Ich hetze mit schnellen Schritten zum Bahnhof. Mein Herz rast vor Aufregung. Meine Gedanken überschlagen sich. Mir ist unfassbar heiß. Ob ich die S-Bahn noch erwischen werde? Aber ich möchte nirgendwo hin. Ich hole jemanden ab. Auch wenn der Anlass kein angenehmer ist. Meine Freundin Amélie kehrt gerade mit dem Zug von ihren Eltern zurück. Ich selbst war gerade noch im Büro in eine Aufgabe vertieft. Amélie fragte mich ein paar Stunden zuvor, ob ich sie vom Berliner Hauptbahnhof abholen könne. Ich verwies auf meine Aufgabe und den Umstand, dass sie vom Hauptbahnhof direkt mit der S-Bahn in 20 Minuten durchfahren kann, anstatt dass ich mich eine Stunde lang mit dem Auto durch den Verkehr quälen und meine Aufgabe unterbrechen muss. Ein schwerer Fehler, dessen Auswirkungen mir in diesem Moment noch nicht bewusst sind. Es ist in Amélies Erinnerung das erste Mal in zwei Jahren, dass ich sie nicht persönlich irgendwo abholen werde. Das löst etwas in ihr aus. Ihre ganze Persönlichkeit dreht sich um 180 Grad. Nach meiner Absage ist ihr Handy aus. Meine Nachrichten und Anrufe gehen nicht mehr durch. Und in mir steigt Panik auf. Habe ich etwas falsch gemacht? Kann es wirklich so schlimm sein, dass ich sie einmal nicht abhole? Und wenn ja, muss ich dafür mit Ghosting bestraft werden? Ich breche meine Aufgabe ab und eile zum Bahnhof. Mein großes Problem damals: Ich möchte gefallen. Ich möchte alles richtig machen. Ich möchte die Beziehung nicht gefährden. Aber was ist das überhaupt für eine Beziehung, wenn jede Handlung, die nicht den Erwartungen meines Gegenübers entspricht, das Fundament ins Wanken bringt? Doch ich kenne es in meinen Beziehungen (noch) nicht anders. Bei meiner ersten Freundin Lena durfte ich bestimmten anderen Mädchen nicht hallo sagen, mit ihnen Nachrichten schreiben oder mich in meiner Freizeit in ihrer Nähe aufhalten. Sonst drohte Ärger. Und ich habe brav gemacht, was sie mir sagte, denn ich wollte keinen Ärger bekommen. Ich fühlte mich in meinen Beziehungen immer eingesperrt und blieb doch lieber in diesem Gefängnis. Immer und immer wieder. Irgendwann konnte ich die vielen Frauen nicht mehr voneinander unterscheiden. Namen und Aussehen waren unterschiedlich. Aber ihr Verhalten war immer gleich. Mein Verhalten, wie ich darauf reagierte, war immer gleich. Das immer gleiche Theaterstück in ständiger Dauerschleife, nur mit wechselnden Darstellern. So verfalle ich über die Jahre wieder und wieder demselben Muster. Wunderschöne Frauen, äußerlich perfekt. Der Beginn einer jeden Beziehung ist ein Rausch, der mit keiner Droge zu erreichen ist. Ein Feuerwerk des Glücks. Das Ende ist jedes Mal so schmerzhaft, dass ich es wochen- oder monatelang hinauszögern muss. So lange, bis ich es körperlich nicht mehr aushalte. Der größte und längste Kater meines Lebens. Alle diese Frauen sind innerlich zerfressen von Selbstzweifeln und Mangelgefühlen. So, wie auch ich. Nichts war gut genug. Mein Verhalten war nie gut genug. Ich war nie gut genug. Dieses bekannte Gefühl hielt mich in diesen Beziehungen, in denen ich nicht sein wollte, aber mit meinem damaligen Ich perfekt aufgehoben war. Es entstand eine Symbiose zwischen mir und all diesen Frauen, die erschreckend perfekt war. Es war genau das Gefühl, das ich schon in der Kindheit mit meiner Mutter durchlebt hatte. Ich nenne es Verhaltenskonditionierung durch Liebesentzug. In der Hoffnung, irgendwann den Mangel an Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit doch noch aufzuholen. Aber nur, wenn ich mich so wie gewünscht verhalte und den Anweisungen der Frauen ohne Widerrede folge. Ich erreiche völlig außer Atem die S-Bahn. Als sie stoppt, sehe ich Amélie hinter der Tür, doch ihr Gesicht erkenne ich nicht wieder. Sie zeigt ein neues Gesicht, das bisher nicht zum Vorschein kam. Ich nenne es das hässliche Gesicht. Es soll mir zeigen, dass ich einen Fehler gemacht habe und dass es viel Wiedergutmachung brauchen wird, damit dieses Gesicht wieder dort verschwindet, wo es hergekommen ist. Es soll mir eine Lehre sein, es nicht wieder durch Fehlverhalten zum Vorschein zu bringen. Amélie geht wort- und grußlos an mir vorbei. So, als ob wir uns noch nie gesehen hätten. Dabei teilen wir ein Bett. Mit schnellen Schritten geht sie voran. Ich komme nicht hinterher. Alle Worte, die ich ihr nachrufe, prallen an ihr ab und verhallen im Nichts. Es ist zwecklos. Reden ist zwecklos. Ich habe keine Chance. Ich habe die Büchse der Pandora geöffnet und kann den Deckel nicht mehr finden. Willkommen in meinem früheren Beziehungsleben. Doch wie habe ich doch noch einen Weg gefunden, eine Familie mit einer Frau und zwei Kindern aufzubauen, in der es solche Situationen nicht gibt? Eine Beziehung, in der ich alles aussprechen kann, was mich innerlich bewegt? In der ich alles machen kann, was ich möchte? In der ich ich selbst sein darf? Und vor allem: In der ich auch Fehler machen darf, ohne dafür mit Liebesentzug bestraft zu werden. Genau über diesen Weg schreibe ich in diesem Brief. Links Diese Podcast-Episode als Übernehmer-Brief lesen: https://falcoaust.substack.com/p/auf-der-suche-nach-der-perfekten-partnerin Den Übernehmer-Brief als kostenlosen Newsletter abonnieren: https://briefe.uebernehmer.de Alle meine Produkte findest du im Übernehmer-Shop: https://shop.uebernehmer.de Alle weiteren Podcast-Episoden findest du hier: https://falcoaust.substack.com/podcast Ein ganz ganz großes Dankeschön geht raus an Jeff, der dafür sorgt, dass der Podcast in einer ordentlichen Soundqualität zu dir kommt. 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