Matthias Zehnders Wochenkommentar

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder gibt Ihnen hier jede Woche zu denken. Das Thema: Medien und die Digitalisierung. Das Angebot: Konstruktive Kritik.

  1. 5D AGO

    Siri Hustvedt und das Schreiben aus der Ich-Perspektive

    Claude, ChatGPT, Gemini – sie alle schreiben viel, viel schneller als jeder Mensch. Sie beherrschen jede erdenkliche Sprache, jede Textsorte und natürlich jedes Thema. Sie erklären jeden Datenhaufen und komprimieren jedes Dokumentenkonvolut in eine lesbare Form. Noch sind die Texte oft erkennbar KI generiert. Staccato-Stil, Gedankenstriche statt Doppelpunkte oder Komma und diese seltsam fluffig-geföhnten Inhalte. Doch die KI wird sehr schnell besser. Es stellt sich deshalb die Frage, warum Menschen künftig noch schreiben sollen. Wozu sollen wir uns noch mit Tastatur und Rotstift abmühen? Was bringt es noch, wenn ich Ihnen eine Idee erkläre, wo Sie sich doch eine KI aufrufen können, die das individueller macht? Warum sollen Menschen künftig noch schreiben? Das ist eine Frage, die nicht nur mich umtreibt. Ich diskutiere regelmässig mit Journalistinnen und Journalisten darüber, mit Autoren und Wissenschaftlern. Siri Hustvedt hat mich auf die Antwort gebracht: Schreiben muss wieder subjektiv werden. Ich sage Ihnen deshalb, warum das Schreiben aus der Ich-Perspektive unsere Chance, ja: unsere Aufgabe ist. Auch diese Woche habe ich Ihnen dafür ein kleines Denkwerkzeug gebaut, ein Schreibimpuls für das Schreiben aus der Ich-Perspektive. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    22 min
  2. APR 17

    Warum es das Butterbrot ist, das den Menschen ausmacht

    Für Mani Matter war es klar: Es ist nicht das fehlende Fell, das uns von Schimpansen unterscheidet, und auch nicht der fehlende Schwanz. Für Mani Matter war das wichtigste Unterscheidungsmerkmal, dass die Menschen Hemmungen haben. Wenn ich mir die Weltgeschichte anschaue, bin ich mir nicht so sicher, ob das noch stimmt. Aristoteles war der Überzeugung, es sei die Sprache, die den Menschen ausmacht. Doch wir wissen heute, dass sich auch viele Tiere verständigen, manche sogar richtig eloquent. Bis vor kurzem galt die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeugen als das, was den Menschen von Tieren unterscheidet. Doch Krähen und Affen, Seeotter und Delfine und sogar Kraken verwenden ebenfalls Werkzeuge. Auch der Verstand, die Schrift, kritisches Denken und sogar Dichten sind keine Alleinstellungsmerkmale des Menschen mehr: Das kann die KI heute eher besser als wir. Was also ist es, das uns zu Menschen macht? Ich glaube, es gibt eine zentrale Fähigkeit, die uns sowohl vom Tier, als auch von der KI unterscheidet. Mehr noch: Diese Fähigkeit ist tief in unserem Alltag verwurzelt. Und: Sie hat mit Butterbroten zu tun.  Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    18 min
  3. APR 10

    Warum KI uns zunächst klüger macht und dann dümmer

    Rauchen ist ein einfaches Problem: Es gibt keinen gesunden Konsum von Rauch und Nikotin. Gesund ist nur der Verzicht auf Tabak und Zigaretten. Das heisst nicht, dass es einfach ist, davon loszukommen. Es gibt aber nur eine gesunde Lösung: nicht zu rauchen. Der Umgang mit Fett ist nicht so einfach. Klar: Fette Fritten, Speck und Eiscreme machen dick und krank. Dennoch kann der Mensch ohne Fett nicht überleben: Fett ist ein essenzieller Makronährstoff. Wenige richtige Fette essen ist gut, zu viel und falsches Fett zu essen ist schlecht. Es gibt deshalb keine einfache Lösung für den Umgang mit Fetten: Die Dosis macht das Gift. Mit der Künstlichen Intelligenz verhält es sich ganz ähnlich. Bis zu einem gewissen Punkt macht der Einsatz von KI uns kognitiv leistungsfähiger. Wie beim Fett gibt es aber einen Kipppunkt: Zu viel KI macht dumm. Experten warnen vor einem Verlust der eigenständigen Urteils- und Innovationskraft und vor drastischer Verkümmerung der Denkprozesse. Forscher bezeichnen diesen Zustand deshalb als kognitive Atrophie, als Schwund des Denkvermögens. Deshalb ist es entscheidend, den KI-Kipppunkt zu kennen und zu wissen, ob die KI uns noch klüger macht oder schon dümmer. Ich zeige Ihnen deshalb heute die vier Phasen der KI-Nutzung, wie man sie erkennt und wie Sie die KI so nutzen, dass ihr Gehirn dabei stark und eigenständig bleibt. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    19 min
  4. MAR 27

    Die KI kann nicht schreiben, weil sie nicht küssen kann

    «Shy Girl» heisst ein Roman von Mia Ballard. Es ist ein Horror-Roman, der von einer verzweifelten jungen Frau handelt. Mittlerweile hat sich der Roman selbst zur Horror-Geschichte für seine Autorin entwickelt: Die Hachette Book Group hat das Buch diese Woche aus dem Handel zurückgezogen, weil die Autorin sich beim Schreiben zu sehr auf KI gestützt habe. In Grossbritannien war der Roman bereits im Handel, jetzt hätte er auch in den USA erscheinen sollen. Es ist meines Wissens der erste Fall dieser Art. Aufgeflogen ist der KI-Einsatz durch einen Beitrag auf Reddit. Die Frage ist, was das bedeutet. Ist der Fall «Shy Girl» der Beweis dafür, dass die KI nicht schreiben kann, oder hat Mia Ballard schlicht geschlampt? Kurz bevor Hachette das Buch zurückzog, veröffentlichte die amerikanische Journalistin Jasmine Sun im Magazin «The Atlantic» überzeugende Argumente für die erste Variante. Sie sagt sogar: Die neueren KI-Modelle schreiben schlechter, weil sie braver und nützlicher geworden sind. Der Titel ihres Textes lässt Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt neue Hoffnung schöpfen: «The Human Skill That Eludes AI» – «Die menschliche Fähigkeit, die der KI verwehrt bleibt». Schauen wir uns das genauer an. Kann es sein, dass die KI prinzipiell schlechter schreibt als Menschen? Warum ist das so? Und was bedeutet das für schreibende Menschen (wie mich)?  Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    17 min
  5. MAR 20

    Entwirrung der Gefühle mit Hilfe der KI

    «Verwirrung der Gefühle» ist eine der bekanntesten Erzählungen von Stefan Zweig. Er berichtet darin von Roland, einem Mann, der auf seine Studienzeit zurückschaut: Als Student war er liederlich, ja verloren, bis er einen Professor traf, dessen Ausstrahlung und dessen Leidenschaft für Shakespeare ihn fesselten. Zwischen dem Professor und dem Studenten entwickelt sich ein immer engeres Verhältnis. Die beiden arbeiten häufig gemeinsam, dennoch verhält sich der Professor widersprüchlich: Mal sucht er seine Nähe, mal weist er ihn kalt ab. Eindrücklich ist dabei, wie Stefan Zweig es schafft, die verwirrenden Gefühle von Roland zu schildern. Das Schwanken zwischen Ehrfurcht, Leidenschaft, Bewunderung und – Liebe. Denn darum handelt es sich, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Aber das kennen wir ja alle selbst: Gefühle können sehr unübersichtlich sein. Ein Grund dafür: Gedanken und Gefühle haben ihren Ursprung an zwei ganz unterschiedlichen Stellen in unserem Gehirn. Gefühle entstehen im limbischen System. Also ausserhalb des Neocortex, wo das Bewusstsein und das Denken zu Hause sind. Das hat zur Folge, dass uns unsere eigenen Gefühle manchmal fremd sind. Wir müssen über unsere Gefühle nachdenken wie über die Wolken am Himmel. Eine interessante Hilfe könnte dabei die Künstliche Intelligenz bieten. Vielleicht schütteln Sie jetzt den Kopf und sagen: Aber die KI hat keine Emotionen! Stimmt. Genau deshalb kann sie uns helfen. Ich habe Ihnen dafür ein interaktives Denkwerkzeug gebaut, das Sie bei der Analyse der eigenen Gefühle unterstützt. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    16 min
  6. MAR 13

    Mathe, Medizin, Musik: Ohne Wissen macht KI nur Lärm

    Ich bin gerade viel in Schulen unterwegs. Meist treffe ich da nicht die Schülerinnen und Schüler, sondern die Lehrpersonen. Ihre grosse Frage: Wie verändert die KI Schule und Studium? Es gibt offensichtliche Konsequenzen. Hausarbeiten sind heute kaum mehr aussagekräftig. Drei Seiten Erörterung über die Rolle des Brotes in der Französischen Revolution spucken ChatGPT, Claude und Google Gemini in Sekunden aus. Davon abgesehen sind die Folgen aber weniger klar. Ist die KI der ultimative Tutor, der ewig geduldige Nachhilfelehrer, oder nutzen die Schülerinnen und Schüler die KI nur als «CheatMachine»? Rauben uns die grossen Sprachmodelle mit ihrer Eloquenz die Sprache oder ist es umgekehrt: bringen sie uns beim Prompten wieder dazu, präzise zu schreiben? Und die Frage aller Fragen: Was sollen die Schülerinnen und Schüler der Zukunft noch lernen, wo sie doch immer und überall Zugriff auf eine quasi allwissende KI haben? Diese letzte Frage interessiert mich ganz besonders. Die Antwort darauf dürfte Konsequenzen für uns alle haben: Wie viel menschliche Bildung braucht es in einer Welt voller KI? Schülerinnen und Schüler sind da sehr pragmatisch: Viele delegieren das, was sie nicht gerade brennend interessiert, an die Maschine. Die KI steht ihnen später ja auch an der Uni, im Büro, auf der Redaktion oder, ja: auch im Lehrerzimmer zur Verfügung. Die Frage ist: Wie viel Wissen kann ich an die KI auslagern, wenn ich selbst denken möchte? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    18 min
  7. MAR 6

    Testlabor Zukunft: Wie Science Fiction die Zukunft verändert

    1914 beschrieb H.G. Wells in einem Roman eine Waffe, die auf nuklearer Kettenreaktion basiert. Er nannte sie «Atomic Bomb». 1932 las der Physiker Leo Szilard dieses Buch und begann ernsthaft darüber nachzudenken, ob so etwas möglich sei. Zehn Jahre später war er einer der führenden Physiker im Manhattan-Projekt. Die Atombombe war zuerst eine Geschichte, dann wurde sie Wirklichkeit. Das ist kein Zufall: Die besten Zukunftsforscher sind keine Ökonomen (und übrigens auch nicht die KI). Es sind Romanautoren. Sie wissen nicht besser Bescheid und haben auch keine prophetischen Gaben. Sie tun etwas, was Forscher kaum und Algorithmen gar nicht können: Sie stellen sich in ihrer Phantasie vor, was Menschen wollen, fürchten und träumen und erzählen Geschichten darüber. Im Rückblick erweisen sich viele dieser Science-Fiction-Geschichten als prophetisch. Doch die Romanautoren haben die Zukunft nicht vorhergesehen, sie haben sie mit ihren Geschichten beeinflusst. Man könnte also sagen: Science-Fiction-Autoren schreiben die Zukunft herbei. Es lohnt sich deshalb zu untersuchen, welche Geschichten Science-Fiction-Autoren heute erzählen. Die Forschung zeigt: Ihre Themen haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Vielleicht wird da gerade unsere Zukunft umgeschrieben? Schauen wir uns das zusammen an. Das erwähnte Denkblatt finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/wochenkommentar/testlabor-zukunft/ Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    15 min

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