Lob und Verriss - Der Podcast

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  1. 1d ago

    Der Trafikant

    Ließen sich die zuletzt von mir rezensierten Bücher eher storyorientiert an, ging es vor allem um Effekt und Fortgang, sind wir mit Robert Seethalers “Der Trafikant” endlich wieder beim Gefühl. Wir lesen von der großen Liebe einer alleinerziehenden Mutter zu ihrem Sohn, die völlig ohne inzestiöse Gedanken daherkommt, obwohl die beiden in der tiefen Einsamkeit eines Bergdorfes am Rand der Alpen leben, der Sohn jetzt schon siebzehn Jahre zählt und die Mutter nicht unsexy daherkommt. Letzteres hilft ein bisschen, denn wir sind im Jahr 1937, und da reicht das Einkommen einer alleinstehenden Mutter in einem Dorf im Salzkammergut nie im Leben für einen Zweipersonenhaushalt, egal ob als Bäuerin oder Kellnerin im lokalen Gasthaus. In der Saison ist man auf die Zuwendungen des einen oder anderen Touristen angewiesen, im Winter ist Franzens Mutter froh, dass der Gastwirt, der reichste Mann im Dorf, ein Auge auf sie hat. Zum Glück ist er halbwegs ein Kavalier, zumindest nicht knausrig, er isst gern, trinkt dazu seine 8 Biere und 4 Schnäpse und stinken tut er auch nicht, ist er doch ein leidenschaftlicher Schwimmer im kristallklaren Bergsee, direkt vorm Haus der Kleinstfamilie. Leider isst er gern, trinkt Biere und Schnäpse und hatte, von dem bisschen Sturm, der gerade überm Dorf tobt, unbeeindruckt die Hosen runtergelassen und war mit starken Zügen bis in die Mitte des Sees geschwommen, als aus dem Un- ein Gewitter wurde und nun ist er tot, wie die Mutter ihrem Sohn berichtet, und beiden ist augenblicklich klar, dass es das war mit Franzens Kindheit, bei allen Widrigkeiten wohlbehütet wie sie war. Die Mutter habe da eine alte Bekanntschaft, ein bisschen geheimnisvoll, ein Mann auf alle Fälle, alleinstehend, der sich bereit erklärt hat, den Jungen aufzunehmen, auszubilden gar, in Wien, wo Herr Trsnjek wohnt und von Beruf ein Trafikant sei. Rein sprachlich weiß man instinktiv, dass das im deutschen Deutschen komplett unbekannte Wort “Trafikant” aus dem österreichischen kommen muss. Die zeitlich wie geographisch enorme Ausdehnung der K&K Monarchie macht das Wiener Idiom zum Paradies für die Freunde des Lehnwortes. Sorry, Paradeis, natürlich! Beim “Trafikant”, denkt man Verkehr, denkt an “traffic”, an Eisenbahnen von Reichenbach bis Sarajevo, an Dampflokomotiven, Frauen in Rock und Hut, Männer, die sich noch schnell eine Schachtel Zigarillos holen, um die Reise von Wien bis an die Adria zu überstehen, dazu eine Morgen- oder Abendausgabe, je nachdem, wann der Zug geht - und man liegt ziemlich genau richtig. Der Trafikant ist ein Zeitungs- und Tabakwarenverkäufer und zumindest zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen, habe ich regelrecht noch drei solcher Läden hier in Laufweite, auch wenn die in Ostdeutschland “Lottoabgabestellen” heißen oder einfach nur “Zeitungsladen” - nicht mehr lange, muss man fürchten. Waren die ersten siebzehn Jahre für Franz von der Liebe zu seiner Mutter und der Alpenlandschaft geprägt, ist der Umzug in das Wien von 1937 durchaus schockierend. Aber man kommt nicht umhin, dem Jungen Respekt zu zollen, er findet sich schnell rein, lernt von Otto, dem Besitzer des Ladens, das Handwerk. Das besteht neben einer Grundbildung Tabakwaren vor allem aus einer Fähigkeit: dem Zeitunglesen. Denn nur so versteht man die Kundschaft, die so vielfältig ist wie die Zeitungslandschaft in der Noch-Österreichischen-Hauptstadt. Während das Vorkriegs-Warschau des letztens hier besprochenen Buches “Der Boxer” geprägt war von tiefem Rassismus, wirtschaftlicher Ungleichheit und (daraus resultierender) extremer Gewalt, erscheint das Wien der neunzehnhundertdreißiger Jahre zivilisiert, anständig und freundlich. Als Hauptstadt eines paneuropäischen Kaiserreiches über die Jahrhunderte hinweg, ist die Gesellschaft immunisiert, denkt man, gegen die Extreme des Nationalismus, es geht einem gut, man kommt aus miteinander. Aber der Wiener Schmäh verklebt einem die Augen und die Ohren - bis wir Franz begleiten, wie er sich auf die Suche begibt nach einer ganz außerordentlich lebensfrohen Böhmin, die ihm auf dem Prater den Kopf verdreht hat und er sie schließlich in einem abgefuckten Wohnhaus findet, eine Etage über einem illegalen Schweinestall, zusammen mit dreißig anderen Tschechinnen hausend, in einer einzigen Wohnung. Bis wir den Fleischemeister aus dem Laden gegenüber des Trafikanten kennenlernen, ein grundlos neidvoller Wutbürger, der Typus, der sich acht Jahrzehnte später über die ganze Welt verbreiten sollte. Bis wir die feineren Damen der Gesellschaft im Laden über die Juden reden hören. Mit diesen Vignetten zieht uns Robert Seethaler ganz nebenbei in den Strudel des Nationalsozialismus, so wie dieser die ganze Welt in den seinen sog, damals und heute. Denn eigentlich begleiten wir Franz doch nur auf seinem Weg und Weh ins Leben, wie er so furchtbar unglücklich verliebt ist, in die Anezka, die Bier liebt und Gulasch und Tanzen und Sex aber halt nicht den Franzl, wie er selbst bald merkt, dass das nicht gut gehen wird, aber, wie das so ist mit siebzehn ist, es geht nich ohne sie, die Welt geht unter ohne sie und er einfach nicht mehr weiter weiß. Da betritt in einem wirklich unerwarteten what-the-f**k Moment Siegmund Freud die Szene: “Ja, klar, Wien, natürlich!”, schlägt man sich die Hand vor die Stirn, natürlich lebte dort Siegmund Freud und zwar gleich die Straße hoch vom Trafikanten und wie Franz lernt, ist der ein berühmter Doktor, der den Leuten den Kopf wieder richtet. Und ein Jud. Aber was es mit denen auf sich hat, war Franz noch nie so recht klar, sind doch ganz normale Leute, was haben alle nur.. Was für eine Wendung, waren wir doch bisher nicht ganz klar, worum es im “Trafikanten” gehen soll. Für einen Heimatroman haben wir die Alpen zu schnell verlassen, für ein coming of age Buch gibt es zu viel Kulisse und jetzt steht da auch noch der fast neunzigjährige Freud in der Tür, beziehungsweise geht gerade raus aus ihr und Franz denkt sich, wenn der Mann so viel vom Verrücktwerden versteht, kann er ihm vielleicht helfen, denn er wird doch gerade sehr verrückt wegen seiner Liebe zu Anezka. Also steckt er sich eine Handvoll Zigarren Freuds Lieblingsmarke “Hoyo de Monterrey” ins Jacket, folgt dem berühmten Herrn Doktor und setzt sich auf die Bank vor seinem Haus. Irgendwann muss der ja mal wieder rauskommen und dann kann er ihn vielleicht fragen, was er machen soll mit der Anezka, ist ja sein Job. All diese Szenen sind geschrieben in unaufgeregter wunderschöner Prosa und obwohl wir ahnen, worum es bald gehen wird - worum soll es schon gehen, in Wien, ein Jahr vor dem Anschluss - ist doch alles irgendwie normal. Es ist normal aus der heutigen Sicht auf die Welt, unterscheidet die sich doch leider nicht sehr von der in 1937. Arbeiter, Doktoren, Tagelöhner, reiche Witwen geben sich die Klinke in die Hand, beim Trafikanten, der kennt jeden und alle, sie sich untereinander jedoch nur aus der Zeitung. Jeder lebt in seiner kleinen Blase und die Weisheiten über die Welt stehen im “Volksblatt” für den Arbeiter (die Juden sind schuld), dem “Kleinen Blatt” für die Dame (die Juden sind schuld) und in der “Wiener Zeitung” für den feinen Herrn (die Juden, ditto). Und so braucht es nicht lange bis die Scheiben vom Trafikanten beschmiert werden. Zwar lebt hier gar kein Jude, aber so richtig koscher ist Otto Trsnjek mit seinem einem Bein (das andere blieb im Weltkrieg, dem ersten, logischerweise) auch nicht, man weiß es nicht. Und von hier an lassen wir dem Leser ein bisschen die Story entdecken, denn sie zu lesen ist nicht nur erwartbar traurig, sie ist auch sehr schön und sie ist ein bisschen wichtig. lZu sehr erinnert das seltsame Nebeneinanderherleben aller in diesem Wien, in diesem untergegangenen Kaiserreich an das heutige Deutschland, denn da war so ein Österreicher, der da beeindruckend für Ordnung sorgte in Berlin, wie man schon neidlos anerkennen muss - so die meisten Wiener. Zu sehr erinnert der Gröfaz von damals an so manche Lokalpolitiker heute, einen aus Thüringen zum Beispiel, den man jetzt offiziell einen Nazi nennen darf und dessen Partei in diesem Herbst dennoch mehr als 40% der Leute wählen wollen (in Sachen-Anhalt). In den Zeitungsläden von Magdeburg und Halle liegen vielleicht weniger verschiedene Zeitungen aus als in Wien, 1937, aber gemein ist ihnen, dass diese Zeitungen den gleichen Prinzipien wie damals auf den Leim gehen: es muss laut sein, es muss eine einfache Lösung versprechen und es braucht einen Sündenbock - und ob das ein Jude oder ein Afghane ist, ist dem Nazi wurscht und für beide Opfer ist es jeweils egal, ob sie einen Baseballschläger über den Schädel oder hochoffiziell von einem Polizisten per Flugzeug den staatlich verordneten Totschlag per Abschiebung bekommen. Und keinen kümmert es so recht, hat man das Gefühl, steht ja alles in der Zeitung oder beim Tiktoker und wenn es alle ok finden, isses schon ok. Statt sich kurz zu fragen, wie es der Frisörin, dem Zeitungsverkäufer, dem Geflüchteten heute geht, tun wir das genausowenig wie sich die Leute damals um die Leben und Gefühle der Fleischer oder der Trafikanten oder der weltberühmten Psychologen scherten. Rufen möchte man! Ob man vielleicht mal kurz den Kopf heben kann, bittschön?! Den Spiegel/Freitag/Junge Freiheit weglegen und selbst denken und bedenken, was die Konsequenzen sind, wenn man das so lange nicht tut, bis es zu spät ist! All das tut Robert Seethaler mit seiner Erzählung, vordergründig in einer gelassenen Schönheit, dass man zunächst zweifelt, ob das so angebracht sei und man dann merkt, dass das der Trick ist, nicht nur uns Leserinnen bei der Stange zu halten, sondern die erschreckende banale Schönheit kurz vor der Katastrophe zu malen, auf das wir diesmal vielleicht die Zeichen der Zeit rechtzeitig sehen. This is a public episode. If you would like to discuss this with other sub

    9 min
  2. Apr 27

    Han Kang: Die Vegetarierin

    Han Kang: Die Vegetarierin Liebe Leserinnen und Leser, in meiner letzten Rezension “Heaven” von Mieko Kawakami hatte ich formuliert: Das heute hier vorgestellte Werk ist zwar zunächst leicht und ruhig, dann aber grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Anstatt das in zunehmendem Alter die Ausschläge immer weiter abnehmen, die Highs nicht mehr so hoch sind, die Tiefen nicht mehr so verschlingend - wenn man sich ab und zu die Zeit zum Innehalten und Nachdenken nähme, würde man doch drauf kommen, dass die generellen Erzählungen, die uns Richtlinie, Beispiel und Vorbild sein sollen einfach nicht stimmen: Ideologien der Kindheit, Anforderungen der Gesellschaft, die zurichtet bis alles passt, der verächtliche Blick aufs Alter, in dem außer Krankheiten nichts mehr passiert: geschenkt. Und so ist die Einführung der letzten Rezension schon wieder angesagt, denn die heute vorgestellte Novelle ist - surprise - grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Das ist eigentlich schon mehr Spoiler, als dieses Werk verdient: Lest es, seid überrascht, und lest dann gerne hier weiter. Na gut, das haben vermutlich nicht alle Leser*innen geschafft. Es ist aber wirklich anempfohlen, den schmalen Band, eher eine Novelle denn ein Roman zu lesen, ohne vorher etwas darüber zu wissen. Auch wenn dann wieder jemand sagt, ich würde mir einen schmalen Fuß machen. Also, wir sind hier bei Lob und Verriss, “Die Vegetarierin” von Han Kang fällt eindeutig in die 1. Kategorie, auch wenn die ausgelösten Gefühle, die Wucht der Beschreibungen, die beschriebene psychische und physische Gewalt nicht so positiv sind, starke negativ konnotierte Gefühle hervorrufen. Wir gehen rein: eine Frau, Yeong-hye, entschließt sich eines Tages, kein Fleisch mehr zu essen. Auslöser dafür sind grausame Albträume voller Gewalt, Kadaver und Blut. Nun hat man vielleicht vergessen, dass es vor 20 Jahren hierzulande das Nicht-Fleisch-Essen in gewissen Landstrichen und einigen heute noch ein gesellschaftlicher Affront war und ist. Die Gründe sind vielfältig, aber eigentlich wissen auch alle, unter welch grausamen Bedingungen Fleisch hergestellt wird und lassen einen Fleischkonsum guten Gewissens eigentlich schlicht nicht zu. Eine doch hohe Ignoranz ist dafür also unabdingbar. Inwieweit die Novelle durch die Gesellschaft ihres Herkunftslandes Südkorea geprägt ist, wird in der Studio B-Diskussion besprochen werden. “Die Vegetarierin” ist in einer Sprache erzählt, die knapp, kühl und präzise beschreibt, welche Grausamkeiten Patriarchat, eine rigide Gesellschaft anrichten.Im Verlauf lesen wir über verschiedene Sichtweisen auf die Ausgangslage: Eine Frau hört auf, Fleisch zu essen und alle drehen durch. Ihre Entscheidung stürzt ihr konkretes Umfeld, also ihren Ehemann und ihre Ursprungsfamilie, hier: die Eltern, Bruder und Schwester in große Konflikte und hat so weitreichende Konsequenzen, dass man sich den Kopf (und später das Herz) halten muss. Dabei führt die erste Entscheidung (kein Fleisch mehr zu essen) zu weiteren - sie entledigt sich zunächst ihres BHs, später auch ihrer anderen Kleidungsstücke und stellt radikal das Mensch-Sein in Frage. Empathie, Zugewandtheit, Akzeptanz, Respekt gar: im Roman eine große Leerstelle. Die ersten Beschreibungen der neuen Situation liefert der Ehemann von Yeong-hye, der ihre Durchschnittlichkeit preist, ihren Mangel an hervorstechenden Eigenschaften. Er betrachtet sie als verfügbar und seinen Besitz. Ihre Familie empfindet den unbedingten Fleischverzicht ebenfalls als Kontrollverlust und versucht mit allen Mitteln (ja wirklich), sie zum Fleischessen zu zwingen. “Die Vegetarierin” beschreibt den weitreichenden Verfall dieser Familie als geradezu zwangsläufig, der immer höhere Wellen schlägt und den Einflusskreis nach außen vergrößert. Dabei scheint der größte Konflikt die riesige Diskrepanz zwischen inneren Verwerfungen, Begierden, Sehnsucht und der äußeren Gleichgültigkeit, Stille, Abstand, der geradezu eskalieren muss. Der Abstand zwischen den eigenen Wünschen und den Konventionen belastet Yeong-hye zwar mit den weitreichendsten Folgen, zeigt sich aber auch in anderen Figuren, wie dem Schwager. Für den sind die handelnden Frauen aber auch nur Objekte, Verständnis hat er nur für seine eigene - zunehmend prekäre - Situation. Die Abwesenheit von Empathie ist eines der vorherrschenden Motive und nur ihre Schwester zeigt sie, hier sind aber auch Schuldgefühle stark, denn sie ist diejenige, die Yeong-hye in eine Klinik einweisen lässt. Größerer Zwang durch Familie, Gesellschaft und Institutionen führt aber - so das Kalkül und in der Vergangenheit wohl auch öfter zumindest dem äußeren Schein nach erfolgreich - nicht zur Wiedereingliederung der Protagonistin, sondern zu einer immer größer werdenden Entfernung von gesellschaftlichen Konventionen. Der Tod als ultimativer Bruch mit der Gesellschaft - von Yeong-hye als Umwandlung in einen Baum (und damit des Sterbens als Mensch) angestrebt: Ist er erstrebenswert? Nachvollziehbar? Die Leser*in wird mit vielen Fragen und viel Gewalt konfrontiert. Die Protagonist*innen in “Die Vegetarierin” verweigern dabei jede Identifikation des Lesenden mit einer der Personen.Der Abstand ist so groß, dass immer wieder die Frage neu gestellt wird: ist es besser zu sterben als so zu leben? Muss man Menschen zwingen zu leben? Ist dies eine nachvollziehbare Reaktion auf die Gewalt und Zwänge? Vieles ist schockierend, dann aber auch eigentlich gar nicht, ein Blick in die Welt und die aktuellen Debatten reicht. “Die Vegetarierin” von Han Kang erschien 2007 - also vor knapp 20 Jahren - in Südkorea. 2016 gewann sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Deborah Smith den renommierten Man Booker International Prize. Dies half natürlich mit der Verbreitung des Werks, entfachte aber auch eine Debatte, inwieweit die englische Übersetzung korrekt oder treffend sei, war es doch eine der ersten Übersetzungen von Deborah Smith, die erst wenige Jahre zuvor mit dem Studium der koreanischen Sprache begonnen hatte. Dass ihr Han Kang beim gesamten Übersetzungsprozess zur Seite gestanden hatte, geriet während dieser Aufregung schnell in den Hintergrund. Die deutsche Fassung “Die Vegetarierin” wurde aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee geschaffen, also nicht über den Umweg des Englischen, wie öfter bei asiatischen Werken und stammt aus dem Jahre 2016. Vor 2 Jahren wurde Han Kang dann als erster koreanischer Schriftstellerin der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Ein hartes Werk, trotzdem eine Empfehlung, vielleicht ist jetzt der Frühling mit seinem hellen Licht eine gute Zeit für diese Lektüre. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

    8 min
  3. Apr 21

    Elizabeth Strout - Erzähl mir alles

    Treue Elizabeth Strout Fans sowie Kenner und Liebhaberinnen ihrer Figuren dürften sich gefreut haben, als kürzlich, nämlich im März, endlich ein neuer Roman der amerikanischen Autorin veröffentlicht wurde. Dabei erschien Tell me everything, wie er im englischen Original heißt, bereits im vorangegangenen Jahr in Deutschland im Original, und noch ein Jahr davor bereits auf dem amerikanischen Markt. Somit ist Erzähl mir alles, wie Elizabeth Strouts Roman im Deutschen heißt, also längst nicht mehr ganz neu, aber für die in ihrer Muttersprache lesende Rezensentin eben schon. Nicht neu hingegen sind die der Leserin lieb gewonnenen Figuren, die schon aus diversen vorangegangenen Romanen Strouts geläufig sind und deren Leben wir bereits recht gut kennen. Dabei stechen vor allem Lucy Barton hervor, deren Entwicklung und Lebensweg bereits in vier Romanen beleuchtet wurde, sowie Olive Kitteridge, deren Leben die Autorin zwei Romane gewidmet hat und die ebenfalls als Miniserie verfilmt und bereits in diesem Format von mir besprochen wurden. Nun ist es aber so, dass alle Figuren, die Strout ihrem literarischen Universum zufügt, immer wieder auftauchen, sei es als Randfigur oder Hauptakteur. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass uns das Personal in Erzähl mir alles reichlich vertraut ist. Die Hauptfiguren sind Lucy Barton, ihres Zeichen erfolgreiche Schriftstellerin aus New York, die seit Corona in Crosby, Maine mit ihrem Exmann William lebt, was von der einheimischen Bevölkerung eher skeptisch betrachtet wird. Außerdem Olive Kitteridge, die ihre ganz eigene und spezielle Art im Umgang mit Menschen pflegt, vor langer Zeit Lehrerin in Crosby war, die aber zum Zeitpunkt der Handlung bereits 90 Jahre alt ist und in einem Altersheim lebt, jedoch nichts von ihrem unvergleichlichen Wesen eingebüßt hat. Als Dritten im Bunde und auch bereits wegen seiner tragischen Familiengeschichte bekannt, ist Bob Burgess. Er ist Anwalt, mit Lucy befreundet und, wie uns die Autorin direkt zu Beginn der Geschichte wissen lässt, der eigentlich Protagonist. Zu Beginn des Romans werden Olive und Lucy durch Bob einander vorgestellt, da sie sich bisher nicht persönlich kannten, Olive Lucy aber aufgrund ihres Berufs als Schriftstellerin ausgewählt hat, um ihr eine Geschichte zu erzählen, von der sie glaubt, dass diese damit vielleicht etwas anfangen kann. Die Erzählung, die anschließend folgt, dreht sich um ihre Eltern, vor allem aber ist es eine tragische Liebesgeschichte. Sie markiert den Ausgangspunkt für die nun regelmäßig stattfindenden Treffen zwischen Olive und Lucy, in denen sie sich gegenseitig Geschichten über Menschen erzählen, Menschen, die Lucy im Verlauf des Romans als „unbeachtete Leben“ bezeichnet und nach deren Lebenssinn sie fragt. Im Fokus stehen aber auch die Gespräche zwischen Bob und Lucy, die eine späte, enge Freundschaft verbindet, die auch deren jeweiligen Partnern insofern recht zu sein scheint, da diese viel mit sich selbst beschäftigt sind. Dass Lucy und Bob im Laufe der Zeit mehr als nur freundschaftliche Gefühle füreinander hegen, offenbaren sie sich gegenseitig nicht, so dass auch ihre Geschichte ein weiteres Zeugnis unerfüllter Liebe im Roman darstellt und die sich – entgegen des Buchtitels – eben nicht alles erzählen und dafür ihre Gründe haben. Letztlich würde es zu weit führen, auf all die Biografien und Lebensläufe einzugehen, von denen uns Elizabeth Strout berichtet und dafür sollte man schließlich den Roman lesen, aber eine thematische Einordnung ist dennoch möglich. Neben bereits erwähnten Liebesgeschichten geht es auch um zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen, um Schuldgefühle und Traumata, die unser ganzes Leben beeinflussen und die vielleicht sogar auf Missverständnissen beruhen. Aber auch die Themen Älterwerden und Einsamkeit ziehen sich durch den Roman und führen schließlich zu der Frage, wie wir leben wollen und mit Erlebtem umgehen. „Wir glauben gern, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben, aber das stimmt manchmal nur bedingt. Die, die vor uns kamen, haben die Weichen für uns gestellt.“ (S.35) Eine zusätzliche Wendung in der Handlung ist eine Kriminalgeschichte, in der Bob in seiner Rolle als Anwalt tätig wird, in der es aber nicht weniger um Familie, Lebensläufe und Verbundenheit geht. Alles hängt zusammen und wird von Strout fein miteinander verwoben, so dass sie einen liebevollen und wertschätzenden Blick auf die Leben wirft, die unbeachtet zu sein scheinen und nach deren Sinn sie ihre Protagonistinnen immer wieder fragen lässt. Das Tiefgreifende wird bei Strout in das Alltägliche eingebettet, ohne dabei kitschig zu sein. Aktuelle politische Verweise werden dabei fein säuberlich immer wieder eingestreut. Worin sich Elizabeth Strout treu bleibt, ist die Tatsache, dass der Roman für sich steht und auch ohne Kenntnis ihrer vorangegangenen Werke gelesen werden kann. Für diejenigen, die ihr Oeuvre bereits kennen, ist es ein weiterer Ausflug in die komplexe Figurenwelt, die die Autorin über Jahre hinweg geschaffen hat und über die es immer noch etwas zu erfahren gibt. Wie ich bei meiner Recherche außerdem feststellen durfte, erscheint bereits am 05. Mai ihr neuer Roman The things we never say in englischer Sprache in Deutschland und der Titel verweist doch auf einen engen, wenn auch konträren Bezug zu Tell me everything. Je nachdem wie lange wir auf die Übersetzung warten müssen, wird es wohl früher oder später wieder eine Rezension eines Elizabeth Strout Romans geben und bis dahin verbleibe ich mit einer Empfehlung. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

    6 min
  4. Apr 12

    Szczepan Twardoch: Der Boxer

    „Das Sein bestimmt das Bewusstsein!” Wer hat’s gesagt? Na? Wieder keiner? Der olle Marx war’s! Das wussten natürlich alle Lob und Verriss-Leserinnen aber vor hundert Jahren wusste das so ziemlich jeder, denn Karl Marx war noch ein bestimmender Philosoph und keine versubstantivierte Ideologie. Man baute seine politischen Bewegungen um, gegen oder für seine Schriften. Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten gegen Nationalisten, Zentrums- und Volksparteien – das waren nur ein Bruchteil der neuen politischen Bewegungen. Das endete in den Auswüchsen der Weimarer Republik mit ihren siebzehn Parteien im Reichstag und der daraus folgenden Lähmung des Parlamentarismus, aber auch die Nachbarländer kamen in den Strudel dieses Chaos, es war die Zeit. Ins polnische Parlament, den Sejm, kamen und gingen über die jahre gar zweiunddreißig Parteien. Politik, so kommt es einem mit dem Blick von heute vor, war Lebenszweck, war Sport, war Theater. Nach der Erstarrung des Lebens in den immergleichen Kreisläufen des Mittelalters, aufgebrochen durch die industrielle Revolution, die den Reichtum nur vom Adel zum Bürgertum verteilte, gab Marx den Habenichtsen Ideen (und Wege, diese zu verwirklichen!) an die Hand, um die Gesellschaft zu ihren Gunsten zu verändern. Der Erste Weltkrieg hatte zudem die Verkrustungen auf nationaler Ebene brutal aufgebrochen, mit dem Nebeneffekt zwei Dutzend Monarchien zu beenden. Neue Länder entstanden, alte vereinigten sich wieder und all diese Staaten brauchten neue Gesellschaftsmodelle. Die Unordnung war aufregend für alle, die nach vorn wollten, (ver-)störend für alle, die wollten, dass sich nichts verändere oder die einfach keine Chance sahen, am großen Rennen in die Zukunft teilzunehmen. Für alle, die gar nicht durchsahen oder durchsehen wollten, gab es natürlich immer die Alternative, auf die Basics zurückzufallen - der gute alte Rassismus: die dort zu braun, der zu blond, dem seine Nase zu platt und die andere zu hakelig. Das erdet und reduziert die Komplexität und die Juden haben eh schon immer gestört. Da können wir Deutsche mitreden, da sind wir Experten. Weshalb wir da eben eher nicht mitreden sollten und im Gegenteil recht dankbar sind, wenn andere die Stories erzählen vom Leben vor der Shoah: vom Überleben, vom Sterben und vom Töten. Über all das ist intensiv, gewalttätig und unendlich faszinierend zu lesen in “Der Boxer”, einem Roman, im Warschau der dreißiger Jahre spielend, in dem der polnische Autor Szczepan Twardoch uns die schwere Arbeit abnimmt, ein Bild von jüdischem Leben zu zeichnen in und außerhalb dessen, was von den Deutschen nur wenige Jahre später zum “Warschauer Ghetto” gemacht wurde – nicht, dass die polnische Mehrheit in der Stadt viel dagegen gehabt hätte. Aber das Buch hat eben nichts mit solchem Schwarz-Weiß-Holzschnitt zu tun, der herauskommen muss, wenn das Tätervolk vom Opfervolk berichtet. Die Erzählerstimme im Buch ist Mojżesz, ein zur Handlung 1937 siebzehnjähriger Junge, streng jüdisch erzogen, lebend in Warschau, und da es damals nicht “ein” Warschau gab, braucht es die Qualifizierung: “links der Weichsel”, zwischen Nalewki und Zamenhofstraße, in Mirów und Muranów, dort, wo Warschau nicht wie Paris roch, sondern wie der Orient, wie uns Twardoch erzählt. Wir sind nicht wirklich lange im Buch, als wir erfahren, das Mojżesz Halbwaise ist. Sein Vater Naum Bernstein wurde umgebracht, gerade eben erst, zwei Tage vorm Pessachfest, und eigentlich müsste er in den Tempel, und wer bestellt eigentlich das Kaddisch, seine Mutter weint den ganzen Tag, sein Bruder ist zu klein dafür, also eigentlich sein Job, aber er hat Karten bekommen für den Boxkampf in der Stadt, das Team von Legia vs. dem von Makkabi, und wir lernen bald, wenn wir nicht ganz so firm sind in den ethnischen Hintergründen beider Teamnamen, hier kämpfen Polen gegen Juden, hier ist Prestige im Spiel oder sagen wir einfach: Rassismus. Die Eintrittskarte hat er von seinem Helden bekommen, Jakub Shapiro, dem Boxmeister des Viertels, ein schöner Mann, ein starker, ein reicher zudem, Frauen lieben ihn, Männer beneiden ihn und ausgerechnet der hat dem kleinen Mojżesz ein Ticket geschenkt und er darf mit ihm hinterher im Auto fahren, einem roten Chrysler, der aber nicht dem Boxer selbst gehört (der hat “nur” einen Buick), sondern seinem Chef, der unverholen “Der Pate” genannt wird und genau das ist, ein Pate, Chef der jüdischen Unterwelt: Schutzgeld, Prostitution, Drogen, das ganze Programm, der Boss im Viertel, der vor genau zwei Tagen Jakub, dem Boxer, den Auftrag gab, Mojżesz’ Vater umzubringen. Und mit den beiden sitzt Mojżesz jetzt im Auto. Oha. Ok. Jesus… Sorry. Falscher Zungenschlag. Das alles weiß in dem Augenblick nur der erzählende Mojżesz, der das als fast Siebzigjähriger aufschreibt. Wir erfahrne das immer wieder in Zwischensätzen, kurz herausgerissen aus der Geschichte vom jungen Mojżesz, wie der alte kurz von der Schreibmaschine aufsteht und auf die Dizengoff Street in Tel Aviv runterschaut, aus seinem Apartment, das er viel zu selten verlässt. Warum schenkt der Mörder dem Sohn des Opfers Tickets zum Boxkampf? Warum, wie es sich entwickelt, nimmt er ihn in seine Obhut, lässt ihn bei sich leben, trainiert mit ihm, macht ihn zu seiner rechten Hand? Schuldgefühle? Scham? Nach einem Jahrzehnt im Dienst des “Paten” eigentlich unwahrscheinlich, wird uns dieses Rätsel bis zum Ende des Romans begleiten, ja, es ist das zentrale Thema des Buches und am Ende ein Baustein für so manche Wendung. Nicht nur mit dem Mord, sondern mit der Art und Weise desselben setzt das Buch den Ton für eine Gangsterstory, einen politischen Thriller, ein Moralitätenstück angesiedelt im Polen zwischen 1918 und 1939. Denn der Mord war brutal, Naum Bernstein wurde nicht einfach umgebracht, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, er wurde gevierteilt und in die verschiedenen Seen in und um Warschau verteilt, in Teile zerhackt wie der weiße Hahn, den man zu Pessach über dem Kopf schwenkt und dem man hinterher den Kopf abschlägt auf dass man von allen Sünden erlöst sei. Religion, you know. So brutal ging es in der gesamten zweiten polnischen Republik zu, wie sie genannt wurde. Entstanden war sie aus den Wirren des ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution, nach denen Polen die Chance zur Wiedervereinigung ergriff und verspielte. Wie sich Polen mit wem wiedervereinigte? Frag Chat. Wer sich in Polen politisch mit wem stritt, zoffte, intrigierte, putschte: versuch es zu verstehen, überlies es, lies den hervorragenden Anhang des hervorragenden Übersetzers Olaf Kühl zuerst oder: Frag Chat. Es ist endlos kompoliziert. Derart verworrene politische Chaosjahre künstlerisch zu verarbeiten kann enorm abturnend sein, wie ich kürzlich lernen musste, in einem dreistündigen Theaterstück, geschrieben nur ein paar Jahre vorm Handlungszeitraum des “Boxer” vom doch großen Hans Fallada. Das Stück “Bauern, Bonzen und Bomben” wurde gegeben am Dresdner Staatsschauspiel und es wurde einzig durch die Schauspieler und vor allem das Bühnenbild herausgerissen. Denn ob die Sozis, der Bauernpartei oder den Nationalen gerade im Bürgermeisteramt einer holsteinischen Kleinstadt Demonstrationen erlauben oder verbieten, interessierte die Theatergängerin 1931 sicherlich, eventuell, hundert Jahre später aber eher nicht. Denn so etwas spannend zu erzählen braucht es keinen begnadeten und innovativen Autoren der “Neuen Sachlichkeit” wie Hans Fallada, da braucht es einen Punk, einen atemlosen, rücksichtslosen Schreiber wie Szczepan Twardoch der uns die politischen Wirren des Warschau zwischen den Weltkriegen in einer Brutalität, Schmutzigkeit und oft kaum auszuhalten schmerzevoll in einem Stakkato von Szene zu Szene zu Szene um die Ohren haut - wir kommen oft genug nicht hinterher. Nicht nur wegen der real existierenden polnischen Politikernamen, die wir nur anhand der Diakritika an den Buchstaben ausseinanderhalten können, jeder Ausspracheversuch muss scheitern. Der mit P und durchgestrichen I ist Präsident (Ja, war Józef Piłsudski nicht wirklich, it’s complicated), der mit L und durchgestrichenem T der Staatsanwalt, wer war nochmal der mit D und dem Schwänzchen unter dem E? Geschrieben ist das Ganze in einem mir sonst eher unangenehmen wilden Herumgespringe in der Zeit, von 1929 nach 1918 nach 1926 nach 1988 und wieder zurück, dazu die vielen Namen, die nur mit hartem Training bei Ellroy oder Pynchon zu durchsteigen (oder zu ignorieren) sind – es ergibt sich ein Vertigo, wie es die Zeitzeugen der Epoche selbst erlebt haben müssen und welches wir Szczepan Twardoch mal als gewolltes Stilmittel unterstellen. Nach ein paar Seiten Eingewöhnung wandelt sich das leicht verwirrte Lesen in manisches Pageturnen – man legt das Buch nicht mehr weg, man will die nächste Episode, die nächste kleine Backstory eines Charakters (oft im Sinne von “was ein Charakter!”) lesen. Ja, das Buch ist lang, aber es ist brillant und unglaublich gut übersetzt. Und so hangelt man sich also durch den politischen Urwald der 2. polnischen Republik und lernt doch viel, wenn man sich drauf einlässt, und es wird nicht einfacher dadurch, dass praktisch alle handelnden Personen permanent Wodka trinken, koksen, Frauen vergewaltigen, politische Gegner misshandeln, einsperren, umbringen – oder sich im allerbesten Fall nur mit ihnen prügeln. Wir sind nach spätestens hundert Seiten so abgestumpft, dass wir erschrocken Mitleid mit Mördern haben, Sympathie für Rechtsradikale entwickeln, Geldeintreiber als wertvolle Ordnungsmacht der Gesellschaft akzeptieren. Nur Vergewaltiger bleiben geradeso außerhalb unseres Verständnishorizontes, aber auch nur, weil Twardoch sich entscheidet, diese am Ende doch eindeutig als Bösewichte zu belassen. Alle anderen bekommen eine schwere Kindheit, ein Kriegstrauma, eine körperliche Missbildung (und wa

    13 min
  5. Tove Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will

    Feb 22

    Tove Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will

    Zum Zeitpunkt ihres Todes, der sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt, war Tove Ditlevsen eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen Dänemarks, zu deren Begräbnis hunderte Menschen erschienen und ausharrten, um sich von der Dichterin verabschieden zu können. Und das wollte sie auch immer sein: eine Dichterin, besser gesagt eine Lyrikerin. Obwohl wir gerade in Deutschland bisher hauptsächlich ihre Romane kennen, was vor allem daran liegen dürfte, dass diese bereits ins Deutsche übersetzt wurden, wurde sie in ihrem Heimatland vor allem durch ihre Gedichte bekannt, die von Anfang an viel Aufmerksamkeit erregten. Dies lag unter anderem daran, dass die Lyrik noch nicht den Stellenwert besaß, den sie später erlangte und Tove Ditlevsen mit 22 Jahren als Frau und Arbeitertochter auf dem Literaturmarkt eine regelrechte Sensation war. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte sie acht Gedichtbände, sowie weitere Bände mit ausgewählten Gedichten, über die Übersetzerin Ursel Allenstein im Nachwort des eben erschienen Gedichtbandes Folgendes schreibt: „Sie gingen ins kulturelle Gedächtnis des Landes ein und blieben dort auch nach ihrem Tod im Jahr 1976 lebendig, wurden von Großmüttern an Töchter und Enkelinnen weitergegeben, in Poesiealben geschrieben, von Musikerinnen […] vertont.“ (S.175) Die in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will veröffentlichten Gedichte umfassen einen Zeitraum von vier Jahrzehnten und sind nicht chronologisch angeordnet, sondern „[...] bilden einen thematischen Dialog zwischen jenen Gegensätzen, in den Gedichte aus jeder Phase des Werks miteinander treten[...]“ (S.179). Aufgrund der großen Zeitspanne sind sie nicht nur thematisch äußerst vielfältig, auch eine Veränderung in Ditlevsens Schreibstil – ihre Entwicklung als Lyrikerin und Mensch – ist deutlich zu spüren. Die späteren Gedichte muten oft mehr wie Erzählungen oder Beobachtungen an, was zum einen am nun häufigeren Verzicht der Reimform liegt, zum anderen am lyrischen Ich, das deutlich abgeklärter und desillusionierter wirkt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich die Jahreszahlen, die den Gedichten beigefügt sind, lediglich auf das Jahr der Veröffentlichung des entsprechenden Gedichtbandes beziehen. Wann einzelne Gedichte genau verfasst wurden, ist teilweise nicht mehr rekonstruierbar oder en detail nachzuvollziehen. Die Auswahl der Gedichte, für den an dieser Stelle besprochenen Gedichtband, geben einen guten Einblick über die Themen, die Tove Ditlevsen zeitlebens beschäftigt haben mögen und auch in ihren Romanen immer wieder zu finden sind. Es ist die Beschäftigung mit der Frau, der Freundin, der Familie; als sie selbst, in allgemeinen Betrachtungen des Alltags oder als ihr Gegenüber. „Ich kannte die stumme Einsamkeit ein Lächeln, als seist du nicht hier – von meinem eigenen Spiegelbild und sah mein Gesicht in dir.“ (aus: Vertraut, S. 95) Auch das Kind oder Kind-sein ist ein zentrales Motiv, das sie in vielfältiger Weise bearbeitet. Dabei ist sie entweder selbst das Kind, erinnert Dinge aus der Kindheit, aber auch Kindheit im Allgemeinen, das Erwachsenwerden, sowie Mutterschaft und Ehe stehen thematisch in enger Verbindung. „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben kann, bis ich selbst kaum noch glaub, dass uns etwas verbindet, ihre Augen starren mich aus dem Spiegel an, als suchte sie etwas, das man allzu schwer findet.“ (aus: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, S. 167) Als thematischen Gegenspieler zum Kind-sein empfinde ich ihr stetiges Befassen mit dem Tod. Wie eng die Themen miteinander verwoben sind, zeigt das eben genannte Zitat besonders deutlich. Es ist aber auch ein Thema, das erschöpfen kann. Die ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und auch einer gewissen Todessehnsucht, die durchaus aus ihren Gedichten hervorgeht, ebenso wie die Gedanken an den Tod anderer oder das tatsächliche Erleben dessen strengen an. Sie machen traurig, erschöpfen, lassen das eigene Leben in einem neuen Licht erscheinen, werfen Zweifel auf und sind dennoch unvermeidlich. Ich stelle mir vor, dass es für Tove Ditlevsen auslaugend gewesen sein muss und trotzdem sind ihre Gedichte nicht frei von Hoffnung. Sie ver- und bearbeitet ihre Ängste und Sehnsüchte, reflektiert und porträtiert sich selbst und andere, stellt Beobachtungen an und erschafft mit ihren Gedichten, so viel wird an der Auswahl in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will klar, eine lyrische Zusammenfassung ihres Lebens. „Wächst das Glück wie eine Perle leise und an vielen Tagen, dann lieb ich – seltsam, aber treu – alle meine Niederlagen“ (aus: Abwechslung, S. 31) This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

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