Cultures and Disasters II

Prof. Dr. Fred Krüger

Theorien und Praktiken der Katastrophenvorsorge, der Katastrophenhilfe und auch der Katastrophenpolitik treffen in der Realität immer wieder auf Situationen und Handlungsweisen, die im (scheinbaren) Widersinn zu den intendierten Zielen des Katastrophenmanagements stehen: Warum kehren Flut- oder Erdbebenbetroffene früh in Gefahrengebiete zurück oder weigern sich, trotz "offensichtlicher" Gefahr für Leib und Leben ihre Häuser zu evakuieren? Warum "funktionieren" internationale Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge vor Ort nicht oder stoßen auf Unverständnis oder gar Ablehnung bei den Betroffenen? Warum wird beispielsweise die internationale Intervention und Katastrophenhilfe zur Erdbebenkatastrophe von Haiti inzwischen als "tödliche Hilfe" kritisiert? Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Hilfe oder Prävention vor Ort stattfindet, z.B. bei den Flutopfern der diesjährigen Flutkatastrophe – oder bei Überflutungen im "fernen" Mosambik. Bruchstellen solcher Art zu verstehen – ohne die ihnen zugrundeliegenden Handlungsweisen als irrational oder gar fatalistisch abzutun – kann nur gelingen, wenn man beachtet, dass risikobezogene Handlungen von Gesellschaften immer in Kultur(en) eingebettet sind. Die Erfahrungen des internationalen Katastrophenmanagements forderten den Sinneswandel, künftig verstärkt kulturelle Aspekte in den Fokus zu rücken, heraus: trotz größter (oftmals technokratischer) Anstrengungen hinterlassen die Katastrophenvorbeugung und -reaktion der letzten Dekaden ein kritisches Bild. Aber welche Rolle spielt "Kultur" im Zusammenhang mit Katastrophen bzw. mit Disaster Risk Management und Disaster Risk Reduktion (DRM/DRR) genau? Forschung zu DRM und DRR zielt darauf ab, Vulnerabilitäten (gesellschaftliche Anfälligkeiten für Katastrophen) zu erklären, indem sie die komplexen Verbindungen zwischen Umwelt, Gefahren und menschlichen Handlungsweisen offenzulegen sucht. Daraus sollen schließlich Handlungsempfehlungen für Vorsorge und Intervention abgeleitet werden. Wichtig dabei: es sind meist nicht die (natürlichen) Katastrophenereignisse, sondern es ist der "Unsicherheitsfaktor" Mensch, den es zu verstehen gilt. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist die verstärkte und bewusste Hinwendung zum Sozialen und somit dem kulturellen Eingebettetsein von Risiko entscheidend. Der Fokus von Forschung, Vorbeugung, Intervention und Nachsorge muss zunehmend auf menschliche Wahrnehmungen, Interpretationen, Erfahrungen und Kreativität gelegt werden. Kurz gesagt, den Verbindungen zwischen Katastrophe(n) und Kultur(en) werden nun als wichtige Elemente der sozialen Dynamik im Zusammenhang mit allen Phasen des Katastrophenmanagements (welche im umgekehrten Sinne selbst Produkte von sozialen Praktiken und kulturellen Rahmungen sind) höchste Bedeutsamkeit zugemessen. "Kultur" ist jedoch nicht unstrittig, denn sie ist nicht als ein fixes Set sozialer Faktoren zu betrachten, sondern als konstant veränderliche und bewegliche Konfiguration von Akteuren, sozialen Praktiken und Arrangements. Kulturen sind lebendig und gelebt im selben Augenblick – Kultur ist "chaotisch" und trägt somit zum Chaos von Katastrophen und DRR bei. Bisher wird den Praktiken des Katastrophenmanagements von Seiten der Forschung (aber auch in Selbstkritik der Hilfsorganisationen) ein bemerkenswerter Mangel "kulturellen Bewusstseins" in der Gestaltung von DRR-Strategien und -Politiken attestiert.

Episodes

  1. Episode 1 ·  Video

    DRR and modernity: From hazards to the

    It seems the incidence of disasters and losses in them continue to grow. Various explanations are proposed, typically about more dangerous environments or more vulnerable populations. Few invoke late modern culture as a militating factor, rather than the source for diffusion of techno-scientific, managerial and rights-based improvements. However, in the wealthiest ´homelands`, DRR is embedded within very broad security complexes and subordinate to systems for war preparedness, border security, international migration and trafficking. It is associated with ever expanding carceral systems. Disaster zones are treated like war zones or crime scenes. Supporting this is a resurgence of conflict and hazards determinism in the language of disasters. ´Militant humanitarianism` is an obvious manifestation. Rather than a balanced, ´all-hazards` approach, these full spectrum security systems promote aggressive crisis management, and elbow aside long-term DRR and preventive measures. Their institutional cultures favour top-down hierarchies, centralized control, and secrecy. All this seems contrary priorities established by HFA and agencies like UNDP and IFRCRCS and four decades of social vulnerability research. DRR principles or findings go in one direction, organized response systems in another. I explore explanations in the genealogy of disaster management in civil defense, and in the growing treatment of disasters as opportunities rather than tragedies. The early Cold War years gave the civil defense approach unusual impetus. Nuclear readiness was a first priority, but other disasters offered ways to use ´assets` awaiting nuclear Armageddon. More recently, security and emergency preparedness have spawned huge and profitable industries. Investment in security systems and catastrophic risk insurance show exponential growth. Official and charitable humanitarian funds offer unusual opportunities for all sorts of enterprises. The question arises of whether disasters grow mainly because they outstrip response capacities, perhaps due to climate change, or because they increasingly benefit some key actors? What Klein calls the "shock doctrine" and capitalizing on disaster are widely evident. In the popular culture, disasters are rarely presented as sober reminders of the failures of public safety, of avoidable losses, let alone threats mainly to the disadvantaged and wretched. Rather, spectacles of destruction, humanitarian giving, heroic rescue and relief prevail. Recent events in New Orleans, Haiti, and Fukushima fully illustrate the consequences of disaster seen as security challenge and opportunity. Disaster management as practiced seems increasingly connected to politics, globalization, and modern enterprise. As a social construct, it needs to be critiqued and assessed in such terms.

    44 min
  2. Episode 3 ·  Video

    Disasters, vulnerability and the significance of cultural understanding: four myths, weddings and funerals...

    Two key processes diminish or distort the success of disaster risk reduction (DRR) measures, and will become more significant with climate change and its impacts on hazards. The first is that "outsiders" notions (those of organisations attempting to support DRR) of the risks faced by people are always different from those of the people they are trying to help. There is a significant (and disabling) lack of agreement between local people`s risk priorities and those of the outsiders. Second, significant aspects of "culture" (including religious belief and behaviour, attitudes to nature, group and peer affected behaviour) lead many people to ignore risks or to consider that their ability to influence those risks are minimal. This therefore also disables the success of DRR policies and projects. But these two very significant aspects of people`s behaviour are largely ignored in the design of DRR programmes and projects. There is a "rationality gap" between outsider and insider perspectives that is going to widen as climate change increases its effects on hazards and vulnerability to hazards. This means that unless much more attention and respect is given to people`s own priorities and belief systems, it is highly unlikely that disaster management can succeed. The paper argues that to begin with, a closer match must be made between the two "rationalities" so that it becomes possible to support people-based and community-centred projects for reducing risks from climate change.

    55 min

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Theorien und Praktiken der Katastrophenvorsorge, der Katastrophenhilfe und auch der Katastrophenpolitik treffen in der Realität immer wieder auf Situationen und Handlungsweisen, die im (scheinbaren) Widersinn zu den intendierten Zielen des Katastrophenmanagements stehen: Warum kehren Flut- oder Erdbebenbetroffene früh in Gefahrengebiete zurück oder weigern sich, trotz "offensichtlicher" Gefahr für Leib und Leben ihre Häuser zu evakuieren? Warum "funktionieren" internationale Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge vor Ort nicht oder stoßen auf Unverständnis oder gar Ablehnung bei den Betroffenen? Warum wird beispielsweise die internationale Intervention und Katastrophenhilfe zur Erdbebenkatastrophe von Haiti inzwischen als "tödliche Hilfe" kritisiert? Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Hilfe oder Prävention vor Ort stattfindet, z.B. bei den Flutopfern der diesjährigen Flutkatastrophe – oder bei Überflutungen im "fernen" Mosambik. Bruchstellen solcher Art zu verstehen – ohne die ihnen zugrundeliegenden Handlungsweisen als irrational oder gar fatalistisch abzutun – kann nur gelingen, wenn man beachtet, dass risikobezogene Handlungen von Gesellschaften immer in Kultur(en) eingebettet sind. Die Erfahrungen des internationalen Katastrophenmanagements forderten den Sinneswandel, künftig verstärkt kulturelle Aspekte in den Fokus zu rücken, heraus: trotz größter (oftmals technokratischer) Anstrengungen hinterlassen die Katastrophenvorbeugung und -reaktion der letzten Dekaden ein kritisches Bild. Aber welche Rolle spielt "Kultur" im Zusammenhang mit Katastrophen bzw. mit Disaster Risk Management und Disaster Risk Reduktion (DRM/DRR) genau? Forschung zu DRM und DRR zielt darauf ab, Vulnerabilitäten (gesellschaftliche Anfälligkeiten für Katastrophen) zu erklären, indem sie die komplexen Verbindungen zwischen Umwelt, Gefahren und menschlichen Handlungsweisen offenzulegen sucht. Daraus sollen schließlich Handlungsempfehlungen für Vorsorge und Intervention abgeleitet werden. Wichtig dabei: es sind meist nicht die (natürlichen) Katastrophenereignisse, sondern es ist der "Unsicherheitsfaktor" Mensch, den es zu verstehen gilt. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist die verstärkte und bewusste Hinwendung zum Sozialen und somit dem kulturellen Eingebettetsein von Risiko entscheidend. Der Fokus von Forschung, Vorbeugung, Intervention und Nachsorge muss zunehmend auf menschliche Wahrnehmungen, Interpretationen, Erfahrungen und Kreativität gelegt werden. Kurz gesagt, den Verbindungen zwischen Katastrophe(n) und Kultur(en) werden nun als wichtige Elemente der sozialen Dynamik im Zusammenhang mit allen Phasen des Katastrophenmanagements (welche im umgekehrten Sinne selbst Produkte von sozialen Praktiken und kulturellen Rahmungen sind) höchste Bedeutsamkeit zugemessen. "Kultur" ist jedoch nicht unstrittig, denn sie ist nicht als ein fixes Set sozialer Faktoren zu betrachten, sondern als konstant veränderliche und bewegliche Konfiguration von Akteuren, sozialen Praktiken und Arrangements. Kulturen sind lebendig und gelebt im selben Augenblick – Kultur ist "chaotisch" und trägt somit zum Chaos von Katastrophen und DRR bei. Bisher wird den Praktiken des Katastrophenmanagements von Seiten der Forschung (aber auch in Selbstkritik der Hilfsorganisationen) ein bemerkenswerter Mangel "kulturellen Bewusstseins" in der Gestaltung von DRR-Strategien und -Politiken attestiert.

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