Morgenstunden-Podcast

Uwe Alschner

Die Morgenstunden sind mein Beitrag für die Welt. Sie werden zukünftig mehrmals in der Woche in Form von Lesungen aus Originaltexten sowie mit Übersetzungen und eigenen Texten erscheinen, um den Sinn zu schärfen für die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf das Göttliche in uns — und damit a priori auf Gott. morgenstunden.substack.com

  1. Jun 30

    Freiheit ist das A & O

    Lieber Miko, diese Morgenstunde ist ein weiterer Versuch, das Gespräch “über Gott und die Welt” zu führen. Also scheinbar ohne konkreten Bezug zu unserem Alltag sich den Luxus zu erlauben, einige grundsätzliche Gedanken zu betrachten. Das kann man tun, oder man kann es lassen. Der Mensch ist frei. Will ich also diese Zeit investieren? Um das zu entscheiden und meine Freiheit auszuüben, muss ich wohl erst einmal nachdenken darüber, was Freiheit ist. Oder nicht? Mit unserer Freundin Maria (nennen wir sie hier einfach mal so, weil es ein schöner Name ist. Du kennst sie eigentlich unter anderem Namen, aber Maria passt doch sehr gut) — mit Maria habe ich kürzlich einen längeren Austausch gehabt. Darin ging es letztlich auch um die Frage, was ist Freiheit — und was ist die Beziehung zwischen Freiheit und Verantwortung. Maria schrieb dann: „Übernehme ich genug Verantwortung für mich, das Leben...? I don’t know. Das darf sich jeder selbst fragen, finde ich.“ Hintergrund war mein Hinweis, dass ich meine, um wirklich Mensch zu sein, gehört es vielleicht dazu, sich der Verantwortung bewusst zu werden, die mit dem Menschsein einhergeht. Ich verstehe Maria so, dass sie sagt: “Verantwortung kann auch schwer sein. Eine Last. Und ob und wieviel ich davon tragen möchte, weiss ich nicht.” Klingt sehr menschlich, finde ich. Und wenn ich nun einige Gedanken daran anschliesse und hier mit dir teile (und unseren Lesern), dann tue ich das nicht, weil ich glaube, dass ich mehr (oder gar besser) weiß, als Maria. Sondern ich tue das, weil ich frei bin, diesen Gedanken weiter zu denken. Wie Maria glaube auch ich, dass sich jeder Mensch selbst fragen darf, ob er ‘genug’ Verantwortung (Last) trägt. Mehr noch: ich glaube, jeder Mensch muss das tun! Wer entscheidet nun, ob ein Mensch das muss? Heisst es nicht bei Schiller: “»Kein Mensch muß müssen,« sagt der Jude Nathan zum Derwisch” Ja, so heisst es bei Schiller in seinem Text “Über das Erhabene”. Und er beginnt sogar mit jenen Worten, um dann aber fortzufahren: “[D]ieses Wort ist in einem weitern Umfange wahr, als man demselben vielleicht einräumen möchte.” Sich auf die Freiheit zu berufen, kann also dazu führen, dass man die damit verbundene Wahrheit (und was daraus folgt) als Last betrachtet. Hätte man das gewusst, … möchte es vielleicht dann doch lieber nicht… Meiner Freundin Maria war nun die Verantwortung sehr schwer, nicht die Freiheit. Ich habe ihr dann geantwortet: “Hier liegt natürlich eine Dialektik. Wenn ich WOLLEN darf, weil ich ein Mensch mit freiem Willen bin, was folgt dann daraus? Dass ich alles DARF, was ich WILL?? Dass also alles erlaubt ist, sofern kein Verbot existiert? Oder folgt daraus eine VERANTWORTUNG, mir klar zu werden, WARUM / WOZU ich will, was ich will?” Nun hast du Recht, lieber Miko, wenn du sagst, dass diese Freiheit, ‘alles tun zu dürfen, was man will und was nicht verboten ist’, sich nicht gut anfühlt. Sie ist ja auch keine Freiheit, sondern Hedonismus! Hedone war in der Griechischen Mythologie die Tochter des Eros und der Psyche. Eros wird bei Wikipedia als Verkörperung oder Gott der Liebe bezeichnet, aber das ist eine Verkürzung, die in die Irre führt. Eros ist der Gott, der um seiner selbst willen liebt, der begehrt (besitzen will) und verzehrt (aufessen will), was er liebt. Also der ein um sich selbst kreisendes egoistisches und zerstörendes Wesen hat. Was ist zerstörerisch an Eros? Es ist das Verzehrende. Zehren heisst essen, ver-zehren heisst aufessen, vernichten. Zehrung kommt von Ceres, der römischen Göttin der Fruchtbarkeit und Nahrung. Es ist wichtig, dass wir essen. Aber wir müssen (oder dürfen) aufpassen, dass wir nicht maßlos werden. Völlerei oder Fresssucht ist ein Wort für maßloses Essen um seiner selbst willen. Ver-Zehren bedeutet somit, die Grundlage für zukünftiges Leben zu gefährden. Wenig bekannt ist die merkwürdige Verbindung zwischen einer hedonistischen (falsch verstandenen) ‘Freiheit’ und der egoistischen, zerstörenden ‘Liebe’: Ceres und Liber sind in der römischen Mythologie Mutter und Sohn. Liber ist als Gott des “von Sorgen und Mühen frei machenden Weines” und tierischer Triebe verehrt worden. Das Adjektiv frei kommt aus dem Lateinischen von liber. Die Kindheit endete in der römischen Kultur mit dem Fest der Liberalia zu Ehren des Rauschgottes Liber und seiner Schwester Liberia. Zu dem Fest bekamen Jünglinge ihren Umhang, die Toga, zum Zeichen, dass sie nun Männer seien (und sich dem Rausch und dem Eros hingeben dürfen). Ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen in unserer Zeit um diesen Ursprung des Wortes Freiheit oder Liberalismus wissen. Was meinst du? Dahinter steht für mich ein merkwürdiges Verständnis vom Sinn des Erwachsenwerdens, oder? Erwachsen zu werden bedeutet doch, eine gewisse Reife zu erlangen zur Befähigung, das Leben eigenständig (ohne elterliche Aufsicht) zu bestreiten. Daher auch das Abitur im Deutschen (von lateinisch: ab-ire, ins Leben gehen) und die Matura im Österreichischen (von lat. maturus, reif, ausgewachsen). Wohin führt ein Leben, was die Feier der Reifung eines Menschen auf die rein animalische Lust nach Ausschweifung gründet? Es gibt natürlich noch eine ganz andere Art von Liebe und von Nahrung. Jesus spricht: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (und von dem berauschenden Wein oder gar dem Trieb nach körperlicher Befruchtung schon mal gar nicht). Denn wenn es so wäre, wo wäre dann der Unterschied zwischen Mensch und Tier? Essen zur Erhaltung der köperlichen Kraft ist Mensch und Tier gemeinsam, doch der Mensch hat darüber hinaus die Fähigkeit zu schöpferischem, kreativen Denken und Tun. Anstatt seinen Trieben folgen zu müssen (was der Psychoanalytiker Sigmund Freund als menschliches Bedürfnis ansieht und die Unterdrückung von Trieben als Ursache von Krankheit und Problemen), hat der Mensch für Viktor Frankl (ein Zeitgenosse und Kollege von Freud, mit allerdings ganz anderem fachlichen Ansatz) im Wesentlichen (also im Grunde des Menschen) das Bedürfnis nach Sinnfindung. Dies folgt aus der Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren, also sich in Gedanken selbst zu betrachten. Da der Mensch sich in Gedanken wie von außen sehen kann, folgt daraus die neugierige Frage nach dem Grund (dem Sinn) des menschlichen Daseins. Woher kommt das Dasein? Der Mensch kann demzufolge Freiheit als das begreifen, was es ist: die Fähigkeit zur Erkenntnis, dass körperliche Liebe am Genuss nur eine Seite seiner Menschlichkeit ausmacht. Die Hingabe an die Suche nach dem Ursprung und Sinn seines Lebens wäre die andere Seite. Frankl spricht in diesem Zusammenhang auch von dem Bedürfnis nach Religiosität. Re-ligare ist ebenfalls lateinisch und bedeutet die Rück-Bindung an den Ursprung der weltlichen Existenz. Existenz ist das, was hervortritt, was wird. Es tritt aus dem Seienden heraus, aus dem, was immer war, was ist und immer sein wird. Das, was kein Anfang und kein Ende hat, oder in dem Anfang (Alpha) und Ende (Omega) zusammenfallen, das A & O. Wie die Kugel, jenes Symbol, welches Nikolaus von Kues dem Kugelspiel als Metapher zugrunde gelegt hat. Metapher bedeutet, es ist eine Hilfe zum Verständnis für etwas, von dem wir noch keinen Begriff haben. So wie in Platons Höhlengleichnis, in der er mit dem Bild eines Feuers und den Schatten, die sein Licht an die Wand einer Höhle wirft versucht, die Notwendigkeit der Suche nach der Wahrheit (oder nach dem Sinn des Lebens) zu erklären. Die Schatten stehen für eine Realität, die nur abgebildet ist. Das Feuer steht ebenfalls als nur als Metapher für die Quelle des Lichts (Quelle der Wahrheit/Gerechtigkeit), in Wirklichkeit ist die Quelle viel größer und im letzten nicht mit den Augen zu betrachten, da sie viel zu groß und unerreichbar weit entfernt ist. Trotz der Unmöglichkeit, diese Quelle mit Augen zu sehen, kann man sich in Gedanken diese Quelle vorstellen und ihr gedanklich immer näher kommen. Die Kugel ist also auch eine Metapher für diese vollkommene Wahrheit. Während es für uns Menschen unerreichbar ist, die Quelle von Platons Licht und der Gerechtigkeit (oder die Schönheit wie Schiller sie denkt) mit Augen zu sehen, so hilft uns die Beschäftigung damit (die Suche danach), sie mit der Vernunft erkennen (schauen) zu lernen. Dies wird im Kugelspiel mit dem Wurf der gedellten Kugel geübt. Die gedellte, unvollkommene Kugel ist die Metapher für unsere unvollkommene Existenz und zugleich für die Erkenntnisfähigkeit, und damit die Metapher für die Möglichkeit der Vervollkommnung. Es ist eben nur eine Metapher, da sich tatsächliche Vervollkommung nur annäherungsweise vorstellen lässt. Wie die Welt, das was existiert, aus dem Vollkommenen hervortritt, aber selbst nur unvollkommen ist, so ist auch der Mensch als Wesen ein Geschöpf nach dem Bild (Ur-Form) Gottes, mit Potenzial für weitere Entwicklung in Richtung des Ideals. Idee im Griechischen bedeutet Ur-Form, Ebenbild, Abbild des Vollkommenen. Nach diesen vielen Erläuterungen, die du dir nicht als ‘mitzuschleppende Last’ zumuten musst, sondern als ‘Ladestation für einen geistigen Akku’ vorstellen darfst, an die du dich bei Bedarf wieder anschliessen und ‘aufladen’ kannst, geht es nun also zurück zur Frage nach der Freiheit. Der Kern dieser Erläuterungen liegt in der Schärfung des Auges der Vernunft in deinen Gedanken: Durch häufiges Üben, die Kugel zum Ur-Bild zurück zu rollen, werden nach und nach alle Schichten von Kräften durchdrungen, die unsere Kugel physisch als Kreise um den Mittelpunkt der “Zielscheibe” durchquert, und die jene Kräfte darstellen, die wir in unserer nach Vervollkommnung (und Sinn) strebenden Persönlichkeit als in unserem Wesen angelegt erkennen und nach und nach entwickeln können. Dieser Kern ist die hingebungsvolle Liebe, durch die sich Gottes Wesen in uns und in der Welt offenbart. D

    9 min
  2. Mar 17

    Wie sich das Universum entwickelt, wie es soll

    Lieber Miko, wie du weisst, bewegt mich das Nachdenken über die Glückseligkeit als höheres Prinzip (im Unterschied zum Wohlergehen, das man Glück nennt). Heute habe ich dir einen Text eingesprochen, der “Das Erstrebenswerte” zum Gegenstand, und der mit dem Rat endet, nach Glückseligkeit zu streben. Desiderata Geh gelassen inmitten des Lärms und der Hektik, und denk daran, welchen Frieden die Stille dir schenken kann * Sei, soweit möglich, ohne dich selbst zu verleugnen, mit allen Menschen im Reinen * Sprich deine Wahrheit leise und klar; und höre den anderen zu, selbst den Einfältigen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte * Meide laute und aggressive Menschen; denn sie zehren an deiner Seele * Wenn du dich mit anderen vergleichst, könnte das zu Eitelkeit oder Verbitterung führen, denn es wird immer Menschen geben, die bedeutender oder unbedeutender sind als du * Freue dich über deine Leistungen genauso wie über deine Vorhaben * Behalte das Interesse an deinem beruflichen Werdegang, wie bescheiden er auch sein mag; er ist ein wahrer Besitz in den wechselnden Geschicken der Zeit * Sei vorsichtig in deinen geschäftlichen Angelegenheiten, denn die Welt ist voller Täuschungen * Doch lass dich davon nicht blind machen für das, was an Vortrefflichem vorhanden ist * viele Menschen streben nach hohen Idealen, und überall ist das Leben voller Heldentum * Sei du selbst * Vor allem täusche keine Zuneigung vor * Sei auch nicht zynisch in Bezug auf die Liebe, denn trotz aller Kargheit und Enttäuschung ist sie so unvergänglich wie das Gras * Nimm den Rat der Jahre freundlich an und gib die Dinge der Jugend mit Anmut auf * Pflege die Stärke des Geistes, damit er dich vor plötzlichem Unglück schützt * Aber quäle dich nicht mit dunklen Vorstellungen * Viele Ängste entspringen der Ermüdung und Einsamkeit * Sei, jenseits einer gesunden Disziplin, sanft zu dir selbst * Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne; du hast ein Recht, hier zu sein * Und ob es dir klar ist oder nicht, zweifellos entfaltet sich das Universum so, wie es sein soll * Sei daher im Frieden mit Gott, wie auch immer du ihn dir vorstellst * Und was auch immer deine Mühen und Bestrebungen sein mögen, bewahre in der lärmenden Ungewissheit des Lebens den Frieden in deiner Seele * Mit all ihrem Schein, ihrer Mühsal und ihren zerplatzten Träumen ist es immer noch eine schöne Welt * Sei fröhlich * Strebe danach, glückselig zu sein * Das Besondere an diesem Text ist seine oft falsch verstandene Entstehungsgeschichte. Die Desiderata, so lautet die lateinische Überschrift, die im Deutschen mit “Erstrebenswertes” oder “Das Erstrebenswerte” übersetzt wird, sind mir erstmals bewusst begegnet, als mir ein lieber Freund einen großformatigen Kunstdruck mit dem Text als Erinnerung an unsere Freundschaft schenkte. Die Entstehungsgeschichte dieses Textes wird nun regelmäßig mit der Old St. Paul’s Church in Boston und mit dem Jahr 1692 in Verbindung gebracht. Dies liegt daran, dass gewöhnlich der Text ohne Urheber verbreitet wird, so dass die Angabe unter dem Text “Aus der Alten St. Pauls Kirche Baltimore, 1692” als Hinweis auf die Entstehung des Textes gewertet wird. Ich habe diese auch noch Jahre nach dem Erhalt des Drucks gedacht, der, wie du weisst, lieber Miko, in unserem Esszimmer in einem schönen Bilderrahmen einen Ehrenplatz erhalten hat. Doch tatsächlich ist der Text deutlich jüngeren Datums, wenn auch doch schon fast 100 Jahre alt: Er wurde im Jahr 1927 von dem deutschstämmigen Amerikaner Max Ehrmann verfasst, wie aus der englischen Fassung auch hervorgeht. Ist also die Deutsche Fassung eine plumpe Fälschung, um den Text “auf alt zu trimmen”? Nein, das ist so auch nicht richtig, denn auch in Englischer Sprache wurde der Text viele Jahre und oft mit der selben Angabe versehen verbreitet: “Aus der Alten St. Paul’s Kirche Baltimore, 1692”. Allerdings gibt es die Hinweise auf die St. Paul’s Kirche in Baltimore erst seit dem Jahr 1956. Und da lichtet sich das Rätsel. Denn im Jahr 1956 hat in der Kirche in Baltimore ein neuer Pastor seinen Dienst angetreten, der Reverend Frederick W. Kates. Und Reverend Kates hatte die Angewohnheit, seiner Gemeinde in der Fastenzeit besondere Texte und Zitate zur Andacht in die Kirchenbänke zu legen. So kam die “Desiderata” aus dem Jahr 1927 auch nach Baltimore, wo sie dann von Reverend Kates ohne einen Hinweis auf den Urheber (Max Ehrmann) oder das Entstehungsjahr des Textes (1927) auf einen offiziellen Bogen der Alten St. Paul’s Kirche Baltimore gedruckt wurde. Dieses offizielle Papier der Pfarrei “Old St. Paul’s” enthielt den Hinweis auf das Jahr der Gründung dieser Kirche in Baltimore, nämlich: 1692. Daher stet zu vermuten, dass ein Gemeindemitglied die Desiderata Mitte der 1950er Jahre aus der Kirche mit nach Hause brachte. Und seither werden die Desiderata mit dem Gründungsjahr der Kirche, 1692, in Verbindung gebracht, weil auf dem Briefpapier die Angabe “Old St. Paul’s Church Baltimore, 1692” stand. Bei genauerem Hinsehen hätte man allerdings auch darauf kommen können, dass die Desiderata nicht aus dem Jahr 1692 stammen können, denn die Formulierung “wie immer du ihn [Gott] dir vorstellst”, wäre wohl 1692 nicht in einem Text der Zeit erschienen. Ich habe einige kleinere Anpassungen in der Übersetzung ins Deutsche vorgenommen — und eine größere: die Glückseligkeit. Im Englischen hat Ehrmann das Streben (strive) nach Glückseligkeit in der adverbialen Version (to be happy) gesetzt. Doch bin ich überzeugt, dass dies dem Umstand geschuldet war, dass er mit dem Streben nach Glückseligkeit, wie es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als Pursuit of Happiness formuliert war, nur deswegen nicht enden konnte, da der Text durchgehend appellativ formuliert ist, also als Aufforderung und Ermunterung (strive to be happy), nicht als Sammlung von Ansprüchen oder unveräußerlichen Grundrechten (inalienable Rights … the Pursuit of Happiness). In jedem Fall erschien es mir sehr viel wertvoller, den Appell von Ehrmann im Deutschen ausdrücklich als das Streben nach Glückseligkeit zu formulieren, und nicht der Tendenz zu folgen, das Glück zu individualisieren. Denn, und das ist der Punkt, an dem ich mit der Desiderata nicht ganz glücklich bin: Das Streben nach Glückseligkeit ist nach meinem Verständnis eine wichtige Freiheit, die uns Menschen gegeben ist. Nutzen wir sie, indem wir tatsächlich nach Glückseligkeit streben, bedeutet das, dass wir dem Beispiel Jesu nachzufolgen aktiv anstreben. Dies bedeutet, den Vorteil des Nächsten zu suchen mehr als unseren eigenen Vorteil. Leibniz hat dies auch so gesehen und er hat es als Notwendigkeit bezeichnet. Die Ordnung der Welt, der Kosmos ist nach Leibniz so geschaffen, wie es der größtmöglichen Vollkommenheit entspricht. Zwar ist der Mensch in seinem irdischen Leben unvollkommen, aber er ist in der Lage, diese Unvollkommenheit aktiv zu verringern. Sich selbst charakterlich und seelisch der Vollkommenheit anzunähern. Tun wir dies mit aufrichtiger Absicht, so hat dies eine Wirkung auf die Weise, wie sich die Welt entwickelt. Es wäre dann also genau nicht so, wie es Max Ehrmann 1927 in die Desiderata hineingeschrieben hat: “Und ob es dir klar ist oder nicht, zweifellos entfaltet sich das Universum so, wie es sein soll.” Das Universum entfaltet sich für Ehrmann also nach einem bestimmten Plan, ‘wie es sein soll’. Zweifellos, für ihn. Ich bezweifle das! Denn es würde bedeuten, dass es Gott egal wäre, was wir tun, und dass er einen bestimmten Ablaufplan für den Kosmos unbeirrt “wie es sein soll” durchsetzt. Das würde Gott zum Urheber von allerhand Leid machen, weil “es sein soll”. Und das würde sich für mich nur schwer mit der Liebe Gottes vereinbaren lassen. Wenn es jedoch so sein sollte, wie Leibniz vermutet, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hat, die jedoch aus unzähligen freien Seelen besteht, die Leibniz “Monaden” nannte, dann kann sich Liebe nur darin ausdrücken, diesen Seelen die Freiheit der Entscheidung zu überlassen. Wie ein liebender Vater oder eine liebende Mutter dem Kind die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden. In diesem Kontext, wäre es nicht egal, ob wir nun nach Glückseligkeit streben, oder nach etwas anderem. Je mehr Seelen diesen Aspekt verstehen, desto vollkommener würde diese Welt sich entwickeln. Die Desiderata sollte eigentlich daher so lauten: “Je besser du und alle anderen verstehen, wie sich das Universum entfaltet, desto eher wird es so, wie es sein soll. Das wäre Gottes Glückseligkeit. Daher: Strebe nach Glückseligkeit!” Ich bin sicher, du weisst, wie ich das meine! Bis zum nächsten Mal,Dein Opa! Jede ‘Morgenstunde’ ist 14 Tage kostenlos abrufbar. Mit einem Abonnement ab 6,67 € pro Monat (jederzeit kündbar) erhalten Sie Zugang zu älteren Beiträgen — und leisten einen kostbaren Beitrag zur Finanzierung meiner Arbeit. Vielen Dank! This is a public episode. 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    3 min
  3. Mar 9

    Wie kann man verstehen, was in der Welt geschieht, wenn Gott das Wesen der Liebe ist?

    Lieber Miko, nun war es aus verschiedenen Gründen eine Weile still auf diesen Seiten, aber heute möchte ich dir diese Zeilen schreiben, weil ich am vergangenen Samstag einen Freund mit einer Trauerrede verabschiedet habe. In diesem Nachruf durfte ich auf das Leben von Günter Ortland zurückblicken und mit einigen Gedanken seinen Angehörigen und allen Trauernden helfen, sich ein ehrendes Andenken an Güni zu bewahren. Ich hoffe, dass mir dies gelungen ist. In dieser Ansprache ging es auch darum etwas zu erläutern, was viele Menschen auf die eine oder andere Weise bewegt: Der Austritt aus einer Kirche, wie er gegenüber dem Standesamt erklärt wird, bedeutet nicht, dass der betreffende Mensch den Glauben an Gott verloren hat. Oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall, nämlich dann, wenn die Verbindung zwischen dem gläubigen Menschen und Gott nicht durch allerlei fragwürdiges einer Körperschaft des öffentlichen Rechts gestört oder belastet werden soll. Dies können politische Entscheidungen einer Kirchenleitung sein, oder die Steuern, die vom Einkommen zwangsweise abgezogen werden, oder noch ganz andere persönliche Gründe. Vielleicht sind es auch Mißstände in der Organisation, die jemand nicht mehr mittragen möchte. Günter, der ein Radio-Kollege war, hatte seine eigenen Gründe, weshalb er der Körperschaft “Kirche” nicht angehören wollte. Aber er glaubte an Gott. Es war nun seiner Familie ein Bedürfnis, dass in der Ansprache dieses Spannungsfeld insoweit aufgelöst wird, damit Günters sterbliche Überreste ohne Irritationen mit einem Gebet zur letzten Ruhe gebettet werden konnten. Da es in unseren Morgenstunden, wie bei denen von Moses Mendelssohn, auf die sich ja unser Titel bezieht, auch um das Dasein Gottes geht, welches wir ganz eindeutig voraussetzen, was unserem Leben Sinn und unserer Seele (wie auch Günters) Ewiges Leben verheisst, möchte ich dir daher nun also mit der freundlichen Genehmigung von Günters Angehörigen meine Trauerrede für ihn hier dokumentieren: This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit morgenstunden.substack.com/subscribe

    39 min

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