Akte: Raubkunst?

ARD Kultur

Warum stehen Museen in Deutschland voll mit Kulturschätzen aus Asien und Afrika? Wie sind sie hierhergekommen? In “Akte: Raubkunst?” erzählt Helen Fares die Geschichte von sechs Objekten - einige davon sind berühmt und umkämpft, andere noch kaum erforscht. Die Spuren führen in die Kolonialzeit, an Ausgrabungsstätten und in Auktionshäuser. Wir sprechen mit Menschen, die die Herkunft der Objekte erforschen und mit Menschen, die ihre Kulturschätze zurückfordern. “Akte: Raubkunst?” ist eine Produktion von Good Point Podcasts im Auftrag von ARD Kultur.

Episodes

  1. Ngonnso im Humboldt Forum – Kampf um die Göttin aus Kamerun

    09/14/2022

    Ngonnso im Humboldt Forum – Kampf um die Göttin aus Kamerun

    Bildrechte: ARD Kultur / Good Point PodcastsAkte Raubkunst - Episode 6: Ngonnso Statue Adichie: (Übersetzung) Die Dinge, die heilig sind, für die Menschen umgebracht wurden, die Dinge, die mit unschuldigem Blut befleckt sind, die sollten zurückgegeben werden. Njobati: (Übersetzung) In Deutschland ist es vielleicht ein physisches Objekt, aber für uns als Volk ist eine Identität. Eine Repräsentation unserer Leute, die Gründungsmutter unseres Volkes. Moderatorin Helen Fares: Ich bin für diese Folge in einem Museum, von dem ich vorher vor allem aus kritischen Schlagzeilen mitbekommen habe. Humboldt Forum eröffnet: Attraktion oder Kolonialwarenladen? / Umstrittene Fassade des Humboldt Forums bröckelt / Ignoranz mit Konzept im Raubkunst-Palast / Humboldt Forum eröffnet: Kontroverse um Raubkunst Helen im Museum: Es ist fast schon befremdlich, durch diesen Raum zu laufen, der so steril ist und so viel Kunst, so viele Objekte, so viel kulturelles Erbe birgt und beheimatet. Anscheinend. Es fühlt sich schon an, als ob das alles hier einfach wirklich nicht hergehört. Der Raum, durch den ich hier laufe, ist mit “Koloniales Kamerun” überschrieben. Da läuten bei mir schon die Raubkunst - Alarmglocken. Helen im Museum: Ich stehe jetzt vor der Ngonnso-Statue und finde sie wunderschön. Irgendetwas macht ihr Gesicht mit mir. Es sieht zwar aus, als ob sie einfach nur starr in die Leere schaut, aber ich weiß nicht. Es bewegt mich irgendwie. Die Figur, die da hinter Glas auf einem Thron sitzt, ist am ganzen Körper mit Muscheln geschmückt. Im Schoß hält sie ein großes, rundes Gefäß. Helen im Museum: Der Blick der Frau, die da irgendwie so fast an mir vorbei schaut, ist sehr starr und ernst. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dadurch, dass sie diesen Leerraum auf ihrem Schoß hat, diesen Eimer oder Hohlraum, dass sie irgendwie einladend aussieht und mütterlich, aber trotzdem so majestätisch. Die Ngonnso-Statue aus Kamerun. Hier im Humboldt-Forum ist sie eines von vielen Objekten. Nicht zu erkennen, welchen spirituellen Wert sie in Kamerun hat. Sie gilt als Begründerin der Nso - ein Volk, das es bis heute gibt - und das seine Gründergöttin zurückfordert. INTRO Musik Ihr hört Akte Raubkunst, den Podcast, in dem wir die Geschichte von Objekten erzählen, die eigentlich gar nicht hier, in deutschen Museen, sein sollten. Und dieses Mal erzählen wir die Geschichte der Ngonnso-Statue, und wie sie vermutlich während einer sogenannten Strafexpedition aus Kamerun verschwand. Wir sprechen mit Menschen, für die die Ngonnso eine Identifikationsfigur ist und die dafür kämpfen, dass sie “zurück nach hause” kommt. Man hört Gesang Für Elsa Mbala ist “zu Hause” immer als Plural zu verstehen: Kamerun und Deutschland. Die Künstlerin ist in Kamerun geboren und sowohl in Kamerun als auch in Deutschland aufgewachsen. Heute lebt sie mal eine Zeit lang in Berlin, mal wieder in Kamerun. Den Gesang, den ihr da hört, der ist von ihr, aus einem Stück, für das sie die Musik komponiert hat. “Moving Humboldt Forum” heißt es. Elsa Mbala: Das war ein Stück mit ich glaube, wir waren elf oder 13 Tänzer. jüngere Generation. Also die waren Maximum 20. Es war wichtig für die Macher damals, Joy ähm, die Tänzerin, die mich eingeladen hat, dass die diese Tänzer auch Migrationshintergrund haben und ihre eigene Geschichte von Assimilation Integration mitbringen. Thema war If I ruled the World, basierend auf den Stück von Nas und Lauryn Hill. Hiphop Stück, Sehr wichtig, auch in den Neunzigern rausgekommen und einfach so eine Message von “Was würdest du anders machen, wenn du die Chance hättest, diese Welt anders zu gestalten?” Dass Elsa MBala und die Tänzer*innen ausgerechnet am Humboldt Forum performen, ist übrigens kein Zufall. Es war gewisser Weise auch Thema in der Produktion. Mbala: Diese Frage von wo gehöre ich hin und nehme ich mir diesen Platz ein oder lasse ich die einfach weiterhin reden, ohne dass ich dabei bin? Was ja auch mein Punkt ist. Und deshalb haben wir uns auch ganz gut verstanden, was das angeht. Es ist mir wichtig, Teil des Diskurs zu sein. Der Diskurs um das Humboldt Forum ist so alt wie die Pläne, das Stadtschloss wieder aufzubauen, in dem das Humboldt Forum beherbergt ist. Schon 2013 wird die Initiative “No Humboldt 21” gegründet, die kritisiert, dass die Sammlungen, die ins Schloss ziehen sollen, Raubkunst beinhalten. Das gleiche werfen Kritiker*innen dem Humboldt Forum im Fall der Ngonnso-Statue vor. Wir haben beim Humboldt Forum nachgefragt und waren mit der Kuratorin Verena Rodatus verabredet, um zu erfahren, ob und wie sie die Herkunft des Objektes belegen kann. Den Teil den ihr ganz am Anfang  dieser Folge gehört habt, meine Begegnung mit der Ngonnso, der hätte eigentlich mit ihr stattfinden sollen. Aber leider war sie am Tag des Interviews krank und das Humboldt Forum konnte uns keinen Ersatztermin anbieten, der die Deadlines unserer Produktion eingehalten hätte. TRENNER-TON September 2021 - Festakt zur Eröffnung des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum  - Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede, nach ihm geht die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie ans Pult - vielleicht kennt ihr ihren Ted-Talk “The Danger of a single story” oder ihren Roman “Americanah”. Sie spricht die Kritik aus, die über der feierlichen Eröffnung schwebt: Adichie: (Übersetzung) Es ist Zeit für Mut. Mut, kritischen Stimmen zuzuhören, wie von denen, die gerade draußen  protestieren. Sie sollten miteinbezogen werden, sie haben berechtigte Anliegen. [....] Die Dinge, die heilig sind, für die Menschen umgebracht wurden, die Dinge, die mit unschuldigem Blut befleckt sind, die sollten zurückgegeben werden. In ihrer Rede, die in ganzer Länge auf dem Youtube-Kanal des Humboldt-Forums zu sehen ist, spricht sie auch ein ganz konkretes Objekt an: Adichie: (Übersetzung): Wir können herleiten, dass die Ngonnso, die wunderschöne Skulptur der Gründerin und spirituellen Führung der Nso in Kamerun, einer ehemalige deutsche Kolonie, nicht unter harmlosen Umständen erworben wurde. Denn: Warum würde man freiwillig seine spirituelle Führung aufgeben?  Sie spricht also vor laufenden Kameras und Mikrofonen den Vorwurf aus, dass die Ngonnso Statue geraubt wurde. Um das genau zu überprüfen, sind wir darauf angewiesen, dass uns das Museum Zugang zu Quellen gibt. Aber es gibt auch unabhängige Wissenschaftler*innen, die dazu forschen. Fossi: Ich würde sagen, dass viele Museen offen für das Thema sind. Sonst hätten wir zum Beispiel keine Liste oder keine Inventarliste von ihnen bekommen. [...] Es gibt also viele Museen, die zumindest wenn diese sich bemühen um Informationen zur Verfügung zu stellen. Aber leider gibt es auch Fälle, bei denen man kaum Bereitschaft bekommt, um zu diese Objekte zu erforschen. Das ist Dr. Richard Tsogang Fossi. Er forscht an der Technischen Universität Berlin über den Verbleib kamerunischer Objekte  – vor allem hier in Deutschland in dem Projekt "Umgekehrte Sammlungsgeschichte - ein kommentierter Altas zum materiellen Erbe Kameruns” . Es geht darum, herauszufinden, wo bestimmte Objekte gelandet sind, aber auch, welche Spuren die Abwesenheit der Objekte in Kamerun hinterlassen hat. Damit hat der Wissenschaftler alle Hände voll zu tun: Er geht davon aus, dass rund 40.000 kamerunische Objekte in deutschen Museen stehen. Dazu kommt noch eine große Dunkelziffer, denn viele Objekte befinden sich im Privatbesitz. Generell ist es schwierig “Beweise” zu finden, dass ein Objekt geraubt wurde. Fossi: selbst wenn diese Leute nicht geschrieben haben, ich hab heute den Ngonnso genommen. Aber es ist zumindest bewiesen, dass der Offizier von Houben, der dort diese Expedition gemacht hat, den Palast zum Beispiel abgebrannt hatte. Und bevor er das den Palast abbrannte, hatte er zumindest Elefanten Zähne entwendet. Verstehen Sie? Und ich frage mich jetzt könnte er also Elefanten Zähne entwenden? Ohne diese Regalia und so weiter auch mitzunehmen. [....] Also es wäre interessant zu zeigen, wie diese anderen Objekte auch dann den Ort verlassen haben. Herauszufinden, wie die Ngonnso nach Deutschland kam, ist gar nicht so einfach. Denn die schriftlichen Quellen, also Schriftstücke und Reiseberichte wurden in der Regel von den Kolonisator*innen geschrieben, das war während der Kolonialzeit Gang und Gäbe, diese Praxis gab es nicht nur in Kamerun. Aber das heißt auch: Es wurde aus einer ganz bestimmten Perspektive geschrieben, die der Kolonialmacht. In diesem Fall: Deutschland. In Folge 4 haben wir schon thematisiert, dass Kamerun mal deutsche Kolonie war, ein Fact, den ich vorher auch nicht so auf dem Schirm hatte. Deshalb hier noch mal kurz zusammengefasst: Von 1884 bis 1919 war Kamerun deutsche Kolonie unter der Macht der sogenannten “Kaiserlichen Schutztruppe Kameruns”. Dieser militärische Euphemismus ist natürlich irreführend: Das deutsche Militär war nicht dazu da, die kamerunische Bevölkerung zu schützen, darum ging es Kolonialmächten nie. Eher wollten sie ihre Interessen, ihre Handelswege schützen. Es ging den  Kolonisator*innen darum, von den Rohstoffen des besetzten Landes zu profitieren und das jeweilige Volk zu beherrschen - auch mit Gewalt. MUSIKBREAK Im Kontext der Deutschen Kolonialzeit in Kamerun fällt immer wieder ein Begriff: Strafexpedition. Das ist ein militärgeschichtlicher Begriff, ihr kennt ihn aus Folge vier, über den sogenannten Blauen Reiter-pfosten. Darin erklärt der Wissenschaftler Florian Hoffmann, dass das im Grunde militärische Expeditionen waren, um koloniale Politiken durchzusetzen. Auch Richard Tsogang Fossi von der TU Berlin ist sehr daran gelegen, solche Begriffe zu hinterfragen. Fossi: Eindringlinge kommen zu Leuten, die ganz friedlich leben, und sagen okay, jetzt, wenn sie uns nicht gehorchen, dann werden wir sie strafen. Wofür oder war

    42 min
  2. “Blaue Reiter” Pfosten aus Kamerun – ausgelöschte Geschichte

    08/31/2022

    “Blaue Reiter” Pfosten aus Kamerun – ausgelöschte Geschichte

    Bildrechte: ARD Kultur / Good Point Podcasts Akte: Raubkunst? | Episode 4 Blaue Reiter Pfosten im Museum Fünf Kontinente München   Intro: Joseph B. Ebune: My people have been robbed of their history. That's a feeling I have as an individual. We have been robbed of our history. O.V. Meine Leute wurden ihrer Geschichte beraubt. So empfinde ich das persönlich: wir wurden unserer Geschichte beraubt. Karin Guggeis: Geleitet hat mich ein Sprichwort, das ich aus westafrikanischen Ländern kenne. Und das heißt until the lion tells the story, the hunter, always will be the hero. Also solange die Geschichte immer nur aus einer Perspektive, und zwar der Perspektive des vermeintlichen Gewinners erzählt wird, solange ist immer der Jäger, derjenige, der siegt. Aber die Geschichte vom Löwen, die mag ja eine ganz andere sein Musikbett spannungsvoll durchlaufend Museen in Deutschland stehen voll von Objekten, die nicht aus Europa kommen, sondern aus ehemaligen Kolonien. Viele davon aus afrikanischen Ländern. Nur ein kleiner Anteil außereuropäischer Kulturgüter ist wirklich ausgestellt. Der Großteil verstaubt in Europas Museumsdepots und fehlt anderswo schmerzlich. Dort, wo Kolonialmächte sie vor über hundert Jahren mitgenommen haben und ihre Spuren erloschen sind, fühlen sich Menschen bis heute ihrer Kultur beraubt. Wie kann eine gerechte Lösung aussehen? Wie kann eine Begegnung, ein Dialog auf Augenhöhe gelingen? MUSIK BREAK INTRO Mein Name ist Helen Fares und ihr hört  “Akte Raubkunst?”. Den Podcast, in dem wir die Geschichte von Objekten in deutschen Museen erzählen, die eigentlich nicht hier sein sollten. In den letzten Folgen haben wir schon mehrere Geschichten gehört, die zeigen, wie Objekte in der Kolonialzeit in Museen in Deutschland kamen. Es ging um zwei Länder, die unter britischem Einfluss waren, es ging um Frankreich: aber, was wir noch viel zu wenig auf dem Schirm haben: auch Deutschland hatte Kolonien, und um eine davon geht es in dieser Folge: Kamerun.  MUSIK BREAK Ein Inhaltshinweis an dieser Stelle - wir thematisieren in diesem Podcast Kolonialismus, Rassismus und Gewalt. Man hört Straße, Verkehr Luxusboutiquen und schicke Autos säumen die Straße. Menschen mit teuren Uhren sitzen im Außenbereich feiner Lokale, trinken das erste Glas Wein und lassen sich von der Sonne berieseln. Meine Reise beginnt hier - an einer der teuersten Straßen Deutschlands: Der Münchner Maximilianstraße. Dort befindet sich das älteste ethnologische Museum Deutschlands. Man hört Vögel, Autos Helen: Dieses Gebäude in dem das Museum Fünf Kontinente ist, ist riesengroß, so riesig [...] und ganz prunkvoll und wahnsinnig aufwendig verziert. Damals bei seiner Gründung 1862 hieß das Museum noch “Königlich Ethnographische Sammlung”, heute “Museum Fünf Kontinente”. Die Namen wechselten, die Standorte auch. Seit den 1920ern befindet sich die Institution hier, in den Gemäuern des ehemaligen bayerischen Nationalmuseums. Das erklärt auch, warum auf dem Dach die Bavaria thront, die weibliche Symbolgestalt Bayerns. An alle die vielleicht schon mal das Oktoberfest besucht haben: Das ist die große bronzene Frauengestalt, die am Rande der Theresienwiese auf die Bierzelte hinunter blickt. Es wirkt fast ironisch, dass eine bayerische Patronin ein Gebäude hütet, in dem so gut wie nichts aus Bayern steht. Rund 160 000 Objekte gehören zum Bestand des Museums Fünf Kontinente. Wie viele genau im Depot stehen, scheint das Museum selbst kaum zu überblicken. Zumindest erhalten wir auf unsere Mailanfrage an die Pressestelle folgende Antwort:  (männliche Stimme): Von den circa 160.000 Objekten in unserem Haus ist mittlerweile rund die Hälfte mit Depotplatz in unserer Datenbank digital erfasst. Der Rest, von dem uns bisher lediglich eine Dokumentation in Papierform vorlag, wird dort sukzessive eingepflegt. Wir schauen uns erst mal an, was in der Ausstellung steht. Das ist nur ein kleiner Teil der Bestände, in Räumen sortiert nach Großregionen wie Südamerika oder auch dem sogenannten “Orient”. Ich bin Syrerin. Dass der Begriff „Orient“ als Überbegriff für ein geographisch so großes und kulturell so diverses Gebiet benutzt wird, finde ich super ignorant. Der Begriff ist keine geographische Angabe sondern steht für einen eurozentristischen Blick auf die vermeintlich “anderen”. Das macht mich also direkt etwas skeptisch. MUSIK BREAK Man hört Schritte im Museum Ich begebe mich in den zweiten Stock des Museums in die Dauerausstellung, die sich dem Titel nach Afrika widmet. Wirklich ausgestellt sind jedoch nur Objekte aus subsaharischen Ländern des Kontinents. Es ist Montag und das Museum ist zu - deshalb ist es so ruhig hier. An meiner Seite ist Dr. Karin Guggeis.  Wie sich rausstellt, gehört sie hier quasi zum Inventar. Sie kennt die ausgestellten Sammlungen in und auswendig. Und doch werfen viele Objekte bei ihr noch Fragen auf. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung recherchiert sie zu der Herkunft der Artefakte. Auch zu der des Pfostens, vor dem wir jetzt stehen. Guggeis: Wir sehen einen Pfosten bzw. eine Stele, die beidseitig beschnitzt ist und zwar gleichberechtigt. Die eine ist dunkel gefärbt, die andere ist hell gefärbt. Wir stehen vor dem fast zwei Meter hohen hölzernen Pfahl. Darein sind Tiere, menschliche Wesen und geometrische Formen geschnitzt. An der Wand dahinter ist ein Spiegel angebracht, damit man sehen kann, dass der Pfosten auch auf der anderen Seite verziert ist. Insgesamt ist der Pfosten braun, das Holz relativ naturbelassen, aber einige Stellen sind auch bemalt. Ganz oben blicken mir zwei ernste Gesichter entgegen, die auf mich ernst wirken. Darunter sieht man eine kniende Figur, die die Hände vor der Brust zusammenhält. Das unten sieht aus wie Eidechsen. Ich hab keine wirkliche Idee, was diese Figuren bedeuten sollen. Die sind aber mehr als nur Dekoration, sagt Frau Guggeis: Guggeis: Hier ist das zentrale Motiv ein Gegenstand, der bisher noch nicht entschlüsselt werden konnte. Es ist nach Aussage von einigen ein hörnerartiges Gebilde, nach Aussage von anderen ein pflanzenförmiges Gebilde. Aber es ist ein zentrales Motiv, das heißt, das ist auch überaus wichtig. Diese ins Holz geschnitzten Figuren und geometrischen Formen. Lässt sich an denen vielleicht ablesen, wo der Pfosten herkommt? Guggeis: jetzt nicht im Waldland, wo dieser Pfosten, diese Stele mit großer Wahrscheinlichkeit angeeignet wurde, sondern im Grasland weiter nördlich, werden diese Eidechsen mit Fruchtbarkeit verknüpft. Waldland, Grasland - geografische Begriffe, die im 19. Jahrhundert europäische Reisende und Kolonialoffiziere in Kamerun prägten. Sie sind nach wie vor in der Forschung geläufig. Sie beschreiben zwei unterschiedliche Regionen im heutigen anglophonen Teil Kameruns - im Südwesten und Nordwesten des Landes. Sie beziehen sich auf die unterschiedliche Vegetation der Gebiete - zum einen die Savannenregion, zum anderen den Regenwald. Dort etablierten deutsche Truppen ihre Kolonialherrschaft, nachdem Kamerun 1884 zur deutschen Kolonie erklärt wurde. Der Archivar und Historiker Florian Hoffmann hat sich vor einigen Jahren mit der Geschichte Kameruns beschäftigt - in einer Dissertation zur deutschen kolonialen Okkupation und Militärverwaltung  in Kamerun zwischen 1891 und 1914: Florian Hoffmann: Also die sogenannte Pazifizierung und Inwertsetzung des Schutzgebietes hat eigentlich erst Mitte der 1890er Jahre angefangen. Bis dahin hat die koloniale Gewaltausübung faktisch schon wenige Kilometer hinter Douala geendet. Die Deutschen führen vom Stützpunkt in der Hafenstadt Douala die militärische Expeditionen in das noch unbekannte Hinterland durch. Dort wo sie auf starken Widerstand der Einheimischen stoßen, übt das Militär Gewalt aus: Sie zerstören Dörfer, töten Erwachsene und Kinder. Einmal gesiegt, fordern sie von der lokalen Bevölkerung Naturalien oder  zwingen sie zur Arbeit, um die eigenen Kolonialstrukturen zu etablieren. Nach und nach bauen die Deutschen gewaltsam ihre Macht aus und wissen sich dabei zu bereichern: Viele kulturelle und sakrale Objekte geraten in ihren Besitz: Guggeis: Zum Zeitpunkt, als Gegenstände wie diese Stele angeeignet wurden, hat man siepauschal meist als Fetisch oder als Götzenbild abgewertet Sogenannte Fetische, Götzenbilder… Missionare und Kolonialist*innen verwendeten diese diffamierenden Begriffe für eine Vielzahl an Alltagsgegenständen, die sie willkürlich den lokalen Religionen zuordneten.  Helen: War das denn gang und gäbe, das Kolonialmächte, geraubte Objekte, geraubte sakrale Objekte abgewertet haben? Karin Guggeis: Auf jeden Fall. Denn es entsprach nicht den christlichen Vorstellungen von einem richtigen Glauben in Anführungszeichen. Es galt als heidnischer Kram. Ich finde das echt abstrus: Die Europäer*innen reduzieren ihnen unbekannte Religion und Spiritualität auf etwas Seltsames und halten sie für extrem minderwertig im Vergleich zum Christentum. Gleichzeitig wollten sie diese Religionen und ihre sakralen Objekte zur Schau stellen, als wären es Siegestrophäen, und damit ihre vermeintliche Überlegenheit demonstrieren. Kein Wort davon ist auf der Informationstafel neben dem Pfosten zu lesen. Man hört Schritte - Holzboden Auch als ich mich noch weiter in den Ausstellungssälen der Afrika-Sammlung umschaue, finde ich kaum Hinweise zum ethnologischen und historischen Kontext der Dinge, die hier ausgestellt sind. Guggeis: Diese Ausstellung ist bereits 1999 aufgebaut worden. Die Objekte wurden bereits damals ausgewählt und nur zeitgenössische Werke wurden ergänzt. Da war Karin Guggeis noch ganz frisch am Museum. Seither hat sich aber nicht viel getan. Kein Wort findet man über die koloniale Geschichte - und welche Rolle Museen dabei gespielt haben. Dr. Uta Werlich ist hingegen erst relativ neu am Museum. Seit 2018 ist sie die Direktorin. Sie heißt uns z

    39 min
  3. Benin-Bronzen – brutaler Raub aus dem Palast

    08/24/2022

    Benin-Bronzen – brutaler Raub aus dem Palast

    Bildrechte: ARD Kultur / Good Point PodcastsAkte: Raubkunst? | Episode 3 Benin-Bronzen – brutaler Raub aus dem Palast Stefanie Bach: (...) das Bewusstsein, diese Dinge zurückzugeben oder sich vielleicht auch ein Schuldeingeständnis, eine Entschuldigung auszusprechen, das gab es sehr lange nicht und gibt es glaube ich auch erst. Ja, ich sage mal in den seit den letzten zehn Jahren. Iyase Odozi: It should be a voluntary atonement, a voluntary move from the Europeans for these for their dastardly acts. These stolen ads are our history. And we see these works as our ancestors O.V. Es sollte eine freiwillige Akt der Versöhnung von den Europäer:innen sein für ihre hinterhältigen Taten. Diese gestohlenen Stücke sind unsere Geschichte, diese Werke sind unsere Vorfahren. Schätzungsweise bis zu 5000 Objekte wurden aus dem Königspalast Benin geraubt. Die kunstvollen Gegenständen, Figuren, Anhänger und Plaketten - nicht alle aus Bronze - sind heute in der ganzen Welt verstreut. Wobei, nein, sie sind in dem Teil der Welt verstreut, der bis heute vom Kolonialismus profitiert. Mehr als 1000 davon befinden sich in Deutschland. Dass das problematisch ist, wurde jahrzehntelang ignoriert, Rückgabeforderungen wurden ausgesessen. Dabei war schon als die Objekte nach Europa kamen klar, dass es sich um Raubkunst handelt. Aber wie war das eigentlich genau, wie sind Bronzen hierher gekommen? Und warum hat es so lang gedauert, bis endlich die ersten zurückgegeben wurden? MUSIK INTRO Ich bin Helen Fares, ihr hört Akte Raubkunst?. Der Podcast, in dem wir uns Objekten in deutschen Museen widmen, die eigentlich gar nicht hier sein sollten. Das steht bei den Benin Bronzen außer Frage. Aber trotzdem war der Weg zu den ersten Rückgaben lang und steinig. (man hört Straßengeräusche) Helen Fares: Ich sitze gerade vor dem Grassi Museum in Leipzig und freue mich darüber, dass ich einen wahnsinnig kurzen Weg hatte. Sieben Minuten habe ich gebraucht und ich war noch nie im Grassi Museum, was ein bisschen komisch ist, weil es eigentlich schon so ein bisschen to go place in Leipzig ist. Im Foyer hab ich irgendwie doch das Gefühl, dass ich schon mal hier war. Vielleicht vor langer Zeit mal mit der Schule. (man hört Friedrich von Bose und Helen bei Begrüßung) Dr. Friedrich von Bose wartet schon auf uns. Er ist der Leiter der Abteilung Forschung und Ausstellungen der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, zu denen auch das Grassi Museum für Völkerkunde gehört. Er führt mich die Treppe hoch in die Ausstellung zu den Benin Bronzen - auf dem Weg dorthin erklärt er mir Objekte, an denen wir vorbeilaufen, und dabei merke ich, wie kritisch selbst manche Begriffe sieht, die im Museum Gang und Gäbe sind. Bose: Sind ja drei Museen unter einem Dach. Das ist die angewandte Kunst. Musikinstrumente. Und das Völkerkundemuseum. Helen: Das Völkerkundemuseum hast du gerade in Anführungszeichen gesagt? Bose: Ja Helen: Warum? Bose: Weil der Name natürlich uns allen ein großer, ich sage jetzt mal ein Dorn im Auge, könnte man sagen, aber auch einfach unangenehm ist. Er steht nicht einfach für diese Geschichte der, der Verstrickung, der Verstrickung von Völkerkunde, mit Kolonialismus ... Ich bin überrascht. Ich habe mich mit sehr vielen Forschenden und Wissenschaftler*innen unterhalten, aber niemand von ihnen war so offenkundig kritisch gegenüber der Geschichte der eigenen Institution und der eigenen Arbeit wie er. Von Bose führt mich zuerst in einen Raum, in dem ein Video gezeigt wird, das dokumentiert, wie die Bronzen aus ihren Vitrinen genommen werden und ins Depot gebracht werden. Im nächsten Raum rechts an der Wand ein Zeitstrahl angebracht ist mit alten Plakaten und Fotografien. Sie zeigen die Geschichte der Forderungen nach Rückgabe der Benin-Bronzen. Links geht es in einen abgetrennten Teil des Raumes, der stockdunkel ist. (man hört flüsternde Stimmen und perkussive Klänge, Helen seufzt) An den schwarzen Wänden sehe ich Fotografien von leuchtenden, großen Gesichtern - das sind die Benin Bronzen, die ich auch schon aus den Medien kenne. Die Figuren tragen Helme und haben Ringe um den Hals. Sie blicken mich ernst und ziemlich genau auf Augenhöhe an. Helen Fares: Ich finde, diese Ausstellungsart ist so viel beeindruckender als jede andere, die ich bisher gesehen habe in allen Museen, die wir bisher besucht haben. Ich fühle, dass hier mit Respekt gearbeitet wird. Und das bewegt mich so krass. Die übergroßen Aufnahmen zeigen sogenannte Gedenkköpfe. Auf Edo, der Amtssprache des Königreich Benin, heißen sie Uhunmwun Elao. Diese Darstellung und der Sound im Hintergrund sind eine Installation des nigerianischen Künstlers Emekah Ogboh.  “At the Threshold“, „An der Schwelle“ heißt sie. Bose:  Und wir haben uns entschieden, im Kontext der jetzigen Situation, in der wir uns befinden, die ja wirklich eine Situation des Umbruchs ist, weil es sozusagen Rückgaben anstehen, endlich. Und wir haben uns entschieden solange dieser Prozess noch nicht politisch durch ist, möchten wir die originalen Benin Bronzen nicht zeigen. Stattdessen wird hier in der Ausstellung den Rückgabeforderungen viel Raum gegeben. Im Nebenraum ist ein großes Poster mit Fotos der Bronzen an die Wand projiziert, auch eine Arbeit von Emeka Ogboh. Bose: Benin Bronzen aus unseren Sammlungen mit einem darüber besprühten Spruch: Geh zurück, wo du herkommst. Der ist natürlich doppeldeutig. Helen: Ja Bose: Das wurde uns natürlich auch übel genommen von manchen, die finden das nicht gut. Helen: Ich find's super, auch als Person, die diesen Spruch schon gehört hat. Benin Bronzen werden hier also nicht mehr ausgestellt - aber auch erst seit einem Jahr. Letzten Sommer wurden sie abgebaut und ins Depot geräumt. Ein Objekt schauen wir uns in dieser Folge genauer an und dafür ist Stefanie Bach hier im Haus die Spezialistin. Sie ist Kuratorin im Grassi und auch sie redet nichts schön an der Geschichte, sondern kommt direkt auf den Kern des Problems zu sprechen. Stefanie Bach: Also das Objekt ist natürlich genau auf diesen Raub 1897 zurückzuführen, als die Briten Benin City niedergebrannt haben und den Palast und auch die Stadt geplündert haben. Ich weiß nicht. Soll ich noch mehr ausholen? Ja, mal der Reihe nach. Wenn wir uns dieses Kapitel in der Geschichte Nigerias anschauen muss man sagen, dass da lange Zeit nur Quellen aus der europäischen Perspektive herangezogen wurden und es bis heute schwierig ist, die Perspektive der einheimischen Bevölkerung abzubilden.  Kurzer Abriss der Kolonialgeschichte Nigerias: Aus Europa kommen Ende des 15. Jahrhunderts erst mal portugiesische Handelsleute an der Küste an, später dann auch britische. In dem Gebiet gibt es zu der Zeit verschiedene Königreiche. Einige von ihnen handeln mit Europa mit Rohstoffen wie Bronze und Elfenbein. Und mit versklavten Menschen. Über mehr als 200 Jahre ist die Küste, vor allem der Hafen in Calabar[1], ein wichtiger Knotenpunkt des grauenvollen transatlantischen Handels mit versklavten Menschen. 1807 verbietet Großbritannien offiziell diesen transatlantischen Handel - ein Grund um gewaltvoll gegen die lokalen Akteure durchzugreifen, die weiterhin handeln. Europäische Kolonialmächte, so auch Großbritannien, wollen weiter Rohstoffe und Agrarprodukte exportieren und haben es nun auch auf Gebietsansprüche, politischen und gesellschaftlichen Einfluss abgesehen. Im Jahr 1862 wird die Hafenstadt Lagos zum britischen Protektorat erklärt. Stefanie Bach: ...und in den 1880er und 90er Jahren war es dann so weit, dass Großbritannien dort also ja schon mehr Herrschaftsanspruch vornehmen wollte, als das vorher der Fall war. Gibt jetzt auch historische Quellen, wo man auch immer wieder sieht, dass das anvisiert war, dass man den Oba dort stürzen wollte und dass man das Gebiet also wirklich unter britische Vorherrschaft stellen wollte. Wenn Stefanie Bach vom Oba spricht, dann meint sie damit den König des Königreich Benin mit seiner Hauptstadt Edo, dem heutigen Benin-City im Süden Nigerias. Das Königreich Benin steht erstmal nicht so sehr im Fokus der britischen Kolonialmacht und es kann seine Unabhängigkeit lange aufrecht erhalten. Aber vor allem britische Handelstreibende vor Ort lassen nicht locker: Das Niger Delta ist damals dicht besiedelt und eine Quelle für wertvolles Palmöl. Um so ein Gebiet einzunehmen, gehen die Kolonialmächte oft folgendermaßen vor: Abkommen unterzeichnen mit den lokalen Mächten, die zum britischen Vorteil sind. Widerstand wird brutal niedergeschlagen und als Grund für das Besetzen von Land gesehen. Henry Gallwey ist britischer Kolonialherr und stellvertretender Verwalter und Vizekonsul eines Gebiets am Niger Delta. Eine heute als Gallwey-Abkommen bekannte Vereinbarung soll 1892 das Königreich Benin zur Kolonie machen.  Das Abkommen nennt als Ziel den Zitat „allgemeinen Fortschritt der Zivilisation“  und gilt heute als betrügerisch, unausgewogen und manipulativ.  Man geht davon aus, dass der Oba, bzw sein Rat gezwungen wurde das Abkommen zu unterschreiben und der Oba hält sich nicht daran. Das ist für die britische Kolonialverwaltung ein Grund, sich zu nehmen, was ihr ihrer Meinung nach zusteht. James Philips ist der Nachfolger Henry Gallwey am Niger-Delta. Er macht sich zur Aufgabe den König von Benin zu stürzen. 1897 wird der Oba informiert, dass eine Gruppe britischer Militärs sich im Rahmen einer vorgeblich politischen- und Handelsmission mit ihm treffen wollen. Zu dem Zeitpunkt findet aber das wichtige Igue - oder auch Königsfestival- statt, das keine Anwesenheit von Fremden erlaubt.  Der Oba will Philips und seine Leute zu einem späteren Zeitpunkt treffen, doch das akzeptieren sie nicht - Philipps Delegation macht sich auf den Weg. Bevor sie Edo, das heutige Benin-City erreichen, werden sie abgewehrt. Die Quellen zu den Abläufen der genauen Vorfälle sind nicht ganz eindeutig, aber

    44 min
  4. Afghanistan – Raubhandel in Kriegszeiten

    08/17/2022

    Afghanistan – Raubhandel in Kriegszeiten

    Bildrechte: ARD Kultur / Good Point PodcastsAkte: Raubkunst? | Episode 2 Afghanistan – Raub in Kriegszeiten (Musik spannungsvoll) Moshtari Hilal: Also solange ein Land kriegerischen Konflikten ausgesetzt ist, ist es sehr einfach zu stehlen. Es ist sehr einfach zu schmuggeln. Männl. Stimme You know, I think what was distinct about this case is that it was very much a real criminal case. ( Was ich an diesem Fall besonders finde: das ist ein echter Kriminalfall ) Weibl Stimme Das ist ein Verbrechen. Das ist Hehlerei. Wer mit Raubkunst wissentlich handelt, ist Hehler und macht sich strafbar. (Musikbett durchlaufen) Von der sowjetischen Besatzung bis zur Machtübernahme der Taliban, die Museen Afghanistans wurden geplündert, ausgeraubt und zerstört. Mehr als zwei Drittel der Museumsbestände sind aus dem Land verschwunden - und viele davon sind auf dem illegalen Kunstmarkt gelandet. Seit 1970 gibt es eine UNESCO -Konvention, die den illegalen Handel verhindern soll und auch einen Anspruch auf Rückgabe formuliert - und in den letzten Jahren wächst ja auch bei uns das Bewusstsein dafür, wie problematisch Raubkunst ist. Da würde ich erst mal naiv denken: das kauft doch niemand mehr. Naja, falsch gedacht: Auch heute noch wird mit illegalen Raubgütern gehandelt. Und diese Deals spielen sich nicht nur auf dem illegalen Markt ab sondern auch in angesehenen Auktionshäusern und Museen. Wie kann das sein, dass noch heute gestohlene Kulturgüter aus Kriegsgebieten in europäischen  Museen landen? MUSIK INTRO Mein Name ist Helen Fares und ihr hört  “Akte Raubkunst?”. Den Podcast, in dem wir die Geschichte von Objekten in deutschen Museen erzählen, die eigentlich nicht hier sein sollten. Dieses Mal erzähle ich die Geschichte zusammen mit Moshtari Hilal, sie habt ihr am Anfang schon gehört. Sie ist afghanisch-deutsche Künstlerin und Kuratorin. Über sie sind wir überhaupt erst auf das Objekt gekommen, um dass es in dieser Episode gehen wird. Denn vor ein paar Jahren hat sie die Raubgeschichte des Objekts illustriert. Für diese Folge hat sie als Co-Autorin mit recherchiert und sich auf Spurensuche nach einem Paneel aus Afghanistan gemacht, das bis vor wenigen Jahren noch in einem Hamburger Museum stand. Ein Hinweis vorab: in dieser Folge thematisieren wir Krieg und Flucht MUSIK BREAK Geräusche Bahnhof Helen Fares: Ich bin jetzt hier ganz in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs beim Museum angelangt. Ja, das Wetter ist nicht so schön, so wie man das von Hamburg erwarten würde. Es ist Mittwoch Vormittag. Auf der großen Wiese sitzen viele Menschen vor einer Drogenberatungsstelle, während die ersten Besucher:innen das Museum betreten. Moshtari wartet beim Museumseingang auf mich - sie kennt sich hier schon ein bisschen aus. (Geräusche Treppe steigen) Wir sind mit Dr. Silke Reuther verabredet. Sie ist verantwortlich für die Provenienzforschung am Haus, beschäftigt sich also mit der Herkunft der Museumsobjekte. Silke Reuther: Hallo Helen Fares: Hallo. Guten Tag. Ich bin Helen Fares. Moshtari Hilal: Hallo - ich bin Moshtari Hilal. Gudrun Herz: Hallo ja. Schön, dass es klappt. Silke Reuther: Wo wollen wir hin? Wir wollen in die Sammlung der sogenannten islamischen Kunst. Den Bahnhofslärm hört man im ganzen Museum. Silke Reuther führt uns hoch ins erste Obergeschoss. (Schritte im Ausstellungsraum) Der fensterlose Raum ist dunkel. In der Mitte befindet sich eine Vitrine, sie beleuchtet ausgestellte Vasen und Gläser. Insgesamt wirkt die Umgebung kahl. Die hellen, hohen Wände sind wenig behangen: Ein paar Arbeiten aus Metall, verschiedene Raumdekorationen, antike Bildnisse.  Und auf einer Seite befinden sich Steintafeln: Silke Reuther: Wir stehen jetzt in dem Segment, wo es auch um Schrift geht. Und hier sind mehrere Bruchstücke von Wandpaneelen, die auch aus unterschiedlichen Regionen kommen, die einfach an dieser Stelle dann auch noch mal so veranschaulichen, wie mit Schrift umgegangen wurde. Helen Fares: Nun stehen wir hier gerade vor drei Platten und einem Foto, was ist auf diesem Foto zu sehen? Silke Reuther: Das Foto zeigt ein Paneel aus Afghanistan, aus dem Palast des Königs Masud, dem dritten in Ghazni in Afghanistan. und es sind dort eben einzelne Zeilen zu lesen. Aber dazu kann ich Ihnen nicht sagen, was da im Einzelnen steht. MUSIK BREAK (Geräusche Stadt Straßen Paris) Das 9. Arrondissement in Paris. Die Sonne scheint und die ersten Menschen tummeln schon vor dem Auktionshaus - Es gehört zu den ältesten der Welt. (man hört Menschen, auf französisch reden) Montagmorgen öffnen die Türen und direkt drängen sich Besucher:innen durch den gläsernen Eingang hoch in die Ausstellungs- und Verkaufsräume. Im Saal 7 gibt es heute eine Auktion zu Kunst aus Afrika und Asien - so heißt es auf der Webseite. Der Blick in den Auktionskatalog hinterlässt einen anderen Eindruck: Neben Holzmasken und Statuen sind Postkarten und Reiseberichte aus der Kolonialzeit dargestellt. Ein komisches Gefühl überkommt mich bei vielen der Fotografien. Menschen sind darauf wie exotische Schauobjekte abgebildet. Kongo, Tschad, Kamerun - lauter afrikanische Ländernamen sind aufgelistet. Aber es wird nicht klar, wo die einzelnen Aufnahmen wirklich entstanden sind. Mann: Alors Mesdames, Messieurs, bonjour! La vente va commencer aux conditions habituelles…. Ein Mann begrüßt das Publikum -  vor allem weiße, ältere Männer von denen sich einige zu kennen scheinen. Sie begrüßen sich, plaudern miteinander. Über hundert Auktionslose stehen für die erste Stunde an - die darunter zu versteigernden Bücher, Bilder und Postkarten sind schon vorne im Raum aufgestapelt. Die Auktionatorin beginnt mit dem ersten Los: Manuskripte und Karten aus Kongo für 400 Euro. Auktionatorin: .. Et 7 cartes manuscrits et une entoulée du Congo. Et pour cet ensemble, nous avons commencé à 400. Voilà. Ohlalala 600 800 900… So ähnlich könnte es sich angehört haben, als im November 2013 das Mamorpaneel in einem Pariser Auktionshaus für 35 000 Euro an das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe geht. Eine Fotografie zeigt es ausgestellt inmitten von Kunstwerken auf einem schwarzen Podest. Silke Reuther: Und da ist es halt die Entscheidung gewesen, hier des Hauses, dieses Paneel für die dann im Aufbau befindliche Neupräsentation der Sammlung Islamische Kunst dann zu erwerben, weil es eben auch einfach so eine schöne Ergänzung gewesen wäre. Zu den Paneelen und Marmorarbeiten ähnlichen Zuschnitts zum Thema Schrift und Dekor, die wir hier im Haus haben. Das Objekt wird also ersteigert und landet im Hamburger Museum. Und da kommt Stefan Heidemann ins Spiel. Professor für Islamwissenschaft an der Universität Hamburg. 2014 kontaktiert ihn die damalige Kuratorin Nora von Achenbach, nachdem sie das Paneel für die islamische Kunst Sammlung erworben hat. Sie will seine Einschätzung dazu hören, denn das Paneel soll das Highlight der neuen Ausstellung werden. Heidemann: ich schaute darauf und es sah aus wie ein Museumsstück. Genau das Richtige, um den Besucher des Museums für Kunst und Gewerbe auf die islamische Kunst einzustimmen. Von daher wirklich ein ganz vorzügliches Stück. Aber mir erschien gleich der Gedanke, dass ein Stück von so hervorragender Qualität kann nicht irgendwie auf Auktionen kommen. Da muss irgendetwas sein. Er kontaktiert seine Kollegin Martina Rugiadi aus dem Metropolitan Museum of Art in New York. Heidemann: Ich wusste, sie hatte ihre Dissertation  [...] über Marmor Paneele aus Ghazni aus Afghanistan geschrieben, und ich war mir sicher, sie könnte mir irgendetwas dazu sagen. [...] Sie sagte: Ja, das kennt sie. Das Kind hat auch einen Namen. Das heißt C3733. C3733. Eine Signatur, die darauf hindeutet, dass das Paneel katalogisiert war, jemandem gehörte. Martina Rugiadi bestätigt also Professor Heidemanns Vermutung. In ihrer 2007 veröffentlichte Dissertation an der Universität “L’Orientale” in Neapel schreibt Rugiadi über eine Ausgrabung in Ghazni. Ungefähr 130 km Luftlinie von Kabul entfernt, finden dort zwischen 1957 und 1966 Afghanische und italienische Wissenschaftler*innen tausende Objekte. Darunter auch das in Paris ersteigerte Marmorpaneel. Es landet mit anderen Funden im frisch restaurierten Mausoleum in Ghazni - dem Rawza Museum of Islamic Art. Doch nicht für lange Zeit. (Geräusche Bomben, Beschuss) 1979 marschiert die Sowjetarmee in Afghanistan ein. Auch die Provinz Ghazni ist von Gefechten und Zerstörung betroffen. Die Museumsstücke werden zum Schutz in ein Kunstlager oder in das Nationalmuseum in Kabul untergebracht. Und das Rawza Museum of Islamic Art muss schließen. Doch wie kommt das Paneel mit der Nummer C3733 außer Landes? Das fragen wir die Provenienzforscherin Silke Reuther: Silke Reuther: Wie genau der Abtransport stattgefunden hat, das weiß man nicht. Darüber gibt es keine Informationen. Aber Tatsache ist, dass eben eine ganze Reihe von diesen Paneelen in dieser Zeitspanne verloren gegangen sind und man auch, wenn man sie vergleicht, feststellen kann, dass sie eben auch alle zusammengehören. Zu Beginn der 2000er Jahre macht ein Team an italienischen Wissenschafter:innen eine Art Inventur in Afghanistan: Sie gleichen die vorhandenen Grabungsfunde aus dem Palast von Mas’ud III mit den alten Inventarlisten ab - das Ergebnis ist erschütternd: Rund ein Drittel fehlt. Der Verbleib von 206 Kunstgegenstände gilt als ungeklärt - darunter auch das Mamorpaneel. Nora von Achenbach leitet die Informationen an die damalige Museumsdirektorin Sabine Schulze weiter. Bei dem Neuerwerb besteht ein dringender Verdacht. Zeit vergeht, denn gerade steht ein Großprojekt an: Die Provenienz der eigenen Bestände aufdecken und öffentlich machen.  Heidemann: Es ist eine Ironie. Am zwölften September 2014 eröffnete dasselbe Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung Raubkunst Provenienzforschung zu den Sammlungen des Museums für Kunst und

    49 min
  5. Nofretete – die umkämpfte Königin

    08/10/2022

    Nofretete – die umkämpfte Königin

    Bildrechte: ARD Kultur / Good Point PodcastsAkte: Raubkunst? | Episode 1 Die umkämpfte Königin (spannungsvolle Musik) Männl. Stimme: Nun ist bei der Fundteilung (...) ein Hauptstück, ein Königinnenkopf aus bemaltem Kalk, durch einen eindeutigen Irrtum aus Ägypten ausgeführt worden. Weibl. Stimme: Es sind einfach so: hochsensible Objekte, dass sich für viele und da ist eben Nofretete kein Ausnahme. Ja, dass für viele aus meiner konservatorischen verantwortlichen Sicht das Bewegen nicht in Frage kommt. Mann 2: Nefertiti is an important object of the Egyptian culture     , it has to come back to Egypt and it will come back. // Die Nofretete-Büste ist ein wichtiges Objekt ägyptischer Kultur.      sie muss zurückkommen und sie wird zurückkommen.     Stimme Hostin Helen Fares: Hunderttausende Menschen strömen jedes Jahr ins Museum, nur um einen Blick auf sie werfen zu können. Die Nofretete-Büste ist von ungeheurem Wert: Die Quellen unterscheiden sich zwar, aber ihr Wert wird so auf zwischen 300 und 400 Mio Euro geschätzt. Nofretete war die Frau des Pharaos Echnaton, der als Begründer der ersten monotheistischen Religion gilt. Ihre Büste im Neuen Museum in Berlin ist weltberühmt. (Geräusch Straße) Helen Fares: Alles hier an diesem riesengroßen Platz in Mitten Berlins, ist so prunkvoll und prachtvoll und irgendwie auf den ersten Blick wunderschön. Aber wenn man sich vorstellt, was sich hinter diesen Mauern verbirgt und was auch die Geschichten dieser Mauern sind, läuft es einem irgendwie doch ein bisschen kalt den Rücken runter. MUSIK INTRO Das ist die erste Folge von  “Akte: Raubkunst?”. Der Podcast, in dem wir die Geschichte von Objekten in deutschen Museen erzählen, die eigentlich nicht hier sein sollten. Mein Name ist Helen Fares und ich bin unter anderem Journalistin, Wirtschaftspsychologin und Bildungsaktivistin und beschäftige mich in meiner Arbeit viel mit den Themen Gerechtigkeit, Menschenrechtsverletzungen und Rassismus. Und ich habe schon immer ein komisches Gefühl gehabt, wenn ich in Museen in Deutschland Kunst und Heiligtümer aus Asien und Afrika gesehen habe und dachte - warum stehen die nicht da, wo sie herkommen? Genau das wollen wir in diesem Podcast herausfinden. Die Spuren führen uns in die koloniale Vergangenheit von Deutschland, auf Schiffe, an Ausgrabungsstätten und in Auktionshäuser. Über Inventarlisten, Tagebucheinträge, Gesprächen mit Expert:innen in Deutschland und in den Ländern wo die Objekte herkommen, gehen wir den Geschichten der Kulturgüter nach. In einigen Fällen ist es ganz klar Raub, bei anderen ist das weniger eindeutig. Deswegen auch das Fragezeichen im Podcasttitel. Und in unserer ersten Folge ist die Antwort auf diese Frage ziemlich kompliziert. Ein Inhaltshinweis an dieser Stelle - wir thematisieren in diesem Podcast Kolonialismus, Rassismus und Gewalt. MUSIKBREAK Ägyptische Museen oder besser gesagt Museen mit ägyptischer Kunst gibt es ja wie Sand am Meer. Als Kind war ich mit meiner Schulklasse zum ersten Mal in einem ägyptischen Museum in Leipzig. Danach hat meine Mutter sich mit mir Zuhause hingesetzt und mir gesagt, dass viele kulturelle und religiöse Objekte, die in dem Museum stehen, eigentlich gar nicht hier sein sollten. Auch bei der Nofretete-Büste gab es immer wieder Streit, ob sie rechtens in Deutschland ausgestellt wird, seit sie hier 1924 zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Für die einen ist die Nofretete der Inbegriff eines Kulturguts, das unrechtmäßig im Kolonialismus hierher gekommen ist. Für die anderen ist sie rechtmäßiger Besitz von Deutschland und die Königin der Berliner Museen. Wie kam die Büste der Nofretete nach Deutschland und wieso steht sie nicht in Ägypten? Warum wehrt man sich hier mit Händen und Füßen, dagegen, dass sie zurückgeht? MUSIKBREAK Wir wollen mit dem Neuen Museum sprechen, aber das Neue Museum erstmal nicht mit uns. Die Büste sei schließlich keine Raubkunst und damit sei die Sache erledigt, Akte geschlossen, khalass, ciao. Nachdem dann alle Deadlines fast verstrichen sind und wir nicht mehr damit rechnen, erklärt das Museum sich in letzter Minute bereit, doch noch unsere Fragen zu beantworten - dazu später mehr. Wir bekommen keine Aufnahmegenehmigung, aber ein Museum ist ja ein öffentlicher Ort, also gehe ich ohne Mikrofon als normale Besucherin rein, um mir die sagenumwobene Nofretete-Büste anzuschauen. Ich will meine Eindrücke wenigstens auf meinem Handy notieren, aber als ich es raushole werde ich sofort ermahnt. In dem Raum, in dem die Büste steht, gilt striktes Fotografierverbot. Straßengeräusche, Helen vor dem Museum Helen Fares: Als ich dann den Raum gesehen habe, in dem sie stand, (...) war ich ziemlich beeindruckt. Der Raum ist riesengroß und pompös und in diesem Raum steht nur die Nofretete Büste in der Mitte, in einer Vitrine von unten  beleuchtet Die Büste ist wirklich wunderschön und der Eindruck hallt bei mir auch noch nach. Aber Informationen zu ihrer Bedeutung, oder gar zu Kritik daran, dass sie hier in Berlin steht, finde ich im Museum nicht. Um zu verstehen, warum sie so ein Streitfall ist, müssen wir tiefer in die Recherche einsteigen. Also von vorne: Kyra Gospodar: Und jetzt in meinem Falle im Falle von Dahschur da arbeite ich zum Teil auf meinem, meinem Schnitt sind dann 40, 50 ägyptische Männer dabei, die vor allem aus den angrenzenden Dörfern kommen und deren Familie Familien schon zum Teil seit Jahrzehnten oder schon 100 Jahre auf ägyptischen Grabungen beschäftigt sind. Kyra Gospodar ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität in Berlin in der Ägyptologie und macht bei Ausgrabungen in Dahschur mit. Dort befinden sich mehrere Pyramidenanlagen. Sie schildert uns wie Archäolog*innen in Ägypten arbeiten. Vor 100 Jahren, wie heute, waren Grabungen in Ägypten Teamwork. Kyra Gospodar: Viele haben noch Fotos zu Hause oder alte Dokumentationen von den Großvätern, die auf sehr, sehr bekannten alten Grabungen auch dabei waren, wo es noch so ganz vergilbte alte Fotos gibt. Und alle sind steif gekleidet und gucken in die Kamera. Und die sind dann auch häufig sehr enthusiastisch. Für viele ist es natürlich auch ein Job, weil natürlich die Chancen in der Umgebung oft im ländlichen Raum nicht so groß sind, so viele Grabungsarbeiten, auch ein großer Arbeitgeber sind und dann natürlich auch viele Familien dranhängen. Auf der Fensterbank in ihrem Büro steht eine Kopie der Büste der Nofretete. Eine ägyptische Version, verrät sie. Das erkenne man an dem Auge, das heil sei und anders als bei der Original-Büste, nicht fehle. Um den Hals von Nofretete ist rosa Lametta gewickelt. Wahrscheinlich von einer Fachschaftsparty, vermutet Gospodar. Die Büste stand schon am Fenster als sie ins Büro einzog. Archäologie sei auch eine bürokratische Angelegenheit, sagt sie. Dafür arbeite man vor Ort eng mit ägyptischen Expert*innen, Inspektor*innen und Behörden zusammen. Kyra Gospodar: Und wenn wir natürlich nach Ägypten gehen, sind wir uns auch bewusst, dass wir natürlich von außen kommen und als ausländische Forschungsinstitutionen. Deshalb und auf ägyptischem Boden wird auch sehr viel Forschung von ägyptischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begangen. Deswegen sind eigentlich Kooperationen mit ägyptischen Universitäten oder den Inspektoren die Regel. Man arbeitet ganz eng mit ägyptischen Kolleginnen und Kollegen zusammen, auch mit Studierenden. Die Ausgrabungen laufen nicht viel anders ab als früher. Außer, dass man heutzutage mit Ägypter*innen laut Gospodar eher auf Augenhöhe zusammenarbeitet als früher. Sie haben aber damals schon bei Ausgrabungen geholfen, hauptsächlich die körperlich schwere Arbeit übernommen. Jochem Kahl: das ist der Wüstenberg am Westrand der Stadt Asyut. Der erstreckt sich über ungefähr einen Kilometer Länge und über 200 Metern Höhe... Dr. Jochem Kahl zeigt auf ein großes Foto, fast schon ein Poster, an der Wand in seinem Büro, schräg gegenüber von dem von Kyra Gospodar. Er ist Professor für Ägyptologie und leitet seit 20 Jahren Ausgrabungen in Ägypten. Das Foto zeigt den Ort, an dem er in Ägypten arbeitet: Asyut, über 300 Kilometer südlich von Kairo, am westlichen Nilufer. Deutsche Archäolog*innen sind seit Jahrhunderten in Ägypten an Ausgrabungen beteiligt. Die Grundlagen der modernen Archäologie sind durch Forschungs- und Entdeckungsreisen, sogenannte Expeditionen, westlicher Mächte geschaffen worden. Die Feldzüge des französischen Kaisers und Diktators Napoleon Bonaparte haben zum Beispiel die Grundlagen geschaffen. Auch Deutschland schafft mit der sogenannten preußischen Expedition von 1842-1845 in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine Basis der Archäologie. Jochem Kahl: Ganz klar muss man sagen Ägyptologie ist ein Fach, das seinen Ursprung in der Kolonialzeit hat. Das hat mich als Student auch schon oft irritiert, aber hat mich trotzdem nicht abgeschreckt, das zu studieren. Und wir müssen einfach damit umgehen. Der „unangefochtene Star“  des Museums, wie das Neue Museum die Büste der Nofretete nennt, wird Anfang des 20. Jahrhunderts fast genau in der Mitte von Ägypten gefunden, in Tell el-Amarna oder nur Amarna. Und zwar in den über 3000 Jahre alten Ruinen der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis. Der Ägyptologe Ludwig Borchardt ist Leiter der Ausgrabungen in Amarna. Er hat mitbekommen, dass es lukrativ sein könnte, in der Gegend zu graben. Friederike Seyfried: Und das hat ihn, glaube ich, deshalb interessiert, weil auch seit 1900, muss man sagen, eine ganze Menge hochwertiger Objekte auf dem Kunstmarkt kamen aus Tell el-amarna. Das ist Dr. Friederike Seyfried, sie ist die Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin und leidenschaftliche Ägyptologin. Nachdem wir lange auf eine Antwort des Ägyptischen Museums gewartet haben und m

    50 min

About

Warum stehen Museen in Deutschland voll mit Kulturschätzen aus Asien und Afrika? Wie sind sie hierhergekommen? In “Akte: Raubkunst?” erzählt Helen Fares die Geschichte von sechs Objekten - einige davon sind berühmt und umkämpft, andere noch kaum erforscht. Die Spuren führen in die Kolonialzeit, an Ausgrabungsstätten und in Auktionshäuser. Wir sprechen mit Menschen, die die Herkunft der Objekte erforschen und mit Menschen, die ihre Kulturschätze zurückfordern. “Akte: Raubkunst?” ist eine Produktion von Good Point Podcasts im Auftrag von ARD Kultur.

You Might Also Like