So sind wir: zwischen Bognergasse und Ballhausplatz

Niko Hutter

Österreich ist klein. Die Kreise, die Entscheidungen treffen, sind noch kleiner. "So sind wir - zwischen Bognergasse und Ballhausplatz" ist der Podcast über Politik, Wirtschaft und Macht in Österreich. Jede Woche eine neue Folge: In einer Woche spricht Niko Hutter mit Unternehmern, Ökonomen, Journalisten und politischen Insidern. In der nächsten analysieren Niko und Felix ein aktuelles Thema und ordnen die Hintergründe ein. Direkt, unabhängig und mit Einblicken hinter die Kulissen.

  1. 20h ago

    Veit Dengler: Politiker sind die feigste Berufsgruppe

    Liebe Hörerinnen und Hörer, 53 Euro. So viel gibt Österreich pro Jahr und pro Wahlberechtigtem für Parteienförderung aus. Das nächstgroßzügigste Land in Europa liegt bei 13 Euro, der europäische Schnitt unter 10. Über diese Zahl bin ich in der Vorbereitung gestolpert, und sie ist der Kern dieser Folge geworden. Mein Gast ist Veit Dengler. Er hat 2013 die Neos mitbegründet, war danach CEO der NZZ und Vorstand bei der Bauer Media Group, und sitzt seit dem Sommer als unabhängiger Abgeordneter im Nationalrat. Seine Kritik an der Parteienfinanzierung hat direkt zum Bruch mit seiner eigenen Partei geführt. Wir sprechen darüber, was ein solches System mit einem Land macht. Über Medien, die zu einem Gutteil von staatlichem Geld abhängen, und darüber, warum in Norwegen und Dänemark ausgerechnet der Markterfolg gefördert wird. Über eine Staatsquote von 55 Prozent und die Frage, warum ein Friseur in Wien zehnmal so viel verdient wie einer in Neu-Delhi. Über Kammern, Bünde und Verbände, die Geld bekommen und Geld verteilen, ohne dass jemand die Gesamtsumme kennt. Und über die These, die Veit am Ende zuspitzt: Wer in Österreich etwas verändern will, muss beim Geld der Parteien anfangen, weil ein System, das sich selbst finanziert, keine Signale mehr von außen aufnimmt. Es ist ein unbequemes Gespräch. Ich habe an einigen Stellen dagegengehalten, vor allem bei der Frage, ob Menschen eine Reform auch dann mittragen, wenn sie selbst etwas abgeben müssen. Kapitel: 00:00:00 Ich sehe meine Aufgabe mehr darin, Themen publik zu machen 00:02:41 Fast alle Medien sind irgendwie abhängig von staatlichem Geld00:09:32 Wir zahlen für einen Porsche und wir kriegen einen VW Käfer00:17:21 Ein reiner Selbstbedienungsladen00:24:23 Die tun so, als ob das Geld aus der Steckdose kommt

    Veit Dengler: Politiker sind die feigste Berufsgruppe
  2. Sep 12

    Die Kammer mit der eigenen Bank - Martin Humer

    Fast alle notariellen Dienstleistungen sind in Österreich digital möglich. Trotzdem finden achtzig Prozent der Notariatsakte weiterhin in Präsenz statt. Das ist kein Digitalisierungsproblem, sondern eine Aussage darüber, wann Menschen ein Verfahren wollen und wann einen Moment. Martin Humer ist Generalsekretär der Österreichischen Notariatskammer. Vor der Kammer waren es zwölf Jahre in Kabinetten auf Bundesebene und sechs Jahre an der Ständigen Vertretung in Brüssel. Angefangen hat der Weg dorthin mit einer Nachricht auf LinkedIn. Wir reden über das, was die Notariatskammer eigentlich alles umfasst: Kammer, Servicegesellschaft, IT-Tochter, eigene Pensionsversicherung, Treuhandbank mit eingeschränkter Banklizenz. Über den Gerichtskommissär im Verlassenschaftsverfahren und darüber, warum es Wochen dauert, bis feststeht, wo das Vermögen eines Verstorbenen liegt. Über den Unterschied zwischen kontinentaleuropäischer präventiver Rechtspflege und dem angloamerikanischen System, in dem die Fragen nach hinten geschoben werden, dorthin, wo sie teuer sind. Und über die zwei bis drei hundert Menschen, die in Wien Meinung machen und die man in einer Standesvertretung erreichen muss, bevor irgendetwas legistisch wird. Eine Kammer, über die kaum jemand streitet, in einem Jahr, in dem über Kammern viel gestritten wird. Genau deshalb sieht man an ihr besser, wie Selbstverwaltung in Österreich tatsächlich arbeitet. 00:00:00 Intro 00:01:06 Vom ÖVP-Kabinett zur Notariatskammer: Werdegang 00:05:43 Kammer, Servicegesellschaft, Treuhandbank, Pensionsversicherung 00:08:09 Standesvertretung: wen man in Wien erreichen muss 00:10:32 Der Notar als Gerichtskommissär im Verlassenschaftsverfahren 00:14:57 Digital möglich, 80 Prozent trotzdem in Präsenz 00:19:45 Präventive Rechtspflege gegen Common Law 00:28:51 Legal-Tech-Start-ups wie Notarity 00:33:19 Was ein Notar für Kunden leistet

    Die Kammer mit der eigenen Bank - Martin Humer
  3. Sep 5

    Niemand wartet auf den digitalen Euro - Eva Landrichtinger (WKÖ)

    Liebe Freundinnen und Freunde, wenn die Interessenvertretung der Banken sagt, sie sei vom digitalen Euro nicht überzeugt, lohnt es sich, genau hinzuhören. In dieser Folge spreche ich mit Eva Landrichtinger, Geschäftsführerin der Bundessparte Bank und Versicherung in der Wirtschaftskammer. Sie war davor sieben Jahre in der Politik, zuletzt Kabinettschefin und Generalsekretärin bei Martin Kocher, dem heutigen Gouverneur der Nationalbank. Heute sitzt sie auf der anderen Seite des Tisches und nennt sich selbst Übersetzerin zwischen beiden Welten. Wir reden über den digitalen Euro, der gerade in Brüssel im Trilog verhandelt wird: was er erreichen soll, wer ihn eigentlich will und warum die Banken skeptisch sind. Es geht um Haltelimits und die Frage, wie viel digitales Zentralbankgeld ein Mensch überhaupt besitzen darf und was passiert, wenn dieses Limit in einer Krise über Nacht angehoben wird. Es geht um die Abhängigkeit von Visa und Mastercard, die Eva ausdrücklich als Problem sieht, nur eben nicht mit diesem Instrument gelöst. Und es geht um Österreichs liebstes Zahlungsmittel: das Bargeld, die Angst vor Überwachung und die Frage, warum die Zustimmung zum Bargeld steigt, während wir immer seltener damit zahlen. Wartet irgendwer auf den digitalen Euro? Schreibt mir, wie ihr zahlt. 00:00:00 Intro 00:00:55 Eva's Werdegang 00:05:57 Die Bundessparte Bank und Versicherung 00:15:00 Digitaler Euro: Ziel und Stand der Verhandlungen 00:20:49 Haltelimits und Finanzmarktstabilität 00:26:00 Bargeld, Datenschutz und die Angst vor Überwachung 00:30:22 Warum sie der digitale Euro nicht überzeugt

    Niemand wartet auf den digitalen Euro - Eva Landrichtinger (WKÖ)
  4. Sep 2 ·  Bonus

    Niko und Felix 7 : Was die kalte Progression uns wirklich gekostet hat

    Liebe Hörerinnen und Hörer, Steuern sind nach Sterben ungefähr das, womit sich die Leute am wenigsten beschäftigen wollen. Felix nennt die Einkommensteuer trotzdem sein Lieblingsthema, und nach dieser Folge versteht ihr vielleicht warum. Wir haben uns angeschaut, was passiert wäre, hätte man die Tarifstufen aus den 1970ern einfach mit der Kaufkraft mitwachsen lassen. Das Ergebnis: Die Steuerfreigrenze läge heute bei rund 60.000 Euro. Das österreichische Medianeinkommen wäre komplett einkommenssteuerbefreit. Konkret hieße das rund 600 Euro mehr im Monat für den Medianverdiener, 1.200 Euro für einen Haushalt mit zwei arbeitenden Eltern. Felix postuliert, dass genau diese jahrzehntelang nicht abgegoltene kalte Progression der Grund ist, warum sich viele Österreicherinnen und Österreicher keine Rücklagen mehr aufbauen können. Ich führe aus: Wer diese Einnahmen streicht, reißt ein kaum füllbares Loch von fast 90 Prozent der Einkommensteuereinnahmen ins Budget. Und dann reden wir über das, was man in Österreich angeblich nicht ansprechen darf: Vermögenssteuern, Grundsteuer, Erbschaftssteuer. Am Ende steht Felix' These: Ein Defizitverfahren und die stärkste Partei in Opposition, eine bessere Ausgangslage für unpopuläre, aber notwendige Reformen gibt es nicht. Was sagt ihr dazu? Ich freue mich auf eure Rückmeldungen. Euer Niko Kapitel: 00:00:00 "Kein Einnahmenproblem, sondern ein Ausgabenproblem"00:01:25 "Steuern, das ist nach Sterben so circa das, womit sich die Leute am wenigsten beschäftigen wollen"00:03:03 "Die heutigen 13.308 Euro wären kaufkraftbereinigt circa 60.000 Euro"00:03:47 "Das Medianeinkommen wäre damit einkommenssteuerbefreit"00:05:33 "600 Euro mehr im Monat"00:07:25 "Was finanziert denn der Staat damit?"00:08:52 "Damit mache ich mich bei links und rechts unbeliebt": Erbschaftssteuer als Tausch00:10:02 "Es gibt drei Vermögenssteuern": Vermögen, Erbschaft, Grundsteuer00:13:15 "Zuerst den Faktor Arbeit entlasten": Österreich vs. Schweden im OECD-Vergleich00:14:37 "Straffrei Entscheidungen treffen, die kurzfristig wehtun"00:15:25 "Die Wahrheit ist den Leuten zumutbar"00:16:38 "Packen wir die Kettensäge aus"

    Niko und Felix 7 : Was die kalte Progression uns wirklich gekostet hat
  5. Aug 29

    Gernot Blümel - Von Kant über den rechten Rand zur künstlichen Intelligenz

    Liebe Hörerinnen und Hörer, mein heutiger Gast war einmal mein Chef. Gernot Blümel war Finanzminister, davor Kanzleramtsminister für Europa, Kunst, Kultur und Medien. Heute baut er im Lido von Venedig einen Forschungspark für künstliche Intelligenz in der Medizin auf. Und er hat ursprünglich Philosophie studiert, was diese Folge in eine Richtung schickt, mit der ich so nicht gerechnet hatte. Wir starten bei Kant. Blümel geht von einer Star-Trek-Folge aus, in der vor Gericht verhandelt wird, ob ein Androide sich selbst gehört oder der Sternenflotte. Von dort landet er bei Artikel eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und bei einer unbequemen Feststellung. Unsere Würde ruht auf der Vernunftbegabtheit. Nicht auf unserem Körper, nicht auf unseren Gefühlen, nicht darauf, dass wir empfindsam sind. All das haben die Gründerväter der Menschenrechte als nicht relevant angesehen. Was heißt das dann, wenn wir einer Maschine nach unseren eigenen Definitionen Intelligenz und Verstehen nicht mehr absprechen können? Dann wird es politisch, und das ist der Teil, über den ich seither am meisten nachdenke. Blümel sagt, die große Welle, die gerade über die westlichen Demokratien hinwegrollt, sei die Überzeugung eines Großteils der Bevölkerung, dass das Heil am rechten Rand zu suchen ist. Er nennt drei Gründe. Erstens Migration, wo man spätestens 2015 erlebt habe, dass Masse den Rechtsstaat schlägt. Zweitens Überregulierung, wo der Staat im Kleinen als übergriffig empfunden wird und im Großen als machtlos. Und drittens das, was er postmoderne Wertevernichtung nennt. Dazu zwei Sätze, die von einem ehemaligen ÖVP-Minister bemerkenswert sind. Die klassisch Konservativen hätten ideologisch die besseren Antworten, aber ihnen traue niemand mehr die Erneuerung zu. Und auch die Rechten könnten dieses Problem nicht lösen, sie hätten nur den Vorteil, nicht verantwortlich gemacht werden zu können. Und schließlich die künstliche Intelligenz. Blümel sagt, Europa sei abgehängt, endgültig, und nennt einen Punkt, den ich so noch nicht gehört hatte: dass jene, die in Brüssel regulieren, die neuesten Modelle beruflich gar nicht verwenden dürfen. Zum ersten Mal in der Technikgeschichte habe unser Kontinent keinen Zugang zur modernsten Technologie des Planeten. Hört rein. Euer Niko 00:00:00 Von der Philosophie über Politik zur KI 00:05:44 Gehört Commander Data sich selbst? 00:09:01 Müssen wir Maschinen Menschenrechte zugestehen? 00:13:36 Nach unseren eigenen Definitionen 00:17:59 Da ist Europa abgehängt, fertig 00:22:05 Die institutionelle Sklerose 00:26:21 Die große Welle über die westlichen Demokratien 00:28:29 Masse schlägt Rechtsstaat 00:29:47 Die postmoderne Wertevernichtung

    Gernot Blümel - Von Kant über den rechten Rand zur künstlichen Intelligenz

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