Wir haben ja alle keine Zeit, da ist der Kapitalismus vor. Denn hätten wir Zeit, hätten wir Zeit für Ideen, Spinnereien, komischen S**t und das sind die ersten Schritte, das System zu hinterfragen, und wo das endet, wissen wir alle. So weit, so gut, so beginnt jede Sibylle-Berg-Kolumne ever. Und dabei hatte die gute Sibylle mal Zeit für Phantasie und strangen S**t, aber jetzt muss sie halt die Revolution leiten. Leute mit B******t-Jobs, also alle, die einfach nur vorm PC sitzen und Tabellen ausfüllen, haben es da schon leichter, sie können jetzt nicht gleich den ganzen Tag träumen und dann Bücher schreiben, aber ein paar Minuten zwischendurch sollte man dem Monster mit Namen Günther entfliehen können, seines Zeichens stellvertretender Filialleiter in der Butze, die jeden 30. des Monats das Geld überweist, um zu träumen von richtigen Monstern, mit Tentakeln und Laseraugen und, wenn man schon mal dabei ist, großen Hupen, von Drachen, die sich hauptsächlich von stellvertretenden Filialleitern ernähren, und da der Typ schon wieder auf dem Anmarsch ist und man den PC zum Glück mit dem Screen zur Wand hat, lange genug wurde drum gekämpft, drückt man schnell “sichern” auf https://scp-wiki.wikidot.com/, puh, da kommt er rum, Alt-Tab, Excel auf und dumm rumklicken, lächeln, Mordgedanken inklusive. Damit man nach weitere zwei Stunden der Klickerei das Monster nicht vergessen hat, also das ausgedachte, nicht Günther, muss das alles raus aus dem Kopf und rein ins Archiv, welches SCP heißt und online, im sogenannten Internet, ist. SCP steht für “Secure, Contain, Protect” und ist die offizielle Speicherzelle für Leute, die Zeit für Phantasie haben, aber nicht genug davon, daraus ein richtiges Buch zu machen. Es ist die Wikipedia, in der jeder Fakt geprüft wird, nicht gegen unsere Realität, sondern gegen Deine. Jeder Fakt, jeder Fall ist nummeriert, alles begann in 2007 mit SCP-173, hier in meiner Übersetzung: Objekt-Nr.: SCP-173 Objektklasse: Euklidisch Besondere Eindämmungsmaßnahmen: SCP-173 ist jederzeit in einem verschlossenen Raum aufzubewahren. Ist das Betreten des Raums durch Personal erforderlich, hat dies durch mindestens drei Personen zu erfolgen. Die Tür ist nach dem Betreten unverzüglich wieder zu verriegeln. Bis sämtliches Personal den Raum verlassen hat und dieser erneut verriegelt wurde, ist durch mindestens zwei Personen ununterbrochener direkter Sichtkontakt mit SCP-173 aufrechtzuerhalten. Beschreibung: 1993 an Standort 19 verbracht. Herkunft bislang ungeklärt. Das Objekt besteht aus Beton und Bewehrungsstahl und weist Spuren von Sprühfarbe der Marke Krylon auf. SCP-173 ist belebt und äußerst feindselig. Solange direkter Sichtkontakt besteht, ist das Objekt bewegungsunfähig. Der Sichtkontakt mit SCP-173 darf unter keinen Umständen unterbrochen werden. Personal, das zum Betreten des Raumes eingeteilt wurde, hat einander vor jedem Blinzeln zu warnen. Berichten zufolge tötet das Objekt durch Genickbruch am Schädelansatz oder durch Strangulation. Im Angriffsfall sind die Eindämmungsmaßnahmen für Gefahrgutobjekte der Klasse 4 anzuwenden. Personal meldete Geräusche schabenden Steins aus dem Inneren des Raumes, auch wenn sich niemand darin aufhält. Dies gilt als normal. Jegliche Veränderung dieses Verhaltens ist der diensthabenden HMCL-Aufsicht zu melden. Bei der rotbraunen Substanz auf dem Boden im Raum handelt es sich um ein Gemisch aus Fäkalien und Blut. Die Herkunft dieser Stoffe ist ungeklärt. Der Raum ist zweimal wöchentlich zu reinigen. Seit 2007 sind im SCP-Wiki von diesen Einträgen ca. 10.000 zusammengekommen. Zehntausend! Zehntausend Sichtungen von Aliens, seltsamen Objekten, Phänomenen, Personen, Welten, Dimensionen. Das sagt viel aus über unser aller Potential, unsere Sehnsucht nach Flucht aus der Realität, über die Menge an Bullshitjobs, über die Unfähigkeit des Systems, uns einzusperren, und macht insgesamt Hoffnung. Wie es sich für ein Wiki gehört, ist das Ganze großzügig lizenziert, was Du reinschreibst, kann ein jeder verwenden, wenn er Dich erwähnt, was mit einem Link innerhalb der Website schon mal erfüllt ist. Der Begriff dafür ist das seit den 80er Jahren etablierte und in der Verwertungsgemeinschaft “Spätkapitalismus” beflissentlich unterberichtete Prinzip “Open Source”: unentgeltliche, selbstorganisierte Zusammenarbeit, Kooperation. Du hast eine Idee zu SCP-173, dann entwickle sie weiter oder schaffe dein eigenes Monster, trage es ein, referenziere, damit auch andere etwas davon haben und dann zurück ins Excel, rumklicken und so. Dein Job mag Dich stressen, Deine Lebenszeit fressen, so dass es nur für ein, zwei SCP-Einträge reicht, aber die sind Deine und sie sind jetzt aus deinem Kopf raus und im Kopf von zweiunddreißig anderen, denn so viel Kommentare hast Du schon für dein güntherfressendes Fluggerät mit dem Bibergesicht im SCP bekommen. Einer davon hat vielleicht bei der Einführung Informatik in der Schule aufgepasst und muss jetzt weniger im Excel rumklicken und sitzt stattdessen im Keller deiner Butze und passt auf, dass Dir kein eingeschleustes Excel-Makro die Platte verschlüsselt, und weil im Keller kein Günther rumrennt und alle Bildschirme nicht nur zur Wand gerichtet sind, sondern er sogar die Tür zumachen kann vom Kabuff, hat der Typ Zeit, sich dein Monster zu nehmen, es mit anderen Memes zu verbinden, in sein eigenes Universum zu verpflanzen und fertig ist die Kurzgeschichte. Die ist gut oder schlecht, man weiß es nicht, aber sie existiert. Ein Erfolg für uns alle, eine Niederlage für die Butze, die am 30. jeden Monats das Geld überweist. Ein solcher IT-Guy ist Sam Hughes, Pseudonym QNTM, ohne Vokale, logo, und weil seine frei verfügbaren Bücher so gut verfingen, hat er endlich einen Vertrag von einem der großen amerikanischen Verlage bekommen, genauer von Penguin, damit nicht nur wir Nerds davon erfahren. Das Ergebnis heißt “There Is No Antimemetics Division” und ist ein ganz hervorragender Roman. Sam Hughes bedient sich dabei des oben beschriebenen SCP-Universums und weil man in einem Buch nicht die ganze Zeit referenzieren kann, wer als erste die Idee für irgendein Monster hatte, benennt er um, adaptiert und erschafft neu, aber bedient sich dabei des Kanon. Es gibt Containment Units, es gibt antimemetische Medikamente, es gibt Geheimnisstufen, alles, was eine fiktive Behörde so braucht, um wichtig zu erscheinen. Das alles zusammengebaut ergibt ein wahrlich hirnsplittendes Buch. Die lange Einleitung lässt den Stammleser dieses Newsletter schlussfolgern, dass es heute eher wenig zum Inhalt des Buches gibt, denn das wäre unfair dem Autor und dem Leser gegenüber. Das Buch eröffnet mit einer harmlosen Büroszene. Ein paar neu eingestellte Junior Researcher einer namenlosen Organisation machen Mittagspause. Simon Lee setzt sich ein bisschen abseits und wird von einem Mann im Anzug freundlich angesprochen. Irgendwie passt der Typ nicht hierher – zu sehr Executive, und als Einziger ohne Ausweis am Revers. Was sich entwickelt, ist eine Mini-Horror-Story von ein paar Seiten, die einem atemlos und mit mehr Fragen als Antworten zurücklässt. Der “Mann” im Anzug ist U-7175 [nicht zu verwechseln mit SCP-7175, ein paar Jeans], eine antimemetische Entität, die Lee von allen anderen abschirmt – niemand nimmt ihn mehr wahr – und ihm die Erinnerungen aus dem Kopf fressen will, bis nur noch eine Hülle übrig bleibt. Wie Lee flieht, mit dem Aufzug immer tiefer ins Untergeschoss der Organisation, bekommt er immer mehr Hinweise, in was er hier reingeraten ist: ein Computer mit Wiki-Einträgen, geschrieben von Opfern, nur für Opfer sichtbar, und ein Labor voller Forschungsnotizen, die alle gleich enden: „Ich probiere jetzt X. Wenn du das liest, hat X nicht funktioniert und ich bin tot.“ Kurz bevor der Mann im Anzug Lee erwischt, findet dieser einen unversuchten Ansatz – Information als Waffe – und schlägt ihm mit einem Festplatten den Schädel ein. Dann sitzt Simon Lee bei Marie Quinn, unserer Hauptheldin, Chefin der Antimemetik-Abteilung. Sie gratuliert ih… This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit lobundverriss.substack.com