Podcast: Auf einen Kahve · Tarihi Taş Kahvesi in Ayvalık, Folge 11 Vor einem Jahr hätte man durch diese Gasse in Ayvalık kaum laufen können. Lagerräume, Schrott, Gerümpel. Heute stehen dort Tische, an der Wand hängen Dutzende Mokkatassen, und wer hereinkommt, sucht sich zuerst seine Tasse aus und dann den Kaffee. Mehmet Ali Kazas hat die Gasse sanieren lassen und hier das Tarihi Taş Kahvesi eröffnet. „Mein Großvater, ich glaube, er freut sich auf der anderen Seite“, sagt er. Orhan hat Mehmet einen Tag vor der Aufnahme kennengelernt. Vorbereitet war wenig, und genau das macht diese Folge aus. Aus einem Gespräch über ein Café wird eine Geschichte über Kreta, über den Bevölkerungsaustausch von 1923 und über eine Küche, die Grenzen nie besonders ernst genommen hat. Das Gespräch läuft auf Deutsch. Ein Abschnitt (3:24–5:46) ist auf Türkisch; im Video ist er per KI deutsch synchronisiert, das Original bleibt leise im Hintergrund hörbar. 📌 Das erwartet euch in dieser Episode: 0:00 Intro 0:22 Willkommen im Tarihi Taş Kahvesi 1:17 Von Ulm zurück nach Ayvalık, 1982 2:53 Mübadil: eine Familie aus Kreta (türkisch, deutsch synchronisiert) 5:45 Mübadele: der Bevölkerungsaustausch von 1923 erklärt 8:24 Das Foto des Urgroßvaters 9:40 Olivenöl gegen Seide: Handel vor dem Austausch 11:56 Haus gegen Haus, Baum gegen Baum 12:51 Was die Kreter an die Küste brachten 14:50 Wildkräuter, eine Ziege und ein Sprichwort 17:05 Aus nichts etwas machen 18:23 Almancı und Mübadil 19:55 Ayvalık heute: klein, aber Weltstadt 21:10 „Ohne Meer können wir nicht leben“ 22:47 Die Geschichte des Taş Kahvesi 26:16 Eine Gasse, ein Café und der Großvater 28:08 Die Osmanen als Kaffee-Influencer 30:41 Kahve altı: wie der Kaffee das Frühstück prägte 31:49 Danke und Ausblick 32:15 Outro: Bilder aus Ayvalık Von Ulm zurück an die Ägäis Mehmet ist in Ayvalık geboren, wie schon seine Eltern. Die gehen 1970 nach Deutschland, mit fünf Jahren kommt er nach Ulm. Mit 15, im Jahr 1982, geht es zurück in die Türkei, in ein Land, das sich nach dem Militärputsch von 1980 gerade neu sortiert. Seitdem lebt er wieder hier, seit rund 40 Jahren. Sein Deutsch hat er behalten: „Ich lese sehr viel.“ Auch Orhan verbindet viel mit der Stadt. Sein Großvater hat Ayvalık für die Familie ausgesucht, seitdem gibt es dort ein Sommerhaus, und seitdem kommt die Familie immer wieder. „Vielleicht sind wir uns schon mal über den Weg gelaufen“, sagt Mehmet. Mübadil: eine Familie aus Kreta Mehmets Familie sind Mübadil. So nennt man in der Türkei die Menschen, die beim Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei ihre Heimat verlassen mussten. Väterlicherseits wie mütterlicherseits stammt die Familie aus Kreta, auf Türkisch Girit. Die eine Seite lebte vom Handel, die andere vom Kaffeehaus: Mehmets Mutter kommt aus der Familie der Taş Kahveciler. Auch der Name Kazas erzählt vom Handel. Er kommt von koza, dem Seidenkokon. Als in der Türkei 1934 das Nachnamensgesetz kam, wählte die Familie einen Namen, der zu ihrem Geschäft passte. Ihre Wurzeln führt sie noch weiter zurück: zu den Karamanlı aus Konya, die in osmanischer Zeit nach Kreta kamen. Mehmet hat auf Kreta nachgeforscht und die Orte seiner Vorfahren gefunden. Mübadele: als Menschen gegen Menschen getauscht wurden Am 30. Januar 1923 unterzeichneten Griechenland und die Türkei in Lausanne ein Abkommen über den Austausch ihrer Bevölkerungen. Rund 1,2 Millionen orthodoxe Christen mussten Anatolien verlassen, 350.000 bis 400.000 Muslime Griechenland. Entscheidend war die Religion, nicht die Sprache und nicht, wo sich die Menschen zu Hause fühlten. Auf Türkisch heißt dieser Austausch Mübadele. Ayvalık war bis dahin eine fast vollständig griechisch-orthodoxe Stadt. Ihre Bewohner gingen nach Lesbos, Kreta oder Thessaloniki, und aus Kreta und Lesbos kamen Muslime an die gegenüberliegende Küste. Auch die Familie von Mehmets Frau stammt aus Lesbos, auf Türkisch Midilli. „Das ist etwas sehr Trauriges, aber auch Schönes“, sagt Orhan. „Man muss es von mehreren Seiten betrachten.“ Getauscht wurde, so erzählt es Mehmets Familie, möglichst Gleiches gegen Gleiches. Sein Großvater hatte auf Kreta etwa 150 Olivenbäume, ein Lager und zwei Häuser. In Ayvalık bekam er dasselbe. Nicht alle hatten so viel Glück: Manche starben unterwegs, manche Felder blieben leer. Dann holt Mehmet ein gerahmtes Foto: seinen Urgroßvater. Der kam schon vor dem Austausch von Kreta nach Ayvalık und gehörte laut Familie zu den Gründern der Handelskammer der Stadt. Die Verbindung zwischen der Insel und der Küste war also längst da, als die große Umsiedlung kam. Olivenöl gegen Seide Ayvalık ist bis heute eines der großen Olivenöl-Zentren der Türkei. An der Küste standen einst mehr als 20 Ölfabriken, und die Stadt hatte einen Hafen für den Großhandel. Von den Inseln kamen Seide und Stoffe, zurück ging Olivenöl. Kreta hatte zwar eigene Oliven, aber nicht genug. Viele der Haine rund um Ayvalık wurden von den griechischen Bewohnern angelegt. Orhan ist am Tag vor der Aufnahme durch die Olivenhaine bei Cunda gelaufen und hat Bäume gesehen, die locker 150 Jahre alt sind; in der Region stehen noch deutlich ältere. „Diese Bäume haben alle Kulturen miterlebt“, sagt er. „Das ist schön, aber auch traurig. Es ist immer beides.“ „Wir, die Mübadil, können ohne Meer nicht leben.“ Mehmet Ali Kazas Was die Kreter an die Küste brachten Die Küstenküche der Ägäis, sagt Mehmet, kommt vom Austausch. Die Kreter brachten ihre eigene Esskultur mit, und bis heute isst man auf beiden Seiten des Meeres sehr ähnlich. Manchmal sind nur die Namen verschieden, manchmal nicht einmal die: Cacık und Tzatziki. „Aber es ist nicht das Gleiche.“ Die Kreter, sagt Mehmet, kennen sich mit Fleisch aus, mit Fisch, mit Gemüse und vor allem mit ot: Wildkräutern, allem, was am Wegrand wächst. Daher kommt ein Spruch, den man in der Gegend kennt: Ist ein Feld komplett leer, dann „sind hier die Kreter vorbeigekommen“. Mehmet erzählt dazu eine Anekdote. Ein Mann läuft zu einem Bauern: Auf deinem Feld sind eine Ziege und ein Einwanderer. Was soll ich tun? Der Bauer antwortet: Hol den Einwanderer raus, lass die Ziege drin. Die Ziege frisst ein bisschen und geht. Der Einwanderer nimmt alles mit. Mehmets Mutter hat bis heute auf jeder Fahrt ein Messer im Auto. Sieht sie etwas am Straßenrand, heißt es: anhalten, pflücken, weiterfahren. Für Orhan steckt darin etwas, das die türkische Küchenkultur insgesamt ausmacht. Die Vorfahren kamen aus der Steppe Zentralasiens, wo es wenig gab, und machten aus nichts etwas. Yufka ist so entstanden. Mehmet nickt: Seine Großmutter kochte ohne Rezept, seine Mutter tut es bis heute. „Sie macht, was sie findet.“ Almancı und Mübadil Als Kind in Ulm, als Mann zurück an der Ägäis, und in der Familie die Geschichte von Kreta: „Ich bin Almancı und Mübadil“, sagt Mehmet. Ein doppelter Integrationshintergrund, den viele Deutsch-Türken in Teilen kennen dürften. Und Ayvalık heute? „Klein, aber Weltstadt“, findet Orhan, ein bisschen wie Düsseldorf. Man findet alles, was man braucht, und ist trotzdem in 15 Minuten an einem Strand, an dem man nur das Wasser, die Vögel und die Blätter hört. Im Sommer, sagt Mehmet, wächst die Stadt mit ihren Ferienhäusern auf über eine halbe Million Menschen. Die Geschichte des Taş Kahvesi Schon auf Kreta betrieb die Familie ein Kaffeehaus. Nach dem Austausch eröffneten sechs Brüder ein neues am Hafen von Ayvalık. Auf einem alten Foto sieht man das Gebäude, es steht noch heute. 1929 hatte das Café zwei Billardtische, für die damalige Zeit eine kleine Sensation. Etwa zwei Jahrzehnte später kam ein zweites Café im Zentrum dazu. Auf den Fotos erkennt Orhan die Straßen von heute wieder, bis zur Apotheke an der Ecke. In den 1980er-Jahren schloss die Familie das Café. Mehmets Mutter, sein Onkel und seine Tante waren nach Deutschland gegangen, niemand wollte es weiterführen. Mehmet aber wollte immer ein Kaffeehaus gründen. Heute führt er ein großes Gastronomieunternehmen, das Sohn und Schwiegersohn mittlerweile leiten. Er selbst ist zurückgekommen, um das traditionelle Kaffeehaus neu zu eröffnen. Traditionell heißt hier wirklich traditionell. Neben dem Mokka gibt es Getränke aus Kreta: einen Trank mit zwölf Gewürzen, Somada aus Wassermelonenkernen und eine Mandelmilch. Und die Tassen an der Wand sind kein Dekor. Jeder Gast wählt seine eigene. Die Osmanen als Kaffee-Influencer Zum Schluss erzählt Orhan seine Lieblingsgeschichte. Die Osmanen haben den Kaffee nicht erfunden. Er stammt ursprünglich aus Äthiopien, und im Jemen wurde er schon im 15. Jahrhundert angebaut. Der Überlieferung nach brachte ein osmanischer Statthalter im Jemen ihn an den Hof des Sultans, und Mitte des 16. Jahrhunderts öffneten in Istanbul die ersten Kaffeehäuser. Von dort aus verbreiteten osmanische Händler den Kaffee weiter: über Venedig, eine der ersten Kaffeehaus-Städte Europas, bis nach Bremen, wo 1673 das erste Kaffeehaus im deutschsprachigen Raum aufmachte. Die Osmanen waren, sagt Orhan, die Influencer und Vertriebler des Kaffees. Vom Balkan über Griechenland bis Georgien gehört er seitdem zum Alltag: beim Brautwerben, beim Kaffeesatzlesen, beim langen Gespräch. Seit 2013 steht die türkische Kaffeekultur auf der Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Der Kaffee hat sogar verändert, wann gegessen wird. Früher gab es im Osmanischen Reich zwei Mahlzeiten: eine späte am Vormittag und eine frühe am Abend. Auf nüchternen Magen schlug der neue Kaffee aber auf den Magen, also aß man eine Kleinigkeit dazu: ein Stück Börek, ein Çörek. Das war die Grund