Herzlich Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, hier zur 18. Ausgabe von Radio Ibikus auf OS Radio 104,8. Mein Name ist Uwe Alschner und gemeinsam mit meinem Kollegen Siggi Ober-Grefenkämper bringe ich Ihnen alle vier Wochen dieses Programm rund um die Klassik und die klassische Kultur. Heute geht es in unserer Sendung um einen Dichter der Neuzeit. Es geht um Paul Celan, der unter dem Namen Paul Antschel am 23. November 1920 in Czernowitz [in der heutigen Ukraine] geboren wurde und der 1970 in Paris starb Gegenstand der heutigen Sendung ist Celans Gedicht “Die Todesfuge” beziehungsweise das spannungsgeladene Verhältnis von Paul Celan zur Szene der deutschen Schriftsteller und Poeten nach dem Zweiten Weltkrieg, also in der Nachkriegszeit im sogenannten entnazifizierten Deutschland. Dazu hören wir ein Programm von Ralf Schauerhammer, der uns schon in verschiedenen Produktionen unterstützt hat mit den Dichterpflänzchen. Heute ist das Projekt von Ralf Schauerhammer persönlich geschrieben und wir haben es gemeinsam vertont. Bevor wir nun einsteigen, hören wir noch ein paar Takte Musik und dann geht’s los. Das Jahrhundertgedicht - Eine Kollage Im Jahre 1999, ein Jahr bevor das 20. Jahrhundert zu Ende ging, begann der Literatur- und Kulturwissenschaftler Wolfgang Emmerich, dessen Forschungsschwerpunkt die Literatur- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts war, seine Biographie von Paul Celan mit den Worten: Paul Celan gilt als der bedeutendste Lyriker deutscher Sprache seit 1945. Seine Todesfuge ist ein, ja vielleicht das Jahrhundertgedicht. Über den Entstehungszeitpunkt notierte Celan im Herbst 1960: “Als ich im Mai 1945 die Todesfuge schrieb, hatte ich damals, in der Izwestia, wie ich mich zu erinnern glaube, die Berichte über das Lemberger Ghetto gelesen.” Todesfuge Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts wir trinken und trinken wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends wir trinken und trinken Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends wir trinken und trinken ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland dein goldenes Haar Margarete dein aschenes Haar Sulamith Iswestia vom 23. Dezember 1944 Auszug: Im September 1941 wurde auf Befehl des Generalmajors der SS Katzmann in Lemberg ein Ghetto errichtet, von den Deutschen “Judenlag” genannt – jüdisches Lager. Das Ghetto lag am Stadtrand. Das Lagergebiet war mit Zaun und Stacheldraht umgeben. Niemand durfte das Ghetto verlassen. Zur Arbeit wurden Juden immer unter Bewachung geführt. Im Lager befanden sich 136 000 Menschen. Die Bevölkerung war Plünderungen ausgesetzt. Die Lagerbedingungen im Ghetto waren schrecklich. Die Leute schliefen auf dem blanken Boden und unter freiem Himmel, mit den Juden ging man schlimmer um als mit dem Vieh. Die Deutschen führten in der Stadt Massenrazzien nach Juden durch. Sie schonten weder Männer noch Frauen noch Kinder. Die Erwachsenen wurden einfach ermordet, die Kinder übergab man Hitlerjugend-Einheiten als Zielscheiben beim Schießen… Aus dem zweiten Teil des Iswestia-Artikels vom Lager Janowska bei Lemberg. Die Erschießungen wurden dort von einem Todesorchester begleitet; ein Todestango wurde gespielt. Professor Stricks, Insasse des Lagers, leitete zusammen mit dem Dirigenten Mundt das Orchester. Auf der rechten Seite des Bildes sehen Sie den Leiter des Lagers in der weißen Uniform… Ich bitte, Ihre Aufmerksamkeit auf die Punkte zu richten. Rechts ist Obergruppenführer Gebauer, der Leiter des Lagers, in weißer Uniform. Hinter ihm steht sein Hund Rex. Dieser Hund ist uns aus vielen Protokollen bekannt. Er war abgerichtet, lebende Menschen zu zerreißen. Todestango war der Titel, unter dem Paul Celans “Todesfuge” erstmals 1947 auf Rumänisch in Bukarest veröffentlicht wurde. Im Sommer 1942 waren Paul Celans Eltern deportiert worden. Sein Vater starb im Lager, wahrscheinlich an Typhus, seine Mutter wurde sofort erschossen. In einem Brief vom 12. November 1959 schrieb Celan an Ingeborg Bachmann: “…dass die Todesfuge auch dies für mich ist: eine Grabschrift und ein Grab… Auch meine Mutter hat nur dieses Grab.” Rose Ausländer Ins Leben Nur aus der Trauer Mutterinnigkeit strömt mir das Vollmass des Erlebens ein. Sie speist mich eine lange, trübe Zeit mit schwarzer Milch und schwerem Wermutwein. Rose Ausländer und Paul Celan hatten sich 1941 im Ghetto von Czernowitz kennengelernt, sie schätzte Celans Gedichte sehr und sagte 1972: »Dass Paul die Metapher “schwarze Milch”, die ich in meinem 1925 geschriebenen, jedoch erst 1939 veröffentlichten Gedicht ‘Ins Leben’ geschaffen habe, für die ‘Todesfuge’ gebraucht hat, erscheint mir nur selbstverständlich, denn der Dichter darf alles als Material für die eigene Dichtung verwenden.« Aus dem Alten Testament, Klagelieder, Jeremia 4. Kapitel - zitiert nach der Lutherbibel: Zions Fürsten waren reiner als der Schnee und weißer als Milch... Nun aber ist ihre Gestalt so dunkel von Schwärze, dass man sie auf den Gassen nicht erkennt; ihre Haut hängt an den Knochen, und sie sind so dürr wie ein Holzscheit. Den durchs Schwert Erschlagenen ging es besser als denen, die vor Hunger starben. Immanuel Weißglas ER Wir heben Gräber in die Luft und siedeln Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort. Wir schaufeln fleißig, und die andern fiedeln, Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen fort. ER will, dass über diese Därme dreister Der Bogen strenge wie sein Antlitz streicht: Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher Meister, Der durch die Lande als ein Nebel schleicht. Und wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend, Öffn’ ich nachzehrend den verbissnen Mund, Ein Haus für alle in die Lüfte grabend: Breit wie der Sarg, schmal wie die Todesstund. ER spielt im Haus mit Schlangen, dräut und dichtet, In Deutschland dämmert es wie Gretchens Haar. Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet: Da weit der Tod ein deutscher Meister war. Aus einem Brief von Immanuel Weißglas Im Jahre 1975 an Gerhart Baumann: “Im Bereich der Dichtung kommt es – mag auch der Umriss einer Metapher von einem Gebilde ins andere herüberleuchten – immer nur auf Gewinn und Verlust im rein Künstlerischen an. Und die “Todesfuge” ist tief verankert im lyrischen Bewusstsein unserer Zeit. Parallelismen bezeugen keineswegs irgendeine Priorität.” Margarete ist der Name des “Gretchens” in Goethes Faust. Mit 13 Jahren hatte Celan die Inselausgabe von Goethes Faust geschenkt bekommen und begeistert gelesen, woran er sich später noch gerne erinnerte. Die liebevolle Margarete ist es, die Faust am Ende des zweiten Teils aus dem Pakt mit dem Teufel erlöst. Sulamith war die Geliebte Salomons im Hohen Lied des Alten Testaments, aber auch der Name einer deutschsprachigen Zeitschrift zur Beförderung der Kultur und Humanität unter der jüdischen Nation. Sie war den Idealen Moses Mendelssohns verpflichtet und propagierte ein säkulares, tolerantes und weltoffenes Judentum. Musik: “Dunkel war die Nacht” von Benjamin Geier Paul Celan schreibt in einem Brief an den Schriftsteller Hans Bender im November 1954: »Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Warum meines Dichtens habe ich mich auf meine erste Begegnung mit der Poesie zu besinnen versucht: ich war sechs Jahre alt und konnte “Das Lied von der Glocke” “aufsagen”. Wer weiß, ob nicht der Eindruck, den das auf meine Zuhörer machte, alles Weitere ausgelöst hat.« Aus Paul Celans Aufsatz “Edgar Jené und der Traum vom Traum” von 1948 Hier gedenke ich eines Gesprächs mit einem Freunde, dem Kleists “Marionettentheater” zugrunde lag. Wie sollte doch jene ursprüngliche Anmut wiedererlangt werden, deren Bestand das letzte, also wohl auch höchste Kapitel der Menschheitsgeschichte überschreibt? Auf dem Wege - so deutete mein Freund - einer vernunftmäßigen Läuterung unseres unbewussten Seelenlebens könnte jene Ursprünglichkeit wiedergewonnen werden, die am Anfang war, und die auch am Ende diesem Leben seinen Sinn geben und es lebenswert machen würde. In dieser Anschauung fielen Anfang und Ende zusammen… Wie sollte nun das Neue, also das Reine entstehen? Aus den entferntesten Bezirken des Geistes m