Lieber Miko, diese Morgenstunde ist ein weiterer Versuch, das Gespräch “über Gott und die Welt” zu führen. Also scheinbar ohne konkreten Bezug zu unserem Alltag sich den Luxus zu erlauben, einige grundsätzliche Gedanken zu betrachten. Das kann man tun, oder man kann es lassen. Der Mensch ist frei. Will ich also diese Zeit investieren? Um das zu entscheiden und meine Freiheit auszuüben, muss ich wohl erst einmal nachdenken darüber, was Freiheit ist. Oder nicht? Mit unserer Freundin Maria (nennen wir sie hier einfach mal so, weil es ein schöner Name ist. Du kennst sie eigentlich unter anderem Namen, aber Maria passt doch sehr gut) — mit Maria habe ich kürzlich einen längeren Austausch gehabt. Darin ging es letztlich auch um die Frage, was ist Freiheit — und was ist die Beziehung zwischen Freiheit und Verantwortung. Maria schrieb dann: „Übernehme ich genug Verantwortung für mich, das Leben...? I don’t know. Das darf sich jeder selbst fragen, finde ich.“ Hintergrund war mein Hinweis, dass ich meine, um wirklich Mensch zu sein, gehört es vielleicht dazu, sich der Verantwortung bewusst zu werden, die mit dem Menschsein einhergeht. Ich verstehe Maria so, dass sie sagt: “Verantwortung kann auch schwer sein. Eine Last. Und ob und wieviel ich davon tragen möchte, weiss ich nicht.” Klingt sehr menschlich, finde ich. Und wenn ich nun einige Gedanken daran anschliesse und hier mit dir teile (und unseren Lesern), dann tue ich das nicht, weil ich glaube, dass ich mehr (oder gar besser) weiß, als Maria. Sondern ich tue das, weil ich frei bin, diesen Gedanken weiter zu denken. Wie Maria glaube auch ich, dass sich jeder Mensch selbst fragen darf, ob er ‘genug’ Verantwortung (Last) trägt. Mehr noch: ich glaube, jeder Mensch muss das tun! Wer entscheidet nun, ob ein Mensch das muss? Heisst es nicht bei Schiller: “»Kein Mensch muß müssen,« sagt der Jude Nathan zum Derwisch” Ja, so heisst es bei Schiller in seinem Text “Über das Erhabene”. Und er beginnt sogar mit jenen Worten, um dann aber fortzufahren: “[D]ieses Wort ist in einem weitern Umfange wahr, als man demselben vielleicht einräumen möchte.” Sich auf die Freiheit zu berufen, kann also dazu führen, dass man die damit verbundene Wahrheit (und was daraus folgt) als Last betrachtet. Hätte man das gewusst, … möchte es vielleicht dann doch lieber nicht… Meiner Freundin Maria war nun die Verantwortung sehr schwer, nicht die Freiheit. Ich habe ihr dann geantwortet: “Hier liegt natürlich eine Dialektik. Wenn ich WOLLEN darf, weil ich ein Mensch mit freiem Willen bin, was folgt dann daraus? Dass ich alles DARF, was ich WILL?? Dass also alles erlaubt ist, sofern kein Verbot existiert? Oder folgt daraus eine VERANTWORTUNG, mir klar zu werden, WARUM / WOZU ich will, was ich will?” Nun hast du Recht, lieber Miko, wenn du sagst, dass diese Freiheit, ‘alles tun zu dürfen, was man will und was nicht verboten ist’, sich nicht gut anfühlt. Sie ist ja auch keine Freiheit, sondern Hedonismus! Hedone war in der Griechischen Mythologie die Tochter des Eros und der Psyche. Eros wird bei Wikipedia als Verkörperung oder Gott der Liebe bezeichnet, aber das ist eine Verkürzung, die in die Irre führt. Eros ist der Gott, der um seiner selbst willen liebt, der begehrt (besitzen will) und verzehrt (aufessen will), was er liebt. Also der ein um sich selbst kreisendes egoistisches und zerstörendes Wesen hat. Was ist zerstörerisch an Eros? Es ist das Verzehrende. Zehren heisst essen, ver-zehren heisst aufessen, vernichten. Zehrung kommt von Ceres, der römischen Göttin der Fruchtbarkeit und Nahrung. Es ist wichtig, dass wir essen. Aber wir müssen (oder dürfen) aufpassen, dass wir nicht maßlos werden. Völlerei oder Fresssucht ist ein Wort für maßloses Essen um seiner selbst willen. Ver-Zehren bedeutet somit, die Grundlage für zukünftiges Leben zu gefährden. Wenig bekannt ist die merkwürdige Verbindung zwischen einer hedonistischen (falsch verstandenen) ‘Freiheit’ und der egoistischen, zerstörenden ‘Liebe’: Ceres und Liber sind in der römischen Mythologie Mutter und Sohn. Liber ist als Gott des “von Sorgen und Mühen frei machenden Weines” und tierischer Triebe verehrt worden. Das Adjektiv frei kommt aus dem Lateinischen von liber. Die Kindheit endete in der römischen Kultur mit dem Fest der Liberalia zu Ehren des Rauschgottes Liber und seiner Schwester Liberia. Zu dem Fest bekamen Jünglinge ihren Umhang, die Toga, zum Zeichen, dass sie nun Männer seien (und sich dem Rausch und dem Eros hingeben dürfen). Ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen in unserer Zeit um diesen Ursprung des Wortes Freiheit oder Liberalismus wissen. Was meinst du? Dahinter steht für mich ein merkwürdiges Verständnis vom Sinn des Erwachsenwerdens, oder? Erwachsen zu werden bedeutet doch, eine gewisse Reife zu erlangen zur Befähigung, das Leben eigenständig (ohne elterliche Aufsicht) zu bestreiten. Daher auch das Abitur im Deutschen (von lateinisch: ab-ire, ins Leben gehen) und die Matura im Österreichischen (von lat. maturus, reif, ausgewachsen). Wohin führt ein Leben, was die Feier der Reifung eines Menschen auf die rein animalische Lust nach Ausschweifung gründet? Es gibt natürlich noch eine ganz andere Art von Liebe und von Nahrung. Jesus spricht: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (und von dem berauschenden Wein oder gar dem Trieb nach körperlicher Befruchtung schon mal gar nicht). Denn wenn es so wäre, wo wäre dann der Unterschied zwischen Mensch und Tier? Essen zur Erhaltung der köperlichen Kraft ist Mensch und Tier gemeinsam, doch der Mensch hat darüber hinaus die Fähigkeit zu schöpferischem, kreativen Denken und Tun. Anstatt seinen Trieben folgen zu müssen (was der Psychoanalytiker Sigmund Freund als menschliches Bedürfnis ansieht und die Unterdrückung von Trieben als Ursache von Krankheit und Problemen), hat der Mensch für Viktor Frankl (ein Zeitgenosse und Kollege von Freud, mit allerdings ganz anderem fachlichen Ansatz) im Wesentlichen (also im Grunde des Menschen) das Bedürfnis nach Sinnfindung. Dies folgt aus der Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren, also sich in Gedanken selbst zu betrachten. Da der Mensch sich in Gedanken wie von außen sehen kann, folgt daraus die neugierige Frage nach dem Grund (dem Sinn) des menschlichen Daseins. Woher kommt das Dasein? Der Mensch kann demzufolge Freiheit als das begreifen, was es ist: die Fähigkeit zur Erkenntnis, dass körperliche Liebe am Genuss nur eine Seite seiner Menschlichkeit ausmacht. Die Hingabe an die Suche nach dem Ursprung und Sinn seines Lebens wäre die andere Seite. Frankl spricht in diesem Zusammenhang auch von dem Bedürfnis nach Religiosität. Re-ligare ist ebenfalls lateinisch und bedeutet die Rück-Bindung an den Ursprung der weltlichen Existenz. Existenz ist das, was hervortritt, was wird. Es tritt aus dem Seienden heraus, aus dem, was immer war, was ist und immer sein wird. Das, was kein Anfang und kein Ende hat, oder in dem Anfang (Alpha) und Ende (Omega) zusammenfallen, das A & O. Wie die Kugel, jenes Symbol, welches Nikolaus von Kues dem Kugelspiel als Metapher zugrunde gelegt hat. Metapher bedeutet, es ist eine Hilfe zum Verständnis für etwas, von dem wir noch keinen Begriff haben. So wie in Platons Höhlengleichnis, in der er mit dem Bild eines Feuers und den Schatten, die sein Licht an die Wand einer Höhle wirft versucht, die Notwendigkeit der Suche nach der Wahrheit (oder nach dem Sinn des Lebens) zu erklären. Die Schatten stehen für eine Realität, die nur abgebildet ist. Das Feuer steht ebenfalls als nur als Metapher für die Quelle des Lichts (Quelle der Wahrheit/Gerechtigkeit), in Wirklichkeit ist die Quelle viel größer und im letzten nicht mit den Augen zu betrachten, da sie viel zu groß und unerreichbar weit entfernt ist. Trotz der Unmöglichkeit, diese Quelle mit Augen zu sehen, kann man sich in Gedanken diese Quelle vorstellen und ihr gedanklich immer näher kommen. Die Kugel ist also auch eine Metapher für diese vollkommene Wahrheit. Während es für uns Menschen unerreichbar ist, die Quelle von Platons Licht und der Gerechtigkeit (oder die Schönheit wie Schiller sie denkt) mit Augen zu sehen, so hilft uns die Beschäftigung damit (die Suche danach), sie mit der Vernunft erkennen (schauen) zu lernen. Dies wird im Kugelspiel mit dem Wurf der gedellten Kugel geübt. Die gedellte, unvollkommene Kugel ist die Metapher für unsere unvollkommene Existenz und zugleich für die Erkenntnisfähigkeit, und damit die Metapher für die Möglichkeit der Vervollkommnung. Es ist eben nur eine Metapher, da sich tatsächliche Vervollkommung nur annäherungsweise vorstellen lässt. Wie die Welt, das was existiert, aus dem Vollkommenen hervortritt, aber selbst nur unvollkommen ist, so ist auch der Mensch als Wesen ein Geschöpf nach dem Bild (Ur-Form) Gottes, mit Potenzial für weitere Entwicklung in Richtung des Ideals. Idee im Griechischen bedeutet Ur-Form, Ebenbild, Abbild des Vollkommenen. Nach diesen vielen Erläuterungen, die du dir nicht als ‘mitzuschleppende Last’ zumuten musst, sondern als ‘Ladestation für einen geistigen Akku’ vorstellen darfst, an die du dich bei Bedarf wieder anschliessen und ‘aufladen’ kannst, geht es nun also zurück zur Frage nach der Freiheit. Der Kern dieser Erläuterungen liegt in der Schärfung des Auges der Vernunft in deinen Gedanken: Durch häufiges Üben, die Kugel zum Ur-Bild zurück zu rollen, werden nach und nach alle Schichten von Kräften durchdrungen, die unsere Kugel physisch als Kreise um den Mittelpunkt der “Zielscheibe” durchquert, und die jene Kräfte darstellen, die wir in unserer nach Vervollkommnung (und Sinn) strebenden Persönlichkeit als in unserem Wesen angelegt erkennen und nach und nach entwickeln können. Dieser Kern ist die hingebungsvolle Liebe, durch die sich Gottes Wesen in uns und in der Welt offenbart. D