Lob und Verriss - Der Podcast

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  1. 2d ago

    Laura Dürrschmidt - Sommer der schlafenden Hunde

    Der drückend heiße Sommer liegt längst hinter uns und ist schon nur noch eine Erinnerung. An den grauen Oktobertagen, die durchzogen sind von einigen letzten wärmenden Sonnenstrahlen und vielen bunten Blättern, die mein Herz erfreuen, sehne ich mich eigentlich nicht zu der Schwüle der vergangenen Monate zurück. Um noch einiges länger zurück liegen die Sommer meiner Jugend und die langen Sommerferien, die geprägt waren von: mit dem Fahrrad ins Freibad fahren, Tischtennis spielen, skaten und mit Freunden hinter unserer Schule abhängen. Doch neben all diesen vermeintlich unbeschwerten Aktivitäten schwang schon immer ein Gefühl von Schwermut und die Frage nach dem Selbst und dem Sinn mit. Diese Umschreibungen spiegeln allerdings nur ansatzweise den Inhalt von Laura Dürrschmidts Roman Sommer der schlafenden Hunde, der in diesem Jahr im Aufbau Verlag erschienen ist, wider. Es ist die Geschichte einer Gruppe von Freunden, in deren Zentrum die drei Mädchen bzw. jungen Frauen Lena – auch genannt Laika – Sascha und Beatrice – kurz Trice – stehen und zu deren Freundeskreis noch Alon, Basti, Hamza und Jurek gehören und deren Sommer vor allem von einem geprägt ist: Langeweile. Genau genommen sind es zwei Sommer, die im Mittelpunkt des Romans stehen, der aus der Sicht der Protagonistin Laika erzählt wird. Es ist zum einen der Sommer, in dem es zu einem tragischen Geschehen kommt – Saschas Tod – welcher ausschlaggebend für den Fortlauf der Handlung ist. Die genauen Umstände ihres Todes bleiben bis kurz vor Schluss vage und bilden damit ein Schlüsselelement für die Handlung, das diese gleichzeitig vorantreibt. Zum anderen spielt der Roman im Sommer der Gegenwart, von dem aus die Erzählerin immer wieder in die Vergangenheit wechselt, so dass für die Lesende nach und nach ein Gesamtbild des Geschehenen entsteht. Im Zentrum des Romans steht der Freundeskreis im Freundeskreis, nämlich die drei jungen Frauen die im Teenageralter sind und deren Beziehung zueinander wir als toxisch bezeichnen würden. Laika, die zuletzt in die Gruppe dazukommt, ist auf der Suche nach Zugehörigkeit, was vor allem aus ihrem familiären Hintergrund resultiert, der geprägt ist von Verlust und Ablehnung. Dabei ist ihr Trices Zuneigung und Liebe besonders wichtig, wodurch sie aber auch in permanenter Angst lebt, diese zu verlieren. Grund dafür ist Sascha, die ebenfalls viel Aufmerksamkeit von Trice erhält und damit zur Bedrohung wird. Gleichzeitig ist Laika aber auch fasziniert von Sascha. Einerseits wird sie als sehr schön beschrieben, andererseits erfährt die Lesende nur wenig über Sascha selbst. Sie ist distanziert, unnahbar und undurchschaubar, wodurch sie aber auch zur Projektionsfläche für Laikas Sehnsüchte wird. Zwischen ihnen beiden steht Trice, die aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt, deren Geld sie gern mit vollen Händen ausgibt, die ihnen aber ansonsten keinen emotionalen Halt geben können. Ihre Antwort darauf ist Rebellion. Gewalt spielt in der toxischen Dreiecksbeziehung der Mädchen eine große Rolle. Sie gründen eine Art Fight Club und verprügeln sich in einer Gartenlaube, welche angeblich Saschas Stiefvater gehört, gegenseitig. Die Autorin Laura Dürrschmidt betont in einem Interview aber, dass es in ihrem Roman um eine Liebesgeschichte geht, denn „niemand kann sich gegenseitig so viel antun, wie Menschen die sich lieben.“ Die Wut und all die Last, die sie mit sich herumtragen, erkennen sie aneinander und ihr Ausdruck dessen ist Aggression. Damit beschreibt Dürrschmidt ein Thema – physische Gewalt –, das vorwiegend Männern zugeschrieben wird. Im Fall der drei jungen Frauen sind Gewalt und Intimität eng miteinander verknüpft und es entsteht eine, wie sie es selbst nennen, Hassliebe. Mit Saschas Tod endet die Erzählung des Sommers der Teenagerinnen und beginnt die der beiden jungen Frauen Laika und Trice in ihren Zwanzigern, wobei die Erzählung nicht linear ist, sondern zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt. In dieser Gegenwart sind die beiden nach wie vor durch das Geheimnis um Saschas Tod miteinander verbunden, um nicht zu sagen voneinander abhängig. Das ungelöste Trauma in Verbindung mit Schuldgefühlen bindet sie aneinander und droht sie gleichzeitig zu zerreißen. Der drückend heiße Sommer entwickelt sich langsam dahingehend, dass sie sich der Vergangenheit stellen müssen, erst recht, als einer ihrer ehemaligen Freunde in ihr Leben zurückkehrt. Die schlafenden Hunden werden langsam geweckt und es beginnt der schmerzhafte Prozess, sich dem Geschehenen allmählich zu stellen. Laura Dürrschmidts Roman Sommer der schlafenden Hunde ist alles andere als eine leichte Sommerlektüre. Die Komplexität der Themen und Figuren verlangen auch der Lesenden einiges ab und sind es gerade deshalb wert, diesem Roman volle Beachtung zu schenken. Es handelt sich nicht um eine klassische Coming-of-Age Geschichte, denn die Autorin bricht in vielerlei Hinsicht mit klassischen Mustern, indem sie beispielsweise körperliche Gewalt unter Frauen nutzt und zeigt, dass diese auch Ventil und Ausdruck intimer Beziehungen untereinander ist. Die queere und lesbische Liebe im Roman wird dabei nicht romantisiert, sondern von ihrer zerstörerischen Seite gezeigt, wodurch der große Wunsch nach Zugehörigkeit und emotionaler Nähe umso deutlicher wird. Die männlichen Darsteller im Roman sind eher Nebenfiguren, durch deren Anwesenheit die Dynamik der Frauen umso deutlicher hervortritt und die das Gesamtbild des Freundeskreises komplementieren. Erst im sehr fortgeschrittenen Verlauf des Romans wird, zumindest teilweise, auch deren emotionale Seite sichtbar. Vor allem aber geht es um die Wut, Angst und Verletzbarkeit der jungen Frauen, oft tabuisierte Facetten weiblicher Gefühlswelt, die von der Gesellschaft nicht gern gesehen werden, doch damit nicht weniger real sind. Der Kampf danach, diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sowie Orte und Menschen des Verständnisses und Schutzes zu finden, sind das große Thema des Romans. „Ein bisschen bin ich natürlich eifersüchtig, dass sie etwas gefunden hat, das sie erfüllt, während ich nicht einmal weiß, ob da in mir überhaupt noch etwas ist, das erfüllt werden kann.“ (S.24) This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

  2. Oct 25

    Sam Hughes - Wir haben keine Antimemetik-Abteilung

    Wir haben ja alle keine Zeit, da ist der Kapitalismus vor. Denn hätten wir Zeit, hätten wir Zeit für Ideen, Spinnereien, komischen S**t und das sind die ersten Schritte, das System zu hinterfragen, und wo das endet, wissen wir alle. So weit, so gut, so beginnt jede Sibylle-Berg-Kolumne ever. Und dabei hatte die gute Sibylle mal Zeit für Phantasie und strangen S**t, aber jetzt muss sie halt die Revolution leiten. Leute mit B******t-Jobs, also alle, die einfach nur vorm PC sitzen und Tabellen ausfüllen, haben es da schon leichter, sie können jetzt nicht gleich den ganzen Tag träumen und dann Bücher schreiben, aber ein paar Minuten zwischendurch sollte man dem Monster mit Namen Günther entfliehen können, seines Zeichens stellvertretender Filialleiter in der Butze, die jeden 30. des Monats das Geld überweist, um zu träumen von richtigen Monstern, mit Tentakeln und Laseraugen und, wenn man schon mal dabei ist, großen Hupen, von Drachen, die sich hauptsächlich von stellvertretenden Filialleitern ernähren, und da der Typ schon wieder auf dem Anmarsch ist und man den PC zum Glück mit dem Screen zur Wand hat, lange genug wurde drum gekämpft, drückt man schnell “sichern” auf https://scp-wiki.wikidot.com/, puh, da kommt er rum, Alt-Tab, Excel auf und dumm rumklicken, lächeln, Mordgedanken inklusive. Damit man nach weitere zwei Stunden der Klickerei das Monster nicht vergessen hat, also das ausgedachte, nicht Günther, muss das alles raus aus dem Kopf und rein ins Archiv, welches SCP heißt und online, im sogenannten Internet, ist. SCP steht für “Secure, Contain, Protect” und ist die offizielle Speicherzelle für Leute, die Zeit für Phantasie haben, aber nicht genug davon, daraus ein richtiges Buch zu machen. Es ist die Wikipedia, in der jeder Fakt geprüft wird, nicht gegen unsere Realität, sondern gegen Deine. Jeder Fakt, jeder Fall ist nummeriert, alles begann in 2007 mit SCP-173, hier in meiner Übersetzung: Objekt-Nr.: SCP-173 Objektklasse: Euklidisch Besondere Eindämmungsmaßnahmen: SCP-173 ist jederzeit in einem verschlossenen Raum aufzubewahren. Ist das Betreten des Raums durch Personal erforderlich, hat dies durch mindestens drei Personen zu erfolgen. Die Tür ist nach dem Betreten unverzüglich wieder zu verriegeln. Bis sämtliches Personal den Raum verlassen hat und dieser erneut verriegelt wurde, ist durch mindestens zwei Personen ununterbrochener direkter Sichtkontakt mit SCP-173 aufrechtzuerhalten. Beschreibung: 1993 an Standort 19 verbracht. Herkunft bislang ungeklärt. Das Objekt besteht aus Beton und Bewehrungsstahl und weist Spuren von Sprühfarbe der Marke Krylon auf. SCP-173 ist belebt und äußerst feindselig. Solange direkter Sichtkontakt besteht, ist das Objekt bewegungsunfähig. Der Sichtkontakt mit SCP-173 darf unter keinen Umständen unterbrochen werden. Personal, das zum Betreten des Raumes eingeteilt wurde, hat einander vor jedem Blinzeln zu warnen. Berichten zufolge tötet das Objekt durch Genickbruch am Schädelansatz oder durch Strangulation. Im Angriffsfall sind die Eindämmungsmaßnahmen für Gefahrgutobjekte der Klasse 4 anzuwenden. Personal meldete Geräusche schabenden Steins aus dem Inneren des Raumes, auch wenn sich niemand darin aufhält. Dies gilt als normal. Jegliche Veränderung dieses Verhaltens ist der diensthabenden HMCL-Aufsicht zu melden. Bei der rotbraunen Substanz auf dem Boden im Raum handelt es sich um ein Gemisch aus Fäkalien und Blut. Die Herkunft dieser Stoffe ist ungeklärt. Der Raum ist zweimal wöchentlich zu reinigen. Seit 2007 sind im SCP-Wiki von diesen Einträgen ca. 10.000 zusammengekommen. Zehntausend! Zehntausend Sichtungen von Aliens, seltsamen Objekten, Phänomenen, Personen, Welten, Dimensionen. Das sagt viel aus über unser aller Potential, unsere Sehnsucht nach Flucht aus der Realität, über die Menge an Bullshitjobs, über die Unfähigkeit des Systems, uns einzusperren, und macht insgesamt Hoffnung. Wie es sich für ein Wiki gehört, ist das Ganze großzügig lizenziert, was Du reinschreibst, kann ein jeder verwenden, wenn er Dich erwähnt, was mit einem Link innerhalb der Website schon mal erfüllt ist. Der Begriff dafür ist das seit den 80er Jahren etablierte und in der Verwertungsgemeinschaft “Spätkapitalismus” beflissentlich unterberichtete Prinzip “Open Source”: unentgeltliche, selbstorganisierte Zusammenarbeit, Kooperation. Du hast eine Idee zu SCP-173, dann entwickle sie weiter oder schaffe dein eigenes Monster, trage es ein, referenziere, damit auch andere etwas davon haben und dann zurück ins Excel, rumklicken und so. Dein Job mag Dich stressen, Deine Lebenszeit fressen, so dass es nur für ein, zwei SCP-Einträge reicht, aber die sind Deine und sie sind jetzt aus deinem Kopf raus und im Kopf von zweiunddreißig anderen, denn so viel Kommentare hast Du schon für dein güntherfressendes Fluggerät mit dem Bibergesicht im SCP bekommen. Einer davon hat vielleicht bei der Einführung Informatik in der Schule aufgepasst und muss jetzt weniger im Excel rumklicken und sitzt stattdessen im Keller deiner Butze und passt auf, dass Dir kein eingeschleustes Excel-Makro die Platte verschlüsselt, und weil im Keller kein Günther rumrennt und alle Bildschirme nicht nur zur Wand gerichtet sind, sondern er sogar die Tür zumachen kann vom Kabuff, hat der Typ Zeit, sich dein Monster zu nehmen, es mit anderen Memes zu verbinden, in sein eigenes Universum zu verpflanzen und fertig ist die Kurzgeschichte. Die ist gut oder schlecht, man weiß es nicht, aber sie existiert. Ein Erfolg für uns alle, eine Niederlage für die Butze, die am 30. jeden Monats das Geld überweist. Ein solcher IT-Guy ist Sam Hughes, Pseudonym QNTM, ohne Vokale, logo, und weil seine frei verfügbaren Bücher so gut verfingen, hat er endlich einen Vertrag von einem der großen amerikanischen Verlage bekommen, genauer von Penguin, damit nicht nur wir Nerds davon erfahren. Das Ergebnis heißt “There Is No Antimemetics Division” und ist ein ganz hervorragender Roman. Sam Hughes bedient sich dabei des oben beschriebenen SCP-Universums und weil man in einem Buch nicht die ganze Zeit referenzieren kann, wer als erste die Idee für irgendein Monster hatte, benennt er um, adaptiert und erschafft neu, aber bedient sich dabei des Kanon. Es gibt Containment Units, es gibt antimemetische Medikamente, es gibt Geheimnisstufen, alles, was eine fiktive Behörde so braucht, um wichtig zu erscheinen. Das alles zusammengebaut ergibt ein wahrlich hirnsplittendes Buch. Die lange Einleitung lässt den Stammleser dieses Newsletter schlussfolgern, dass es heute eher wenig zum Inhalt des Buches gibt, denn das wäre unfair dem Autor und dem Leser gegenüber. Das Buch eröffnet mit einer harmlosen Büroszene. Ein paar neu eingestellte Junior Researcher einer namenlosen Organisation machen Mittagspause. Simon Lee setzt sich ein bisschen abseits und wird von einem Mann im Anzug freundlich angesprochen. Irgendwie passt der Typ nicht hierher – zu sehr Executive, und als Einziger ohne Ausweis am Revers. Was sich entwickelt, ist eine Mini-Horror-Story von ein paar Seiten, die einem atemlos und mit mehr Fragen als Antworten zurücklässt. Der “Mann” im Anzug ist U-7175 [nicht zu verwechseln mit SCP-7175, ein paar Jeans], eine antimemetische Entität, die Lee von allen anderen abschirmt – niemand nimmt ihn mehr wahr – und ihm die Erinnerungen aus dem Kopf fressen will, bis nur noch eine Hülle übrig bleibt. Wie Lee flieht, mit dem Aufzug immer tiefer ins Untergeschoss der Organisation, bekommt er immer mehr Hinweise, in was er hier reingeraten ist: ein Computer mit Wiki-Einträgen, geschrieben von Opfern, nur für Opfer sichtbar, und ein Labor voller Forschungsnotizen, die alle gleich enden: „Ich probiere jetzt X. Wenn du das liest, hat X nicht funktioniert und ich bin tot.“ Kurz bevor der Mann im Anzug Lee erwischt, findet dieser einen unversuchten Ansatz – Information als Waffe – und schlägt ihm mit einem Festplatten den Schädel ein. Dann sitzt Simon Lee bei Marie Quinn, unserer Hauptheldin, Chefin der Antimemetik-Abteilung. Sie gratuliert ih… This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

  3. Sep 27

    Biennale 2026

    Obwohl ich kinder- und fahrzeuglos schuldfrei alle zwei Jahre zur Biennale nach Venedig fliegen könnte (und rein ökobilanziert locker mit dem Helikopter vom Arsenale zum Giardini dazu), hat sich als das perfekte Transportmittel in den letzten Jahren der Zug über die Alpen erwiesen. Man kommt entschleunigt, den Bauch voll gutem Espresso, direkt am Canale Grande an und auf dem Weg zurück kann man kiloweise Käse und Wurst mitnehmen. La dolce vita! Auf dem Weg zum Apartment, jedes Jahr ein Augenblick der Spannung, was Dir der gezahlte obszöne Preis diesmal an bescheidener Bettstatt beschert, spaziert man schon an vielen der Ausstellungsräume der Zwischenmächte vorbei, an den kleinen Galerien oder größeren Hallen der Länder, die vor hundert Jahren, als die Pavillons des Giardini gebaut wurden, noch nicht existierten, aber entweder genug Geld oder einen Fürsprecher haben, so dass sie nicht ins Ghetto des Arsenale müssen. Das ermöglicht, nach Gepäckabwurf, zum Beispiel einen Besuch der “Räume” von Äthiopien und Simbabwe, der uns Sterblichen einen Blick in das Leben in Venedig in den Jahrhunderten (oder das der Reichen und Schönen right now) ermöglicht, denn beide Staaten haben sich mal fix einen kompletten Palazzo gemietet, was man sich mit Diktatorenblutmoney halt so leistet. Beide Palazzi wurden komplett leergeräumt und mit korrekter Kunst gefüllt, zu 80% unpolitisch, so dass die immer noch korrupten Herrscher der Länder sich nicht despektiert fühlen und gleichzeitig auf ein bisschen Kunstfreiheit verweisen können. Weltpolitisch mit Augenmerk versehene Gewissensprojekte wie der Klimawandel im untergehenden Nauru im Pazifik oder das sich erstaunlicherweise seit Jahrzehnten mit dem Kinn gerade noch so über der Wasserkante haltende Cuba sind hingegen auf Gönner angewiesen und haben meist eines der vielen Ladengeschäfte der Lagunenstadt gemietet bekommen oder, wie im Fall der Karibik-”Kommunisten” Unterschlupf in einer Kirche gefunden. Nauru öffnete seine Location milde interessanten Gastinstallationen mit dem Thema “Verschwinden”, gestaltet von Künstlern aus aller Welt. Der kleine Inselstaat hat dabei in der Kuration nicht zu 100% aufgepasst und einen kleinen Film im Programm, der die Zeiten der Kolonialisierung von Nauru thematisiert und diesen herrlichen Kommentar im Feedbackbereich der Ausstellung produzierte: “AI Video at the Nauru Pavilion? Brother, you are sinking!” - denn tatsächlich war das schwarz-weiße im Zelluloid-Stil produzierte Stummfilmwerk der pure AI-Slop. Ich hab gelacht. Cuba kam wiederum bei der katholischen Kirche unter, was irgendwie passt. Ausgestellt waren recht eintönige Skulpturen ohne große Aussage in Räumen mit Türen voller mehrsprachiger Jesus-Sprüche, die sich brav alle Besucher durchlasen, um darunter einen kleinen angeklebten Zettel zu finden, der informiert, dass diese Texte kein Teil der Ausstellung seien (gehörten sie doch einfach nur zum Kircheninterieur). Auch wirklich funny. Beim Thema bleibend hatte ein paar Türen weiter der Heilige Stuhl, aka Vatikanstadt, eine gerade in Restauration befindliche Kirche als Ausstellungsraum okkupiert und überraschte mich enorm mit einer Performance ganz nach meinem Geschmack: Einer, nun leider retrospektiven, Alexander-Kluge-”Installation”. Diese war lange vor dem Tod von Kluge im März 2026 geplant und posthum von seinen Erben vollendet worden, was, wer das Œuvre des wilden Philosophen kennt, erwartbar zu einem himmlischen Chaos führte, no pun intended. Die Kluge-Familie durchforstete nach des Patriarchen Tod die Word-Dokumente des Genies und produzierten in fünf, sechs Räumen fragmentarische DCTP-artige Features aus Videos, Dokumenten, Fotos, Klängen, die fließend ineinander übergingen und zu einer audiovisuellen Hildegard-von-Bingen-Vatikan-Otto-Trojanische-Pferde-gleich-dreimal-Weltenseelen-alles-hängt-zusammen-Kakophonie führte, eine Orgie für Fans des heiligen Kluge-Sonntagabends-nach-Spiegel-TV in den Neunzigern oder kurz: der Papst outet sich als Alexander-Kluge-Gooner, what is not to like? Die alteingesessenen Nationen mit ihren fancy Pavillons im Giardini wiederum haben ein Problem: Es muss gespart werden. Für AI und so. Nun muss Kunst kein Geld kosten, Pinsel-Leim-Papier und fertig ist das Mondgesicht, aber wenn man alle zwei Jahre für sechs Monate die Nation präsentiert, war es eigentlich üblich, dass man etablierten Künstlern ein bisschen Raum samt Geld zur Entfaltung bietet und dem Besucher was für alle Sinne. So war vor zwei Jahren der britische Pavillon mit der besten Videoinstallation ever versehen worden, sicher ein Millionenprojekt und jeden Penny wert, um dieses Jahr ein paar großformatige Bilder aufzuhängen, sicher wertvoll, Kolonialbezug eingepreist, aber eben auch ein bisschen dünn. Frankreichs Pavillon, letztes Mal noch mit einer fünf Jahre hinter der Zeit hinkenden raumfüllenden quietschbunten Animation, dazu Franzosentechno, gefüllt, präsentierte sich mit unzusammenhängenden Objekten auf Drittsemesterniveau, regionale Schule der bildenden Künste. Peinlo. Deutschland hatte vor zwei Jahren noch Geld für wirklich nice Raumschiffästhetik und eine eindrucksvolle Installation zum Thema Gastarbeiter und erinnerte sich in diesem nach fünfunddreißig solchen daran, dass es auch Zonis mit Geschmack gibt. Und da diese schon immer aus nichts etwas machen konnten, gab es eine gelungene, preiswerte Installation ohne jede Multimediatechnik der leider vor der Eröffnung viel zu früh verstorbenen Henrike Naumann, geboren in Zwickau und in den Nebenflügeln dreierlei solche von Sung Tieu aus Freital, die frugal zu nennen, der Sache nicht gerecht wird. Materialaufwand Baumarktpreis 1000 EUR. Da freut sich der Finanzminister. So ging das weiter in allen Pavillons der alten Welt und obwohl das Motto der Biennale “In Moll” oder auf Englisch “In minor keys” war, einigten sich die Sparfüchse irgendwie darauf, in jedem Einführungstext von “Silence” zu reden, als ob das dasselbe wäre, und schon wieder hat man ein paar Tausender gespart für das Soundsystem. Inhaltlich fehlte diesmal der grobe Faden, wofür ich eher dankbar bin. Kunst kann auch mal ohne Aussage und speziell die nicht so schnurgeraden Demokratien, die die letzten Jahre unter Commitmentdruck standen, irgendwas zu Flucht, Vertreibung oder Klimawandel zu bringen, atmeten sichtbar erleichtert auf und gaben uns im Fall von Ägypten zum Beispiel, leicht kinetische Objekte in schwarzen Räumen mit Instruktionen, diese anzufassen, aber aufzupassen, sich nicht die Finger einzuklemmen. Ungarn war ob der Vorlaufzeit auch noch dankbar unpolitisch und ließ einen Künstler über die ideellen Überbleibsel eines abgerissenen Forschungsinstituts philosophieren, mit einer finalen und, wie sich herausstellen sollte, vorausschauenden Installation, in der er den tiefsten Seufzer ever versucht in ein Glas einzusperren - es war offenbar einer der Erleichterung. In all dem Sammelsurium aus dem McKunst stach einzig eine Installation aus unserem östlichen Nachbarland hervor. Polens Pavillon bestand aus zwei gigantischen Videoprojektionen, die miteinander kommunizierten und es war auf den ersten Blick klar, dass hier jemand eine brillante Idee hatte: Wir befinden uns in einer Point of View-Sicht im Schwimmbad, unter Wasser und sehen zwanzig Menschen bis zum Hals, der Kopf unsichtbar über dem Wasser, wie sie singen oder einfach nur chorhaft Geräusche von sich geben, das Ganze untertitelt mit nicht ganz sinnklarem Text. Gekleidet sind alle in scharlachroten Kleidern, think Handmaid’s Tale, die Arme bewegend, aber weit weg von Unterwasserballett. Das ist ästhetisch schon mal hervorragend und geht eine ganze Weile so und, wenn man dann den Begleittext liest, eröffnet sich ausnahmsweise tatsächlich eine weitere Dimension: die Sängerinnen, so lesen wir, bestehen aus zwei Gruppen, Gehörlosen und Hörenden, und was wir an Bewegung unter Wasser sehen sind die gebärdensprachlichen Entsprechungen der Töne, die wir vernehmen! Der Clou und natürlich, Hand auf Stirnklatsch, un… This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

    Biennale 2026
  4. Sep 13

    Souvankham Thammavongsa: Pick a Color (Frag nach Susan)

    Liebe Leserinnen und Leser, vor einigen Jahren war ich - nicht zum 1. Mal - in New York. Aber ich ging zum 1. Mal in ein Nagelstudio. Mir war der Gestus der Handelnden bei diesem Tausch (Geld gegen Care-Arbeit aka Hände und Füße schön machen) unbekannt und meine Versuche, mit der Lady zu sprechen, die meine Füße walkte und meine Hände mit leuchtendem Orange verzierte, wurden brüsk und mit dem Verweis, sie sei der englischen Sprache nicht mächtig, schnell abgebügelt. Links und rechts neben mir sprachen die Gäste in ihr Handy oder sie starrten drauf oder sie sprachen mit ihren Freundinnen, die ebenfalls da waren. Nicht aber mit den Dienstleisterinnen. Hinterher hatte ich sehr hübsch lackierte Nägel, war aber leicht verwirrt. Noch länger in der Vergangenheit liegt eine Reise nach Argentinien. Ich wurde bei der Freundin der Schwester meiner Spanischlehrerin zur Miete aufgenommen. Niemand hatte mich gewarnt, dass jeden Morgen um 7:30 Uhr eine Haushaltshilfe kommen würde und nach meinem Erwachen nicht nur Kaffee und Frühstück kredenzen, sondern auch mein Bett machen und mein Zimmer aufräumen würde. Mir war das unglaublich peinlich und ich versuchte, Carmen mehrfach davon abzubringen. Allein, mein Status als Gast aus Europa gestattete kein Abweichen von dieser Norm. Einige Wochen nach meinem Eintreffen zeigte sie mir ihr Wohnviertel: wir mussten 2 Stunden mit dem Bus fahren und dabei mehrfach umsteigen, dann gingen wir in einen großen, sehr staubigen Hangar, in dem ein Markt war. Es war eine sehr seltsame Erfahrung. Ich war - hier werden viele lachen, die schon mal neben mir gestanden haben - größer als die meisten und vor allem sehr weiß. Als meine Gastgeberin (und damit die Arbeitgeberin von Carmen) von diesem Ausflug erfuhr, fielen harsche Worte - nicht mir gegenüber - ich hätte diese Welt wohl nicht sehen sollen. Einige Frauen, die ich kenne, lassen sich ihre Nägel in einem Nagelstudio machen, die meisten aber nicht. Wer seine natürlichen Nägel nicht mag, bekommt künstliche oder klebt sie sich selbst an.* In der Novelle* “Pick A Color” zeigt uns die laotisch-kanadische Dichterin Souvankham Thammavongsa ein Nagelstudio. Es gehört Ning, einer ehemaligen Boxerin. Wir folgen ihr und ihren Gedanken für einen Tag in diesem Raum. Wir erfahren sehr viel über sie, wenn vielleicht auch nicht Dinge, die hierzulande zumindest in bestimmten Schichten typische Fragen beim Kennenlernen sind: Wo kommst du her? Was haben deine Eltern gemacht? Wie war deine Kindheit? Zeitig am Morgen öffnet sie ihr Studio, sie wohnt in einem kleinen Raum oben drüber. Sie reflektiert darüber, wie sie zu diesem Handwerk, zu diesem Leben gekommen ist, was sie vorher gemacht hat, warum sie das Nagelstudio so führt, wie sie es führt. Alle Frauen - und es sind ausnahmslos Frauen -, die dort arbeiten, tragen schwarze Sachen und schwarze Turnschuhe. Sie tragen ihre Haare gleichlang, auf ihrem Namensschild steht der gleiche Name: Susan. Denn: Susan ist immer da. Sie hat immer Zeit. Ning sagt aber auch: “Ein Name ändert nichts.” Im Raum sind 4 Stühle, an denen die Kundschaft - männlich und weiblich - bedient werden kann. An diesem Tag wird eine neue Angestellte kommen, so dass wir in die Feinheiten dieses Geschäftes kennenlernen können: die Idee dahinter, die Abläufe, die Ladies, die dort arbeiten und natürlich Ning, die bestimmt, wie das geschieht. Ning ist eine scharfsinnige Beobachterin. Ihre Sicht auf die Welt ist eine harsche: sie legt uns dar, was im Nagelstudio passiert. Wir erfahren, was die Gäste von sich preisgeben, und vor allem, was die Angestellten nicht preisgeben. Denn die reiche weiße Kundschaft weiß nicht, dass die Ladies über sie lästern, während sie reinigen, feilen, lackieren, polieren, massieren, Haare bändigen und zupfen. Allerdings ist Ning auch überzeugt: “Die meisten Leute wissen nicht, was gut für sie ist, und wenn sie denken, dass sie es tun, liegen sie meistens falsch. Ich höre zu.” Sie drängt sie in die richtige Richtung, sie weiß, welche Worte und Überzeugungsarbeit sie dafür verwenden kann, und welche nicht. “Pick a Colour” beschreibt Alltagsrassismus, Machtstrukturen, die nicht immer sind, was sie scheinen. Ning wird als Frau beschrieben, die selbstbestimmt durch ihr Leben geht. Sie ist Anfang 40, sie ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Es werden Fragen der Zugehörigkeit, der Einsamkeit verhandelt. Aber nicht nur ihre, sondern auch die der Kundinnen. Ning konstatiert: “Sie kommen zum Reden. Um zu reden, wie sie es sonst nirgendwo können. Sie kommen nicht wegen der Nägel zurück.” In “Pick a Color” steckt viel Witz, Kraft, Macht und: Traurigkeit, die von Enttäuschungen zeugt, vom Wunsch, unabhängig zu sein, und trotzdem in Verbindung. Ein Wunsch, der schwer erfüllbar scheint, doch in einigen Szenen der Novelle erfüllt wird. Am Ende sagt Ning über die Menschen, die ihr Nagelstudio besuchen: “Menschen, die sich ihre Nägel machen lassen, haben Hoffnung. Die Hoffnung, dass sich Dinge ändern können”. Ein Tag in einem Raum, der es schafft, die Welten zu zeigen, die dort mit den in ihr Lebenden zusammentreffen. Das Leben ist der Tag, und dann die Tage, und dann die Wochen, Monate und Jahre, die wir leben. Klare Leseempfehlung für dieses Buch, dass im letzten Jahr mit dem Giller Prize, der ausschließlich an kanadische Autorinnen und Autoren verliehen wird. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

  5. Sep 6

    Liz Moore - Long Bright River

    Während ich kürzlich an die Westküste der Vereinigten Staaten reiste und dies auch zum Anlass nahm, in meiner aktuellen Rezension einen Roman zu besprechen, der in den USA spielt, ist der Schauplatz eben jenes Werkes, um das es gleich gehen soll, aber auf der anderen Seite des Landes gelegen. Die Rede ist von Philadelphia, eine der bedeutendsten Städte Amerikas und nicht ohne Grund Schauplatz für Liz Moores Roman Long Bright River, denn in dieser schönen und geschichtsträchtigen Stadt, befindet sich eines der schlimmsten Drogenviertel des Landes – Kensington. Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein industrielles Zentrum für Textilfabriken, Schiffbau und Fabriken erlebt Kensington durch die Deindustrialisierung der 1960er Jahre einen stetig voranschreitenden Verfall durch Arbeitslosigkeit, Armut, Leerstand und wirtschaftlichen Niedergang, der den Nährboden für die später negative Entwicklung des Viertels, vor allem seines Drogenmarktes, bereitet. Dieser wird seit circa zwei Jahrzehnten von der Droge Fentanyl überschwemmt, der später noch ein Pferde-Beruhigungsmittel, oft Tranq genannt, beigemischt wurde, um das High zu verlängern. Was dabei herauskommt, wenn Menschen dies konsumieren, sind Zombies. Ich habe selbst schon Großstädte in Amerika bereist, in denen ich viel Obdachlosigkeit und auch Drogenmissbrauch auf offener Straße gesehen habe. Die Dokumentationen, die ich mir im Zuge dieser Rezension über Kensington angesehen habe, haben aber ein Ausmaß an Schrecken offenbart, das man sich nicht vorstellen kann, ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Liz Moores Roman, veröffentlicht 2020 in Deutschland im Verlag C.H.Beck und ein Jahr davor im amerikanischen Original, spielt hauptsächlich in der Gegenwart. Diese beschreibt das Leben der beiden Geschwister Michaela, meist Mickey genannt und gleichzeitig die Ich-Erzählerin, und ihrer Schwester Kacey. Während Mickey, die Ältere von beiden, als Streifenpolizistin im besagten Bezirk Kensington patrouilliert, ist ihre Schwester Kacey, selbst Opfer der Opioidkrise geworden, und finanziert sich ihre Sucht durch Prostitution. Die beiden Frauen haben damit einen sehr gegensätzlichen Bezug zum Handlungsort, wobei Mickey ihren Beruf nutzt, um ein Auge auf ihre Schwester zu haben, obwohl sie bereits seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Die Gründe für deren Funkstille offenbaren sich der Leserin nur langsam und erst spät im Fortgang der Geschichte erklärt sich der wahre Bruch der Schwestern miteinander in Gänze. Kaceys plötzliches Verschwinden und der Beginn einer Reihe ungeklärter Morde an jungen Frauen und Sexarbeiterinnen markieren schließlich den Ausgangspunkt der Geschichte. Diese erzählt Moore abwechselnd unter den Rubriken jetzt und damals. Drogen spielen dabei schon früh im Leben der Mädchen eine Rolle. Mickey ist erst vier Jahre alt, ihre Schwester noch ein Kleinkind, als ihre Mutter im jungen Alter an einer Überdosis Drogen stirbt und die Mädchen fortan bei ihrer Großmutter Gee leben. Diese wird als eher hart und auch die Atmosphäre im Haus als kalt beschrieben. Die Mädchen entwickeln sich sehr unterschiedlich in diesem Umfeld. Während Mickey eher zurückhaltend ist und gern lernt, ist Kacey lebhaft, laut, gern Anführerin, aber auch Verteidigerin gegen Ungerechtigkeiten. Die unterschiedliche Entwicklung der beiden und das gemeinsame Aufwachsen in einem Haushalt, der vor allem von Entbehrung und Lieblosigkeit geprägt beschrieben wird, schafft aber eine Verbindung zwischen den Schwestern, die auch durch die fatalen Ereignisse in der Gegenwart, die sich der Leserin erst nach und nach eröffnen, nicht gänzlich aufgelöst werden kann. Mit Kaceys Verschwinden und Mickeys Suche sowohl nach ihr als auch nach dem Frauenmörder – was nicht ihr Zuständigkeitsbereich ist – eröffnet Moore noch ein weiteres Themenfeld, in dem es um Korruption am Arbeitsplatz und Misstrauen geht. Mickey, die auch privat eher eine Einzelgängerin ist und allein ihren fünfjährigen Sohn Thomas großzieht, erlebt dies am eigenen Leib. Außer ihres ehemaligen Partners bei der Polizei, Truman Dawes, hat sie kaum Verbündete und wird von ihren Kollegen als Bedrohung wahrgenommen, da sie versucht, deren Korruption aufzudecken. Gleichzeitig ist sie, wie alle, auf ihren Job angewiesen, um nicht selbst durch das soziale Netz zu rutschen und so, wie so viele vor ihr, in eine Abwärtsspirale zu geraten. Was Liz Moore zunächst als Thriller oder Detektivgeschichte erscheinen lässt, entpuppt sich als weitverzweigtes thematisches Netz, das sich der Leserin nur langsam in seinen Einzelheiten erschließt. Es ist eine Spurensuche, bei der man auch als Leserin vorsichtig sein muss, wem man traut, denn „sie sind böse und gleichzeitig gut, alle Figuren […] je nachdem.“ (S.311) So heißt es im Roman; es ist wie beim Schach. Alles was Moore beschreibt, habe ich auch in realen Berichten über Kensington wiedergefunden und so mag ihre Geschichte, in deren Zentrum die beiden Schwestern stehen, vielleicht fiktiv sein, was sie beschreibt ist jedoch keine Fiktion. Es ist der Alltag in einer amerikanischen Großstadt, ein Gesellschaftsportrait, welches die massiven Auswirkungen der Opioidkrise zeigt, deren Konsequenz jährlich mehr als 100.000 Drogentote sind und auch die Fragen nach moralischer Verantwortung, Integrität, Hilfe und Moral stellt. Der Long Bright River ist in diesem Fall in mehrerlei Hinsicht symbolhaft. Er ist der leuchtende Fluss auf dem die Betroffenen, die Abhängigen nach dem nächsten Schuss dahingleiten und für eine Weile nichts mehr spüren, genauso wie er den unaufhaltsamen Nachschub an Drogen markiert, die nicht nur diese Stadt, sondern das Land überschwemmen und er ist, so sagt es die Autorin selbst, eine Metapher für all die geliebten Verstorbenen „[...] in einer Reihe, in einem Fluss, ohne Quelle, ohne Mündung, ein langer, leuchtender Fluss verstorbener Seelen.“ This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

  6. Aug 30

    Kaliane Bradley: Das Ministerium der Zeit

    Nach all den historischen, leicht deprimierenden, ernsthaften Büchern der letzten Monate braucht es mal wieder einen normalen Roman, SciFi oder Fantasy, legte ich mir fest, und wenn immer das so festgelegt wird, schaue ich in die Liste der letzten Jahre Hugo/Arthur C. Clarke/Nebula Preisträger, also der internationalen Wettbewerbe der Genres und suche, den Klappentext vermeidend, das am geradeaus klingendste Buch. In diesem Fall war dies “The Ministry of Time” von Kaliane Bradley, da gab’s nicht viel zu überlegen, es geht um Zeitreisen, es klingt nicht ganz ernsthaft, es ist eindeutig britisch (wo die Ministerien noch so heißen und nicht “Abteilungen” wie in den USA) – what could possibly go wrong? Nun ja, dass man zum Beispiel nicht drüber nachdenkt, was man hier gerade kauft. Wie soll man den deprimierenden Vergangenheiten entfliehen, wenn man ein Buch über Zeitreisen vor der Nase hat? Na klar, es kann unter Umständen sein, dass es nur in die Zukunft geht. Aber wo wäre da der Fun? Natürlich reist in einem Buch mit diesem Namen irgendjemand in die Vergangenheit in all ihrer Schrecklichkeit. Aber jetzt ist man schon mal drin im Buch, und man erwartet sorgenvoll die zwei Prämissen, die dem gemeinen Zeitreiseroman üblicherweise zu eigen sind: * Man reist in die Vergangenheit (häufig) oder die Zukunft (gefühlt seltener) und checkt, wie es wirklich war, damals, als die Leute noch Hüte trugen. * Man betreibt das in die Vergangenheit reisen, weil man die Gegenwart ändern will, zum Beispiel Präsidenten retten, siehe “Der Anschlag“ von Stephen King oder gleich die gesamte Zukunft, sehr funny und eindrücklich erzählt in Adrian Tchaikovsky “One Day All This Will Be Yours”, eine Novella, die man endlich mal ins Deutsche übersetzen sollte. Nun, beide Prämissen sind ein bisschen langweilig oder zumindest ordentlich ausgelutscht und einfach nicht deep genug, dachte sich Kaliane Bradley, und wie das so ist mit guten Ideen, sind die simplesten die besten von allen, und “Wieso ist man da nicht schon selbst drauf gekommen?”, fragt sich die Autorin selbst und uns und platzierte ihr Buch also in folgenden beiden, leicht abgewandelten, Szenarios: * Statt zum x-ten Mal zu erzählen, was die aus unserer Zeit Reisenden so erleben in der Vergangenheit, warum nicht die viel interessantere Frage stellen (und auf 370 Seiten Buch beantworten): Was passiert mit Menschen, die aus der Vergangenheit kommen und hier, in unserer Gegenwart (über-)leben müssen? * Und wenn wir in einem Roman über Zeitreisen schon das olle Zeitparadox bemühen, Hitler als Baby umbringen und so weiter, warum immer nur unsere ach so edle Gegenwart retten? Es gibt ja noch ein paar andere Zeiten, die eine Rettung eventuell nötiger haben, schreibe ich mal ganz spoilerfrei und geheimnisvoll. Also so erfahren wir, frisch im Buch, die britische Regierung ist seit ein paar Jahren im Besitz von Zeitreisefenstern, Risse im Raum-Zeitkontinuum. Man weiß noch nicht so recht, wie das alles gekommen ist, wie es funktioniert, was passiert, wenn man da durchgeht – es ist mysteriös. Da man, verantwortlich wie man ist, erst mal testen will, welche Auswirkungen die Zeitreise auf die Zeitreisenden hat, geht man den definitiv humansten Weg, lol, und schickt nicht die eigenen Leute in die Vergangenheit, sondern “holt” ein paar Menschen aus dieser, um die Vorfahren hier zu studieren. Und um den bekannten Zeitreise-Schmetterlingseffekt so gering wie möglich zu halten, holt man ausschließlich dem Tode Geweihte und in den Geschichtsbüchern entweder nicht vorhandene oder als verstorben erklärte Personen kurz vor deren Ableben aus ihrer jeweiligen Gegenwart. Dass die so vor dem Exitus Bewahrten ein bisschen traumatisiert sind, versteht sich, also werden sie erst mal in Quarantäne in einem Asylum gehalten. Nicht alle kommen durch, zu groß der Schock, aber die, die zumindest wieder auf zwei Beinen laufen können, sollen nun, in einer Langzeitstudie gewissermaßen, an die moderne Gesellschaft herangeführt werden, und genau diese Story erzählt uns “Das Ministerium der Zeit”, wie der Buchtitel vorbildlich übersetzt wurde. “Welche Personen aus welcher Zeit ins Heute transplantieren?”, fragt sich Kaliane Bradley und hatte sehr viel Spaß. Sie präsentiert uns diese Hauptheldinnen natürlich aus leicht britisch konnotierten Zeitaltern. Geholt (oder sagen wir besser: entführt?) werden * ein Mann aus dem Jahr 1645, frisch aus der Schlacht von Naseby gepickt, also aus dem englischen Bürgerkrieg im siebzehnten Jahrhundert mit seinem Haupthelden Oliver Cromwell, als die Engländer das letzte Mal einen König köpften. * eine Frau ist die letzte Überlebende in einem Pest-Haus in London im Jahr 1665, also genau ein Jahr vor dem großen Brand, und stirbt fast an Hunger, bevor sie im Überfluss unserer Zeit aufwacht. * eine andere Frau findet sich aus dem Paris Robespierres, kurz nach der französischen Revolution um 1793, wieder im London im dritten Jahrtausend * einen britischen Army-Hauptmann beamt es aus dem Verrecken in der Schlacht an der Somme um 1916 in unsere Zeit * und dann ist da noch Commander Graham Gore von der Royal-Navy-Expedition in die Arktis im Jahr 1847, wie er im ewigen Eis in den sicheren Tod wandert und in einem sommerwarmen London ankommt. Dass dieser Protagonist hier namentlich genannt wird, macht ihn offensichtlich zum Haupthelden des Romans. Die Story dieser Expedition ins Nordmeer ist seit der ersten Staffel der Netflix-Serie “Terror” aus dem Jahr 2018 nicht nur in UK bekannt. Sie endete, obwohl sich der Titel der Serie von einem der Schiffsnamen ableitet, ziemlich genau mit diesem und dem schlussendlichen Verschwinden der gesamten Crew. Ideal also, um die Auswirkungen einer Transplantation eines der Haupthelden der Story um hundertachtzig Jahre nach vorn möglichst gering zu halten. Der zum Zeitpunkt seiner Zeitreise Mitdreißiger ist ob seiner Herkunft und Lebensgeschichte zäh und anpassungsfähig, scharfsinnig und gebildet und überlebt die Quarantäne oberflächlich bewundernswert gesund. Er wird mit den anderen Fünfen jeweils einem Handler zugeordnet, einer Bridge, wie sie genannt wird. Der fesche Commander Gore erhält die ungefähr gleichaltrige Ich-Erzählerin als Betreuerin, ihres Zeichens eine auf der Karriereleiter ein bisschen hängengebliebene Übersetzerin im britischen Geheimdienst. Wir merken, Storybuilding, ein Setting bauen, alles interessant, und im Rahmen des Genres glaubwürdige Szenarien entwerfen kann Kaliane Bradley aufs Beste. Mit dem Aufeinandertreffen unserer beiden Protagonistinnen verfolgen wir fasziniert, wie der Roman von der back-to-the-futeresken was-wäre-wenn-Oberfläche des 0815-Timetravelbuches in die Tiefe taucht (und wie wir später merken, immer wieder funny Luft holt). Die Tiefe hier ist das Betrachten der eigenen Biographie im Zerrspiegel der Zeitreisenden. Kaliane Bradley ist die Tochter einer aus Kambodscha eingewanderten Mutter und eines britischen Vaters. Die Kämpfe, die man als nicht mehr Eingewanderte und dennoch nicht voll Angekommene nicht nur in Großbritannien bestreitet, finden ihr verzerrtes Spiegelbild in ihrem Zeitreisenden, im Commander der Royal Navy, derzeit a. D. So wie dieser nach einem Besuch in der Herrenbekleidung bei Marks & Spencer oberflächlich in keinem Londoner Doubledecker mehr auffällt, ist Kaliane Bradley eigentlich voll assimiliert und äußerlich nicht sofort als südostasiatischer Herkunft erkennbar. Zumindest im Auge der weißen Mehrheit. Ihre nicht-weißen Mitbürgerinnen blicken da tiefer, und ihre Mutter, hier verisimiliert als die komplette Einwandererfamilie der Hauptheldin, sehen sie hingegen nicht unbedingt als Britin, sondern wahlweise als Mitstreiterin im Kampf gegen den latenten Alltagsrassismus oder, wie im Fall ihrer Familie, als letzte Verbindung zur Heimat. Commander Gore schleppt ähnliche Anker in die Vergangenheit mit sich, hier in Person seiner fünf Mitentführten. So kommen sie zwar aus unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichem Abstand zur heutigen britischen Gesellschaft, aber so wie die Freu… This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

  7. Aug 16

    Studio B Klassiker: Jennifer Weiner "That Summer"

    TRIGGERWARNUNG & SPOILER ALERT: Es werden Inhalte des Romans gespoilert, besprochene Themen sind Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt. Die Werbekampagne zum heute vorgestellten Buch könnte irreführender nicht sein. Chapeau! Angepriesen als neuestes Werk der “unangefochtenen Königin des Strandbuches” Jennifer Weiner, die stattliche 15 No. 1 auf der Bestsellerliste der New York Times ihr Eigen nennen kann, und deren klassische Heldin in ihren eigenen Worten so charakterisiert wird: “ein glückliches Ende finden, während sie sich selbst treu bleibt.” Bei einem Werbeauftritt in Amerikas - meint hier The United States of - berühmtester Guten-Morgen-Fernsehshow “Good Morning America!” unterhält sich Autorin Jennifer Weiner einige kurze Minuten mit den 3 Hosts der Sendung über ihr gerade veröffentlichtes Werk “That Summer”, und wir erfahren: 1. Jennifer Weiners Mutter ist vor kurzem gestorben, und eine der wichtigsten Lektionen, die sie von ihr gelernt hat, ist Body Positivity, also das Wohlsein im eigenen Körper, dessen Möglichkeiten kennend und wertschätzend, unabhängig davon, ob das heute zum Glück immer mehr schwindende Traummaß des 90-60-90 erreicht wird. 2. Gefragt, warum ihre Heldinnen immer dem gleichen Muster zu folgen scheinen, antwortet sie mit einem Zitat von Toni Morrison, bei der sie auch mal einen Schreibkurs besucht hat: “Wenn es ein Buch gibt, dass du lesen musst, und es steht nicht in der Buchhandlung, musst du es selbst schreiben. (Ziemlich sicher gibt es eine bessere als diese sehr freie Übersetzung.) 3. “That Summer” wurde während der Pandemie geschrieben, als sich Jennifer Weiner zu Hause mit ihrer Familie ununterbrochen konfrontiert sah und sich zu einem Platz schreiben wollte, den sie liebt. Voilá: Cape Cod. 4. Zwei der Protagonistinnen sind 15 Jahre alt, so alt wie die Tochter der Autorin. Sie ansehend fragt sie sich: Hat sich die Welt geändert, seitdem ich in diesem Alter war? Habe ich mich geändert? Und wenn ja, ist es jetzt besser? 5. Wenn es nicht besser ist, was muss getan werden, was muss ich tun, damit sie besser wird? Und weil die Show Good Morning America! heißt, lächeln alle in die Kamera, pandemiebedingt in 4 Kacheln und nicht im selben Raum. Jennifer Weiner hält noch kurz das Buch in die Kamera und winkt. Ähnlich war die Ankündigung des Buches auf einer der von mir frequentierten Empfehlungslisten. Could have fooled me! Hat es auch. Zurück zu 4. Ich nummeriere hier ja nicht umsonst: Hat sich die Welt geändert, und falls ja, ist es besser? Ja, vielleicht, hoffentlich, sonst könnte man den ganzen Bumms auch anzünden. Zurück zur eingangs erwähnten Marketingkampagne und einem radikalen Bruch mit Studio Bs nirgendwo niedergeschriebenem, mündlich aber öfter formulierten Anspruch, hier in denglish, DIE STORY NICHT ZU SPOILERN: Bei “That Summer” handelt es sich nicht um ein unbeschwertes Buch, das zur Sonnencremebeschmierten und zwischen den Seiten Sand ansammelnden Sommerlektüre empfohlen werden kann, weil der Plot den champagnerinduzierten Schwips verstärkt, auch wenn das in fast allen Empfehlungen und Besprechungen so erscheint. Und ein weiterer Beweis der These, dass Kritiker*innen nicht immer das rezensierte Werk tatsächlich auch - wenigstens ansatzweise und überfliegend - gelesen haben. “That Summer” ist die Geschichte zweier unterschiedlicher Frauen, beide heißen Diana, die eine wird Daisy genannt. Sie verfolgen geradezu konträre Lebensentwürfe. Während Diana als erfolgreiche Vertreterin durch die Staaten reist und ein luxuriöses Leben als Single führt, finden wir Diana, die sich als Kochlehrerin ein berufliches Standbein aufgebaut hat, als Organisatorin, Putzfrau, seelischer Mülleimer und mit dezenter Unaufmerksamkeit durch ihren ein paar Jahre älteren Ehemann Hal und mit offenerer Abneigung durch ihre 15jährige Tochter Beatrice bedachte, ein wenig einsame Frau, deren äußere Lebensumstände Zufriedenheit bringen sollten, sie aber zunehmend irritieren. Die beiden begegnen sich, weil Dianas Mails aufgrund eines Tippfehlers in der E-Mail-Adresse bei Daisy landen. Bei einem ersten Treffen der unterschiedlich situierten Frauen sind sich beide sympathisch, eine Freundschaft bahnt sich an. Der Plot von “That Summer” wird in 2 zeitlichen Linien entwickelt: rückblickend auf die Geschehnisse eines Sommers, eben “That Summer”, deren Protagonistin Diana ist, und in der Jetztzeit, mit reflektierenden Rückblicken auf Daisys Geschichte und immer weiteren Enthüllungen über Dianas Leben. Im Sommer 1987 hat Diana als 16jährige einen Sommer auf Cape Cod verbracht, als Aushilfe in einem befreundeten Haushalt. Erste Liebe zu einem Collegeboy, zum Abschluss des Aufenthalte eine Party, nach der sich Diana zunächst an nicht viel erinnern kann. Als die Erinnerungen an diese Nacht zurückkehren, wird ihr Leben ein anderes sein und werden: Sie wurde vergewaltigt, ein 2. Student hat sie festgehalten, ein Dritter zugesehen, aber nicht eingegriffen. Diana verlässt in der Folge die Schule ohne Abschluss und wird nie Kinder haben. Sprung in die Jetztzeit: Was Diana will, ist Rache. Der Beginn ihrer aufkeimenden Freundschaft mit Daisy ist zunächst vorgetäuscht. Durch einen Zufall hat sie ihren Vergewaltiger von damals wiedererkannt und möchte auch die Frau bestrafen, die in ihren Augen alles hat: eine Familie, eine Tochter. Zunehmend bekommt sie Skrupel, wird aber ihre Geschichte zu erkennen geben, mit weitreichenden Folgen. Das Buch stellt komplexe Fragen zur Verantwortung sexueller Übergriffe: nach der des Vergewaltigers, nach der der Eingeweihten. Es ist ein Werk über die Auswirkungen eines lange Jahre verheimlichten Angriffs auf das Leben der Beteiligten, die Macht und Auswirkungen von Rache. Wie hart sollen solche Verbrechen bestraft, oder sollten sie vergeben werden? Jennifer Weiner erwähnt explizit die me too Bewegung, die viele Frauen ermutigte und inspirierte, über ihre traumatischen, manchmal aber - und das ist fast unheimlicher - gewöhnlichen und als alltäglich wahrgenommenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt zu sprechen und zu schreiben. Dabei finden sich in “That Summer” alle möglichen Formen, in denen diese gewaltvollen Erfahrungen in unserer Gesellschaft behandelt werden. Mannigfaltig sind die Entschuldigungsformeln: “Jungs müssen sich ihre Hörner abstoßen.” So formuliert es der alte Vater des Vergewaltigers oder auch kürzer “So sind junge Männer eben.” Dem Opfer wird eine Mitschuld gegeben: “Sie wusste doch, worauf sie sich einlässt, wenn sie auf die Abschlussparty des Sommers geht und dort auch noch Alkohol trinkt.” “Vielleicht hätte sie nicht so flirten sollen.” In den Diskussionen wird darauf hingewiesen, dass sich der damalige Täter von damals geändert hätte, und dass er vielleicht nicht so gehandelt hätte, wenn man ihm nicht die Möglichkeit gegeben hätte. Ein Grund, der letztendlich sowohl Diana als auch Daisy in ihrem Umgang mit den Folgen der Vergewaltigung zur Offenheit zwingt, ist Daisys 15jährige Tochter. Der drohende Schrecken sich immer wiederholender Ereignisse führt beide dazu, über die Ereignisse dieses Sommers zu sprechen. Nun ist natürlich die Frage, warum “That Summer” noch in diesem - mittlerweile doch abgekühlten - Sommer gelesen werden sollte: Jennifer Weiner hat einen Roman geschrieben, der sich mit überraschenden Wendungen einem schwierigen Teil unserer Gesellschaft nähert. “That Summer” ist leicht zu lesen, aber keine einfache Lektüre. Wie auch, wenn die Auswirkungen einer Vergewaltigung für die Betroffenen lang und traumatisch sind, die niemals vollkommen geheilt werden können und ein anderes Leben erzwingen? Jennifer Weiner nähert sich der komplexen Thematik nuanciert und präzise, aber nicht reißerisch oder polemisch. Ihr Verdienst ist es, die Möglichkeiten zu zeigen, die eine sich verändernde Gesellschaft bietet und die Kraft weiblicher Freundschaften zu feiern. Das mögen manche als kitschig empfinden, ist aber einer der Gründe, warum der Bums hier noch nicht brennt. Im Internet (wo sonst?) wu… This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com

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