Blattgold. Der Schweizer Buchpodcast

Blattgold. Der Schweizer Buchpodcast

Willkommen zu 'Blattgold', dem Schweizer Buchpodcast der Universität Zürich. Einmal monatlich gibt es hier aktuelle Literaturkritik, Interviews mit Autorinnen und Autoren oder thematische Sendungen rund ums Thema Literatur. Moderation: Salomé Meier

  1. Blattgold #52: Hayat Erdoğan – Hauptsache kein Zeitgeist

    Apr 13

    Blattgold #52: Hayat Erdoğan – Hauptsache kein Zeitgeist

    In dieser Folge spreche ich mit der Dramaturgin, Kuratorin und Autorin Hayat Erdoğan über ihren Debütroman «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen 2026). Der Roman spielt an einem einzigen Tag. Am 6. Februar 2023 erschüttert ein Erdbeben den Südosten der Türkei und den Norden Syriens. Zehntausende Menschen sterben, Hunderttausende werden verletzt. Die Geschichte beginnt aber nicht mit diesem unheilvollen Ereignis, sondern am Morgen danach, als die ersten Nachrichten aus dem Katastrophengebiet zur Erzählerin nach Zürich schwappen. Die Geschichte erstreckt sich über die nächsten 24 Stunden – jeder Stunde ist ein Kapitel gewidmet –, 24 Stunden, in denen die Katastrophe langsam beginnt, Realität anzunehmen, in dem Nicht-Verstehen erst Ohnmacht und Ohnmacht einer Trauer weicht, die tiefer greift, und dabei auch Verschüttetes anderer Art an die Oberfläche befördert – eigene schmerzhafte Erinnerungsschichten freilegt. Als Dramaturgin und ehemalige Co-Leiterin des Theater Neumarkts beherrscht Hayat Erdogan die szenisch-dramatische Zuspitzung, als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin kennt sie die Theorien, die Macht-, Identitäts- und Erinnerungsdiskurse, und auch die Narrative um solche Naturkatastrophen, für die in Vergangenheit immer wieder religiöse, politische, mythische Erklärungen gefunden wurden. In ihrem Debütroman interessiert Hayat Erdoğan jedoch vor allem eine Frage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn das vermeintlich feste Terrain ins Wanken gerät? «Hauptsache kein Zeitgeist» ist ein kluges, zartes und zugleich politisches Buch. Ein Buch über Erinnerung und Zugehörigkeit. Über Sprache als Halt – und als Bruchstelle. Und über Trauer, persönliche und kollektive, und die Frage, wie Trauer uns verbinden kann. Die folgende Aufnahme entstand Anfang März im Cabaret Voltaire in Zürich. Schnitt: Okan Yilmaz Foto © Nils Lucas Musik: Haftbefehl – 'Odyssee'

    56 min
  2. Blattgold #50: Daniel Mezger – Bevor ich alt werde

    11/05/2025

    Blattgold #50: Daniel Mezger – Bevor ich alt werde

    In dieser Folge von Blattgold spreche ich mit Daniel Mezger über seinen neuen Roman "Bevor ich alt werde" (atlantis, 2025) – ein ebenso zarter wie kluger Text über Musik und Jugend, über eine latent lauernde Krankheit und über die Frage, wie wir leben wollen, angesichts der eigenen Endlichkeit. Was beginnt wie ein nostalgischer Indie Coming-of-Age-Roman, wird bald zum vielschichtigen Psychogramm einer Frau, Charlotte, deren Leben von einer Erbkrankheit namens Morbus Jackson untergründig beherrscht wird. Dieser Erbkrankheit ist die Großmutter zum Opfer gefallen, die Mutter zeigt Symptome, bevor sie bei einem Autounfall stirbt, möglicherweise war es ein Suizid. Charlotte spricht nur widerwillig über die Krankheit. In ihrem Leben geht es eher um ihre (schwindende) Karriere als Indie-Musikerin, Partys, Tourneen, Liebesgeschichten. Hinter Charlottes Coolness wird jedoch zunehmend ihre Angst sichtbar: vor dem Altwerden, vor der möglicherweise ererbten Krankheit, die ihr die Zukunft verstellt – Beziehungen, Kinder, Lebenspläne. Diese Folge ist eine Kooperation mit dem Literaturkritikmagazin VOLLTEXT, das seit diesem Monat auch dezidiert Schweizer Literatur abdeckt – mit klugen Rezensionen von Literaturwissenschaftler:innen, einem monatlichen Literaturkalender, sowie literarischen Beiträgen und Leseproben von Autor:innen wie Ilma Rakusa, Martin R. Dean und Nora Gomringer. Mehr unter www.volltext.net. Moderation und Schnitt: Salomé Meier Musik: Feist – I feel it all Bild: © Ayse Yavas

    48 min
  3. Blattgold #47: Regina Dürig – Frauen und Steine

    05/06/2025

    Blattgold #47: Regina Dürig – Frauen und Steine

    „Frauen und Steine“ (Droschl, März 2025) – Schon der Titel von Regina Dürigs neuem Erzählband bringt Bilder ins Rollen: Da denkt man an Stolpersteine, die im Weg liegen, an Trittsteine, die uns weiterbringen und dann den berühmten „Stein des Anstosses“. Aber was genau es mit diesen Steinen auf sich hat, das erschliesst sich erst beim Lesen – und so viel kann ich verraten: Es ist selten das, was man erwartet. In Dürigs Erzählungen wird das Motiv des Steins ganz unterschiedlich und auf oft überraschende Weise durchgespielt: Da ist zum Beispiel die Geschichte der vergessenen Archäologin Alice Kober, die versucht den Stein von Rosetta zu entschlüsseln oder die einer Hobby-Bildhauerin, die plötzlich merkt, dass „all ihre Hohlräume sich in den letzten Jahren mit Unsicherheit angefüllt hatten, dass hauptsächlich Geröll in ihr drin war und Schutt.“ Mal poetisch, mal politisch, mal ganz sinnlich – Dürigs Texte lassen keinen Steinbild auf dem anderen. Ich habe mit der Autorin im Aargauer Literaturhaus über ihren Band gesprochen und dabei trotz der zum Teil auch ziemlich schweren Themen sehr viel gelacht. Ein Gespräch über Sprachlust, über feministische Perspektiven und über die Kraft von Bildern. Drei Lesungen sind in dieser Folge zu hören: „Fragmente“: 8:41 – 14:18 „Um den heissen Brei“: 24:55 – 38:45 „Katalog der Frauen“: 42:57 – 44:39 Diese Folge ist eine leicht gekürzte Aufnahme von Lesung und Gespräch. Eine Kooperation mit dem Aargauer Literaturhaus. Schnitt: Okan Yilmaz Musik: Lana del Rey - West Coast Soundtrack zum Buch: Butterland – "Steine"

    51 min
  4. Blattgold #46: Widerstand und Übermut. Schweizer Schriftstellerinnen der 1970er-Jahre

    03/27/2025

    Blattgold #46: Widerstand und Übermut. Schweizer Schriftstellerinnen der 1970er-Jahre

    Kaum ein anderes Buch hat die feministische Bewegung der 1970er-Jahre so geprägt wie Verena Stefans „Häutungen“ (1975). Allein in den ersten drei Jahren verkaufte sich das Buch hunderttausendfach. Das gerade einmal 120 Seiten schmale, autofiktionale Büchlein beschreibt die Befreiung einer jungen Frau aus patriarchalen Strukturen und Geschlechterrollen hin zu feministischer Selbstbestimmung. Stefans Sprache ist aufgeladen mit Widerstand und Übermut. An einer Stelle heißt es: „ich zerstöre vertraute zusammenhänge, ich stelle begriffe, mit denen nichts mehr geklärt werden kann, in frage oder sortiere sie aus.“ Die Radikalität von Stefans Text ist kein Einzelfall. Auch andere Schriftstellerinnen der 1970er-Jahre kämpften mit ihren Büchern für Sichtbarkeit und Veränderung. Genau darum ging es auch bei der Buchvernissage im Karl der Grosse, wo ich mit Valerie Meyer und Nadia Brügger über ihr Sachbuch „Widerstand und Übermut“, erschienen beim Verlag Hier + Jetzt, sprach. Wir sprachen über die Frauenbewegung der 1970er-Jahre, über misogyne Literaturkritik, über die Gründung des ersten Frauenverlags – die Edition R + F –, über Brieffreundschaften und über den unverzichtbaren Wert von Freundschaft und Solidarität zwischen schreibenden Frauen zu einer Zeit, als weibliche Stimmen in der Literatur noch weitgehend überhört wurden. Diese Folge ist eine leicht gekürzte Aufnahme von Lesung und Gespräch. Schnitt: Okan Yilmaz Musik: Uzun İnce Bir Yoldayım – Engin Foto: Anja Fonseka

    51 min

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