Auf Kap Verde in der Ankerbucht von Mindelo kam es fast zu einem Schiffsunglück. Das Ereignis hätte um Haaresbreite meine Reise rund um die Welt - zumindest vorerst - beenden können. „Ocean Bird“, eine schwere Segelyacht, driftete plötzlich manövrierunfähig geradewegs auf eine Kollision mit Segelyacht Victoria zu. Zum Glück konnte das Unglück in letzter Minute verhindert werden. Wie es dazu kam und was genau passierte, werde in diesem Kapitel erzählen. Aber dazu später. Mittwoch, der 20. Mai 2026. Es ist 10 Uhr morgens. Ich bin vor drei Tagen von den Kanaren aufgebrochen. Meine Position ist 23 Grad 45,215 Minuten Nord und 20 Grad 29,075 Minuten West, etwa 250 Seemeilen von der afrikanischen Westküste entfernt. Kurs 212, noch 480 Seemeilen bis zum ersten Zwischenstopp auf meiner Atlantiküberquerung nach Brasilien: die Kapverdischen Inseln. ETA, das bedeutet „Expected Time of Arrival“, zu Deutsch „Erwartete Ankunftszeit“, ist laut PredictWind, meiner Segel App, Sonntag, der 24. Mai. 320 Seemeilen liegen bereits hinter mir, seit ich die Kanaren verlassen habe. Meine Geschwindigkeit beträgt durchschnittlich 5 Knoten über Grund. Das ergibt ein Etmal von 120 Seemeilen. Ein Etmal bezeichnet die zurückgelegte Distanz innerhalb von 24 Stunden. Der Wind kommt seit Tagen stabil und unverändert mit sanften 10 bis 15 Knoten aus Nordnordost, also von Achtern, das bedeutet von hinten. Auf Vorwind Kursen, das sind Kurse bei denen der Wind von achtern kommt, fällt die Genoa, das ist das Vorsegel, oft in sich zusammen, weil es entweder vom Großsegel abgedeckt wird oder weil der Winkel zum Wind es nicht anders zulässt. Ein Spezialbaum, der waagerecht querab, also im rechten Winkel zum Mast, gehängt wird, hält die Genua fest, damit sich das Segel voll im Wind entfalten kann. Wenn er für eine Genua genutzt wird, spricht man fachlich vom Ausbaumen. Bei den vorherrschenden Norddordost Passatwinden wird das Großsegel meist auf der Backbordseite gefahren, während die Genua mit dem Spezialbaum auf der Steuerbordseite ausgestellt wird. Durch das Ausbaumen der Genua auf der einen Seite und das Großsegel auf der anderen Seite, auch "Schmetterlings-Segeln" genannt, kann das Boot den optimalen Winddruck nutzen, ohne dass die Segel flattern. Mein Spezialbaum ist aus Karbon und damit deutlich leichter als jedes andere Material, was mir sehr entgegenkommt, wenn ich alleine am Vorschiff rumhantieren und den Baum in die richtige Position bringen muss. Im englischen wird der Baum übrigens "Whiskerpole" bezeichnet. Ebenso sanft wie der Wind sind auch die Wellen mit maximal zwei Metern Höhe. In regelmäßigen Abständen jedoch kommen zwei bis drei größere, höhere Wellen. Sie heben das Boot hoch und drehen es am Wellenkamm, als würden sie mir sagen wollen: „Hier draußen geben wir die Richtung vor, nicht du, Junge!“. Bei dieser Drehung flattert das Segel für einen Moment und James, der Autopilot, hat kurz zu tun, das Boot wieder in Fahrtrichtung auszubalancieren. Sekunden später hat sich alles wieder beruhigt.