In dieser Folge knüpfe ich an eine Podcastfolge von Benedikt Wisniewski aus seinem Podcast „Psychologie fürs Klassenzimmer“ an. Ausgangspunkt ist die Frage, ob und in welchem Ausmaß sich Persönlichkeit überhaupt verändern lässt. Die Persönlichkeitspsychologie zeichnet hier zunächst ein eher nüchternes Bild: Viele Persönlichkeitsmerkmale zeigen eine erstaunliche Stabilität über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Wer eher gewissenhaft, introvertiert oder emotional belastbar ist, bleibt dies häufig auch langfristig. Diese Forschungsergebnisse sind gut belegt und stellen manche pädagogischen Hoffnungen auf grundlegende Persönlichkeitsveränderungen infrage. Gleichzeitig kennen viele Lehrkräfte, Coaches, Beraterinnen und Berater sowie Führungskräfte eine andere Erfahrung: Menschen bewältigen Situationen, die sie sich zuvor nicht zugetraut hätten. Schülerinnen und Schüler wachsen über sich hinaus. Lehrkräfte entwickeln neue Handlungsmöglichkeiten. Führungskräfte meistern schwierige Gespräche, die sie lange vermieden haben. Wie passt das zusammen? In dieser Folge stelle ich deshalb das States-und-Traits-Modell des Persönlichkeitspsychologen William Fleeson vor. Sein Ansatz verbindet die Stabilität von Persönlichkeit mit der offensichtlichen Variabilität menschlichen Verhaltens. Persönlichkeit erscheint hier nicht mehr als fester Punkt auf einer Skala, sondern als charakteristische Verteilung vieler möglicher Zustände. Anschließend wird der Bogen zum hypnosystemischen Ansatz von Gunther Schmidt geschlagen. Besonders seine Idee der Steuerposition eröffnet eine spannende Perspektive auf Persönlichkeitsentwicklung: Nicht die Veränderung von Traits steht im Mittelpunkt, sondern die Fähigkeit, bewusster und flexibler auf unterschiedliche innere Muster und Ressourcen zugreifen zu können. Eine Folge über die Frage, ob Persönlichkeitsentwicklung vielleicht weniger bedeutet, jemand anders zu werden – und mehr damit zu tun hat, mehr von dem nutzen zu können, was bereits in uns angelegt ist. Bezugspodcast Benedikt Wisniewski: Psychologie fürs KlassenzimmerFolge: Roberts et al. (2006) | Persönlichkeitsentwicklung Literatur Roberts, B. W., Walton, K. E., & Viechtbauer, W. (2006). Patterns of mean-level change in personality traits across the life course: A meta-analysis of longitudinal studies. Psychological Bulletin, 132(1), 1–25. Fleeson, W. (2001). Toward a structure- and process-integrated view of personality: Traits as density distributions of states. Journal of Personality and Social Psychology, 80(6), 1011–1027. Fleeson, W., & Jayawickreme, E. (2015). Whole Trait Theory. Journal of Research in Personality, 56, 82–92. Schmidt, G. (verschiedene Veröffentlichungen und Vorträge zum hypnosystemischen Ansatz und zur Steuerposition).