Podcast Literatur - ein Literaturformat von Theo Schneider und der VHS Kaiserslautern

Theo Schneider

Das Literaturformat von Theo Schneider und der VHS Kaiserslautern: Bücher, literarische Themen sowie Autorinnen und Autoren aus Rheinland-Pfalz und der Welt in Lesung und Gespräch.

  1. Folge 64: DJ der Dichtung

    May 21

    Folge 64: DJ der Dichtung

    Hans Thill ist ein Dichter in der Nachfolge der Surrealisten, der „Oulipo“-Bewegung und der experimentellen Poesie. Deren Texte sind nicht nur Übungen im (manchmal durchaus auch formal strengen) „Leichtsinn poetischen Formulierens“, sondern auch literarische Übungen in der Erforschung des Bewusstseins und des Unbewusssten. In „Karaoke 2“ spielt Hans Thill wie ein DJ der Dichtung, wie Rapper, wie Free-Jazzer oder Sampling-und ReMixer mit vorgefundenem musikalischen Material umgehen, mit vorhandenem lyrischem Material vom Barock bis zur Gegenwart. Wie Musiker Melodieinseln als Ausgangsmaterial für ihre freien Improvisationen benutzen, benutzt Hans Thill einzelne Zeilen (nicht nur) bekannter vorhandener Gedichte als Ausgangsmaterial der Inspiration zum Schreiben eigener Gedichte. Dabei werden Bedeutungshorizonte und Interpretationssplitter des Ausgangsgedichts in einem Schreibprozess, der teilweise einer surrealistischen „écriture automatique“ ähnlich ist, mit allen ( vornehmlich literarischen) Inhalten des Bewussten und Unbewussten eines 70jährigen Lebens verwirbelt. Wie geht Gedicht-Karaoke? Wie singt man ein bekanntes Gedicht nach? Der neue Band von Hans Thill gleicht einem Gang in die Karaoke-Kabine. Wer sich in sie hinein begibt, kann nachsingen, was ihm vorgespielt wird. Zur Verfügung stehen 16 grandiose Optionen. Wer wollte nicht immer schon mal poetische Hits wie „Gebrochen Barock“, „Tag lass nach“, „Palle Pur“ oder „Klötenweh Quevlove“ nachsingen? Bühne frei für das lyrische Rudelsingen: 16 Gedichte aus 5 europäischen Sprachen, Gedichte von Andreas Gryphius, Georg Rodolf Weckherlin, Friedrich Hölderlin, William Wordsworth, August Graf von Platen, Stefan George, Yvan Goll, Stéphane Mallarmé, Saint-Pol Roux, Guillaume Apollinaire, José Maria de Heredia bzw. seinem Übersetzer Hanns Grössl, Else Lasker Schüler, Federico Garcia Lorca, Ilse Aichinger, Tomasz Róźycki bzw. seiner Übersetzerin Dagmara Kraus und Habib Tengour – auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Polnisch – der Lautleite des anderen Textes entlang – einem stets unabsehbaren Sinn auf der Spur, der sich selber findet, während er sich erfindet – Labsal als Labyrinth – auf dass man sich wiederfindet in so noch nicht gehörtem, in gänzlich unerhörtem Gebiet. Und als Rausschmeißer grölen alle noch auf dem Heimweg: „Taube im Abflug“! (Pressetext Verlag) In Folge 64 von podcastliteratur.de spricht Hans Thill mit Theo Schneider über Entstehung, Entwicklung und Funktionsweise seiner Karaoke-Gedichte und stellt ausführlich Beispiele vor. So entsteht ein ebenso intensiver wie genau nachvollziehbarer Einblick in die Werkstatt eines neuen poetischen Genres.

    1h 1m
  2. Folge 63: Lakonische Levitationen zwischen nouvelle vague, Poesie und Politik

    Apr 14

    Folge 63: Lakonische Levitationen zwischen nouvelle vague, Poesie und Politik

    Marcus Braun ist ein Autor von Romanen und Theaterstücken. Er wurde 1971 in Bullay an der Mosel geboren, lebte lange Zeit in Berlin und ist seit zwei Jahren wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Wenn es nicht total veraltet und abgenutzt wäre, könnte man das früher häufig gebrauchte Klischee von den „Stillen im Lande“ aus der Mottenkiste kramen: Marcus Braun ist eher leise, zurückhaltend, nachdenkend, skrupulös, zweifelnd, lakonisch, langsam. Aber unter dieser Oberfläche phantasievoll, witzig, schräg, poetisch, kritisch, politisch, experimentierfreudig. Und so sind auch seine Romane: poetisch, lakonisch, witzig bis zu schrägen Kalauern, flirrend, sehr filmisch wie das französische Kino der 60er bis 80er Jahre, mal formal konventionell, mal experimentierfreudig anspruchsvoll, oft spannend, mal folgend sie den Suspense-Regeln von Krimis oder Politthrillern, mal dem Impressionismus der nouvelle vague des französischen Kinos, mal dem kalauernden Gehabe Heranwachsender. Immer sind ihre Protagonisten junge Leute zwischen Fünfzehn und Dreißig, in Phasen der Veränderung, unsicher ihrer Gefühle und Gedanken… So der Protagonist in Marcus Brauns formal wagemutigem und von der Kritik hoch gelobten Debut „Dehli“; die Zivildienstleistenden im sprachlich eher konventionellen Roman „Hochzeitsvorbereitungen“, die ihren Sex zwischen One-Night-Stands und Liebeskummer ausprobieren; die beiden Paare in „Armor“, die in der flirrend aufgeladenen Atmosphäre französischer Filme der 70er und 80er an der Atlantikküste flirten und zoffen; und so die beiden jungen Männer, die als konkurrierende „Panchen Lama“ vom Dalai Lama im Exil und von China ausgewählt wurden im Politthriller „Der letzte Buddha“. Aus diesen Büchern liest Marcus Braun und spricht über sein Schreiben mit Theo Schneider in Folge 63 von podcastliteratur.de.

    54 min
  3. Folge 62: „Klar wie Asche“ oder „Übersetzen ist das falsche Wort für eine Sache, die es nicht gibt!“

    Mar 6

    Folge 62: „Klar wie Asche“ oder „Übersetzen ist das falsche Wort für eine Sache, die es nicht gibt!“

    Vor mehr als dreißig Jahren hat das Künstlerhaus des Landes Rheinland-Pfalz in Edenkoben das Format „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“ entwickelt, das mittlerweile Nachahmer in der ganzen Welt gefunden hat. Das Konzept: Deutschsprachige Lyriker und Lyrikerinnen treffen sich einmal im Jahr mit Dichterinnen und Dichtern aus einem europäischen Nachbarland in einem mehrtägigen Workshop, um deren Texte zu übersetzen. Unmittelbar danach folgen gemeinsame Lesetermine auf Veranstaltungen in der Region und ein Jahr später erscheint eine Anthologie der Originaltexte und ihrer Übersetzungen. Zum ersten Mal waren im vorigen Jahr Lyriker und Lyrikerinnen aus Tschechien zu Gast. Einige von ihnen und ihre deutschen Kollegen und Kolleginnen hat podcastliteratur.de für Folge 62 zu einem Gespräch über Tendenzen tschechischer Lyrik und die Schwierigkeiten beim Übersetzen aus der westslawischen Sprache hinter dem Mikrofon versammelt. Dabei fällt in diesem Jahr vor allem zweierlei auf: Zum einen sind es fast ohne Ausnahme vor allem junge Lyrikerinnen und Lyriker, die aus Tschechien nach Edenkoben gekommen sind. Und ihre Texte sind oft ausgesprochen schwierig zu übersetzen, da viele sehr stark an Klangwirkungen der tschechischen Sprache orientiert oder ausgesprochene Klanggedichte sind, deren „Bedeutungen“ überhaupt nicht lexikografisch zu erfassen sind. So kommt es, dass die Teilnehmer ihre Übertragungsversuche mit der Erweckung von Frankenstein-Monstern vergleichen, vom Übersetzen als „Frankensteinisieren“ sprechen und dass man „das Monster montieren“ muss, wenn es um die Frage geht, wie denn eigentlich unübersetzbare Texte dennoch ins Deutsche übertragen werden können. Und natürlich reden wir auch von den Besonderheiten der westslawischen Sprache und über tschechische Lyrik in der Vergangenheit und Gegenwart.

    55 min
  4. Kostprobe: Vom Schreiben, Zuschreiben und Überschreiben

    Mar 6

    Kostprobe: Vom Schreiben, Zuschreiben und Überschreiben

    In Ursula Krechels neuem Roman geht es um Mütter und Söhne, um Gewalt, Macht und Ohnmacht, um Politik und weibliche Autorschaft. Das Erzählen selbst wird zum Thema und zielt als Möglichkeitsraum mitten hinein in unsere Gegenwart. Im Zentrum des Geschehens stehen drei Frauenfiguren: die Verkäuferin Eva Patarak, die Lateinlehrerin Silke Aschauer und die Justizministerin. Die Schicksale dieser drei Frauen sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden. Eva Patarak fühlt sich von Silke Aschauer verfolgt und befürchtet, diese wolle ein Buch über sie schreiben. Zudem wird die Geschichte Agrippinas erzählt, die ihr Sohn Nero hat töten lassen. Dabei spielt vor allem die Überlieferung durch den Geschichtsschreiber Tacitus eine Rolle. Ein interessantes Spiel entspinnt sich: Wer erzählt hier eigentlich? Wer hat die Kontrolle über das, was zählt, was erzählt wird? Und was bleibt unerzählt? Es sind verschiedene Stimmen, akribisch recherchierte Fakten und eine Vielzahl unterschiedlicher Erzählungen, die Ursula Krechel virtuos miteinander verknüpft. Mit überbordender Lust am Erzählen, viel Witz und einer raffinierten Erzählkonstruktion unternimmt sie den Versuch einer Geschichts-Überschreibung aus weiblicher Sicht, in der es nicht zuletzt auch darum geht, die eigene Stimme zu finden. In ihrer Rede zum Büchnerpreis formuliert Ursula Krechel, was sie mit Georg Büchner verbindet und formuliert damit ihr eigenes literarisches Programm: „Schreiben heißt: Denken, Beobachten, auf Töne und Misstöne achten, Schlüsse ziehen mit weitreichenden Folgen. Schreiben heißt: Lesen und auch das Unscheinbare auflesen. Schreiben heißt: den Tod, den gewaltsamen Tod denken, an Lebensbedingungen erinnern, die töten.“ Diese Kostprobe des neuen Romans von Ursula Krechel hat die Germanistin Sabine Schmoll für podcastliteratur.de realisiert. Ursula Krechels Rede zum Büchnerpreis ist über folgenden Link abrufbar: https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/ursula-krechel/dankrede

    26 min

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