Zeig Mal! Kunst für alle.

Niels ten Brink

Dieser Podcast widmet sich Epochen, Stilrichtungen, Künstler*innen der Kunstgeschichte. Immer wieder mal erkläre ich auch einige Grundbegriffe. Mit Bildern gibt's das Ganze auf meinem Youtube-Kanal...

  1. 2d ago

    Käthe Kollwitz: "Drei Knaben beim Murmelspiel" (1909/1910)

    Zum Video auf YouTube Eine Kreideskizze aus dem Jahr 1909/1910, klein im Format und doch von ungeheurer Wucht: Käthe Kollwitz zeigt drei Jungen, die auf der Straße um Murmeln spielen -- und verweigert uns die idyllische Deutung eines harmlosen Kinderspiels. Die Berliner Künstlerin, 1867 in Königsberg geboren und durch ihren Mann, den Arzt Karl Kollwitz, mit dem Elend des proletarischen Wedding unmittelbar konfrontiert, hatte den Blick für die Lebenswirklichkeit der Kinder armer Familien früh geschärft. Schon vor dem Verlust ihres Sohnes Peter im Oktober 1914 war das Schicksal der Schwächsten ihr zentrales Motiv. In den proletarischen Hinterhöfen war das Murmelspiel nicht bloße Unterhaltung, sondern, wie der Kulturhistoriker Hans Ostwald 1909 festhielt, eine Schule des Überlebens. Kollwitz arbeitet die zunächst suchende Skizze in einer zweiten, geschlosseneren Fassung konsequent zu: alle Knaben sind nun barfuß, die Spannung im Blick des Werfers wird zur stillen Verzweiflung, das gemeinsame Spiel zur prekären Auseinandersetzung. So wird das scheinbar beiläufige Straßenspiel zur bildnerischen Anklage gegen eine Gesellschaft, die ihren Kindern kaum Raum für Unschuld lässt. Das Video ordnet die Skizze in Kollwitz' Werk ein, kontextualisiert sie mit den Zyklen Ein Weberaufstand (1897) und Der Bauernkrieg (1908--1913), vergleicht sie mit Heinrich Zilles Milieustudien und liest die Murmelspiel-Szene als Schlüsselmotiv einer Künstlerin, die zeitlebens den Schutzlosen eine Stimme gab - bis zu ihrem letzten Blatt, einer Lithografie nach Goethes Wort "Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden".

    Käthe Kollwitz: "Drei Knaben beim Murmelspiel" (1909/1910)
  2. Jul 28

    Jan Steen: "Das Dreikönigsfest" (1661) - Chaos und Moral in der Malerei des Goldenen Zeitalters

    Zum Video auf YouTube Europa hat gerade die verheerendste Katastrophe seit den Pestwellen des Mittelalters überstanden – der Dreißigjährige Krieg hat unter dem moralischen Deckmäntelchen eines Religionskrieges in unvergleichlicher Brutalität weite Teile Mitteleuropas entvölkert und die Überlebenden zutiefst traumatisiert zurückgelassen – als sich eine kleine, bis dahin eher wenig bedeutsame Küstennation von absolutistischer Fremdherrschaft befreit und als bürgerlich-republikanische Gesellschaft emanzipiert: Die Niederlande betreten die Weltbühne – und sie tun dies mit einem kulturellen Paukenschlag. Während sich das übrige Europa an der Prunksucht barocker Herrschaft ergötzt, befreit sich die niederländische Malerei von ihren Fesseln. Die junge Republik, getragen von einer konfessionell toleranten, bürgerlich-kalvinistischen Gesellschaft, entwickelt sich zu einer weltweit führenden Handels-, Wirtschafts- und Seemacht und leitet so das sogenannte „Gouden Eeuw“, das „Goldene Zeitalter“ ein, in dem sich in der Malerei von Sittenbildern der moralische Kompass eines aufstrebenden Bürgertums mit unvergleichlichem Witz und sezierender analytischer Schärfe manifestiert. Einer der wesentlichen Protagonisten dieser Entwicklung ist der Maler Jan Steen, dessen Bilder noch heute in den Niederlanden sprichwörtlich sind: "een huishouden van Jan Steen", also ein „Haushalt nach Jan Steen“, steht sinnhaft für einen Zustand chaotischer Unordnung und ausgelassener Sittenlosigkeit. Das ist doch einen genaueren Blick wert, oder?-----Unterstützt vom "Bund Deutscher Kunsterzieher e.V. (BDK) - Landesverband Niedersachsen". Heute noch Mitglied werden über: https://bdk-online.info/-----#zeigmal! #kunst #tutorial #kunstgeschichte #bildung #abitur #schule #bdk #bildanalyse #epochenüberblick #kunstunterricht #kunstunterricht #kunstlehrer #kunstlehrer #gymnasium #bildung #goudeneeuw #gildedage #niederlande #malerei #jansteen #vermeer #sittenbild #genre #genramalerei #moral #vanitas #landschaftsmalerei

    Jan Steen: "Das Dreikönigsfest" (1661) - Chaos und Moral in der Malerei des Goldenen Zeitalters
  3. Apr 4

    Louise Nevelson: "Royal Tide IV" und seine Geschwister" - Sakrales aus dem Trümmerhaufen (1959-1963)

    Hier geht's zum Video... New York City sei, so konstatierte es Louise Nevelson einst, die größte Collage der Welt. Für die Künstlerin offenbarte sich die Metropole nicht als bloßes Raster aus Stahl und Beton, sondern als ein unerschöpflicher Fundus aus Fragmenten und ausrangierten Relikten der menschlichen Zivilisation – ein gewaltiges Archiv des Vergessenen, das auf seine Überführung in eine neue Ordnung harrt. Aus diesen hölzernen Überresten, bestehend aus Setzkästen, Tischbeinen und urbanen Trümmern, formte Nevelson Werke, denen trotz ihrer materiellen Herkunft kein Geruch von Abfall anhaftet. Vielmehr wohnt ihnen der Geist der Architektur, der Geschichte und einer beinahe sakralen (religiös-feierlichen) Anmutung inne. Im Zentrum dieser Betrachtung steht das Werk „Royal Tide IV“ (Königliche Gezeiten IV) aus den Jahren 1959/60, heute ein Schlüsselwerk der Sammlung des Museum Ludwig in Köln. Nevelson transformiert hier das Prinzip der Assemblage (einem gestalterischen Verfahren, bei dem verschiedene Objekte zu einem Ganzen zusammengefügt werden) in eine monolithische (wie aus einem Guss wirkende), golden strahlende Wand. Es entsteht ein begehbares Ereignis, in dem das Prinzip des „e pluribus unum“ (aus vielen eines) eine Brücke zum Göttlichen schlägt. Die zwischen 1959 und 1963 entstandene, fünfteilige „Royal Tide“-Serie markiert dabei einen entscheidenden Wendepunkt im Schaffen der Künstlerin: Es ist der Moment, in dem Nevelson das Licht selbst zum werkgestaltenden Material erhebt und sich konsequent der Farbe Gold zuwendet. Während die einzelnen „Geschwisterwerke“ heute über internationale Spitzenmuseen wie das Whitney Museum in New York oder das Louisiana Museum bei Kopenhagen verteilt sind, bietet die raumgreifende Wand in Köln eine einzigartige Gelegenheit, die Spannung zwischen urbaner Fragmentierung und herrscherlicher Ordnung zu ergründen. Wie gelingt es der Künstlerin, durch die Nivellierung (Ebnung/Vereinheitlichung) materieller Unterschiede eine derart physische und zugleich transzendente (die Erfahrungswelt überschreitende) Raumwirkung zu erzeugen?-----Unterstützt vom "Bund Deutscher Kunsterzieher e.V. (BDK) - Landesverband Niedersachsen". Heute noch Mitglied werden über: https://bdk-online.info/-----#zeigmal! #kunst #tutorial #kunstgeschichte #bildung #abitur #schule #bdk #bildanalyse #epochenüberblick #kunstunterricht #kunstunterricht #kunstlehrer #kunstlehrer #gymnasium #bildung #LouiseNevelson #RoyalTide #KöniglicheGezeiten #MuseumLudwigKöln #Assemblage #Bildhauerei #ModerneKunst #Objektkunst #newyorkart #FraueninderKunst

    Louise Nevelson: "Royal Tide IV" und seine Geschwister" - Sakrales aus dem Trümmerhaufen (1959-1963)
  4. Apr 4

    Joseph Beuys - Künstler, Schamane, Reizfigur: "Kreuzigung" (1962/63)

    Hier geht's zum Video... „Jeder Mensch ist ein Künstler“ – mit diesem radikalen Diktum seiner Anthropologischen Kunsttheorie forderte Joseph Beuys das traditionelle Kunstverständnis der Nachkriegszeit heraus wie kaum ein anderer. In Anglerweste und Filzhut stilisierte er sich zur charismatischen Identifikationsfigur, die zwischen den Rollen des visionären Schamanen und des provokanten Scharlatans oszillierte. Während seine Materialsemantik aus Fett und Filz auf einem historisch widerlegten, jedoch künstlerisch konstitutiven Gründungsmythos einer Rettung durch Tataren fußt, offenbart sein Werk bei tieferer Analyse eine komplexe spirituelle Dimension. Die vorliegende Untersuchung widmet sich der Frage, wie Beuys die christliche Heilslehre transformiert, um die schöpferische Freiheit des Individuums als Heilmittel für eine materialistisch erstarrte Gesellschaft zu positionieren.Zentral für das Verständnis seines Schaffens ist der „erweiterte Kunstbegriff“, der die „Soziale Plastik“ als visionäres Ziel formuliert: Die Gestaltung der gesellschaftlichen Umwelt durch die Kreativität jedes Einzelnen. Dieser Gedanke manifestiert sich nicht nur in seinen politisch-ökologischen Großprojekten wie den „7000 Eichen“ zur documenta 7, sondern bereits früh in seinen kleinteiligen, spröden Assemblagen. Das 1962/63 entstandene Werk „Kreuzigung“, das sich heute in der Staatsgalerie Stuttgart befindet, entzieht sich durch seine Materialität aus Bauholz, Glasflaschen, Elektrokabeln und Zeitungsausschnitten jeder herkömmlichen Erwartung an sakrale Kunst. In einer detaillierten Analyse wird deutlich, wie Beuys die ikonografischen Topoi der Kreuzigungsgruppe – Maria, Johannes und die Schächer – in ein energetisches System übersetzt, in dem das Kreuz als Transformator spiritueller Kräfte fungiert.Dabei zeigt die Betrachtung, dass die vermeintlich banalen Alltagsmaterialien in ihrer Dualität und Fragilität eine tiefe existenzielle Bedeutung transportieren. Die Verwendung des griechischen Kreuzes, das Assoziationen zum Roten Kreuz weckt, verweist auf den Prozess der Heilung und der „Durchwärmung“ des Menschen. Beuys löst das Symbol von seiner rein konfessionellen Einbindung und macht es zum Zeichen einer notwendigen Metamorphose: Das Sterben des alten, rationalistischen Ichs als Voraussetzung für die Auferstehung in einer neuen, kreativen Existenzform. So erweist sich die „Kreuzigung“ als Schlüsselwerk, welches die Brücke schlägt zwischen dem schamanischen Ritus der Heilung und dem gesellschaftspolitischen Aufbruch der Postmoderne. #zeigmal! #kunst #tutorial #kunstgeschichte #bildung #abitur #schule #bdk #bildanalyse #epochenüberblick #kunstunterricht #kunstunterricht #kunstlehrer #kunstlehrer #gymnasium #bildung #JosephBeuys #SozialePlastik #AbiturKunst #StaatsgalerieStuttgart #Beuys #Kreuzigung

    Joseph Beuys - Künstler, Schamane, Reizfigur: "Kreuzigung" (1962/63)
  5. Feb 13

    Picasso und die Geburt der Objektkunst: "Violine" (1915)

    HIER GEHT'S ZUM VIDEO Inmitten der Erschütterungen des Ersten Weltkriegs schuf Pablo Picasso mit seiner „Violine“ (1915) ein Werk, das die traditionelle Bildhauerei grundlegend infrage stellte. Diese Analyse beleuchtet, wie Picasso das Prinzip der Collage in die dritte Dimension übertrug und aus einfachem Weißblech und Draht ein Instrument formte, das nicht mehr klingen will, sondern die visuelle Sprache der Moderne neu definiert. Wir untersuchen die Materialsemantik des industriellen Blechs, die Dekonstruktion der Form im synthetischen Kubismus und den historischen Kontext eines fragmentierten Europas. Das Video bietet eine detaillierte kunstwissenschaftliche Einordnung dieser Assemblage, die den Weg von der klassischen Skulptur hin zur Objektkunst des 20. Jahrhunderts ebnete.Keywords:Pablo Picasso, Violine 1915, Synthetischer Kubismus, Assemblage, Objektkunst, Bildanalyse, Kunstgeschichte, Avantgarde, Dreidimensionalität, Materialästhetik, Erster Weltkrieg Kunst.-----Unterstützt vom "Bund Deutscher Kunsterzieher e.V. (BDK) - Landesverband Niedersachsen". Heute noch Mitglied werden! -----Quellen:- Anfam, David. Abstract Expressionism. London: Thames & Hudson, 1990.- Daix, Pierre. Picasso: Die kubistischen Jahre 1907–1916. München: Hirmer, 1979.- Deutschlandfunk. „Der klassische Kubist.“ Zuletzt aktualisiert 2011. Zugriff am 28. Januar 2026. https://www.deutschlandfunk.de/der-klassische-kubist-100.html.- Golding, John. Cubism: A History and an Analysis, 1907–1914. London: Faber & Faber, 1959.- Musée national Picasso-Paris. „Violon, 1915 – Pablo Picasso.“ Zugriff am 28. Januar 2026. https://www.museepicassoparis.fr/fr/violon.- Rubin, William. Picasso and Braque: Pioneering Cubism. New York: The Museum of Modern Art, 1989.- Rubin, William. Picasso and Sculpture. New York: The Museum of Modern Art, 1967.- Spies, Werner. Picasso: Das plastische Werk. Stuttgart: Hatje Cantz, 2005.- Walther, Ingo F., Hrsg. Picasso. Köln: Taschen, 2000.-----#zeigmal! #kunst #tutorial #bildung #abitur #schule #bdk #kunstunterricht #kunstunterricht #kunstlehrer #kunstlehrer #gymnasium #bildung #Kunstgeschichte #Picasso #Kubismus #Bildanalyse #Assemblage #ModerneKunst #ZeigMal #Kunstunterricht #Plastik #Skulptur #Kunstwissen

    Picasso und die Geburt der Objektkunst: "Violine" (1915)

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