verdecken kann und dass kurzfristige Hochleistung nicht mit dauerhafter Belastbarkeit verwechselt werden sollte. Abschließend wird die Studie als wichtiger neuer wissenschaftlicher Rahmen vorgestellt, der bestehende Erklärungen zu ADHS ergänzt und teilweise korrigiert. Wir sehen darin ein Modell, das Betroffenen- გამოცდილungen besser abbilden kann, auch wenn es noch weiter validiert werden muss.

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