Für einen Hausbesuch ist Michael Laages zum Theater Magdeburg gefahren, das gerade auffällig viel Rückenwind hat. Auszeichnungen, wie die Gesamtleistung eines großen Hauses in unserer Saisonbilanz 2024/25, sind das eine. Spannender ist, wie dieses Haus klingt, wenn man zuhört. Im Schauspielhaus, in den Werkstätten, in den Erinnerungen und in den Gesprächen darüber, was Theater heute leisten kann, wenn draußen alles lauter, schneller, aggressiver wird. Michael Laages trifft Schauspieler:innen, Regisseure, Ehemalige, Menschen aus den Werkstätten und das aktuelle Leitungsteam. Zunächst spricht Iris Albrecht über die Kostbarkeit des Analogen. Du gehst hin, es passiert nur jetzt und ist dann weg. Schauspieler Rainer Frank erzählt von seinen familiären Fäden nach Magdeburg zurück und davon, wie sehr ihn ausgerechnet dort das kollektive Arbeiten und die Suche nach ungewohnten Strategien fürs Theater reizen. Er beschreibt die Stadt als disparat, aber als einen Ort, an dem spürbar „um die Sache“ gerungen wird. Im Malsaal zeigt Nicole Küllmei, wie Perspektive, Geduld und Handarbeit aus flachen Tüchern Räume machen. Andreas Bernsdorf nennt das Theater eine „politische Insel“, früher in der DDR beobachtet und doch Schutzraum. Heute sei es wieder ein Ort, an dem Stadt und Wirklichkeit anders verhandelbar werden. Ein Thema ist auch das Magdeburger Großprojekt „Krieg und Frieden“, Tolstoi in der Nachdichtung von Roland Schimmelpfennig, inszeniert von Charly Hübner. Es geht um Proben als Suchbewegung und um den Versuch, Scham, Fremdscham und Überforderung nicht elegant zu umspielen, sondern auszuhalten. Dazu kommen Rückblicke auf Magdeburger Theatergeschichte und Biografien. Andreas Kriegenburg spricht über Weggehen und Wiederkommen, Jan Friedrich über Kommunikation in Probenprozessen, und Wolf Bunge, Regisseur und ehemaliger Intendant der Freien Kammerspiele, erinnert an die Jahre nach der Wende und an Open-Air-Arbeiten, mit denen das Theater in den Stadtraum hinausging. Diese Folge fängt auch einen Moment des Übergangs ein. Das dreiköpfige Leitungsteam des Schauspiels wird Magdeburg Richtung Leipzig verlassen. Julien Chavaz, Generalintendant des Theater Magdeburg, blickt auf die verbleibende gemeinsame Zeit und die Idee von Teamleitung. Was bleibt, ist nicht nur eine Bilanz, sondern eine Arbeitsweise, die sich im Alltag zeigt. Wie entsteht Gemeinschaft als Produktionsform, als Umgang miteinander, als Schutzraum? Und was macht das aus dem Haus, wenn man versucht, daraus mehr zu machen als einen angenehmen Ort für künstlerische Arbeit, nämlich ein modellhaftes Stadttheater? Über den Host:Michael Laages, Jahrgang 1956 aus Hannover, ist Kulturjournalist u.a. für NDR und Deutschlandfunk und langjähriger Autor der DEUTSCHEN BÜHNE. Foto: „Krieg und Frieden“ am Theater Magdeburg / Kerstin Schomburg