Die Themenauswahl ist eine der Stärken des Podcasts. Wer links denkt und dabei nicht nur den üblichen Medienmainstream konsumieren will, findet hier Stoff. Gäste aus Bewegungen, aus der Wissenschaft, aus dem Aktivismus – das funktioniert oft gut. Das Format atmet.
Was weniger funktioniert: die Gesprächsführung. Ondreka lässt seinen Gästen viel Raum – manchmal zu viel. Widerspruch, Nachhaken, echtes Reiben fehlt zu häufig. Und die Fragen selbst sind ein handwerkliches Problem: Sie sind oft so lang, so verschachtelt, so vollgestopft mit eigenen Halbthesen und Prämissen, dass der Gast am Ende kaum noch weiss, was eigentlich gefragt war. Kürzere Fragen. Stille aushalten. Das wäre mehr.
Aber dann ist da die Varwick-Folge.
Und hier liegt das eigentliche Problem – und es ist kein kleines.
Johannes Varwick, Professor für Internationale Beziehungen in Halle, tritt seit dem 24. Februar 2022 mit einer Beharrlichkeit auf, die man fast bewundern könnte, wenn sie nicht so folgenreich wäre: Er liefert russischer Kriegsführung intellektuelle Legitimation im deutschen Sprachraum. Nicht durch plumpe Propaganda, sondern durch akademisch verkleidete Rahmung – und genau das macht ihn gefährlich.
Das Problem für Ondreka ist dabei ein strukturelles: Dissens operiert in einem linken Milieu, das historisch berechtigte Skepsis gegenüber Militarisierung, NATO und Aufrüstung mitbringt. Varwick hat gelernt, genau in diese Skepsis hineinzusprechen. Sein Buch heisst “Stark für den Frieden” – das klingt nach dem, was viele in diesem Milieu hören wollen. Antimilitarismus als Einfallstor.
Aber man muss die Argumente auseinanderhalten:
Erstens: Die falsche Symmetrie. Varwick behandelt russische Sicherheitsinteressen und ukrainische Souveränität als verhandelbare Gleichgewichte. Das klingt nach Nüchternheit. Es ist eine fundamentale Verzerrung. Die Ukraine wurde überfallen. Russland führt einen Angriffskrieg, der nach internationalem Recht ein Verbrechen ist. Wer das als “irgendwie verständliches Missverständnis” rahmt, normalisiert den Bruch des Gewaltverbots – nicht als Analyse, sondern als Vorannahme.
Zweitens: Verhandlung als Kapitulation. Varwicks Forderung nach sofortigen Verhandlungen klingt vernünftig, solange man nicht fragt: zu welchen Bedingungen? Konkret liefe sein Ansatz auf Anerkennung russischer Gebietsgewinne hinaus – also auf die Belohnung des Angriffs. Das ist keine Friedenspolitik. Das ist die Einladung zum nächsten Krieg mit anderem Datum.
Drittens: Die Platzierungsstrategie. Varwick tritt konsequent in Zusammenhängen auf, in denen seine Aussagen als Beleg westlicher Kriegsmüdigkeit instrumentalisiert werden – und er lässt das geschehen.
Das eigentliche Problem für Dissens ist nicht, dass Ondreka Varwick eingeladen hat. Ein linkes Antikriegsformat, das einen Kritiker der Aufrüstung interviewt – das ist erstmal nicht unlogisch. Das Problem ist, dass das Gespräch offenbar ohne wirklichen Widerstand stattfand. Hier wäre genau die Stelle gewesen, an der Nachfassen nicht nur erlaubt, sondern notwendig gewesen wäre: Welche konkrete Ukraine bleibt nach Varwicks Frieden übrig? Wer gewinnt, wenn dieser Frieden kommt?
Linke Friedenssehnsucht ist legitim. Sie darf sich nur nicht von jemandem instrumentalisieren lassen, dessen Positionen am Ende Moskau nützen und Kyiv schaden.
Drei Sterne. Das Format hat echtes Potenzial. Aber wer eine linke Plattform aufbaut, trägt Verantwortung dafür, wen er salonfähig macht – auch und gerade dann, wenn der Gast in der richtigen Sprache spricht.