Therapie auf den Punkt

Henning Lütje

IG: therapieaufdenpunkt Mein Podcast zu Theorie und Praxis der Psychotherapie und verwandten Themen: Akzeptanz- und Commitment-Therapie, Philosophie der Psychiatrie, Philosophie des Geistes, Verhaltenstherapie, Persönlichkeitsstile Impressum: https://tinyurl.com/mvau4ymu

  1. 5D AGO

    Diagnosen #4 - Der Moderate Konstruktivismus

    Was ist das Verhältnis von Diagnose und psychischer Störung in der Welt? Der Naive Realismus geht davon aus, dass jeder Diagnose eine feinsäuberlich getrennte und eindeutig bestimmbare Störungsentität in der Welt entspricht. Dies ist jedoch aus verschiedenen Gründen unplausibel. Alternative Vorschläge zum Naiven Realismus verfallen oft in einen Relativismus, demzufolge kein Bild der Welt wahrer oder besser ist als irgendein anderes. Diese Position hat jedoch unplausible Konsequenzen im Einzelfall und ist anfällig für das sogenannte Selbstanwendungsproblem. Schließlich skizziere ich meine eigene Position, den Moderaten Konstruktivismus, der das Beste aus beiden Welten vereint. Demzufolge enthält jedes Bild der Welt immer subjektive Anteile, die sich aus unseren Interessen, unseren Bedürfnissen und unserem Statusstreben ergeben. Andererseits werden Konstruktionen oft durch weltseitige Korrektursignale als unangemessen markiert, was es uns erlaubt, zwischen unterschiedlichen Konstruktionen zu selektieren. Zu guter Letzt stelle ich noch kurz Peters Lieblingsmassenhysterie dar: die Tanzwut. Viel Spaß beim Zuhören! 🚀🚀🚀 _______________________________ Quellen: Mein Text zu Naivem Realismus, Relativismus und Moderatem Konstruktivismus: substack.com/inbox/post/187068647 Kritik an Störung = Diagnose: substack.com/inbox/post/187606868 _______________________________ Inhalt: 0:00 Einleitung 3:18 Recap Naiver Realismus 9:05 Alternativen zum Naiven Realismus 16:22 Relativismus 27:02 Radikaler Konstruktivismus 30:53 Moderater Konstruktivismus 42:25 Prinzipielle und praktische Prüfbarkeit 46:00 Fazit 48:05 Tanzwut auf Wunsch von Peter Kuhn

    54 min
  2. JAN 22

    Diagnosen #3 - Mimetische Ansteckung und Looping-Effekte

    Kann man eine Symptomatik dadurch bekommen, dass man von ihr erfährt? Kann man z. B. tourette-ähnliche Symptome schon dadurch bekommen, dass man viele YouTube-Videos über Tourette ansieht? So unglaublich es klingt: Es gibt viele gut dokumentierte Beispiele, in denen sich eine Symptomatik dadurch verbreitet, dass über sie kommuniziert wird. Ich versuche, diese Fälle von sogenannter mimetischer Ansteckung theoretisch zu erklären. Verblüffenderweise lässt sich das unter Zuhilfenahme einiger gut bekannter Effekte aus der Psychologie sehr gut bewerkstelligen. Das heißt aber keineswegs, dass alle psychischen Störungen auf "bloßer Einbildung" fußen, die wir nur rausfiltern müssen, um das eigentliche Wesen psychischer Störungen zu erkennen. Stattdessen mache ich mich erneut für eine moderate Zwischenposition stark, die kulturelle übertragbare Informationseinheiten ("Memes") als eine unter vielen verschiedenen Ursachen psychiatrischer Symptome anerkennt. ________________________________ Quellen: Thomas Reilly - Mimetic illness: open.substack.com/pub/rationalpsychiatry/p/memetic-illness?r=3zjgbe&utm_medium=ios&shareImageVariant=overlay Ian Hacking - Making Up People: lrb.co.uk/the-paper/v28/n16/ian-hacking/making-up-people Thorsten Padberg - Die Macht der Diagnosen: Looping-Effekte und die Folgen für die Psychopathologie: psychotherapeutenjournal.de/ptk/web.nsf/gfx/med_dome-dew3tn_871e1/$file/PTJ_2025-1_Artikel%20Padberg.pdf Paul Segar - Looping-Effekte und ADHS: unherd.com/2026/01/why-do-so-many-students-have-adhd/ Ian Hacking - Rewriting of the Soul: https://press.princeton.edu/books/paperback/9780691059082/rewriting-the-soul Page et al. 2010 Prädiktoren von Massenhysterien / Massenpsychosen: Frequency and predictors of mass psychogenic illness - PubMed Jones et al. 2000 Fallbeispiel Massenhysterie High School: Mass Psychogenic Illness Attributed to Toxic Exposure at a High School | New England Journal of Medicine Auflistung von Massenhysterien auf Wikipedia: Mass psychogenic illness - Wikipedia Prävalenz Linkshänder USA: https://jhanley.biostat.mcgill.ca/bios601/CandHchapter06/HistoryGeographyHumanHandedness.pdf  Engelmann et al. 2024 Psychologische Risikofaktoren für Long Covid: Psychological factors associated with Long COVID: a systematic review and meta-analysis - eClinicalMedicine Podcast Geteiltes Leid: open.spotify.com/show/5TV63QER9ZWuheLpAxu7Bm?si=e974c3e173024b9f ________________________________ Inhalt: 0:00 Das Havana-Syndrom 4:16 Einleitung 10:24 Mimetische Ansteckung 15:43 Bsp Benzingeruch in High-School 17:27 Bsp Pseudo-Tourette 20:25 Bsp Tic-Störung Thera Sanchez 21:40 Multiple Persönlichkeiten 27:21 Anzeichen für mimetische Ansteckung 30:15 Wieso nicht einfach Destigmatisierung? 33:30 Nicht alle Störungsbilder! 36:49 Welche Annahmen brauchen wir? 42:20 Wie funktioniert mimetische Ansteckung? 52:30 Sonderfall: inhaltliche Veränderung 55:24 Was folgt daraus?

    1h 6m
  3. 12/31/2025

    Depression im Hirn: Die neuronalen Grundlagen der Depression

    Wie äußert sich eine Depression im Hirn? Ich plädiere dafür, dass wir aus biologischer Perspektive interessante Aspekte einer Depression erkennen können, die anderen Perspektiven verborgen bleiben. Dies bedeutet aber keineswegs, dass die Bio-Perspektive in allen Kontexten Vorrang hätte. Nachdem wir uns vom biologischen Reduktionismus verabschiedet haben, wenden wir uns zwei neuen Studien zu Biotypen der Depression zu. Es stellt sich heraus, dass wir unsere Behandlung durch die Kenntnis von Biotypen optimieren können. Allerdings entsprechen der Depression mehreren Biotypen und jeder Biotyp hängt mit unterschiedlichen Diagnosen zusammen. Es ist also kompliziert. Wie also eine Schneise schlagen durch das undurchsichtige Dickicht widersprüchlicher Taxonomien? Und müssen wir menschliches Leiden überhaupt feinsäuberlich einteilen, um Menschen zu helfen? ________________________________________ Quellen: Studie zu kognitiven Biotypen bei Depression: doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2023.18411 Studie zu Behandlung mit Guanfacin:  doi.org/10.1038/s44220-025-00510-7 Awais Aftab zu Biotypen von Depression und Angststörungen: open.substack.com/pub/awaisaftab/p/biotypes-in-depression-and-anxiety Tozzi et al. 2024 zu Biotypen von Depression und Angststörungen: nature.com/articles/s41591-024-03057-9 ________________________________________ Inhalt: 0:00 Epistemischer Pluralismus 8:53 Hoffen auf Reduktionismus 20:57 RIP Serotonin-Mangelhypothese 22:34 Hack et al. 2025 31:31 Tozzi et al. 2024 46:57 Biotypen transdiagnostisch 49:31 Fazit 53:01 Welche Taxonomie wählen?

    1h 1m
  4. 12/17/2025

    Wirken Antidepressiva überhaupt?

    In seinem Buch "Die Depressions-Falle" formuliert Thorsten Padberg eine Kritik an der Wirksamkeit von Antidepessiva. Ihm zufolge sollten wir - von wenigen Ausnahmen abgesehen - auf ihre Verwendung verzichten. Dabei stützt er sich vor allem auf zwei zentrale Meta-Analysen: Kirsch et al. 2008 und Cipriani et al. 2018. In dieser Episode gehe ich die Evidenz noch einmal durch und komme zu einem anderen Schluss: Es gibt gute Argumente dafür, dass Antidepressiva klinisch relevant sind. Diese Argumente trägt Awais Aftab in seinem Artikel "The Case for Antidepressants in 2022" zusammen. Dazu gehört z. B., dass die beobachtete Effektstärke von Antidepressiva (0,3 SD) durchaus beachtlich ist und etwa vergleichbar mit der Wirksamkeit von manualisierter Psychotherapie und von Medikamenten in der somatischen Medizin. Außerdem gibt es triftige Gründe zur Annahme, dass unsere Studiendesigns und Messinstrumente die Wirksamkeit unterschätzen. Viel Spaß! 🚀🚀🚀 _______________________________ Quellen: Kirsch et al. 2008 Wirksamkeit 4 Antidepressiva: doi.org/10.1371/journal.pmed.0050045 Cipriani et al. 2018 Wirksamkeit 41 Antidepressiva:  doi.org/10.1016/S0140-6736(17)32802-7 Artikel Awais Aftab Substack: psychiatrymargins.com?utm_source=navbar&utm_medium=web Stone et al. 2022 Wirksamkeit nach Untergruppen: doi.org/10.1136/bmj-2021-067606 Bagby et al. 2004 Interne Konsistenz Hamilton-Skala: doi.org/10.1176/appi.ajp.161.12.2163 Hieronymus et al. 2015 Studie zu Wirksamkeit gemessen an Niedergeschlagenheits-Item: doi.org/10.1038/mp.2015.53 Cuijsper et al. 2018 Studie zu Wirksamkeit von Psychotherapie bei Depression: doi.org/10.1017/S2045796018000057  Cuijsper et al. 2020 Studie zu Wirksamkeit unterschiedlicher Behandlungen von Depression: doi.org/10.1002/wps.20701 Artikel von Scott Alexander zu Effektstärken: https://www.astralcodexten.com/p/all-medications-are-insignificant?utm_campaign=post&utm_medium=web Hieronymus 2021 Simulationsstudie zu möglichen Effekt-Stärken: doi.org/10.1111/acps.13340 Leucht et al. 2018 Studie zu Effektstärken von Medikamenten in somatischer Medizin: doi.org/10.1192/bjp.bp.111.096594 Hieronymus et al. 2018 Studie zu Nebenwirkungen und Effektstärke: doi.org/10.1038/mp.2017.147 Peters et al. 2022 Studie zu emotionaler Abstumpfung bei Antidepressiva: doi.org/10.1016/j.jad.2022.08.066 _________________________ Inhalt: 0:00 Einleitung 6:37 RIP Serotonin-Mangel-Hypothese 10:54 Kirsch et al. 2008 17:22 Cipriani et al. 2018 20:40 Argument 1: Durchschnittswert 24:04 Argument 2: Skala fragwürdig 25:05 Argument 3: Effektgröße 28:11 Argument 4: Standards unrealistisch hoch 35:42 Argument 5: Placebo mehr als Zucker und Erwartung 36:56 Argument 6: Wirkung nicht additiv 38:54 Argument 7: Intention to Treat unterschätzt Wirkung 42:38 Zusammenfassung und Fazit 46:12 Verblindung trotz Nebenwirkungen 48:24 Wirkung nicht durch Abstumpfung

    50 min

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