Thema der Woche In dieser Folge ist Dr. Felix Neumann als Gast mit dabei und bringt ökonomischen Sachverstand mit ein. Leonie kommt beinahe zu spät - und das alles wegen ein paar Münzen… Leonie Hartmann Huch, da bin ich fast zu spät gekommen zu unserem heutigen Gespräch, ähm, aber es hat alles irgendwie etwas länger gedauert. Ich war noch im Supermarkt und wollte mir für mittags, err, ein Sandwich holen. Und na ja, wie’s halt immer so ist, ne, da war halt vor mir eine Schlange und dann an der Spitze der Schlange eine alte Dame, die hat relativ lang gebraucht. Erst mal das Portemonnaie finden, das Portemonnaie aufmachen und dann hat sie das Bargeld zusammengeklaubt und so weiter, ne. Wie’s halt immer so ist, ne. Manche Dinge sind dann halt am Ende langsamer, als man denkt. --- Viktor Brandt Ja, das ist ja auch mal wieder so was typisch Ineffizientes. Bargeld, ja, das passt überhaupt in so ‘ne Situation nicht rein, ja. Du gehst doch zum Discounter. Der Discounter ist voll auf Geschwindigkeit getrimmt. Ah, das siehst du doch schon bei Aldi beispielsweise, dass die inzwischen sogar quasi an einer Kasse zwei Bezahlvorgänge gleichzeitig abhaken. Das ist halt für die wichtig. Das ist das Geschäftsmodell, eben. Ist halt Discounter - ist Geschwindigkeit. Also, das, das regt mich jedes Mal auf, wenn man da stundenlang in der Schlange steht, weil da einer nach’m ander’n mit seinem dämlichen Bargeld rum macht, ja. Das, das, äh, das müsste man eigentlich verbieten, ja. Das gehört da nicht hin, ja. Da müssten die zumindest mal irgendeine Strafgebühr bezahlen, irgendwie. Entweder, was weiß ich, ein Prozent mehr oder, oder fünfzig Cent pauschal oder so. Also echt. --- Moritz Keller Also jetzt warte mal, lieber Viktor, halt mal die Pferde an. Ähm, das ist erst mal bestimmt nicht erlaubt, Bargeld zu verbieten bei so was. Ja, das ist ja schließlich das gesetzliche Zahlungsmittel, ja? Das hat ja auch ‘ne hohe Akzeptanz, ganz im Gegenteil, äh, eben dazu, äh, dass man alles bargeldlos bezahlen soll. Es gibt halt viele Leute, die das nicht so mögen. Das muss man schon auch zulassen und tolerieren. --- Leonie Hartmann Na ja, es geht ja nicht nur darum, äh, dass der eine oder andere vielleicht gar keine solche Bezahlkarte hat. Es geht ja auch um den Datenschutz, ja? Bargeld ist einfach anonym. Ähm, mit Bargeld kann ich irgendwo bezahlen, ohne dass das gleich Spuren hinterlässt und jeder weiß, ähm, wo ich etwas gekauft hab, wann ich das gekauft hab. Also ich find, das ist noch das letzte freie Stück, was wir da noch haben, ja. Also ich find’s schon sehr wichtig, äh, dass man auch diese Insel an, an, äh, an Privatsphäre behält! --- Viktor Brandt Na ja, also das, hört sich jetzt ja mal wieder an, als wären die Leute alle so Datenschutz-Fetischisten, neh. In Wirklichkeit, äh, halten sie dann alle ihre Payback-Karten und wie sie alle nicht heißen hin und geben alle möglichen Daten von sich preis. Nicht nur, dass sie an dem Tag was für fünf Euro fünfundzwanzig gekauft haben, sondern ganz genau was, ja. Wird alles ganz genau, hinterlassen, äh, wer da wie, wo was gemacht hat, oder? Das ist doch der Hammer. Da ist doch der Datenschutz eh im Eimer. Also mal ganz ehrlich! --- Dr. Felix Neumann Na ja, übrigens, ähm, Bargeld ist natürlich auch nicht kostenlos in dem Sinne, err, wie man vielleicht denken würde. Äh, das Argument mancher Kunden oder auch mancher Merchants, also der Kaufleute, die Geld oder bargeldlos Zahlung akzeptieren, ist ja häufig, dass Kartenzahlungen ja Gebühren kosten. Und jemand muss diese Gebühren ja auch tragen. Was man dabei oft vergisst, ist, dass natürlich auch Bargeld Kosten verursacht für den Transport des Geldes, die Sicherheit, die Fälschungssicherheit, das Zählen, ne, natürlich auch die Zeit. Da hat der Viktor gar nicht ganz unrecht. Die Zeit ist natürlich auch Geld, ja. Und, äh, in der Masse hat so was natürlich einen Effekt, ja. Wenn man am Tag, äh, in Deutschland viele Millionen einzelner Transaktionen hat und jede dieser Transaktionen dauert ein paar Sekunden länger, ähm, das vermindert natürlich schon die Gesamtproduktivität einer Volkswirtschaft. --- Moritz Keller Also Dr. Neumann, das kann doch nicht so viel sein... --- Dr. Felix Neumann ...Wir hatten in 2024 in Deutschland etwa 20 Milliarden Einkäufe vor Ort, von denen etwa 55% bar bezahlt wurden. Wenn jede Barzahlung etwa 5 Sekunden länger dauert, kosten allein die Kassenmitarbeiter - selbst wenn wir nur den Mindestlohn von 12 Euro 41 annehmen über eine halbe Million Euro pro Tag. --- Viktor Brandt Ja, genau. Bargeld kostet uns alle. Es ist nicht umsonst, ne. Ähm, alle blechen für diese Kosten, die man für Bargeld hat. Beim kartenlos-- beim, beim bargeldlosen Zahlen ist das ja anders. Da ist das diese eine Transaktion und die kostet was, ja. Aber beim Bargeld, das wird also umgelegt, richtig? Das wird also ‘n typisches Ding, wo wir alle zur Kasse gebeten werden. Wir alle müssen dieses ganze Riesensystem finanzieren, äh, für die Münzenproduktion, die Banknotenherstellung, den Transport, dann werden die Dinger gefälscht, und so weiter. Das müssen wir alle als Allgemeinheit bezahlen, nur damit so’ne Oma noch im Portemonnaie kramen kann. Und dann stimmt auch noch Abends die Kasse nicht, haha. --- Leonie Hartmann Na ja, das ist natürlich schon, wie gesagt, so ein Punkt, wo ich ‘n bisschen zwiegespalten bin, denn auf der einen Seite find ich’s schon wichtig, dass man nicht bei allem digitale Spuren hinterlässt, die dann monetarisiert werden von anderen, wo man dann mit Werbung zugeschüttet wird und so. Aber auf der anderen Seite, diese praktischen Aspekte sind natürlich auch nicht ohne. Ihr wisst ja, ich beweg mich ja, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fort. --- Moritz Keller Du hast ja eben auch gar keinen Führerschein, Leonie... --- Leonie Hartmann ...Genau eben, ne. Für mich ist das aber auch einfach von der Überzeugung her wichtig, wenn wir alle mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren würden, wär die Welt besser. Das Hauptproblem da ist wirklich, dass so viel schwarz gefahren wird. Und dieses Geld, das fehlt natürlich. Klar, wenn ich ein Busunternehmen oder ein Straßenbahnunternehmen in einer Stadt betreibe und hab dann so viel Schwarzfahrer, die einfach mitfahren, ohne zu bezahlen, ist das ein Problem, ne? Das liegt natürlich auch daran wieder, dass häufig die Fahrkartenautomaten noch nur mit Bargeld arbeiten und wer hat schon dann das das passende Geld dabei, in Münzen. --- Dr. Felix Neumann Bargeldlosigkeit verringert allerdings nicht Ladendiebstahl oder Schwarzfahren... --- Leonie Hartmann ...Und ja, die meisten Schwarzfahrer würden natürlich auch dann schwarzfahren, wenn überall Ticketautomaten für Karten wären. Aber es gibt ja auch Beispiele, wo man eben gar nicht mehr das Ticket einzeln kaufen muss, sondern wo man einfach beim Einsteigen in den Bus, die Tram, die S-Bahn erfasst wird und dann zack ist man halt legal drin. Und beim Aussteigen wird ermittelt, wie lange man gefahren ist und das wird dann abgebucht oder wenn man halt die Monatskarte hat, dann muss man natürlich nicht noch mal extra bezahlen. Da gibt’s ja Beispiele. Singapur hat so was, die Stadt Osaka in Japan hat so was. Ich glaub, das kommt immer mehr, ja. Grad in Asien, wo ja viel mit Massentransport gemacht werden muss, da kommt so was. Ich glaube, das würde natürlich verhindern, dass es Schwarzfahren gibt. --- Viktor Brandt Entscheid dich, ne. Das ist eben der Punkt, ja. Kontrolle, Kontrolle bedeutet halt, dass man etwas preisgibt, aber auf der anderen Seite erhöht man damit die Gesamteffizienz. Schwarzfahren gibt’s halt nicht, wenn wirklich hundert Prozent kontrolliert wird Das ist ja dein Beispiel, oder? --- Dr. Felix Neumann Nun, da haben sie beide nicht ganz unrecht. Effizienz braucht halt Daten. Aber auf der anderen Seite, Daten bedeuten auch weniger Anonymität. Dieser Zielkonflikt ist einfach da. Der Zielkonflikt wird ja von den Einkaufenden im Supermarkt, Sie erwähnten ja die Payback-Karte, auch bedacht. Wenn ich meine Punktesammelkarte vorweise und bekomme dadurch einen Discount, zum Beispiel ein Prozent oder ich bekomme Punkte, die ich umwandeln kann in irgendwelche Prämienprodukte, dann gebe ich aber eben auch Informationen her. Das ist sozusagen der Preis, den ich dafür bezahle. Diesen Zielkonflikt muss man in einer Gesellschaft, denke ich, austragen Allgemein stellen wir natürlich fest, dass Systeme, die intensiv mit Daten arbeiten, meist schneller und gründlicher Vorteile für die Konsumenten schaffen können und sich daher dauerhaft durchsetzen. --- Moritz Keller Aber machen da die Leute auf Dauer mit? Ich glaube, dass viele Menschen sich wieder zurückziehen auf das, was ihnen vertraut ist, auf das, was ihnen keine Ängste macht. Und dazu zählt halt einfach auch, nicht durchleuchtet zu werden, nicht eine solche Kredit- oder Debitkarte haben zu müssen, die dabeihaben zu müssen, sondern eben auch ganz normal mit Bargeld zahlen zu können. Das man zu Hause liegen haben kann. Was ist denn, wenn die Infrastruktur mal ausfällt. Das hatten wir doch letztens, da gab’s Störungen und auf einmal ging da nichts mehr. Man konnte kein keine Zahlung mehr im Supermarkt mit Karten machen. --- Viktor Brandt Ja und man könnte kein Bargeld am Automaten ziehen, Moritz, da ist dein Bargeld dann auch sehr schnell alle. --- Leonie Hartmann Am Ende ist, glaub ich, wirklich die Kernfrage, wie viel Kontrolle braucht’s, damit Systeme gut funktionieren und effizient sind und wie viel Anonymität muss man dafür wohl aufgeben. --- Der eckige Tisch ist ein wöchentliches Gesprächsformat. Pseudonymisierte Figuren diskutieren reale Themen – klar, zugespitzt und ohne Moderation. Wenn dir das Format gefällt, abonniere den eckigen Tisch. This is a public episode. If you would like to discuss this with other subscribers or get access to bonus