Kopenhagen, 27. Juni 2017. In der Zentrale der größten Reederei der Welt werden die Bildschirme schwarz, einer nach dem anderen. Wenige Stunden später stehen in Häfen von Los Angeles bis Mumbai die Kräne still. Auf den Rechnern steht eine Lösegeldforderung über 300 Dollar in Bitcoin. Wer zahlt, bekommt nichts zurück. Am selben Tag trifft es eine Staatsbank in Kiew, ein Krankenhaus in Pennsylvania, einen Pharmakonzern in New Jersey und den Nivea-Hersteller Beiersdorf in Hamburg. Gemeint war keiner davon. In Folge 004 gehen Chris Wojzechowski und Silas Borgmeier den Fall NotPetya durch: wie ein ganz normales Update einer ukrainischen Steuersoftware zum Einfallstor wurde, warum eingespielte Sicherheitsupdates die Ausbreitung nicht stoppten, und weshalb die angebliche Erpressung nie eine war. Außerdem: wie Maersk sein Netz nach Angaben des Verwaltungsratschefs in 10 Tagen im Kern neu aufgebaut hat und welche Rolle ein Stromausfall in Ghana dabei spielte, warum Versicherer bei Merck und Mondelez nicht zahlen wollten und wie ein Gericht in New Jersey über die Kriegsklausel entschied. Dazu der Mythen-Check, 4 Learnings mit je einem Umsetzungsschritt und der deutsche Blick auf Beiersdorf, die BSI-Warnung von 2017 und einen Berliner Mailanbieter, der unfreiwillig Teil der Geschichte wurde. Kapitelmarken 00:00 Kopenhagen, 27. Juni 2017 01:00 Die Gäste und der Fall 03:00 Ein Dienstag in Kiew, Pennsylvania und Kopenhagen 09:06 Wie das Programm in die Netze kam 18:32 Wiederaufbau, Ghana und die Kriegsklausel 27:58 Täter und Verfahren 32:14 Der Mythen-Check 34:53 4 Learnings 38:32 Der deutsche Blick 41:39 Ausblick auf Folge 005 Quellen Primärquellen U.S. Department of Justice, Western District of Pennsylvania: Anklageschrift gegen 6 Offiziere der GRU-Einheit 74455 (unsealed indictment, 15./19.10.2020): Ablauf des M.E.Doc-Angriffs, manipulierte Updates vom 14.04., 15.05. und 21.06.2017, Auslieferung am 27.06.2017 von 12:14 bis 15:31 Uhr Moskauer Zeit über einen Server in Frankreich, Heritage Valley (Erstinfektion 7:23 Uhr EDT, Ausfälle, über 2 Mio. USD), FedEx/TNT rund 400 Mio. USD, “celebrated the attack”. https://www.justice.gov/d9/press-releases/attachments/2020/10/19/2020_10_19_unsealed_indictment_0.pdf U.S. Department of Justice, Pressemitteilung “Six Russian GRU Officers Charged …”, 19.10.2020. https://www.justice.gov/usao-wdpa/pr/six-russian-gru-officers-charged-connection-worldwide-deployment-destructive-malware The White House, Statement from the Press Secretary, 15.02.2018: “the most destructive and costly cyber-attack in history”. https://trumpwhitehouse.archives.gov/briefings-statements/statement-press-secretary-25/ Australian Government (DFAT): Attribution of the NotPetya cyber incident to Russia, 16.02.2018. https://www.dfat.gov.au/sites/default/files/australia-attributes-notpetya-malware-to-russia.pdf U.S. Department of the Treasury: Sanktionen gegen russische Cyberakteure, 15.03.2018 (u. a. NotPetya). https://home.treasury.gov/news/press-releases/sm0312 Rat der Europäischen Union: Durchführungsverordnung (EU) 2020/1125 vom 30.07.2020: Eintrag GTsST / Feldpostnummer 74455, Sandworm, NotPetya. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/HTML/?uri=CELEX%3A32020R1125 CISA / US-CERT: Alert TA17-181A “Petya Ransomware”, 01.07.2017, aktualisiert 15.02.2018. https://www.cisa.gov/news-events/alerts/2017/07/01/petya-ransomware Microsoft Security Bulletin MS17-010, März 2017. https://learn.microsoft.com/de-de/security-updates/securitybulletins/2017/ms17-010 A.P. Møller - Mærsk: Interim Report Q2 2017, 16.08.2017: Abschnitt “Cyber-attack”, Schaden 200-300 Mio. USD, Wirkungslosigkeit von Patches und Virenschutz in diesem Fall. https://investor.maersk.com/news-releases/news-release-details/interim-report-q2-2017 Merck & Co.: Form 10-Q für das 3. Quartal 2017 (SEC): Betriebsstörung, 135 Mio. USD Umsatzausfall, Gardasil-9-Entnahme aus dem CDC-Vorrat (rund 240 Mio. USD), 175 Mio. USD Kosten. https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/0000310158/000031015817000045/mrk0930201710q.htm FedEx: Mitteilung zum 10-K mit Angaben zum Angriff auf TNT Express. https://newsroom.fedex.com/newsroom/global-english/fedex-files-10-k-additional-disclosure-cyber-attack-affecting-tnt-express-systems Superior Court of New Jersey, Appellate Division: Merck & Co. v. ACE American Insurance Co., A-1879-21/A-1882-21, 01.05.2023 (eingeordnet über die Kanzleianalysen unten). https://www.njcourts.gov/system/files/court-opinions/2023/a1879-21a1882-21.pdf U.S. Department of State, Rewards for Justice: Belohnung bis 10 Mio. USD für Hinweise zu den 6 Offizieren. https://rewardsforjustice.net/rewards/yuriy-sergeyevich-andrienko/ Richtlinie (EU) 2022/2555 (NIS2), Art. 21 Abs. 2 Buchst. d: Sicherheit der Lieferkette. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32022L2555 Департамент Кіберполіції України (Cyberpolizei der Ukraine), Meldungen zu Diskcoder.C und M.E.Doc, Juni/Juli 2017. https://cyberpolice.gov.ua/news/prykryttyam-najmasshtabnishoyi-kiberataky-v-istoriyi-ukrayiny-stav-virus-diskcoderc-881/ Technische Analysen ESET (Anton Cherepanov): “TeleBots are back: supply-chain attacks against Ukraine”, 30.06.2017; “Analysis of TeleBots’ cunning backdoor”, 04.07.2017 (dt. Fassung 05.07.2017); “New TeleBots backdoor: First evidence linking Industroyer to NotPetya”, 11.10.2018. Cisco Talos: “The MeDoc Connection”, Juli 2017. Microsoft Defender Security Research: “New ransomware, old techniques: Petya adds worm capabilities”, 27.06.2017. Kaspersky / Securelist: “ExPetr/Petya/NotPetya is a Wiper, Not Ransomware”, 28.06.2017. G DATA: “Petya ist zurück: wieder einmal”, 27.-30.06.2017. Berichterstattung, Interviews, Zeitzeugen Andy Greenberg: “The Untold Story of NotPetya, the Most Devastating Cyberattack in History”, WIRED, 22.08.2018 (Auszug aus dem Buch “Sandworm”). https://www.wired.com/story/notpetya-cyberattack-ukraine-russia-code-crashed-the-world/ Gavin Ashton: “Maersk, me & NotPetya” (Erfahrungsbericht eines Maersk-Mitarbeiters aus dem Identitätsteam). https://gvnshtn.com/posts/maersk-me-notpetya/ BleepingComputer: “Maersk Reinstalled 45,000 PCs and 4,000 Servers to Recover From NotPetya Attack” (Jim Hagemann Snabe, WEF Davos, Januar 2018); “Email Provider Shuts Down Petya Inbox …”, 27.06.2017; “M.E.Doc Software Was Backdoored 3 Times …”, Juli 2017. TheJournal.ie / AFP: “Chernobyl’s radiation monitoring system hit by cyberattack”, 27.06.2017. The Record (Recorded Future News): Mondelez und Zurich einigen sich, 2022; Belohnung des State Department, 2022. DAC Beachcroft, Carter Perry Bailey, Pro Policyholder: Analysen zum Merck-Berufungsurteil und zum Vergleich 2024. SecurityWeek: “NotPetya Attack Had Significant Impact on Merck Revenue”, 2017. TSN, Ukrajinska Prawda, LB.ua: Berichte zur Beschlagnahme der M.E.Doc-Server und zu den ukrainischen Betroffenen, Juli 2017. DACH-Einordnung Posteo: “Info zur Ransomware PetrWrap/Petya: Betroffenes Postfach bereits seit Mittag gesperrt”, 27.06.2017, mit Nachtrag vom 29.06.2017. https://posteo.de/blog/info-zur-ransomware-petrwrappetya-betroffenes-postfach-bereits-seit-mittag-gesperrt heise online: “Petya-Attacke: Posteo sperrt E-Mail-Adresse der Angreifer”, 27.06.2017; “BSI-Warnung: Nach wie vor hohe Gefahr durch NotPetya-Backdoor in MeDoc”, Juli 2017; “3 Jahre NotPetya: Der Erpressungstrojaner, der keiner war”, Juni 2020. silicon.de: “Petya/NotPetya wütet bei deutschen Unternehmen”, 10.07.2017 (BSI-Zitate Arne Schönbohm, TNT Deutschland, Reckitt Benckiser). apotheke adhoc / dpa: “Beiersdorf: Hacker-Angriff kostete 35 Millionen Euro”, 2017. IT-Zoom: “So geht es Beiersdorf nach der Cyber-Attacke”, Juli 2017. Hinweise zur Sorgfalt Innenansicht von Maersk: Die Szenen aus der Zentrale in Kopenhagen und der Einsatzzentrale in Maidenhead sowie die Geschichte vom überlebenden Domänencontroller in Ghana und dem Staffellauf über Nigeria nach London stammen aus der Wired-Reportage von Andy Greenberg (2018), die auf Gesprächen mit überwiegend anonymen Maersk-Mitarbeitern beruht. Maersk hat die Details nicht öffentlich bestätigt. Der Vorbehalt wird in der Folge wörtlich gesprochen. Schadenshöhe: Die oft genannten 10 Milliarden US-Dollar sind eine Schätzung des Weißen Hauses. Belegt sind die Einzelangaben der Unternehmen und Gerichte, die je nach Quelle voneinander abweichen. Zeitangaben: Für den 27. Juni 2017 nennen Quellen unterschiedliche Uhrzeiten. Die Folge verwendet die Angabe der US-Anklageschrift (Auslieferung von 12:14 bis 15:31 Uhr Moskauer Zeit), die sich mit den Serverprotokollen von Cisco Talos deckt. Verfahrensstand: Angeklagt sind 6 Offiziere der GRU-Einheit 74455. Nach dem Recherchestand vom September 2026 ist keiner festgenommen oder verurteilt. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Die Zuordnung zum russischen Militär beruht auf Erklärungen mehrerer Regierungen und auf der Anklage, deren Beweise nur zum Teil öffentlich sind. Nicht namentlich genannt werden die 6 Angeklagten, der Finanzmitarbeiter in Odessa und die Maersk-Mitarbeiter aus Ghana und Nigeria. “Henrik Jensen” ist ein Pseudonym aus der Wired-Reportage. Über AKTE7 AKTE7 ist der Podcast der AWARE7 GmbH. Alle zwei Wochen donnerstags nehmen wir uns einen realen Cyberangriff vor und gehen ihn durch wie eine Akte: was passiert ist, was belegt ist, was nur behauptet wird, und was man daraus für das eigene Unternehmen mitnimmt. Mit Chris Wojzechowski und Silas Borgmeier. Mehr zu den Fällen auf Instagram unter Akte7podcast.