Liebe Hörerinnen und Hörer von OS-Radio 104,8, mit unserer Erkennungsmelodie »Freude, schöner Götterfunken« aus dem vierten und letzten Satz von Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie »Ode an die Freude« begrüßt Sie am Mikro Siggi-Ober-Grefenkämper zur 21. Ausgabe des Klassikformates »Radio IBYKUS«. In den nächsten 57 Minuten übernehme ich zusammen mit meinem Kollegen Uwe Alschner die Sendeverantwortung und freue mich auch heute wieder auf eine Reise in die Welt der Klassik, die mit ihren menschlichen Idealen oder zeitlosen Fragen nach Moral und Freiheit ein unglaubliches Potenzial zum Verstehen der Gegenwart bereithält. Das Gute daran ist, Klassiker bieten zu jedem Lebenszeitpunkt neue tiefe Einblicke, also ist es keine Frage des Alters, und somit nie zu früh oder zu spät sich diesem Thema zu widmen. Zumal klassische Texte entscheidend dabei helfen, negative Aspekte im Hier und Jetzt zu verstehen. Sie zeigen, dass viele moderne Probleme keine neuen Phänomene sind, sondern tief in der menschlichen Natur- und Gesellschaftsstruktur verwurzeln. Als Späteinsteiger für klassische Inhalte verdanke ich diese Erkenntnis meinem Freund und Kollegen Uwe Alschner, der sich zuvor mit Schillers 27 Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen auseinandersetzte. Dass das Erarbeiten alter Texte keinesfalls staubtrocken und langweilig ist, kann ich das Ergebnis meiner intensiveren Zuwendung durchaus als Lernprozess mit deutlichem Mehrwert für mein Leben beschreiben. Das war auch gleichzeitig die Geburtsstunde von Radio IBYKUS, dem Radioformat, wo ich gemeinsam mit Uwe meine Begeisterung für Klassik und die neuen Einsichten teilen konnte. Zudem regt Klassik mein Denken an und gibt mir die Möglichkeit, das Leben aus anderen Blickwinkeln zusammenzubringen. „Weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert.“ Mit diesem berühmten Satz von Friedrich Schiller spanne ich nun den Bogen zum Kernthema der 21. Ausgabe von Radio IBYKUS, die sich um Schillers tiefgründiges Gedicht »Das Ideal und das Leben« dreht. Ein Werk, in dem der große Dichter und Denker fundamentale Fragen nach menschlicher Wirklichkeit, moralischer Pflicht und ästhetischer Freiheit aufwirft, und unserem Team somit ausreichend Gesprächsstoff für die nächsten 57 Minuten liefert. Doch bevor wir darauf einsteigen, begrüße ich meinen Kollegen Uwe Alschner, der durch eine transparente und geduldige Kommunikation dafür sorgt, dass keine meiner Fragen unbeantwortend bleiben. Hallo lieber Uwe, danke, dass du mir auch heute wieder zur Seite stehst. UA: Na, was ist denn transparente Kommunikation, lieber Sigi? Hallo, ja, auch liebe Hörerinnen und Hörer von mir. Ich bin mal gespannt, was nach dieser Vorrede jetzt auf uns zukommt. SO: Ja, aber bevor wir mit unserem Thema beginnen, verrate doch bitte, welche Musik uns in der heutigen Sendung begleitet. Ja, heute habe ich mir gedacht, spielen wir mal die berühmte 9. Sinfonie von Franz Schubert. Das ist ein wirklich sagenumwobenes Stück, es ist lange verschollen gewesen. Franz Schubert ist ein Komponist, der vor allen Dingen auch für seine Lieder bekannt war, aber eben auch wunderbare Symphonien komponiert hat. Und hier ist jetzt eine Aufnahme unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler, den wir auch schon ein paar Mal gehört haben. Liebe Hörerinnen und Hörer von OS-Radio 104,8, im Mittelpunkt der 21. Ausgabe von Radio IBYKUS mit Uwe Alschner und mir, Siggi Ober-Grefenkämper, steht Schillers Gedicht »Das Ideal und das Leben«. Doch bevor wir darüber sprechen, möchte ich noch auf die in meiner Anmoderation erwähnte „Schönheit“ eingehen, denn dieser Begriff dient dem Gesamtverständnis seiner Werke und stellt das absolute Zentrum seiner philosophischen, ästhetischen Schriften dar. Wenn man das Wort im Alltag auf das Wesentliche herunterbricht, bedeutet Schönheit Attraktivität auf der rein visuellen Ebene, Anmut und Eleganz in der Bewegung oder Ausstrahlung oder Reinheit und Vollkommenheit in der Natur oder Kunst. Uwe, wie kann man den Begriff Schönheit aus Schillers Sicht erklären? Für Schiller ist die Ästhetik insgesamt der wichtigste Teil, um den Menschen zu seiner Menschlichkeit zu tragen, zu entwickeln. Und Ästhetik wiederum ist etwas, was sich aufgliedert in einmal die Schönheit, also die Optische Schönheit, das was mit „gefällig“ nur sehr unvollkommen beschrieben ist, eben schön ist wirklich der Begriff. Also das, was dem Auge wirklich gefällt, was anmutig ist, das ist ein weiterer Begriff. Daneben gibt es dann noch in der Ästhetik das Erhabene. Wenn man zum Beispiel Tragödien sieht, wo es dann wirklich um traurige Inhalte, um traurige Handlungen geht, kann sich dann trotzdem ein „schönes Gefühl“ einstellen. Und das ist das sozusagen, was man mit erhaben bezeichnet. Das eine kann nicht vom anderen getrennt werden. Er sagt das auch in seiner Schrift Über das Erhabene. Da sagt er eben, dass es zwei Genien gibt, die die Natur den Menschen zum Begleiter durchs Leben gegeben hat. Der eine, das ist dann die Schönheit, trägt uns hold und locker durch die Schwernisse des Alltages und macht uns die Notwendigkeit, also das, was unsere Pflicht ist, macht er uns leicht. Und der andere Genius ist eben dann das Erhabene, der kommt dann, wenn der erste, die Schönheit, ihre Grenze erreicht, nämlich da, wo es existenziell wird. Und insofern ist dieses Beides etwas, was unter dem Begriff Ästhetik bezeichnet wird. Und Ästhetik wird manchmal mit Schönheit übersetzt, aber es ist eben für Schiller differenzierter. Das eine ist das Aufmerksamkeit. Das ist das optisch gefällige Schöne und das andere ist eben das Erhabene. SO: Das wollte ich nämlich gerade fragen. Ästhetik und Schönheit sind nicht das Gleiche. Sie harmonieren miteinander, wenn ich dich richtig verstanden habe, aber sind nicht das Gleiche. UA: Die Ästhetik ist der Oberbegriff und enthält das Schöne und das Erhabene. Und das ist sozusagen in einem moralischen Sinne beides schön, aber in einem rein physischen Sinne, optischen Sinne ist das Schöne eben das Schöne, wo man sagt, „boah, ist das schön“, man staunt, wie kunstvoll, wie maßvoll etwas geformt ist, wie maßvoll etwas dargestellt ist, wie vollkommen etwas dargestellt ist, aber die Historie enthält eben dann auch noch das Erhabene, was ich eben sagte und das ist der Punkt, wo man dann das erkennt, was angesagt ist. Was man tun muss, selbst wenn es eigentlich an sich nicht schön ist, sondern vielleicht sogar mit einer existenziellen Gefahr verbunden ist oder einer Herausforderung, bei der man selber als Individuum scheitern kann, aber zum Beispiel Dinge tut, die dem großen Ganzen, der Familie oder den Kindern, dienen oder wie auch immer. SO: Uwe, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert. Warum meinte Friedrich Schiller, dass uns genau diese Schönheit erst zu freien Menschen macht? Oder wie kann man das verstehen? UA: In der Formulierung ist Schönheit wahrscheinlich dann auch, umfasst dann auch die Ästhetik. Also insofern ist es da dieser Begriff, der da gefälliger ist, weil man ihn... Die Schönheit ist das, was uns zu Freiheit führt, weil, und das ist der Punkt, Schiller sieht im Menschen eben zwei elementare Eigenschaften. Das eine ist, dass wir Gefühlswesen sind, dass wir sinnliche Wesen sind. Wir haben einen Verstand, der uns befähigt, über uns selbst, über unsere Stellung zur Natur, zur Schöpfung, zu Gott, nachzudenken und auch Ideen zu entwickeln, die dann sozusagen eine neue Dimension erreichen können. So und beide Züge, beide Triebe sind elementar für den Menschen, machen also den Menschen aus in ihrer Gemeinsamkeit, können aber im Zweifelsfall Einander auch in die Quere kommen. Das ist dann, wenn das eine unterentwickelt ist, wenn man jetzt nur im Gefühl ist, nur entweder sich von den Gefühlen leiten lässt, schnell in Wut gerät, schnell in Angst gerät, Gier, Habgier, Ego, das sind alles sinnliche Triebe. Und wenn man darüber seine Vernunft nicht aktivieren kann und sagen kann, „Moment, ich kann und will und darf nicht alles machen, was ich kann. Oder was mir im ersten Moment scheinbar Nutzen bringt, sondern ich muss an das Ende denken, ich muss an die Konsequenzen denken.“ Ich kann und will an die Konsequenzen denken, weil es eben um mehr geht als um mich. Und in diesem Sinne ist dann notwendig, dass diese beiden Elemente vereinigt werden. Genauso ist es umgekehrt: wenn jemand nur im Kopf ist, dann fehlt ihm im Zweifelsfall das Mitgefühl für seine Mitmenschen. Wenn jemand sagt — das ist ein Zitat, was überliefert ist von Marie-Antoinette, der französischen Königin, der Gattin von Ludwig XVI., die gesagt haben soll, ob das stimmt oder nicht, das sei dahingestellt, aber als Beispiel ist es gut: „Was jammern die Leute, dass sie kein Brot haben, dann sollen sie halt Kuchen essen. Das ist eine typische Äußerung aus dem Kopf heraus und überhaupt nicht voll mit Gefühl von dem Verständnis, dass jemand in existenziellen Nöten sein könnte. Die Schönheit ist das, was diese beiden unterschiedlichen Züge, diese Triebe veredelt, so wie Schiller das sagt. In Gegenwart von etwas Schönem kann sich dieser exzessiv ausgelebte oder exzessiv ausgebildete Trieb dann nicht mehr so entfalten. Wird gehemmt, wird gebremst, wird gedämpft, wird eben entwickelt. Und das heißt, im Endziel soll es dann dazu führen, die wirkliche Freiheit — das ist nach Schiller das, was den Menschen dann gefühlsmäßig so reifen lässt, dass er aus dem Gefühl das Vernünftige tut. Das ist das, was durch die Schönheit erreicht wird. Das was den Menschen zur Freiheit, zur wirklichen Freiheit bringt, nämlich frei von seinen animalischen Instinkten und auch frei von irgendeiner weltvergessenen Kopflastigkeit, die überhaupt kein Gefühl hat für die Bedürfnisse von anderen Menschen. SO: Also sagt Schiller letztendlich, dass die Schönheit