OE3000 - Ein Podcast über die Organisationen von heute und morgen

Robin Julian Taylor

Ich bin Robin, Autor eines Sachbuchs über unsere Organisationen und Organisationsentwickler mit 15 Jahren Erfahrung. In diesem Podcast untersuche ich Organisationen als komplexe soziale Gebilde, in denen Macht ausgeübt wird, Konflikte ausgetragen werden und Veränderung möglich ist. Kein Management-Blabla, sondern kritische Analyse. Meine These: Organisationen sind veränderbar – wie wir sie gestalten, entscheidet über unsere Zukunft.

  1. 5d ago

    OE3000 - Episode 34 - Über Methoden und Werkzeuge: Anthropic Claude kritisch analysiert

    Drei Stichworte werden mit einer KI zu einer ganzen Seite aufgeblasen. Am anderen Ende dampft eine KI dieselbe Seite wieder auf drei Stichworte ein. Klüger geworden ist dabei niemand.In diesem Video geht es um Claude, den KI-Assistenten der Firma Anthropic, und vor allem um die Frage, was so ein Werkzeug in Organisationen tatsächlich anrichtet. Wie die Technik rechnet, erklärt das halbe Internet. Interessanter ist, wofür die Leute sie benutzen.Der Name ist eine Verbeugung vor Claude Shannon, der 1948 die Informationstheorie begründete. Shannon lieferte die Mathematik dafür, eine Nachricht möglichst knapp und ohne Verlust von einem Sender zu einem Empfänger zu bringen. Sein Namensvetter wird heute vor allem zum Aufblähen benutzt.Anders als Jira oder SAP hat dieses Werkzeug kaum jemand eingeführt. Es kam als Schatten-IT ins Haus, weil Leute es privat ausprobierten und mit zur Arbeit brachten. Die Bandbreite ist entsprechend absurd, von Fördergeldanträgen über Bewerbungen und Softwarearchitekturen bis zu Möbelentwürfen. Berichten zufolge werden dieselben Modelle auch Geheimdiensten und dem Militär angeboten.Am schärfsten zeigt sich das Muster bei Bewerbungen. Eine Maschine schreibt sie, eine Maschine sortiert sie aus, und der einzige Mensch in dieser Geschichte wartet zu Hause auf eine Antwort.Dahinter steckt ein Begriff aus der Organisationssoziologie, die Schauseite. Claude produziert eine Schauseite des Denkens, also sauberen und sicheren Text, dem man nicht mehr ansieht, ob dahinter jemand nachgedacht hat. Früher verriet sich schlechtes Denken durch schlechten Text. Diese Warnlampe ist kaputt.Joseph Weizenbaum baute 1966 mit ELIZA den ersten Chatbot und warnte danach sein Leben lang vor dieser Technik. Ivan Illich unterschied 1973 Werkzeuge, die selbständig machen, von solchen, die abhängig machen. Nach beiden könnte Claude ein gutes Werkzeug sein, es gehört nur nicht seinen Nutzern.Claude kann rechnen, aber es kann nicht urteilen. Und fast alles, was in einer Organisation wirklich zählt, ist Urteilen.Quellen:- Claude Shannon, „A Mathematical Theory of Communication", Bell System Technical Journal, 1948- Joseph Weizenbaum, „Computer Power and Human Reason. From - Judgment to Calculation", W. H. Freeman, 1976; ELIZA, 1966- Ivan Illich, „Tools for Conviviality", Harper & Row, 1973 (dt. „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik")- Anthropic, gegründet 2021 als Public Benefit Corporation von Dario und Daniela Amodei: britannica.com, Wikipedia „Anthropic"Anthropic, „Constitutional AI. Harmlessness from AI Feedback", anthropic.com/research, 2022- Militärische und behördliche Nutzung: businesswire.com und techcrunch.com, 07.11.2024 (Anthropic, Palantir, AWS); anthropic.com zu Claude Gov und dem Abkommen mit dem US-Verteidigungsministerium; cnbc.com, März 2026- Robin Taylor, „Hinter der Schauseite", oekom, 2026Schreib mir: mail@robin-taylor.deMehr Infos: www.robin-taylor.de#oe3000 #organisationsentwicklung #ki #claude #anthropic #kritik #software

  2. Aug 11

    OE3000 - Ein Gespräch mit Timo Daum zum Lob der Überwachung und über den digitalen Kapitalismus

    Reden Organisationen von Vertrauen und bauen zugleich immer feinere Messsysteme? In diesem Gespräch ist Timo Daum bei mir zu Gast, einer der klügsten und streitbarsten Kritiker des digitalen Kapitalismus. Um zwei seiner Bücher soll es gehen, um Lob der Überwachung und um Agiler Kapitalismus.Sein Lob der Überwachung hat mich gereizt, weil es die Blickrichtung umdreht. Überwachung erscheint dort nicht als Bedrohung, sondern als produktive Funktion, die Organisationen aktiv einsetzen. Genau das erlebe ich in meiner Arbeit jeden Tag, in Kennzahlen, im Controlling, in Performance-Reviews und in OKRs.Der Widerspruch, über den ich mit ihm spreche: Organisationen reden von Vertrauen, Eigenverantwortung und agilen Teams und bauen zugleich immer feinkörnigere Messsysteme. Ist das Heuchelei, oder eine funktionale Notwendigkeit, die sich nur schwer eingestehen lässt? Und was scheitert eigentlich, wenn Veränderungsprozesse versuchen, Kontrolle dort aufzuweichen, wo die Organisation strukturell gar nicht darauf ausgelegt ist?Von dort spannt sich der Bogen zu Timos Agiler Kapitalismus und zur Frage, wo zwischen harter Kontrolle und echter Selbstbestimmung Arbeit heute wirklich steht.Zu Gast: Timo DaumQuellen:- Timo Daum, Lob der Überwachung (Edition Nautilus, 2026)- Timo Daum, Agiler Kapitalismus (2020)Schreib mir: mail@robin-taylor.deMehr Infos: www.robin-taylor.de#OE3000 #Organisationsentwicklung #Überwachung #Kontrolle #NewWork

  3. Aug 7

    OE3000 - Episode 33 - Über Methoden und Werkzeuge: Ein kritisches Porträt des Begriffs "Framework"

    Scrum ist ein Framework. SAFe ist ein Framework. OKR wird als Framework verkauft. Aber was ist das eigentlich, ein Framework? In diesem Video geht es um den Sammelbegriff, unter dem heute fast jede Methode angeboten wird. Wörtlich ist ein Framework ein Gerüst, in das man seine Arbeit einhängt. Seine schärfste Bedeutung stammt aus der Softwareentwicklung, und genau dort steckt der entscheidende Unterschied. Ein Werkzeug rufst du auf, wenn du es brauchst. Ein Framework ruft dich auf. In der Programmierung heißt dieses Prinzip halb im Scherz, ruf uns nicht an, wir rufen dich an. Vielleicht ist das Wort auch deshalb so beliebt. Nenne deine Methode ein Framework, und sie klingt sofort seriöser, erprobter und teurer, ohne dass sich am Inhalt etwas ändert. Was ein Framework wirklich ist, hat schon der Soziologe Erving Goffman beschrieben, ganz ohne an Software zu denken. Ein Rahmen zeigt ein Bild, indem er alles andere wegschneidet. Jedes Framework macht ein paar Dinge sichtbar, Termine, Aufgaben, Kennzahlen, und lässt anderes verschwinden. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, was ein Framework zeigt, sondern was es einen nicht mehr sehen lässt. Ein Framework ist nie neutral. Die entscheidende Frage jeder Organisation lautet, ob sie das Framework benutzt oder ob das Framework sie benutzt. Quellen: Erving Goffman, „Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience", Harvard University Press, 1974Inversion of Control / Hollywood-Prinzip: Martin Fowler, „Inversion of Control", martinfowler.com, 2004Zur Wortverwendung: Scrum Guide (scrum.org), Scaled Agile Framework (scaledagile.com) Schreib mir: mail@robin-taylor.de Mehr Infos: www.robin-taylor.de #OE3000 #Organisationsentwicklung #Framework #Agilität #NewWork

  4. Aug 4

    OE3000 - Episode 32 - Organisationen im Videospiel? Oddworld: Abes Odyssey und Final Fantasy 7

    Zwei Videospiele aus dem Jahr 1997, unterschiedlicher könnten sie kaum sein, und doch erzählen sie dieselbe Geschichte über Organisationen. In Oddworld: Abe's Oddysee spiele ich Abe, einen Bodenwischer in der Fleischfabrik RuptureFarms. Abe gehört zu den Mudokons, die hier als Sklaven schuften. Als die Gewinne einbrechen, beschließt der Vorstand, die Belegschaft selbst zu schlachten und als neuen Snack zu verkaufen, als Mudokon Pops. Die Firma frisst ihre eigenen Arbeiter, und das ist wörtlich gemeint. In Final Fantasy VII regiert kein König, sondern ein Stromkonzern. Die Shinra Electric Power Company zapft die Lebensenergie des Planeten an und verkauft sie als Strom. Ihre Stadt Midgar ruht auf einer Platte: oben wohnen die Zahlenden im Licht, unten hausen die anderen in den Slums. Die Klassengesellschaft ist hier keine Metapher, sondern Architektur. Beide Konzerne tun am Ende dasselbe. Sie verwandeln Leben in Profit, den Planeten in Strom und die Arbeiter in Ware. Karl Marx nannte das Kapital einmal tote Arbeit, die sich wie ein Vampir nur am Saugen lebendiger Arbeit am Leben hält. Kein Bild passt besser. Für mich sind beide Spiele Lehrstücke über die Schauseite. Jede Organisation zeigt nach außen eine gepflegte Fassade, Shinra den glänzenden Turm, RuptureFarms den Normalbetrieb, und verbirgt dahinter die Ausbeutung. Das eigentliche Ereignis ist jeweils der Moment, in dem jemand hinter die Fassade schaut. Und beide Spiele hören nicht bei der Ohnmacht auf. Abe befreit seine Kollegen, einen nach dem anderen, und gegen Shinra formiert sich die Gruppe AVALANCHE. Gegen eine Organisation, so ihre Botschaft, hilft am Ende nur eine andere Organisation. Popkultur sprach 1997 aus, was Managementliteratur bis heute selten zugibt: dass eine Organisation ihren Zweck über die Menschen stellen kann, die sie tragen. Quellen: Oddworld: Abe's Oddysee (Oddworld Inhabitants / GT Interactive, 1997)Final Fantasy VII (Square, 1997)Karl Marx, „Das Kapital", Band 1 (Bild vom Kapital als Vampir)Robin Taylor, „Hinter der Schauseite", oekom, 2026 (zum Begriff Schauseite) Gezeigte Spielbilder als Bildzitat nach § 51 UrhG Schreib mir:mail@robin-taylor.de Mehr Infos: http://www.robin-taylor.de

  5. Jul 31

    OE3000 - Episode 31 - Über Methoden und Werkzeuge: OKR (Objectives & Key Results)

    Objectives and Key Results, kurz OKR, verspricht, dass eine ganze Organisation an denselben Zielen arbeitet. Ein Objective sagt, wohin es geht, drei bis fünf Key Results machen messbar, ob man ankommt. Bewertet wird auf einer Skala von null bis eins. Bei ehrgeizigen Zielen gilt schon eine Siebzig als voller Erfolg, wer stets alles erreicht, hat sich zu wenig vorgenommen.Die Idee ist älter, als man denkt. Peter Drucker beschrieb Management by Objectives 1954 als Führung durch Ziele und Selbstkontrolle. Andy Grove ergänzte bei Intel ab 1971 die messbaren Key Results, sein Schüler John Doerr brachte OKR 1999 zu Google, das damals keine vierzig Leute zählte.Dahinter steht eine uralte Frage jeder Organisation: Wie wird aus den Entscheidungen von heute ein Ziel, auf das morgen alle hinarbeiten? Renate Mayntz zeigte schon in den Sechzigern, dass Praktiker und Soziologen dieselbe Frage nach der zweckmäßigen Organisation stellen, nur aus verschiedenen Motiven. Niklas Luhmann unterschied zwei Weisen, Entscheidungen zu programmieren: das starre Wenn-dann und das Zweckprogramm, ein reines Zukunftsprogramm, das ein Ziel setzt und den Weg offenlässt. OKR ist der Sache nach ein solches Zweckprogramm und als Idee vollkommen legitim.Der Einwand richtet sich nicht gegen die Methode, sondern gegen ihren Verkauf. Managementmethoden werden beworben wie Sneaker: Eine Berühmtheit trägt den Schuh, also soll man ihn auch tragen. Spotify ist erfolgreich, also soll eine Behörde so arbeiten, die mit Musikstreaming nichts zu tun hat. Über den funktionalen Kern und die Passung zu dieser Organisation wird nicht gesprochen. Verkauft wird die Gewissheit, dass es anderswo geklappt hat, von einem Markt aus Software, Zertifikaten und Beratung, der vom immer neuen Einführen lebt.OKR ist am Ende ein Fernrohr, das zeigt, wohin die Reise geht. Die ehrliche Prüfung ist nicht, ob eine Methode bei anderen funktioniert hat, sondern was sie konkret bewirkt und ob genau diese Organisation das braucht.Quellen:- Peter Drucker, „The Practice of Management", 1954 (Management by Objectives, Selbstkontrolle)- Andy Grove, „High Output Management", 1983 (Key Results bei Intel, ab 1971)- John Doerr, „Measure What Matters", 2018; whatmatters.com (Google 1999, Grading, Entkopplung von Vergütung)- Niklas Luhmann, „Organisation und Entscheidung" (Konditionalprogramm und Zweckprogramm)- Renate Mayntz, „Soziologie der Organisation", Rowohlt, 1963 (Zweckmäßigkeit, Zielverwirklichung)- Luhmann und Mayntz zitiert nach Robin Taylor, „Hinter der Schauseite", oekom, 2026, Kapitel 3.2Schreib mir: mail@robin-taylor.deMehr Infos: http://www.robin-taylor.de

  6. Jul 28

    OE3000 - Episode 30 - Ein paar Gedanken zu Problemlösungen und Lösungsproblemen

    Angefangen hat es mit einem alten Vortrag. Paul Watzlawick, Ende der Achtziger, mit dem Titel "Wenn die Lösung das Problem ist". Sein Gedanke ist so einfach wie unbequem: Viele Probleme entstehen überhaupt erst durch die Lösung anderer Probleme. Seitdem habe ich rund zwanzig Bücher zur Kritik von Technologie gelesen, und diese Lesereise prägt auch meinen Themenblock über Methoden und Werkzeuge.Das Muster ist uralt. Das Feuer wärmt und bringt die Brandkatastrophe. Das Rad transportiert und bringt den Verkehrsunfall, den es vorher nicht gab. Antibiotika besiegen tödliche Infektionen und züchten multiresistente Keime. Jede Lösung verändert die Welt, in der die nächsten Probleme entstehen.Manchmal verschlimmert die Lösung sogar genau das, was sie beheben sollte. Der Kobra-Effekt geht auf eine Begebenheit aus dem kolonialen Indien zurück: Eine Prämie auf tote Kobras brachte die Leute dazu, Kobras zu züchten, und am Ende gab es mehr Schlangen als vorher. In Organisationen heißt das, wer eine Kennzahl belohnt, bekommt optimierte Kennzahlen und nicht das Ziel dahinter. Verwandt ist der Rebound-Effekt, man macht eine Sache effizienter und tut am Ende einfach mehr davon, bis die Ersparnis wieder aufgefressen ist.Ich sage das ausdrücklich nicht als Technikfeind. Mir geht es um zwei Dinge. Es gibt keine Innovation, die nur Vorteile hat. Und Vorteile wie Nachteile verteilen sich je nach Blickwinkel völlig unterschiedlich, denn wer profitiert und wer die Last trägt, ist selten dieselbe Person.Ein Buch aus dieser Lesereise hat mich besonders beeindruckt, Das knappe Gut Arbeit von Florian Butollo. Wir reden seit Jahren über Automatisierung, die uns die Arbeit wegnehmen soll, und stehen zugleich vor unbesetzten Stellen und fehlenden Händen. Genau diese Doppelbewegung macht das Buch stark.Die ehrliche Frage an jede Innovation lautet darum nicht, ob sie Nachteile hat, denn die hat sie. Sondern wer ihre Vorteile bekommt, wer ihre Nachteile trägt, und wer das entscheidet.Quellen:- Paul Watzlawick, Vortrag „Wenn die Lösung das Problem ist", SWR Tele-Akademie, 1987, auf YouTube verfügbar- Kobra-Effekt: Begriff geprägt von Horst Siebert, „Der Kobra-Effekt. Wie man Irrwege der Wirtschaftspolitik vermeidet", Deutsche Verlags-Anstalt (Jahr vor Veröffentlichung prüfen)- Rebound-Effekt: etablierter Begriff der Energie- und Umweltökonomie- Florian Butollo, „Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt", edition suhrkamp, 2026Schreib mir: mail@robin-taylor.deMehr Infos: http://www.robin-taylor.de

  7. Jul 24

    OE3000 - Episode 29 - Über Methoden und Werkzeuge: Excel

    Jira wird eingeführt. Scrum wird geschult. SAP wird ausgerollt. Das meistgenutzte Werkzeug der Arbeitswelt wird nichts davon. Es ist einfach da, und die Menschen nehmen es sich. Microsoft Excel erscheint 1985, zuerst auf dem Macintosh. Die Gattung ist älter: 1979 bringt VisiCalc die Tabellenkalkulation auf den Personal Computer, Anfang der Neunziger überholt Excel den Marktführer Lotus 1-2-3. Die Schätzungen zur Nutzerschaft beginnen bei 750 Millionen Menschen. Microsoft Research behauptet, Excel-Formeln würden von einer Größenordnung mehr Menschen geschrieben als alle C-, Java- und Python-Programmierer zusammen. Seit LAMBDA im Jahr 2021 ist die Formelsprache formal Turing-vollständig. Selbst unter agilen Teams greifen 25 Prozent zusätzlich zu Excel, mehr als zu Trello. Der Grund ist das leere Blatt. Kein Prozess, kein Datenmodell, keine Rollen. Teams bauen sich darin Frameworks, die kein offizielles System liefert, und diese Blätter werden tragend. Die Folge nennt das die heimliche Schnittstelle: Weil jede Einheit anders erfasst, wird von Hand übersetzt, ein Tag im Monat im Projektbüro. Der Preis ist dokumentiert. JPMorgan verlor 2012 rund 6,2 Milliarden Dollar, im Risikomodell wurde durch die Summe statt den Mittelwert geteilt. Im Oktober 2020 fielen in England 15.841 Corona-Fälle aus der Meldung, weil ein altes Dateiformat bei 65.536 Zeilen endet. Und die Genetik benannte siebenundzwanzig menschliche Gene um, weil Excel ihre Symbole in Datumsangaben verwandelte. Nicht die Software wurde angepasst, sondern die Wissenschaft. Stewart Brands Pace Layering erklärt, warum sich das nicht abschaffen lässt. Offizielle Systeme sind die langsame Schicht, sie stabilisieren. Excel ist die schnelle Schicht, hier entsteht heute Nachmittag, was morgen gebraucht wird. Der Kontrast zur SAP-Folge: Dort passt sich die Organisation der Software an, hier passt sich die Software jedem Menschen an. Nur gehört der Kosmos, in dem sie das tut, einem einzigen Konzern. Quellen: - Geschichte der Tabellenkalkulation, VisiCalc 1979 und Lotus 1-2-3: dssresources.com/history/sshistory.html - Microsoft Research, „LAMBDA: Making Excel Turing-complete", 2021 (Programmiersprachen-Claim des Herstellers): microsoft.com/en-us/research/blog - digital.ai, 17. State of Agile Report, 2024, Seite 20 (25 Prozent der Agile-Teams nutzen Excel) - Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, „Growth in a Time of Debt", 2010, Tabellenfehler öffentlich 2013: theconversation.com - JPMorgan „London Whale", 2012, rund 6,2 Milliarden US-Dollar Verlust, Spreadsheet im Risikomodell: fullstackmodeller.com - Public Health England, Oktober 2020, 15.841 nicht gemeldete Fälle durch die 65.536-Zeilen-Grenze des XLS-Formats: theconversation.com - HUGO Gene Nomenclature Committee, August 2020, Umbenennung von 27 Gensymbolen: theregister.com (06.08.2020) - Stewart Brand, Pace Layering, in „The Clock of the Long Now", 1999 (Übertragung auf Organisationen als eigene Anwendung) Schreib mir: mail@robin-taylor.de Mehr Infos: www.robin-taylor.de

  8. Jul 21

    OE3000 - Ein Gespräch mit Prof. Dr. Rudolf Wimmer über OE-Beratung und humanistische Ansätze

    Niklas Luhmanns Organisationstheorie ist für meine Zunft eine Zumutung. Sie legt nahe, dass Organisationen sich selbst reproduzieren, dass sie Interventionen von außen nach eigener Logik verarbeiten statt sie umzusetzen, und dass Beratung strukturell eher Irritation ist als Steuerung. Wer sein Geld damit verdient, Organisationen zu verändern, sollte an dieser Stelle kurz Niklas Luhmanns Organisationstheorie ist für Beraterinnen und Berater unbequem. Sie legt nahe, dass Organisationen sich selbst reproduzieren, dass sie Interventionen von außen nach eigener Logik verarbeiten statt sie umzusetzen, und dass Beratung eher Irritation ist als Steuerung. Wer wie ich davon lebt, Organisationen bei Veränderung zu begleiten, liest das nicht ganz ohne Unbehagen. Für dieses gefilmte Gespräch habe ich Rudolf Wimmer getroffen, einen der Begründer der systemischen Organisationsberatung im deutschsprachigen Raum. Wimmer hat die Beratergruppe osb in Wien mitgegründet, lehrte als Professor für Führung und Organisation an der Universität Witten/Herdecke und hat mit „Organisation und Beratung" eines der prägenden Bücher genau des Feldes geschrieben, in dem ich selbst arbeite. Der erste Teil des Gesprächs gehört der unbequemen Theorie selbst. Viele, die sich auf Systemtheorie berufen, ziehen daraus erstaunlich komfortable Schlüsse, das Etikett systemisch ist verbreiteter als seine Konsequenz. Ich wollte deshalb von ihm wissen, was eine konsequent systemtheoretische Sicht für das bedeutet, was wir als OE-Berater tatsächlich tun und bewirken. Mich eingeschlossen. In der zweiten Hälfte wurde es persönlich. Ich habe von meinem eher eklektischen Ansatz erzählt, von meiner humanistischen Orientierung, und davon, dass mir aus dem Theorieangebot nie etwas so zugesagt hat, dass ich meine Arbeitspraxis komplett danach ausrichten wollte. Wimmer hielt vehement dagegen und vertrat die Konsequenz des systemischen Ansatzes. Daraus ist genau die Art von Streitgespräch entstanden, für die ich dieses Format liebe. Ein Gespräch über eine Theorie, die meiner Zunft den Spiegel vorhält, und über die Frage, ob gute Beratung eine Schule braucht oder eine Haltung. Schreib mir: mail@robin-taylor.de Mehr Infos: www.robin-taylor.de

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