Matthias Zehnders Wochenkommentar

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder gibt Ihnen hier jede Woche zu denken. Das Thema: Medien und die Digitalisierung. Das Angebot: Konstruktive Kritik.

  1. 5h ago

    #Verantwortungslücke 5: Ted Chiang und der Frankenstein-Moment

    Im Sommer 1816 ereignete sich in der Nähe von Genf Unerhörtes: In der Villa Diodati in Cologny erblickte ein Monster das Licht der Welt. Oder zumindest das Papier: Frankenstein. Die Umstände seiner Erfindung sind fast so spektakulär wie der Untote selbst: Ein Jahr zuvor war der Vulkan Tambora auf Java ausgebrochen. Es war einer der heftigsten Vulkanausbrüche aller Zeiten. Der Ausbruch beförderte so viel Material in die Atmosphäre, dass das Jahr 1816 in Europa und Nordamerika zum «Jahr ohne Sommer» wurde: Es war kalt und regnete ständig. Die 18-jährige Engländerin Mary Shelley verbrachte diese düsteren Sommertage zusammen mit ihrem späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley, Lord Byron und John Polidori in der Villa Diodati in Cologny. Wegen des schlechten Wetters lasen sie sich Gespenstergeschichten vor. Lord Byron schlug schliesslich vor, dass jeder eine eigene Schauergeschichte schreiben sollte. Mary hatte nach Tagen voller wissenschaftlicher Diskussionen über Reanimation und Elektrizität die Idee von einem Wissenschaftler, der ein künstliches Wesen zum Leben erweckte. Diesen Albtraum verarbeitete sie zu ihrer Geschichte über den Schweizer Wissenschaftler Victor Frankenstein, der entdeckt, wie sich unbelebter Materie Leben einhauchen lässt. Aus Leichenteilen erschafft er eine menschenähnliche Kreatur. Als das Wesen erwacht, packt Victor der Ekel über sein eigenes Werk und er flieht. Was derzeit in der KI-Welt passiert, erinnert mich sehr an diese Geschichte. Allerdings aus einem anderen Grund, als Sie jetzt vermutlich denken. Der zentrale Punkt der Geschichte ist nämlich nicht, dass Frankenstein ein aus Leichenteilen zusammengestückeltes Wesen zum Leben erweckte, sondern dass er sich dadurch der Verantwortung entzog. Genau da stehen wir heute. Was tun? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

  2. Sep 4

    #Verantwortungslücke 4: Wovor fürchtet sich Jeff Bezos?

    Ich liebe diese klaren Nächte im Frühherbst. Es ist noch nicht kalt, der Himmel ist von diesem durchscheinenden Blau. Etwa um 22 Uhr steht im Nordwesten der Grosse Wagen. Verlängert man seine Hinterachse nach oben, kommt man zum Polarstern, der Jägern und Seeleuten über Jahrtausende den Weg gewiesen hat. Und dann, dann zieht, wie auf einer Perlenkette aufgereiht, ein Lichterzug aus vielen kleinen Sternen über den Himmel. Die Dutzenden von Lichtpunkten folgen derselben Spur hintereinander. Sie leuchten gleichmässig, etwa so hell wie Sterne und bewegen sich viel schneller als jedes Flugzeug, aber langsamer als Sternschnuppen. Es sind Satelliten. In den unendlichen Weiten über unseren Köpfen wird es in den nächsten Jahren ein ziemliches Gedränge geben. Die Rede ist von über einer Million Satelliten, die bald die Erde umkreisen sollen. Sie stören nicht nur den Grossen Wagen, sondern auch die Erd-Atmosphäre: In einigen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten verglüht jeder dieser Satelliten. Schon 2022 brachten verglühende Satelliten fast 30 Prozent mehr Aluminiumoxid in die obere Atmosphäre als alle Meteoriten zusammen. Einer, der dort oben mitmischen will, ist Jeff Bezos. Der Gründer von Amazon hat mit seiner Firma Blue Origin längst in den Weltraum expandiert. Da will er die rund um die Uhr verfügbare Solarenergie ausnutzen und damit Rechenzentren betreiben. Er ist nicht der einzige. Die grosse Frage, die sich dabei stellt: Was richten die Herren der Satelliten im Weltraum an? Welche Probleme hinterlassen sie unseren Kindern und Kindeskindern? Wer übernimmt die Verantwortung für Schäden in der Zukunft? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

  3. Aug 28

    #Verantwortungslücke 3: Wer, wenn nicht Jensen Huang?

    Der 6. Juli 2026 war ein Sonntag wie jeder andere in Saporischschja: Es war warm, aber mit 28 Grad nicht zu warm. Ein Sommertag. Aus diesem heiteren Sommerhimmel stiess eine russische Drohne vom Typ «Molniya» auf die ukrainische Stadt hinunter. Die Drohne zielte auf eine Tankstelle, schlug aber in eine Hauswand ein. Ihre Sprengladung tötete drei Menschen: die 19-jährige Buchhaltungsstudentin Tetiana Bubynets und zwei Männer im Alter von 41 und 48 Jahren. Ein ganz normaler Sonntag also. Und doch hat sich mit diesem Drohnenangriff etwas fundamental verändert: Die Drohne hatte keine Antennen. Da war kein russischer Soldat hinter der Front, der sie gesteuert hätte. Die Drohne hat selbstständig entschieden, was sie angreift. Ukrainische Forensiker haben die Trümmer untersucht. Sie fanden einen kleinen Steuerungscomputer vom Typ Jetson Orin von Nvidia. Darauf waren Geländebilder und Zielerkennungscodes gespeichert. Die «New York Times» hat über den Angriff berichtet. Laut der Zeitung ist es der erste dokumentierte Fall ziviler Toter durch eine vollautonome russische Drohne. Die grosse Frage, die sich danach stellt: Wer hat Tetiana Bubynets umgebracht? Wer ist verantwortlich für ihren Tod, wenn das Jetson Orin-Modul selbstständig über das Ziel entschieden hat? Nvidia sagte gegenüber der «New York Times», beim Minicomputer handle es sich um ein Produkt, das für Studierende, Entwickler und kleine Unternehmen gedacht sei. Ich frage mich: Was denkt Jensen Huang? Wer ist für den Tod von Tetiana Bubynets verantwortlich? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

  4. Aug 21

    Die #Verantwortungslücke 2: Wem schuldet Peter Thiel Rechenschaft?

    Vor dem Haus von Peter Thiel in Buenos Aires versammelte sich diese Woche eine seltsame Gruppe: Demonstranten in Gandalf-Kostümen protestierten mit Transparenten, auf denen «You shall not pass!» stand. Fans von «Der Herr der Ringe» wissen: Das ruft Gandalf, als er bei der Flucht aus den Minen von Moria das Monster Balrog auf der Brücke von Khazad-dûm stoppt. Anlass für die Demonstration sind Investitionen von Peter Thiel in Argentinien, insbesondere eine Beteiligung von 76 Millionen Dollar am Ölkonzern Vista Energy. Thiel sollte deshalb Anfang September zusammen mit Präsident Javier Milei an einem Wirtschaftsgipfel in Buenos Aires auftreten. Kurz nach dem Protest sagte er ab: Er könne aufgrund von Terminkonflikten nicht teilnehmen. Ein Zusammenhang mit den Protesten gebe es (natürlich) nicht. Es ist, zumal in Europa, keine grosse Nachricht. Doch sie weist auf eine sehr grundsätzliche Frage hin: Wem schuldet Peter Thiel Rechenschaft? Vielleicht zucken Sie jetzt die Schultern und sagen: «Niemandem!» Peter Thiel ist ein erfolgreicher und schwerreicher Unternehmer – solange er sich an die Gesetze hält, darf er tun und lassen, was er will. Das geht niemanden etwas an. Doch so einfach ist es nicht.  Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

  5. Aug 14

    Die #Verantwortungslücke 1: Was wusste Sam Altman?

    Sie haben es sicher mitbekommen: Eine KI von OpenAI hat sich aus ihrer gesicherten Testumgebung befreit und das Unternehmen Hugging Face angegriffen. Die KI sollte Testaufgaben lösen und versprach sich von Codes auf den Servern von Hugging Face Hilfe. Sam Altman, der Chef von OpenAI, betonte danach, man habe nicht geahnt, dass das Modell eigenständig mehrere unentdeckte Lücken miteinander verknüpfen könnte, um die Barrieren der gesicherten Laborumgebung zu durchbrechen. Wenn eine KI so selbständig zu handeln beginnt, stellt sich eine grosse Frage: Wer ist dafür verantwortlich? Die Frage stellt sich vor allem dann, wenn es nicht der Hersteller ist, der die KI einsetzt, sondern Sie oder ich: Wer ist verantwortlich dafür, wenn Sie einer KI eine Anweisung erteilen und dann fällt die KI eigenständig eine Entscheidung, beginnt vielleicht sogar zu handeln? Was heisst Verantwortung im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz? Für mich ist diese Frage Anlass, dem Thema Verantwortung im Rahmen einer kleinen Serie auf den Grund zu gehen. Heute geht es in der ersten Folge darum, was Sam Altman wusste. Oder etwas allgemeiner formuliert: Wer ist verantwortlich, wenn Sie nicht wissen, was Sie tun? Mit einem kleinen Denkwerkzeug biete ich Ihnen eine Möglichkeit, gezielt über den Punkt der Verantwortung nachzudenken.  Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

  6. Aug 6

    #Sommerklassiker 6: Gottfried Keller und das Lachen

    Klassiker in der Literatur sind wie Bilder in einem Museum: einbalsamierte Kunst, überhöht und deshalb stillgelegt. Klassiker ärgern niemanden mehr. Schade eigentlich. Als kleine Sommerserie habe ich mir dieses Jahr deshalb vorgenommen, sechs Klassiker mit frischem Blick zu lesen. Nach Jeremias Gotthelf, Meinrad Inglin, Conrad Ferdinand Meyer, Johanna Spyri und Olga Meyer folgt zum Abschluss heute Gottfried Keller. In seiner Jugend war er ein radikaler politischer Rebell, der gegen die Obrigkeit aufbegehrte. Längst ist er zum Klassiker erstarrt, eine Marmorbüste im Eingangsbereich des Museums, auf der man achtlos seinen Hut deponiert. Doch Kellers Erzählungen über die Leute von Seldwyla hätten heute noch Sprengkraft. Zum Beispiel die letzte Novelle des zweiten Bandes: «Das verlorene Lachen» erzählt vordergründig die Geschichte einer Ehekrise. Die beiden Eheleute Justine und Jukundus Meyenthal flüchten sich beide in einen Wahn: Jukundus landet verbittert in populistischer Politik, Justine naiv in einer bigotten Religion. Gottfried Keller kritisiert mit seiner Erzählung den Kulturkampf und die Parteipolitik der 1870er Jahre in der Schweiz. Die Jahreszahl können Sie aber getrost vergessen: Seine Kritik ist heute genauso aktuell. Als interaktive Ergänzung habe ich dazu das «Sommerklassiker-Quiz» kreiert. Da können Sie Ihr eigenes Wissen über alle meine Sommerklassiker testen. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

  7. Jul 30

    #Sommerklassiker 5: Olga Meyer und die Fabrik

    Klassiker in der Literatur sind wie Bilder in einem Museum: einbalsamierte Kunst, überhöht und deshalb stillgelegt. Klassiker ärgern niemanden mehr. Schade eigentlich. Als kleine Sommerserie habe ich mir dieses Jahr deshalb vorgenommen, sechs Klassiker mit frischem Blick zu lesen. Letzte Woche habe ich mir die «Heidi»-Romane von Johanna Spyri vorgenommen. Diese Woche geht es um einen anderen Schweizer Kinderbuchklassiker: In «Anneli» beschreibt Olga Meyer 1918 das Leben eines Mädchens im Tösstal des 19. Jahrhunderts. Olga Meyer hat in der Erzählung die Kindheitserinnerungen ihrer Mutter Anna verarbeitet. Sie zeichnet ein authentisches Bild der damaligen Armut und Kinderarbeit. «Anneli» ist damit das Gegenstück zu «Heidi»: Heidi hüpft unbeschwert mit den Geissen über die Alp, ist weltberühmt, verkitscht, geliebt und omnipräsent. Anneli arbeitet sechs Tage die Woche in der dunklen Spinnereifabrik. Die Figur und das Buch von Olga Meyer sind weitgehend vergessen. In der fünften Folge meiner Sommerserie habe ich mich deshalb mit «Anneli» beschäftigt. Als interaktive Ergänzung habe ich dazu das «Sommerklassiker: Quiz» kreiert. Da können Sie Ihr eigenes Wissen über alle meine Sommerklassiker testen. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

  8. Jul 24

    #Sommerklassiker 4: Johanna Spyri und die Stadt

    Klassiker in der Literatur sind wie Bilder in einem Museum: einbalsamierte Kunst, überhöht und deshalb still gelegt. Klassiker ärgern niemanden mehr. Schade eigentlich. Als kleine Sommerserie habe ich mir dieses Jahr deshalb vorgenommen, sechs Klassiker mit frischem Blick zu lesen. Heute nehme ich mir Johanna Spyri vor. Ihr «Heidi» hat das Bild der Schweiz geprägt, auch das Bild, das sich die Schweizer von ihrem eigenen Land machen. Längst hat der Mythos Heidi den Roman von Johanna Spyri überlagert, ja mit Kitsch überwuchert. Wer all den bombastischen Ballast, die Serien und Zeichentrickfiguren, die Filme und Hörspiele und die ganze Werbung darum herum zur Seite schiebt, ist überrascht: Der Roman von Johanna Spyri (oder besser: die beiden «Heidi»-Romane) haben es in sich. Ich habe den Originaltext in meinen Sommerferien neu gelesen und gestaunt. «Heidi» ist für uns zum Hohelied der Alpen und des ursprünglichen Lebens in den Bergen erstarrt. Elemente davon kommen zwar im Originaltext vor, mir scheint aber, die zentrale Aussage ist eine ganz andere. In der vierten Folge meiner Sommerserie werfe ich deshalb einen frischen Blick auf «Heidi» von Johanna Spyri. Als interaktive Ergänzung habe ich dazu das «Sommerklassiker: Quiz» kreiert. Da können Sie Ihr eigenes Wissen über alle meine Sommerklassiker testen. Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

About

Matthias Zehnder gibt Ihnen hier jede Woche zu denken. Das Thema: Medien und die Digitalisierung. Das Angebot: Konstruktive Kritik.

You Might Also Like