WELTAUFGANG

delodi GmbH

Wenn man sich mit der wirtschaflichen, sozialen, politischen - kurz gesagt, der gesellschaftlichen Situation in Deutschland und der Welt beschäfitgt, kann schlechte Laune aufkommen. Vielleicht sogar eine Art Weltuntergangsstimmung - und da ist ja durchaus auch was dran.  Während auf der einen Seite vieles exponentiell schlimmer wird, wird aber auf der anderen Seite vieles exponentiell besser. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Menschen in Deutschland und Europa vor ungefähr 250 Jahren ein ähnliches Gefühl gehabt haben müssen:  eine Zeitenwende - das unvorstellbare Ende Jahrhunderte überdauernder monarchischer Strukturen mag sich bedrohlich angefühlt haben - vor allem, weil man ja nicht wusste, dass nach der Zeit der Veränderung die ersten Formen von Demokratie standen.  Wir glauben, dass es heute ähnlich ist: dass wir an einem WELTAUFGANG stehen. In diesem Podcast stellen wir die Akteure und Architekten des neuen Anfangs vor. 

  1. Jun 16

    Helena Dreznjak

    Manche Menschen beschreiben sich über Substantive. Helena Dreznjak beschreibt sich über Verben. Sie sucht und findet, sie lernt von anderen, sie gestaltet. Aus dieser Haltung heraus erzählt sie in dieser Folge, wie aus einem Bruch in ihrer Biografie eine Frage wurde, die bis heute trägt: Wer will ich eigentlich sein in dieser Welt? Helena wächst zwischen zwei Welten auf, als Kind von Eltern, die einst als Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland kamen. Das Wort Gast trug die Rückkehr schon in sich, und doch blieb die Familie. Diese frühe Erfahrung vieler Perspektiven, vieler Sprachen und sehr unterschiedlicher Prägungen wird im Gespräch zu einer Art Schlüssel. Sie erlaubt es, das Selbstverständliche als gestaltbar zu sehen, und sie öffnet den Blick dafür, dass es nicht eine Zukunft gibt, sondern viele, und dass wir alle an ihnen mitbauen. Im Zentrum steht eine Welt der Verbundenheit. Nicht nur zwischen Menschen, sondern zwischen Mensch und Erde. Helena und Thomas tasten sich an die Bewegung heran, die vom Leben von der Natur über das Leben mit der Natur zu einem Leben als Natur führt. Daraus entfaltet sich ein Gespräch über Kreisläufe, über die Jahreszeiten in uns selbst und über den verbreiteten Irrtum, dass der Mensch immer und gleichmäßig funktionieren müsse. Helena spricht über die Intelligenz des Körpers, über das oft überhörte Zusammenspiel von Kopf, Körper und Herz, und darüber, was es bräuchte, damit Kinder früh lernen dürfen, ihre eigenen Signale wahrzunehmen und auszusprechen. Vom Inneren führt der Bogen ins Konkrete, in Helenas beide Herzensfelder. Das eine ist die Transformation von Schule. Warum verändert sich ein System, das aus Industrialisierung und Verwaltungslogik geboren wurde, so schwer, und warum gelingt Wandel dort, wo Menschen die Grauzonen mutig nutzen und das Flugzeug im Flug umbauen, ohne dass die Passagiere aussteigen müssen. Das andere ist der lokale, regionale Wandel im eigenen Kiez. Mit Futurista in Berlin-Tempelhof zeigt Helena, wie Zukunft im Kleinen beginnt, in Zukunftsdialogen und Arbeitsgruppen, im Kiezladen, beim gemeinsamen Tanzen, vor allem aber im Zuhören als einer fast vergessenen Kompetenz. Zum Schluss wird es weit. Wenn es viele Helenas gäbe, woran würden sie arbeiten. Die Antwort führt von der Regeneration der Erde über neue Formen des Organisierens und Arbeitens bis zu der Frage, wie wir Geld und Wohlstand anders verteilen könnten, und mündet in einem Plädoyer für Zeitwohlstand. Denn Selbstwirksamkeit im Kleinen, so Helenas Erfahrung, ist das genaue Gegenteil von Ausbrennen. Sie gibt mehr Energie zurück, als sie kostet. Ein Gespräch über Brüche, die in eine neue Richtung wenden, über die Weisheit der Kreisläufe und darüber, dass der große Wandel nichts anderes ist als sehr viele kleine.

    1h 18m
  2. Jun 9

    Anke Pagels-Kerp

    Was hat ein Röntgensatellit mit einer Gleitsichtbrille zu tun, warum ist der Akkuschrauber ein Kind der Raumfahrt, und warum könnte ausgerechnet der Blick von außen – auf die Erde als hauchdünnen Biofilm auf einer großen Kugel – der Anfang eines guten Lebens hier unten sein? Darüber spreche ich in dieser Folge mit Anke Pagels-Kerp: Physikerin, Astronomin und beinahe Astronautin. Die Bewerbung beim neuen Astronautenkorps ließ sie damals liegen, zwei kleine Kinder waren ihr wichtiger. Geblieben ist die Liebe zu dem, was sie unser gemeinsames Raumschiff nennt.Anke beginnt nicht bei der Technik, sondern bei einer Haltung. Eine gute Welt, sagt sie, fängt damit an, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen. Macht sei im Kern nur die Behauptung „Ich bin wichtiger als du" – ob zwischen Menschen, zwischen Gesellschaften oder zwischen Kontinenten. Wo diese Behauptung verschwindet, lösen sich für sie schon erstaunlich viele Probleme von selbst. Und so entsteht das Fundament: Menschen, die so in sich ruhen, dass sie andere weder ausbeuten noch fürchten müssen. Wir streifen dabei Jena, Goethe und Schiller und das „Nordic Secret" – die Idee, Räume zu schaffen, in denen Menschen selbst zur Ruhe finden – und Tyson Yunkaporta mit seinem indigenen Rat, einem Wasserlauf zu folgen, bis ein Ökosystem einen nach Jahren aufnimmt.Aus dieser Ruhe heraus, so Ankes These, fällt auch die Angst vor Veränderung ab. Sie erzählt vom Passivhaus, das sie vor zwanzig Jahren baute, und vom Elektroauto, das sie sich vor zwölf Jahren zulegte, als man ihr beides noch für verwegen hielt – und niemand im Winter in der Daunenjacke frieren musste. Die Welt geht nicht unter, wenn wir uns verändern. Sie verändert sich nur. Dazu passt ihr fast trotziger Optimismus in der Energiefrage: Wir verbrennen 19 Terawatt und verbrauchen 150 Milliarden Tonnen Material im Jahr, während über uns ein Fusionsreaktor 172.000 Terawatt liefert. Es gibt kein Energieproblem, nur ein Umsetzungsproblem. Und es gibt eine Menge Transportlügen – etwa die importierte Banane, die billiger ist als die vor Ort gewachsene, weil wir den Transport massiv subventionieren und so tun, als wäre Verbrennen klug.Dann räumt Anke mit einem Mythos auf: Teflon kam nicht aus dem All. Die Gleitsichtbrille hingegen schon, sie verdankt sich dem Spiegelschliff eines Röntgensatelliten; ebenso der Akkuschrauber und die Hochleistungssolarzelle. Spannender als diese Anekdoten ist die Leitfrage, die hinter jeder ihrer Entwicklungen steht: Was nützt das auf der Erde? Aus der Frage, wie man auf einer Raumstation Wasser und Abfälle im Kreislauf hält, sind Filtersysteme entstanden, die heute im Schrebergarten geruchsneutralen Dünger ohne Medikamentenrückstände liefern. Aus der Idee, ohne Arzt auf dem Mond auszukommen, wurden OP-Roboter für unterversorgte Regionen und Roboterarme, die Pflegebedürftigen ein Stück Autonomie zurückgeben. Und Infrarotkameras, die einst Hitzeverteilungen auf anderen Planeten messen sollten, erkennen heute Waldbrände von Drohnen aus, bevor sie sich ausbreiten.Besonders eindrücklich wird es beim Blick nach unten. Satelliten messen Bodenfeuchte bis in mehrere Meter Tiefe, erkennen Monokulturen, lesen am Chlorophyllgehalt der Blätter ab, ob ein Wald austrocknet, lange bevor er es zeigt. Führt man diese Daten zusammen – trockener Boden, steile Hänge, Monokultur, Wetterzelle –, lassen sich Katastrophen wie im Ahrtal vorhersehen. Wir leben, sagt Anke, in einem geschlossenen System: Was wir wegwerfen, ist nicht weg, es kommt zurück, in welcher Form auch immer.Zum Schluss wagen wir den Sprung in die Politik des Orbits. Das Kessler-Syndrom bedroht die Satelliten, von denen längst unser Alltag abhängt – von der Navigation bis zum Zeitsignal im Geldautomaten –, und der Weltraummüll ist mit erhobenem Zeigefinger allein nicht zu regieren. Daraus entsteht der vielleicht schönste Gedanke des Gesprächs: Vielleicht müssen wir lernen, geopolitisches Gleichgewicht nicht länger über gegenseitige Vernichtung zu denken, sondern über gegenseitiges Gedeihen. Denn am Ende bleibt Ankes nüchterne, tröstliche Pointe: Die Erde lebt auch ohne uns, und zwar lange. Die Frage ist allein, ob wir sie so erhalten, dass auch wir auf ihr leben können.

    1h 11m
  3. Jun 2

    Torsten Sewing

    Torsten Sewing ist schwer zu fassen – und genau das ist sein Programm. Publizist, Autor, Künstler, zweimal Kinobetreiber (einmal in Nordirland, einmal in Berlin, bis Corona kam), Ghostwriter für den Präsidenten von American Express, Organisator einer Demo mit 20.000 Menschen vor dem Bundestag, Friedensaktivist mit Israelis und Palästinensern in der Antarktis. Der rote Faden durch all das: Konflikt. Nicht als Problem, sondern als stärkster Treiber von Veränderung. Torsten beschreibt sich selbst als jemanden, der seit der Kindheit mit einer „perversen Komponente" lebt – dem Drang, genau das zu tun, von dem er weiß, dass er es lassen sollte. Als Kind mit einer Epilepsie-Fehldiagnose und Barbituraten aufgewachsen, mit dem Spitznamen „Toto, der Dickschädel", hat er diesen inneren Widerspruch nicht therapiert, sondern produktiv gemacht. In Nordirland gründete er als Deutscher – und damit als Außenstehender – ein Kino als nichtsektiererischen Treffpunkt für Katholiken und Protestanten. An der Brandeis University studierte er Konfliktforschung. Und heute arbeitet er an drei Projekten gleichzeitig: dem digitalen Produktpass als europäische Wertschöpfungsarchitektur, einer globalen Kampagne für regionales Saatgut gegen die Monsanto-Logik, und der Idee einer massiven European Citizen Initiative für einen europäischen Pass – nicht eine Million Stimmen, sondern 100 oder 200 Millionen. In diesem Gespräch reden wir über Heinrich von Kleists Marionettentheater und die Gnade des Bären, über Hölderlins „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch", über Hermann Hesses Pictors Verwandlungen, über die Frage, warum Freiwillige Feuerwehren in Ostdeutschland zu AfD-Treffpunkten werden – und darüber, was passiert, wenn Neugier stärker ist als Angst. Über Torsten Sewing Torsten Sewing ist Publizist, Autor und Berater mit Schwerpunkt Nachhaltigkeitskommunikation und ESG. Er war Chefredakteur im Bereich Nachhaltigkeitskommunikation, gründete ein Magazin für konstruktiven Journalismus und arbeitete jahrelang in der Friedens- und Konfliktforschung – von Nordirland über die Antarktis bis an die Brandeis University. Er lebt zwischen Deutschland und den USA.

    1h 4m
  4. May 26

    Lunia Hara

    Lunia wuchs in einem Dorf in Sambia auf, in dem jedes Kind frei war – frei, ohne Erlaubnis in den Wald zu laufen, frei, bei jeder Familie willkommen zu sein, frei in einem Netz aus Zugehörigkeit, das keine Erklärung brauchte. Mit zehn Jahren kam sie nach Berlin. Aus dem Dorf in die Wohnung, vom grenzenlosen Draußen auf den Spielplatz mit zwei Stunden Zeitfenster. Erst in Deutschland lernte sie einen Schmerz kennen, den es in Sambia nicht gab – weil dort niemand die Frage stellte, ob der Vater einen umarmt. Aus dieser doppelten Perspektive – afrikanische Kindheit und europäische Sozialisation – hat Lunia ein Konzept entwickelt, das sie Empathische Führung nennt. Ihr Ansatz geht weit über Mitarbeiterzufriedenheit hinaus: Wer im Unternehmen schlecht geführt wird, trägt diese Stimmung nach Hause, in die Familie, in die Gesellschaft. Umgekehrt gilt dasselbe. Führung ist deshalb nie nur eine betriebswirtschaftliche Frage – sie ist immer auch eine gesellschaftliche. In diesem Gespräch sprechen wir über Freiheit und Entwurzelung, über einen Vater aus dem Jahr 1922, der seiner Tochter das Fußballspielen erlaubte, über industriellen Fischfang vor Senegals Küste als Führungsversagen, über die vier Säulen empathischer Führung – und über Lunias Traum, eine Schule zu gründen, die Kinder von klein auf zu den Führungskräften von morgen macht. Über Lunia Hara Lunia Hara ist Speakerin, Autorin und Beraterin für empathische Führung. Ihr Buch Empathische Führung verbindet persönliche Biografie mit einem systemischen Führungsansatz. Sie arbeitet mit Unternehmen und Führungskräften daran, Menschlichkeit als strategische Kompetenz im Wirtschaftskontext zu verankern.

    1h 20m

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Wenn man sich mit der wirtschaflichen, sozialen, politischen - kurz gesagt, der gesellschaftlichen Situation in Deutschland und der Welt beschäfitgt, kann schlechte Laune aufkommen. Vielleicht sogar eine Art Weltuntergangsstimmung - und da ist ja durchaus auch was dran.  Während auf der einen Seite vieles exponentiell schlimmer wird, wird aber auf der anderen Seite vieles exponentiell besser. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Menschen in Deutschland und Europa vor ungefähr 250 Jahren ein ähnliches Gefühl gehabt haben müssen:  eine Zeitenwende - das unvorstellbare Ende Jahrhunderte überdauernder monarchischer Strukturen mag sich bedrohlich angefühlt haben - vor allem, weil man ja nicht wusste, dass nach der Zeit der Veränderung die ersten Formen von Demokratie standen.  Wir glauben, dass es heute ähnlich ist: dass wir an einem WELTAUFGANG stehen. In diesem Podcast stellen wir die Akteure und Architekten des neuen Anfangs vor.