Digitale praktische Gesellenprüfung: Was bringt die Simulation wirklich und wo bleibt das Handwerk? Wer den Werkstatt Insider Podcast zum ersten Mal hört, merkt sofort: Hier geht es nicht um Hochglanz-Sprech, sondern um Werkstatt-Realität. In der ersten regulären Folge nehmen Jens, Michael und Moritz ein Thema auseinander, das viele Betriebe gleichzeitig neugierig und skeptisch macht: digitale Elemente in der praktischen Gesellenprüfung. Anlass ist ein Modellversuch in Dresden. Dort absolvieren rund 100 angehende Kfz-Mechatroniker einen Teil der praktischen Prüfung an einer digitalen Prüfungsstation. Es geht um Fehlerdiagnostik, also um genau den Bereich, der im Alltag längst digital begleitet wird, aber eben nicht digital gelöst ist. Warum kommt das Thema jetzt und was ist daran neu? In Dresden soll eine Computersimulation praxisnahe Fehlerbilder abbilden. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger die Technik-Spielerei, sondern die Vergleichbarkeit. Wenn Prüflinge an verschiedenen Fahrzeugen mit unterschiedlichen Fehlern arbeiten, wird die Bewertung schnell schief. Nicht weil Prüfer unfair sind, sondern weil die Ausgangslage nicht identisch ist. Eine Simulation kann definierte Störungsbilder bereitstellen, für alle gleich, jederzeit reproduzierbar. Das klingt erstmal sauber, fair und modern. Michael bremst direkt die Revolution. Digital in Prüfungen ist kein Neuland. In Bochum läuft die schriftliche Prüfung seit Jahren online. Das ist etabliert und organisatorisch sinnvoll. Aber die praktische Prüfung ist bewusst weiterhin praktisch, weil man sehen will, ob jemand das Handwerk beherrscht und Handwerk bedeutet eben nicht nur klicken, sondern anfassen, messen, beurteilen, sauber arbeiten. Diagnose ist nicht Stecker rein und fertig! Ein Kernmoment der ersten richtigen Podcast Folge ist die klare Abgrenzung zwischen Fehlerspeicher und Diagnose. Der Tester liefert keine Wahrheit, er übersetzt nur Symptome aus dem Steuergerät in eine Sprache, die wir lesen können. Michael bringt dafür den Vergleich mit dem Arzt: Der Patient sagt Kopfschmerzen und mehr nicht. Ob das von Stress, Alkohol, einem Stoß oder falscher Belastung kommt, muss erst herausgefunden werden. Genau so ist es am Auto: Der Fehlereintrag sagt dir, wo es wehtut! Nicht, was kaputt ist. Das ist auch eine Erwartungsfalle bei Kunden. Viele glauben, Werkstatt heißt Stecker dran – Bauteil tauschen – Rechnung schreiben. In der Realität beginnt die Arbeit nach dem Auslesen erst richtig: prüfen, messen, eingrenzen, Ursachen voneinander trennen. Und manchmal steckt die Ursache da, wo niemand sie vermutet. Zum Beispiel ein Massefehler in der Rückleuchte, der vorne das Lichtkino auslöst. Diagnose ist Systematik, nicht Lotto. Was die Simulation besser kann als das echte Auto Trotz aller Skepsis hat die digitale Prüfungsstation echte Vorteile. Der wichtigste: Komplexe und sicherheitskritische Szenarien lassen sich darstellen, ohne dass man an realen Fahrzeugen gefährliche oder extrem aufwendige Setups bauen muss. Damit ist die Brücke zum Elektroauto schnell geschlagen. Niemand will Prüflinge in einer Prüfung an offenen Hochvolt-Komponenten herumoperieren lassen. In der Praxis geht es bei Hochvolt-Themen ohnehin oft um die korrekte Freischaltung nach Herstellervorgabe, um sichere Abläufe, um Informationsbeschaffung und um saubere Messungen wie die Isolationsprüfung. Das lässt sich zumindest teilweise standardisieren und fair prüfen. Der zweite Vorteil ist der Reset-Effekt. Eine Simulation kann nach jedem Prüfling sauber zurückgesetzt werden. Am realen Fahrzeug ist das deutlich aufwendiger, besonders wenn in einer Stunde Diagnosezeit ein Fehlerbild gelöst werden soll und anschließend der nächste bei null starten muss. Und ja: Man kann in einer digitalen Umgebung theoretisch viel mehr Varianten abbilden als an einem physischen Prüfstand mit zwei oder drei umsteckbaren Fehlerquellen. Mehr? Podcast hören!