Hans Thill ist ein Dichter in der Nachfolge der Surrealisten, der „Oulipo“-Bewegung und der experimentellen Poesie. Deren Texte sind nicht nur Übungen im (manchmal durchaus auch formal strengen) „Leichtsinn poetischen Formulierens“, sondern auch literarische Übungen in der Erforschung des Bewusstseins und des Unbewusssten. In „Karaoke 2“ spielt Hans Thill wie ein DJ der Dichtung, wie Rapper, wie Free-Jazzer oder Sampling-und ReMixer mit vorgefundenem musikalischen Material umgehen, mit vorhandenem lyrischem Material vom Barock bis zur Gegenwart. Wie Musiker Melodieinseln als Ausgangsmaterial für ihre freien Improvisationen benutzen, benutzt Hans Thill einzelne Zeilen (nicht nur) bekannter vorhandener Gedichte als Ausgangsmaterial der Inspiration zum Schreiben eigener Gedichte. Dabei werden Bedeutungshorizonte und Interpretationssplitter des Ausgangsgedichts in einem Schreibprozess, der teilweise einer surrealistischen „écriture automatique“ ähnlich ist, mit allen ( vornehmlich literarischen) Inhalten des Bewussten und Unbewussten eines 70jährigen Lebens verwirbelt. Wie geht Gedicht-Karaoke? Wie singt man ein bekanntes Gedicht nach? Der neue Band von Hans Thill gleicht einem Gang in die Karaoke-Kabine. Wer sich in sie hinein begibt, kann nachsingen, was ihm vorgespielt wird. Zur Verfügung stehen 16 grandiose Optionen. Wer wollte nicht immer schon mal poetische Hits wie „Gebrochen Barock“, „Tag lass nach“, „Palle Pur“ oder „Klötenweh Quevlove“ nachsingen? Bühne frei für das lyrische Rudelsingen: 16 Gedichte aus 5 europäischen Sprachen, Gedichte von Andreas Gryphius, Georg Rodolf Weckherlin, Friedrich Hölderlin, William Wordsworth, August Graf von Platen, Stefan George, Yvan Goll, Stéphane Mallarmé, Saint-Pol Roux, Guillaume Apollinaire, José Maria de Heredia bzw. seinem Übersetzer Hanns Grössl, Else Lasker Schüler, Federico Garcia Lorca, Ilse Aichinger, Tomasz Róźycki bzw. seiner Übersetzerin Dagmara Kraus und Habib Tengour – auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Polnisch – der Lautleite des anderen Textes entlang – einem stets unabsehbaren Sinn auf der Spur, der sich selber findet, während er sich erfindet – Labsal als Labyrinth – auf dass man sich wiederfindet in so noch nicht gehörtem, in gänzlich unerhörtem Gebiet. Und als Rausschmeißer grölen alle noch auf dem Heimweg: „Taube im Abflug“! (Pressetext Verlag) In Folge 64 von podcastliteratur.de spricht Hans Thill mit Theo Schneider über Entstehung, Entwicklung und Funktionsweise seiner Karaoke-Gedichte und stellt ausführlich Beispiele vor. So entsteht ein ebenso intensiver wie genau nachvollziehbarer Einblick in die Werkstatt eines neuen poetischen Genres.