Matthias Zehnders Wochenkommentar

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder gibt Ihnen hier jede Woche zu denken. Das Thema: Medien und die Digitalisierung. Das Angebot: Konstruktive Kritik.

  1. 1D AGO

    Wann wird Eigenverantwortung zur Worthülse?

    2026 will die Schweiz die Vorgaben für den Brandschutz vereinfachen. Das Ziel: Weniger Kontrollen, mehr Eigenverantwortung. Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana, bei der am 1. Januar vierzig Menschen ums Leben gekommen und über hundert zum Teil schwer verletzt wurden, ist das Vorhaben aufgeschoben worden. Selten kam eine Gesetzesrevision zu einem so schlechten Zeitpunkt. Mir ist dabei vor allem das Wort «Eigenverantwortung» aufgefallen. Viele Schweizerinnen und Schweizer betrachten Eigenverantwortung als Grund für den Erfolg und die Stabilität des Landes. Die Idee ist, dass mündige Bürger keine Vorschriften durch den Staat brauchen, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Das ist nachvollziehbar, wenn es um Gesundheit oder Altersvorsorge geht. Aber was heisst das beim Brandschutz? Was heisst Eigenverantwortung angesichts von vierzig gestorbenen Menschen? Wie kann jemand Verantwortung für sich selbst übernehmen, wenn so viele andere Menschen davon betroffen sind? Und etwas weiter gedacht: Wie kann ich angesichts von hyperkomplexen Technologien wie der KI Eigenverantwortung wahrnehmen, wenn ich nicht verstehe, was da abgeht? Ich frage mich deshalb: Wann wird Eigenverantwortung zur Worthülse? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    17 min
  2. JAN 2

    Fragen Sie richtig? Fragen Sie gut?

    Im Herbst 1990 hielt Bill Gates, der Gründer und damalige Chef von Microsoft, an der Computermesse Comdex eine Rede. Er beschrieb die Vision einer vernetzten Welt mit sofortigem Zugriff auf alle Informationen. Bill Gates sprach von «Information At Your Fingertips», also von Information auf Knopfdruck. 1990 war das eine kühne Vision. Ein durchschnittlicher PC hatte damals eine Festplatte mit 40 MB Speicherplatz, ein Diskettenlaufwerk und arbeitete unter DOS und Windows. Heute lächeln wir über die Rede von Bill Gates. Heute müssen wir nicht einmal mehr einen Knopf drücken, um eine Information zu erhalten. Es genügt, den Computer zu fragen. Die KI weiss immer eine Antwort. Etwa alle zwei Jahre verdoppelt sich die Informationsmenge, auf die wir über das Internet Zugriff haben. Nur schon der Arbeitsspeicher eines Mobiltelefons ist heute grösser als die Festplatte, die 1990 in einem Computer steckte. «Information At Your Fingertips» ist Realität geworden: Wir erhalten jede Information auf Knopfdruck. Vorausgesetzt, wir wissen, was wir wissen wollen. Bei all dem Anhäufen von Daten und Informationen haben wir vergessen, dass es dabei auf die Frage ankommt. Ich frage deshalb zum Jahresbeginn: Fragen Sie richtig? Fragen Sie gut? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    14 min
  3. 12/25/2025

    Werdet wie die Kinder, nicht wie die KI

    Auf der Strasse begegnen mir manchmal diese Instagram-Gesichter: übermässig vergrösserte Lippen, scharf modellierte Wangenknochen, ein klar definiertes Kinn, übervolle Wangen. Auf dem Handybildschirm mag das gut aussehen, weil die Handykamera mit einem Weitwinkel-Objektiv filmt und das Gesicht verzerrt. In der Realität wirkt es nur lächerlich. So verzerrt, wie diese Gesichter aussehen, klingen mittlerweile viele Texte auf LinkedIn und auch so mancher Zeitungstext: voller grossspuriger Floskeln, voller gewichtiger Kürzestsätze ohne viel Inhalt – aber mit vielen Gedankenstrichen. Das ist der ChatGPT-Stil. Verrückt ist dabei, dass das kein zuverlässiges Zeichen mehr dafür ist, dass hier die KI am Werk war. Mittlerweile haben sich Menschen den KI-Stil zu eigen gemacht: Sie schreiben auch ohne KI wie die KI. Das Instagram-Gesicht und die KI-Sprache sind zwei Beispiele dafür, wie wir uns der Technik anpassen, statt umgekehrt auf unserer Menschlichkeit zu beharren. Mein Aufruf zum Jahresende lautet deshalb: Werdet wie die Kinder, nicht wie die KI. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    14 min
  4. 12/05/2025

    Braucht es im Zeitalter der KI einen neuen Menschen?

    Technologie-Evangelisten und -Kritiker sind sich in einem Punkt einig: Wir erleben gerade den Anbruch eines neuen Zeitalters. Es ist das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Ganz egal, ob sich die blühendsten Prophezeiungen der KI-Firmen bewahrheiten oder die düstersten Prognosen der Kritiker eintreffen, ob die KI demnächst den Menschen an Intelligenz übertrifft oder bloss ein cleveres Statistik-Tool bleibt – wir leben in einer anderen Zeit als in den 2010er-Jahren. Die Frage ist, welche Konsequenzen das für uns Menschen hat. Viele fürchten sich davor, dass alle Arbeitsplätze an Computern gefährdet sind. Dass die KI von Werbung über Einkauf und Verarbeitung bis zur Abdankungspredigt so gut wie alle Arbeiten übernehmen wird. Die Folgerung: Neben der KI kann nur ein ganz neuer Menschenschlag überleben. Braucht es also im KI-Zeitalter einen neuen Menschen? Kommen wir nicht darum herum, unsere Vorstellungen von Bildung und Moral über Bord zu werfen und uns ganz neu zu denken? Spannend an dieser Frage ist, dass sie nicht neu ist. Die technologischen Sprünge der Moderne haben immer wieder dazu geführt, dass sich der Mensch als ungenügend, als «Mängelwesen» empfunden hat. Antworten für die Zukunft gibt es deshalb in der Vergangenheit. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    16 min
  5. 11/28/2025

    KI × Bildung = Zukunft – deshalb braucht es Schule jetzt erst recht

    Ich halte gerade gefühlt jede zweite Woche ein KI-Seminar mit Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrern. Ich vermute, neben Medienschaffenden gibt es kaum einen anderen Bereich, der so stark von der KI betroffen ist, wie Schule und Studium. Alle Hausarbeiten, vom Hausaufsatz bis zur Masterarbeit, müssen neu gedacht werden. Schülerinnen und Schüler hinterfragen vehement, warum sie noch Französisch oder Italienisch lernen müssen, wo es doch DeepL und Google Translate gibt. Welchen Sinn es hat, sich durch den Lernstoff in Geschichte und Biologie, Geographie und Physik zu quälen, wo ChatGPT doch auf jede Frage eine Antwort weiss. Wozu man im Deutschunterricht noch Romane und Gedichte lesen soll, wo Gemini doch jedes Werk im Handumdrehen erklärt. Es ist das Taschenrechnerproblem aus meiner eigenen Schulzeit im Quadrat. Oder hoch drei. Denn Zweifel äussern nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrpersonen. Sie fragen mich zum Beispiel, wann man mit KI-Unterricht beginnen soll. Ob zum Beispiel schon Kindergartenkinder den Umgang mit KI lernen müssen. Meine Antwort überrascht sie meistens: Künftig wird es, gerade im Umgang mit KI, nicht weniger, sondern mehr klassische Bildung und Ausbildung brauchen. Begründen lässt sich das mit der Funktionsweise der KI, aber auch mit der Praxis im Berufsleben. Ich versuche hier, die ganze Begründung auf eine einzige Grafik zu konzentrieren. Eine Grafik, die klar macht, warum wir gerade wegen der KI künftig nicht weniger, sondern eher mehr klassische Bildung und Ausbildung brauchen. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    17 min

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