Tales On Demand

Peter Windholz

Tales On Demand sind Märchen und Geschichten kreiert nach Deinen persönlichen Vorgaben. In diesem Podcast veröffentlichen wir regelmäßig fantasievolle  Geschichten, damit Du ein Gefühl dafür bekommst, wie sich ein persönliches Märchen für Dich anhören könnte.

  1. 11/17/2024

    Episode 14: Die Zauberrübe der Baba Yaga

    Es war einmal ein Zarensohn, der seinem Vater erst kurz zuvor auf den Thron nachgefolgt war, als in sein großes Reich Feinde einfielen. Blutrünstige Heiden brannten die Dörfer nieder, zerstörten die Ernten auf den Feldern und töteten Männer, Frauen und Kinder. Eilig wurde nun ein großes Heer versammelt, das unter der Führung des jungen Zaren nach Süden ziehen sollte. Dieser aber zweifelte sehr an sich und hatte große Angst davor, seinen Mannen kein guter Kriegsherr zu sein. In der Nacht, bevor er an der Spitze des Heeres ausrücken sollte, verließ ihn vollends der Mut. Heimlich verließ er sein Schloss und ritt auf seinem Pferd tief in die dunklen Wälder seiner Heimat, wo er sich vor seinen Kriegern versteckte, die unermüdlich nach ihm Ausschau hielten. Nach einigen Tagen ziellosen Umherirrens gelangte er an eine große Lichtung, auf der eine alte Hütte stand. Sogleich erkannte er an ihren gewaltigen Entenbeinen, dass es sich um die Behausung der Baba Yaga handeln musste, und beschloss, die für ihre Weisheit weit und breit bekannte Hexe um Rat zu fragen. Tatsächlich ließ ihn auf sein Rufen eine zahnlose, verrunzelte Alte mit schlohweißem Haar ein und hörte sich geduldig seine Geschichte an. Dann musterte sie ihn eindringlich, holte aus ihrer Rocktasche eine rote Rübe, murmelte ein paar unverständliche Worte und reichte ihm die runzelige Frucht mit den Worten: „Von nun an brauchst du keine Angst mehr haben. Mit Hilfe der Zauberrübe wird dir stets alles gelingen, was du dir vornimmst.“Seltsam gestärkt und beglückt verließ der junge Zar die alte Hexe, kehrte eilends auf sein Schloss zurück und ließ die Heeresführer zu sich rufen. Wenige Tage später zog er an der Spitze des gewaltigsten Heeres aus, das jemals im ganzen Zarenreich gesehen worden war. Bald hatte er die Feinde seines Volkes aufgespürt und trieb sie immer weiter vor sich her, weit über die Grenzen seines Reiches hinaus, bis er in ein fremdes Land gelangte. Erst mitten in einer sandigen Wüste, über der eine heiße Sonne brannte, verstreuten sie sich schließlich in alle Winde, sodass er von ihrer Verfolgung ablassen und an eine Heimkehr denken konnte. Auf seiner Rückreise gelangte er in eine große Stadt inmitten einer fruchtbaren Oase, in der er und seine Mannen gastfreundlich aufgenommen wurden. Der mächtige Sultan, der über die gesamte Gegend herrschte, lud den Zaren zu einem festlichen Abendmahl unter dem freien Sternenhimmel ein, um sich von seinen Erlebnissen erzählen zu lassen. Als der Zar nun aber die Zauberrübe erwähnte, da wurde der Sultan, der selbst der Zauberei mächtig war, neugierig und verlangte die Rübe zu sehen. Etwas widerstrebend händigte sie ihm der Zar aus, hatte er sich doch daran gewöhnt, sie stets bei sich zu tragen. Zu seiner großen Überraschung runzelte der Sultan jedoch bald die Stirn und sagte unwillig: „Wollt Ihr mich zum Narren halten? Das ist nur eine ganz gewöhnliche Rübe!“Da wurde dem Zaren mit einem Schlag klar, dass er alle seine Siege und Heldentaten nur sich selbst zu verdanken hatte und dass die Baba Yaga ihm mit der Geschichte der verzauberten Rübe nur geholfen hatte, an sich selbst zu glauben.

    6 min
  2. 09/15/2024

    Episode 10: Es gibt immer einen Weg

    In einer schmutzigen Ecke einer kleinen Bar stand ein unscheinbarer, alter Dreieckstisch. „So ist gesichert, dass man nicht allein sein Bier trinken muss, wenn man einsam ist!“, meinte dieser Tisch im Stillen und war mit seiner selbst sehr zufrieden. „An jeder Seite von mir kann jemand sitzen, sind also erstmals drei Personen, wenn dann noch Sessel an die Enden meiner dünnen, spitzen Ecken geschoben werden, dann sind es sechs Menschen, die sich näherkommen, allein dadurch, dass ich hier bin. Das ist schön!“ Der Tisch leuchtete matt in einer ausgebleichten, hellschwarzen Farbe. Auf der Oberfläche des Tisches waren Myriaden winzig kleiner, weißer Punkte verteilt. „Es ist, als würde es schneien, es ist, als würden sich Lichtflöckchen selbstständig gemacht haben, um die Liebe zu entdecken, es scheint, als wären alle weißen Farbkleckse von zu Hause ausgerissen, um eine Party zu feiern und wohin ausgerissen? – natürlich zu mir!“ Der Tisch war sehr zufrieden mit sich.  Ein Aufkleber mit den geheimen Worten „Thank You!“ war an einer der zulaufenden Spitzen des Tischchens geklebt. Jeden Tag überlegte sich das Tischchen, was diese Worte in seinem Fall wohl zu bedeuten hätten. „Heißt das, das ich mich bei den anderen bedanke, dass sie sich zu mir gesetzt haben, oder heißt das, „Danke Tisch, dass es dich gibt“, eben weil es bei mir so gemütlich und kuschelig zugeht? Ich hoffe auf zweiteres, aber ich bin nicht sicher!“ Der Tisch starrte dann immer ein wenig ins Leere, denn in der Leere entdeckte er ab und an seltsame Dinge. So lenkte er sich gut ab und musste die Frage nicht beantworten. Manche Fragen sind nicht zu beantworten, auch wenn man noch so oft darüber nachdachte, das wusste der Tisch und es tröstete ihn ein wenig. So ist es besser, ins Leere zu starren.  An diesem Abend blieb das Tischchen allein, die Bar war geschlossen. „Von wegen, zwei, drei oder sechs Menschen die es sich rund um gemütlich machen, keiner kommt, keiner bewundert meine Stabilität und meine Gastfreundschaft!“ An solchen Abenden war der Tisch traurig, seiner Daseins Berechtigung wurde nicht entsprochen. Weißt du, was dein Wohnzimmertisch denkt, wenn du mal wieder nicht zu Hause bist?  Was das Tischchen nicht wusste – Jack Daniels, eine etwas achtlos weggeworfene Dose, übergeblieben nach der letzten Partynacht, hatte ein Auge auf das Dreieckstischchen geworfen.  „Endlich genug Platz zum Üben für uns!“, murmelte Jack, die Luft war rein, keine Party im Anmarsch. „Freunde, kommt heraus, die Bar ist geschlossen, niemand wird sich an unserem Gesang stören!“  Wärest du in dem Raum gewesen, dann hättest du eine Freude gehabt! Es knirschte, schepperte, blechte in allen Ecken, Blechbüchsen sprangen aus alten Kisten, Blechbüchsen öffneten die Deckel der Mülleimer, Blechbüchsen sprangen von der Schank in die Freiheit und sie alle, sie alle bewegten sich in Richtung des weiß gepunkteten Dreieckstischchens. Das Tischchen konnte es nicht glauben – sie alle, sie alle wollten ausschließlich zu ihm, mindestens 20 Büchsen und laufend wurden es mehr!  „Was für eine schöne Schrift an deiner Seite!“, machte eine rote, schlecht aufgerissene Cola Dose einer silbernen Dosendame ein Kompliment. „Champagner, perlend!“, stand prominent auf ihrem Körper geschrieben. Die schmale Dame ignorierte die Bemerkung einfach, Cola Dosen waren ihr einfach seit jeher unsympathisch gewesen. „Einfach Prolo!“, dachte sie.  „Ich habe noch nie so viele schillernde, wunderschöne Blechbüchsendamen gesehen!“, schepperte die große Heineken Dose voller Hoffnung auf Körperkontakt. Heineken stellte sich großflächig unter das Tischchen und half den anderen Dosen über ihre Schultern den Tisch zu erreichen. Bald standen viele Dosen eng aneinandergereiht auf dem Tischchen, irgendwann war zur Freude des Dreieckstischchens dessen Fläche voll geworden. Andere Dosen versammelten sich einfach unter dem Tischchen - ein Chorkonzert der Blechdosen, das wollte sich keine Blechbüchse dieser Welt entgehen lassen!  Es wurde ruhig im Raum, einmal noch ruhig, alle, wahrlich alle, blickten zu Jack Daniel, es kam ihm zu, den Takt anzugeben, er war es, der den Chor ins Leben gerufen hatte, nun galt es, das Leben wollte es so, nun galt es, es galt zu singen!  Wäret ihr doch da gewesen, ihr hättet ein Erlebnis der anderen Art gehabt, ihr hättet, ihr hättet erkannt, dass Musik, dass die Musik der Blechbüchsen eine der Antworten auf Alles ist! Für das Tischchen wurde es auch die Nacht der Nächte, das Leere war seit diesem Abend immer mit Musik gefüllt...

    8 min
  3. 09/08/2024

    Episode 09: Wenn der Traumfisch kommt

    Es war einmal ein Mädchen, das mochte zum Leidwesen seiner besorgten Eltern nicht sprechen, obwohl es längst schon in einem Alter war, in welchem sich Kinder üblicherweise bereits gut verständigen konnten. Ohne auch nur ein einziges Wort von sich zu geben, verbrachte es seine Tage hauptsächlich damit, in den Himmel zu starren. Alle Ärzte, die es untersuchten, standen vor einem Rätsel. „Ihr Kind ist kerngesund. Wir wissen leider nicht, warum es nicht spricht und ständig zum Himmel blickt“, meinten sie zu den Eltern, die darüber sehr betrübt waren, dass niemand ihrer Tochter zu helfen vermochte.    Schließlich schickten sie in ihrer Verzweiflung nach einer Wahrsagerin und Hellseherin, welche im Rufe stand, über geheimes Wissen zu verfügen. Die alte Frau kam noch am gleichen Abend in das Haus der Familie und betrachtete das Kind lange. Dann meinte sie mit krächzender Stimme: „Ich muss eure Tochter über Nacht beobachten. Bitte besorgt mir einen weichen Stuhl für meine alten Knochen, ich will an ihrem Bett über sie wachen. Ihr dürft aber keinesfalls Nachschau halten und uns stören.“ Verwundert willigten die Eltern ein, brachten einen gemütlichen Sofasessel und verließen das Zimmer.   Ohne sich weiter um seinen Gast zu kümmern, begab sich das Mädchen zu Bett und schlief bald darauf ein. Die Alte aber hielt die Augen offen und harrte der Dinge, die da kommen mochten.   Es war schon weit nach Mitternacht, als sich plötzlich die Fensterflügel lautlos öffneten. Ein zarter Windhauch strich in das Zimmer und erfüllte es mit einem eigentümlichen, feinen Duft nach Blüten und Meerwasser. Gleich darauf glitt eine leuchtende Gestalt in Form eines langschwänzigen, bunt geschuppten Fisches in das Zimmer. Langsam begann das Mädchen mitsamt seinem Bettchen zu schweben und verschwand in Begleitung des wundersamen Wesens, um einige Zeit später auf ebenso rätselhafte Weise wieder zu erscheinen. Die Alte aber, bei der es sich in Wahrheit um eine Weiße Hexe handelte, hatte genug gesehen. Nun wusste sie, dass das Mädchen von einem Traumfisch in das Reich des Sandmanns entführt wurde, wo es so unvergleichliche Erlebnisse hatte, dass das irdische Dasein dagegen verblasste und es nicht mehr kümmerte.   Am nächsten Morgen verabschiedete sie sich von den Eltern, versprach am Abend wiederzukehren und eilte in ihre Küche. In ihrem großen Kessel braute sie einen Trank, der dem Mädchen dabei helfen sollte, dem Ruf des Traumfischs zu widerstehen. Abends hieß sie dann die Eltern, das bittere Gebräu unter einen süßen Brei zu mischen und es ihrer Tochter zu essen zu geben. Dann begab sie sich mit dieser wieder in das Schlafgemach, um über sie zu wachen.   Tatsächlich wiederholte sich zunächst das Spiel der vergangenen Nacht. Doch dieses Mal entschwebte das Kind nicht mit dem Traumfisch, welcher bald wieder verschwand. Als es am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sagte es klar und deutlich: „Ach, wie habe ich gut geschlafen! Was für ein herrlicher Morgen! In der letzten Zeit habe ich so viel geträumt!“ Da wusste die Hexe, dass sie das Mädchen aus dem Griff des Traumreichs befreit hatte und übergab es seinen überglücklichen Eltern.    Sobald das Kind aber alt genug dafür war, begann es seine Erlebnisse in der Traumwelt niederzuschreiben und wurde eine berühmte Schriftstellerin und Märchenerzählerin.

    6 min
  4. 08/25/2024

    Episode 07: Die Felsenmenschen

    Eines Tages trafen sich Klippen und Berge einer fernen Insel zu einer Krisensitzung.  „Wir sind die Schultern dieser Welt, aber niemand, niemand spricht darüber, jeder sieht uns als gegeben an!“, murrte ein Inselberg, dessen Rücken beinahe die Wolken erreichte. Der Satz war gesagt worden, hing zwischen den versammelten Klippen und Bergen im Raum, bewegte sich nicht weiter, blieb in der Zeit stehen. Ein Mensch, dessen Herz für die Insel, für die Berge schlug, legte jeden Tag sein Ohr auf den nackten Felsen, um von dem fernen Wispern etwas mitzubekommen… Irgendwann begann er an einer Übersetzung zu arbeiten, baute Werkzeug, ließ sich am Rand eines der Inselberge nieder und trieb Hammer und Meisel in einen der Berge, nicht ohne vorher im Gebet mit dem Berg darüber Einvernehmen hergestellt zu haben. Es entstanden Figuren, Gesandte der Berge, deren Aussehen so sehr variierte, wie deren Erscheinungsbild in der Wirklichkeit: Kleine Figuren, große Figuren, Figuren mit breiten Schultern, Figuren ohne Arme, doch alle, alle waren aus Fels gehauen und bereit die Welt auf ihren Schultern zu tragen… Komme was da wolle…. Weitere Menschen kamen, halfen, mehr und mehr Figuren wurden aus dem Berg geschält und ans Meer gebracht. Denn wie sollte eine Übersetzung besser verstanden werden, als direkt vor unseren Augen?  Noch heute sind die Berge im Austausch darüber, wer sie denn seien. Doch zugleich wissen sie, dass es dem Menschenkünstler auf der fernen Insel sehr gut gelungen war, ihrem Wesen entsprechend Tribut zu zollen…

    6 min

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