https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1917/wladimir-i-lenin-ueber-kompromisse.html In diesem Text zeigt sich Lenins ausgeprägte Fähigkeit, den dialektischen Materialismus auf eine konkrete Phase des Klassenkampfes anzuwenden – wenn auch einen Tag zu spät. Die Anwendung des dialektischen Materialismus ist eine komplizierte Sache. Denn es geht darum, zu erkennen, unter welchen Bedingungen welche Kräfteverhältnisse entstehen, welche Strömungen welche Klassenschichten mobilisieren, welche Schwankungen und Tendenzen möglich oder notwendig sind. Lenin führt hier etwas vor, das er vielen anderen Marxisten voraushatte: Er nutzt Marx' Methode und entwickelt das Bewusstsein der gesellschaftlichen Gruppen aus ihrem gesellschaftlichen Sein. Marx schrieb im Kapital: „Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.“ Lenin erkennt mit seiner Erfahrung und geleitet von eben jener Methode die geschilderte Situation, wenn auch einen Tag zu spät. Selbst dem Meister fällt die Anwendung nicht immer leicht. Er entwickelt die Handlungsmöglichkeiten, Vorstellungen und politischen Tendenzen der kleinbürgerlichen Schichten und ihrer Organisationen aus ihrer Stellung in der konkreten Situation des Klassenkampfes. Damit demonstriert er, wie notwendig der dialektische und historische Materialismus ist. Seine Anwendung mag eine schwierige Kunst sein, die nicht immer einfach ist, aber wenn man sie beherrscht, vermittelt sie die Fähigkeit, selbst minimale Zeitfenster mit gigantischen historischen Chancen zu erkennen und zu nutzen – Chancen, die für Methodenlose nicht einmal sichtbar sind. Checkst du die Tragweite?! Ohne Methode bist du dazu verurteilt, Tausende Fehler zu machen, am Laufenden Bande Chancen zu übersehen. Du erkennst Situationen nicht, verstehst die gesellschaftlichen Strömungen und ihr menschliches Material nicht und behauptest stattdessen: Die Arbeiterklasse müsse halt mal ein bestimmtes Argument lernen, dann werde das schon! Die entscheidenden Kräfteverhältnisse und deren Veränderungen wären für dich als metaphysischen Idealisten dann bloß die Wirkung von Argumenten und Debatten, während dir die Geschichte diese falsche Ansicht höchstselbst erst eingegeben hätte. Du wärst mit Verlaub rationalistisch verblödet, deine Meinung derweil selbst ein Produkt der Geschichte, während du dich aber unterdessen als deren Macher missverstehen würdest. Auf diesem Niveau befindet sich übrigens naturgemäß unsere heutige Arbeiterbewegung noch weitgehend. Es gedeihen bestimmte Sekten, die genau dieses unzureichende Niveau organisatorisch zum Ausdruck bringen. Aber unsere Klasse lernt gerade so schnell, macht so grundlegende Erfahrungen, dass ihre fortschrittlichsten Teile solche bodenlos methodenlosen Strömungen durch die Erweiterung ihres eigenen Erfahrungshorizonts bald überholen und schließlich hinter sich lassen werden. Vorausgesetzt, die Avantgarde führt hier entscheidende ideologische Kämpfe. Rotfront!