Mensch Mutta

Katharina Thoms

Normal. Durchschnitt. Nicht besonders aufregend. Dachte ich lange über das Leben meiner Mutter in der DDR. Bis ich gemerkt habe: Normal ist anders. Ein Podcast über meine Mutter – und ihr halbes Leben in der DDR. Von Katharina Thoms

Episodes

  1. APR 2

    Folge 7 – Mauer uff

    Mutta ahnt nichts. Sie glaubt es einfach nicht. Dass „der Sozialismus zu Ende geht“. Auch nicht, als der Pfarrer ihr das prophezeit – genau ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. Mutta verfolgt gespannt die Nachrichten im Sommer 1989 in der DDR. Selbstverständlich guckt sie Tagesschau. Denn da erfährt sie eben am meisten. Was in Leipzig passiert, was um die Ecke in Berlin passiert. Von den Demos, den Mahnwachen, den verprügelten Demonstranten. Und sie sieht, wo die Menschen hin sind. Die Postkunden von ihrer Tour, die nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren nach dem Sommerurlaub in Ungarn. Die in der Prager Botschaft sitzen und auf ihre Ausreise warten. Mutta denkt nicht mal im Traum daran, abzuhauen. Auch nicht 1989. Sie würde sehr gern auf so eine Mahnwache in die Berliner Gethsemanekirche fahren. Aber Mutta hat einfach zu viel Angst. Vor dem Staat. Und was da alles passieren könnte. Also hofft sie einfach, dass alles schon irgendwie besser wird – als Erich Honecker abdankt. Und ein gewisser Egon Krenz der neue DDR-Staatschef wird. Sie stößt mit Sekt an, Mitte Oktober 89. Gut drei Wochen später dann – als am 9. November in Berlin die Menschen tatsächlich über die Grenze in „den Westen“ fahren, gehen, rennen – da geht Mutta ins Bett! Sie hat DIE Nachrichten einfach verpasst! Aber das Radio am nächsten Morgen haut sie dann um: Die Mauer is uff! Dit is ja…! Aber Mutta geht trotzdem an diesem historischen Tag: Brav zur Arbeit. Am übernächsten Tag dann erst gönnt sie sich die erste Fahrt nach Westberlin! Für Mutta – der Beginn eines unbeschreiblichen Jahrzehnts. Sie kann reisen – endlich! Überall hin – wo es sie hinzieht. Und das macht sie auch. Mutta holt 40 Jahre Reiseentzug nach. Das ist ihr größtes Glück! Möglich ist das nur, weil Mutta auch an anderer Stelle Glück hat: Sie behält ihren Job. Mutta wird nicht arbeitslos, wie so viele. Vieles verändert sich – aber der Arbeitsplatz bleibt ihr. Deswegen sagt sie überzeugt: Mir ging es eigentlich immer nur besser – nach der Wende.

    29 min
  2. APR 2

    Folge 5 – Die Schnüffelliesen

    Muttas alte Schulzeugnisse bescheinigen ihr „ein gutes Verhalten in der sozialistischen Produktion“. Aber sie ordnet sich nicht immer „dem Klassenkollektiv unter“. Mutta ist auch öfter „inaktiv“ was die gesellschaftliche Arbeit angeht. Das hat die Lehrerin ganz gut getroffen. Bis heute ist Mutta gern für sich und lässt die Gesellschaft gern Gesellschaft sein. Und zwar am liebsten mit einem dicken Buch in der Hand. Schon zu DDR-Zeiten liest sie, was ihr zwischen die Finger kommt: Kitschromane und Shakespeare. Christliches und Sozialistisches. Das war schon immer so: Lesen is besser als reden. Und beides hat sie wohl von ihrer Mutter gelernt. Die war auch belesen und verschwiegen. Das war „eisernes Gesetz“ zu Hause – über persönliche Dinge wurde nicht gesprochen. Schon gar nicht, wenn sie unangenehm waren. Deshalb haben Mutta und ihre Schwester auch gar nicht erst gefragt: Wer denn eigentlich ihr Vater ist? Und warum der gar nicht bei ihnen lebt? Auf Fragen gibt es eh keine Antworten. Also spielt Mutta Sherlock Holmes und sucht sich selber ihre Antworten. Und findet sie auch: Ein Zahlungsabschnitt über den Unterhalt klärt alles auf. Jetzt ist auch klar, warum dieser Mann aus dem Dorf öfter mit Bonbons auf sie wartet… Muttas Mutter muss dann unfreiwillig noch ein Geheimnis lüften. Und findet das ziemlich furchtbar. Geheimnisse bewahren und schweigen: Das ist wahrscheinlich eine deutsch-deutsche Lektion, die Mutta hier lernt. Und so gar nicht einzigartig ostdeutsch. Sondern so ein Generationending. Mutta lernt die Lektion so gut, dass sie die später auch selbst gern anwendet.

    22 min

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Normal. Durchschnitt. Nicht besonders aufregend. Dachte ich lange über das Leben meiner Mutter in der DDR. Bis ich gemerkt habe: Normal ist anders. Ein Podcast über meine Mutter – und ihr halbes Leben in der DDR. Von Katharina Thoms

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