Herzlich willkommen, liebe Freunde klassischer Kunst, zur siebten Ausgabe von Radio IBYKUS, hier auf OS Radio 104,8 und an den Podcasts. An jedem ersten Donnerstag im Monat präsentieren Ihnen mein Kollege und Co-Moderator Siggi Ober-Grefenkämper und ich, Uwe Alschner, Inhalte der Klassik, weil wir überzeugt sind, dass gerade die Besinnung auf und die Beschäftigung mit dem Guten, Schönen und Wahren einen Beitrag zur Bewältigung anstehender Herausforderungen leisten kann und sollte. In der vergangenen Sendung haben wir Ihnen in diesem Sinne den ersten Teil eines Programms über die Jungfrau von Orléans von Friedrich Schiller präsentiert, an den wir heute anknüpfen möchten. Die Jungfrau ist unserer Meinung nach eine bewusste und ausdrückliche Zurückweisung der radikalen Aufklärung, wie sie von Voltaire und nach ihm von Kant und anderen vertreten wurde, die Schiller ablehnte. Und zwar aus gutem Grund, wie wir meinen. Ganz Menschsein ist das, wonach sich heute viele Menschen sehnen. Doch was bedeutet das? Voltaire und die von ihm geprägte moderne Philosophie haben dem heute vorherrschenden Materialismus, also der Reduktion der Realität, auf das dem Verstand Zugängliche und empirisch Messbare den Weg bereitet. Dies hat dazu geführt, dass heute sogar die Existenz des freien Willens von vermeintlich angesehenen Wissenschaftlern bestritten wird. Schon zu Zeiten Schillers wurde die Liebe als romantische Schwärmerei und Laune abgetan bzw. auf die rein erotische Stimulanz zur Artherhaltung reduziert. Dem hat Schiller vehement widersprochen und durch sein romantisches Trauerspiel die agapische Liebe, die sich in der Johanna verkörpert als elementares Wesen der Menschlichkeit, hervorgehoben. In der Johanna hatte sich diese Liebe zu den Menschen und zu ihrem Volk zum Leitmotiv ihres Handelns erhoben, was jedoch durch die Verliebung zu Lionel auf dem Schlachtfeld vorübergehend zu einer Krise führte. Wir setzen unsere Betrachtung daher nun an diesen Punkten fort und werden sehen, wie Schiller diese Krise nützt, um den Punkt zu machen. — Wie kann Johanna ihrem Auftrag, der sie aus dem stillen Frieden ihres Hirtenidylls gerissen hat, gerecht werden und dennoch inneren Frieden wiederfinden? Man kann diese Frage beantworten, indem man vom Ende des Stücks, wo Johanna mit sich und ihrem Schicksal ausgesöhnt ist, rückwärts auf das Drama schaut und dabei einen kleinen Umweg über Schillers Aufsatz “Über die naive und sentimentalische Dichtung” nimmt – ein Umweg, der sich gewiss lohnt. Die Ähnlichkeit der letzten Zeilen des Johanna-Dramas mit dem Ende des Gedichts “Das Ideal und das Leben” ist augenfällig. “Seht ihr den Regenbogen in der Luft?Der Himmel öffnet seine goldnen Tore,Im Chor der Engel steht sie glänzend da,Sie hält den ew’gen Sohn an ihrer Brust,Die Arme streckt sie lächelnd mir entgegen.Wie wird mir – leichte Wolken heben mich –Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide.Hinaus –hinauf – Die Erde flieht zurück –Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!” Am Ende von “Das Ideal und das Leben” wird die Himmelfahrt des Herkules so beschrieben: “… Bis sein Lauf geendigt ist –Bis der Gott, des irdischen entkleidet,Flammend sich vom Menschen scheidet,Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.Froh des neuen ungewohnten SchwebensFließt er aufwärts und des ErdenlebensSchweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt. Des Olympus Harmonien empfangenDen Verklärten in Chronions Saal,Und die Göttin mit den RosenwangenReicht ihm lächelnd den Pokal.” Als Wilhelm von Humboldt dieses Gedicht von Schiller zugeschickt erhielt, dankte er dem Freund Schiller am 21.8.1795 “für den unbeschreiblich hohen Genuss”, den ihm das Gedicht gegeben habe. “Es hat mich seit dem Tage, an dem ich es empfing, im eigentlichsten Verstande ganz besessen, ich habe nichts Anderes gelesen, kaum etwas Anderes gedacht… Solch einen Umfang und solch eine Tiefe der Ideen enthält es, und so fruchtbar ist es, woran ich vorzüglich das Gepräge des Genies erkenne, selbst wieder neue Ideen zu wecken… Man muss es erst durch eine gewisse Anstrengung verdienen, es bewundern zu dürfen; zwar wird jeder, der irgend dafür empfänglich ist, auch beim ersten aufmerksamen lesen den Gehalt und die Schönheit jeder Stelle empfinden, aber zugleich drängt sich das Gefühl auf, bei diesem Gedichte nicht anders, als in einer durchaus verstandenen Bewunderung ausruhen zu können.” Aus Humboldts Worten kann man entnehmen, dass eine umfassende Würdigung dieses einzigartigen Gedichts in wenigen Zeilen nicht zu leisten ist, aber ein wichtiger Aspekt für das Verständnis der Johanna kann skizziert werden. Im Zentrum des Gedichtes stehen vier Strophenpaare, von denen die erste immer mit “wenn” und die Gegenstrophe mit “aber” beginnt. Sie beschreiben, wie der Mensch sein geistiges Wesen behauptet, während er als materielles Wesen handelt, welches Gesellschaft und Geschichte formt und in die Natur eingreift, und als Wesen, das dem Sittengesetz unterworfen ist. Das vierte Strophenpaar, und dieses ist für Johanna Drama besonders wichtig, beschreibt, wie der Mensch sein sinnliches und geistiges Wesen in harmonischen Einklang bringen kann. Wo der Mitmensch leidet, da soll ihn die “Sympathie” für den Mitmenschen so mit Mitleid erfüllen, dass er seine geistige Natur ganz vergisst. Der “heiligen Sympathie” soll “das Unsterbliche” im Menschen “erliegen”. Ja, er soll in seinem Schmerz für den Nächsten sogar “empört” den “Himmel” anklagen. Wenn der Mensch sich jedoch über sein Schicksal erhoben hat und in der Lage ist, sein Leid als notwendiges Übel einer universalen Ordnung zu sehen, dann ist das Leid zwar nicht verschwunden, aber es rührt ihn nun vor allem der Blick auf die pathetische und erhabene Seelenkraft, mit der dieses Leiden ertragen wird. Deswegen fließen die Mitleidstränen nicht mehr wegen der unmittelbaren Erfahrung der Schrecken und der Qual, sondern wegen "des Geistes tapfrer Gegenwehr"; die Empörung gegen die Ungerechtigkeit des Himmels weicht einer wehmütigen und ruhigen Ergebenheit in das Schicksal. Nur so kann der Mensch sein sinnliches und sein geistiges Wesen aussöhnen, das Leid als des “Erdenlebens schweres Traumbild” ertragen, ohne an seiner göttlichen Bestimmung zu zweifeln. Der Mensch, so beschreibt es Schiller in diesem Gedicht, reicht an die Gottheit heran. Das ist keine Erlösungsverheißung, sondern eine Aufgabe, die sich dem Menschen tagtäglich stellt, und die er mehr oder weniger gut meistern wird. In einem Brief an Wilhelm Humboldt vom 30.11.1795 schrieb Schiller: “Ich habe ernstlich im Sinne, da fortzufahren, wo das 'Ideal und das Leben' aufhört…Herkules ist in den Olymp eingetreten, hier endigt letzteres Gedicht. Die Vermählung des Herkules mit der Hebe würde der Inhalt meiner Idylle sein. Über diesen Stoff hinaus gibt es keinen mehr für den Poeten, denn dieser darf die menschliche Natur nicht verlassen, und eben von diesem Übertritt des Menschen in den Gott würde diese Idylle handeln... Gelänge mir dieses Unternehmen, so hoffte ich dadurch mit der sentimentalischen Poesie über die naive selbst triumphiert zu haben.” — Für Schiller als Poeten, der die schöne Kunst weiterentwickeln und voranbringen will, ist die Möglichkeit einer solchen “Idylle” von größter Bedeutung. Weiter unten in dem Brief schreibt er, dass er bereit sei, seine “ganze Kraft aufzubrauchen”, um diesen “Triumph” der “sentimentalischen Poesie über die naive” zu bewerkstelligen. Auch die “schillernde” Verwendung des Begriffs in seiner Schrift “Über naive und sentimentalische Dichtung” ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Diese Schrift ist für ihn besonders wichtig, weil er darin auslotet, wie weit er als moderner Dichter über das hinausgehen kann, was die klassischen Dichter des Altertums geleistet haben. Bezüglich des Begriffs der Idylle geschieht in dieser Schrift etwas sehr Interessantes. Im ersten Teil steht nämlich: “Die Darstellung des sentimentalischen, d.h. des modernen Dichters wird bezüglich der Empfindungsweise also entweder satirisch, oder sie wird elegisch sein: An eine von diesen beiden Empfindungsarten wird jeder sentimentalische Dichter sich halten.” Das Idyll sei für den moderneren Dichter nicht realisierbar und nur eine Unterform der Elegie. Nachdem Schiller genauer auf die Satire und die Elegie eingegangen ist, beginnt er den letzten Abschnitt über die Idylle mit den Worten: “Es bleiben mir noch einige Worte über diese dritte Spezies sentimentalischer Dichtung zu sagen übrig”. Da er bereits zu Beginn des Abschnitts über die Elegie in einer Fußnote “rechtfertigte”, warum er “die Idylle selbst zur elegischen Gattung rechne”, sind nun tatsächlich nur noch einige Worte dazu zu erwarten. Aber ganz im Gegensatz dazu gerät Schiller dieser letzte Abschnitt mehr als doppelt so lang wie beide Abschnitte über Satire und Elegie zusammen genommen. In einer Fußnote zu Beginn gesteht er außerdem plötzlich der Idylle einen gleichwertigen Platz neben Satire und Elegie zu. Er schreibt nun Folgendes: “Die sentimentalische Dichtung nämlich unterscheidet sich dadurch von der naiven, dass sie den wirklichen Zustand, bei dem die letztere stehen bleibt, auf Ideen bezieht und Ideen auf die Wirklichkeit anwendet.” Sie hatte es also entweder mit dem “Widerspruch” oder der “Übereinstimmung” des “wirklichen Zustandes mit dem Ideal” zu tun. Daraus folgerte er ursprünglich die Existenz der beiden Gattungen Satire und Elegie – mit deren Unterform Idyll. Nun fährt er fort: “In dem ersten Fall wird es durch die Kraft des innern Streits, durch die energische Bewegung, in dem andern wird es durch die Harmonie des innern Lebens, durch die energische Ruhe, befriedigt, in dem dritten wechselt Streit mit Harmonie, wechselt Ruhe mit Bewegung. Dieser dreifache Empfindungszustand gi