Matthias Zehnders Wochenkommentar

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder gibt Ihnen hier jede Woche zu denken. Das Thema: Medien und die Digitalisierung. Das Angebot: Konstruktive Kritik.

  1. 1D AGO

    Was James Bond besser wusste als alle Experten

    In den letzten Tagen habe ich mir mal wieder einige alte James-Bond-Filme angeschaut: Netflix hat alle Filme digital restauriert verfügbar gemacht. Einige der alten Filme sind heute kaum mehr auszuhalten. Es dauert ewig, bis die Handlung in die Gänge kommt. Die Filme wimmeln nur so von Clichés und Bond ist aus heutiger Sicht in den frühen Streifen sexuell arg übergriffig. Spannend ist dagegen, wie die Filme sich die Technik der Zukunft vorstellen. Darunter rührende Inszenierungen des Weltraums und von angeblichen Superwaffen. Zum Schmunzeln haben mich erstaunlich präzise Vorwegnahmen gebracht, etwa vom Funktelefon und der Satellitennavigation im Auto. Und dann ist mir zweimal wirklich die Kinnlade runtergefallen: In einigen frühen Filmen finden sich Auseinandersetzungen mit Themen, die uns genau wie beschrieben heute beschäftigen. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass der olle Bond (respektive seine Drehbuchschreiber) die Zukunft so genau beschreiben konnten. Die Antwort ist spannend: Wenn es um die Zukunft geht, sind Logik und Expertenwissen, alles Extrapolieren und Prognostizieren, weniger nützlich als eine uralte Denkform, die tief in unseren Gehirnen verankert ist: das narrative Denken. Ich zeige Ihnen diese Woche, wie das geht, und habe Ihnen auf meiner Homepage auch ein kleines Denkwerkzeug dafür bereitgelegt.  Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    13 min
  2. FEB 20

    Warum Ihr Gehirn Tiger erfindet und wie Sie sie loswerden

    Erinnern Sie sich an diese Szene? Professor Robert Langdon wird von der Pariser Polizei in den Louvre gerufen: Da liegt die Leiche eines Mannes, der rätselhafte Zeichen und Codes hinterlassen hat. Von der Pose des Toten bis zu den Anagrammen interpretiert Professor Langdon jedes Detail als Teil eines gigantischen, jahrhundertealten Musters. Das ist der Anfang des Romans «The Da Vinci Code» («Das Sakrileg») von Dan Brown. Er präsentiert dem Leser eine Mischung aus historischen Fakten, Bits and Pieces aus der Kunstgeschichte und Fiktion. Wir Leser (und die Figuren im Roman) werden dazu verleitet, in diesen eigentlich eher willkürlich zusammengetragenen Wissensfetzen eine zusammenhängende «Wahrheit» über den Heiligen Gral oder Geheimbünde wie die Prieuré de Sion zu sehen. Der Roman und der Film mit Tom Hanks sind beste Unterhaltung. Vor allem aber illustrieren sie sehr gut, wie wir Menschen darauf trainiert sind, Muster und Zusammenhänge zu erkennen. Unser Problem ist: Wir sind evolutionär darauf programmiert, Muster zu erkennen. Unser Gehirn erkennt lieber ein Muster zu viel als eins zu wenig. Das ist tief in uns verankert. Im Informationszeitalter macht genau das uns anfällig für Fehlurteile und Verschwörungstheorien. Doch es gibt einen Ausweg: https://www.matthiaszehnder.ch/wochenkommentar/tiger-im-gehirn/  Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    14 min
  3. FEB 13

    Warum Vergessen eine Superkraft ist

    Letzte Woche habe ich hier über den unendlichen Run im Online-Hamsterrad gesprochen. Dem Gefühl, dass alle anderen immer mehr wissen und der ständigen Angst, etwas zu verpassen. Wir alle sind permanent überfordert von all den Informationen, leiden unter Information-Overload, und fühlen uns doch schlechter informiert. Der Kopf ist voll, das Hirn ist leer. Was tun? Es gibt Dutzende Ratgeber über die «Hirnpower» und «richtiges», «besseres» oder «cleveres» Lernen. Aber eigentlich mache ich mir vor allem Sorgen darüber, was mein geplagtes Gehirn nicht behalten kann. Wie hiess jetzt nochmal die Nachbarin, die Französisch unterrichtet? Warum war Werther bei Lotte? An welche Länder grenzt Marokko? Hab ich die Kaffeemaschine ausgeschaltet? Und wo ist eigentlich mein Schlüssel? Von wegen Hirnpower: Ich glaube, mein Gehirn ist ein Versager. Wirklich gut ist es nur im Vergessen. Doch dann bin ich auf die Geschichte der Kalifornierin Jill Price gestossen. Sie suchte Hilfe beim Neurobiologen James McGaugh, weil sie nichts vergessen kann. Immer, wenn sie ein Datum sehe, kehre sie automatisch gedanklich zurück und erinnere sich daran, wo sie damals war und was sie tat. Ihr gehe jeder Tag ihres ganzen Lebens durch den Kopf. Sie bat den Neurobiologen um Hilfe und schrieb ihm: «Es macht mich verrückt!» Vielleicht meint es mein Hirn also gut mit mir, wenn es vergisst? Sollen wir also gegen das Vergessen gar nicht ankämpfen und es als Teil unseres Wesens akzeptieren? Vielleicht sogar als Geschenk? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    14 min
  4. FEB 6

    Warum wir trotz Internet schlechter informiert sind

    Fühlen Sie sich informiert? Wissen Sie Bescheid über wichtige Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur? Und vor allem: Haben Sie den Überblick? Ich empfinde die Situation als paradox: Es war noch nie so einfach, viele Informationen zu erhalten – und es war noch nie so anstrengend, informiert zu sein. Ich habe das Gefühl, dass ich immer mehr Aufwand betreiben muss, um à jour zu bleiben. Als ich Ende der 1980er-Jahre in den Journalismus einstieg, war das grosse Problem der Zugang zu Nachrichten und Informationen. Ende der 1990er-Jahre brach das World Wide Web die klassischen Strukturen auf. Plötzlich konnten wir alles wissen: Wir hatten weltweit Zugang zu Daten, Nachrichten und Informationen. Es machte sich eine richtige Euphorie breit. Damit ist es vorbei: Heute leiden wir alle unter einem Information Overload. Wir haben zu viele Informationen und fühlen uns doch schlecht informiert. Vor allem ist es viel anstrengender geworden, am Ball zu bleiben. Was ist da los? Warum hat das Internet die euphorischen Erwartungen nicht erfüllt? Verbessert oder verschlimmert die künstliche Intelligenz die Situation? Oder bietet sie vielleicht eine Lösung? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    15 min
  5. JAN 23

    Wie Sie Ihre blinden Flecken finden (und die der KI)

    In der Fahrschule lernen wir: Wer mit dem Auto die Spur wechseln oder abbiegen will, muss über die Schulter zur Seite blicken. Ein Blick in den Rückspiegel genügt nicht, weil Rückspiegel immer einen toten Winkel haben. Der tote Winkel ist ein blinder Fleck seitlich des Fahrzeugs, der trotz Spiegeln nicht einsehbar ist. Neuere Autos warnen die Fahrerin oder den Fahrer deshalb mit einer kleinen Leuchte im Spiegel, wenn sich ein anderer Verkehrsteilnehmer im toten Winkel des Rückspiegels aufhält. In anderen Lebensbereichen haben wir keine solchen Warnleuchten, obwohl wir alle blinde Flecken haben. Physiologisch im Auge, dort, wo die Sehnerven im Augapfel münden, aber auch im übertragenen Sinn bezogen auf unseren Blick auf die Welt. Die Künstliche Intelligenz ist zunächst keine grosse Hilfe. Die KI kann zwar unendlich viel mehr Daten verarbeiten als wir Menschen, sie ist aber auf die digitale Welt beschränkt und hat deshalb nicht blinde Flecken, sondern eher blinde Flächen. Richtig eingesetzt kann die KI für uns aber eine ähnliche Funktion übernehmen wie die kleine Warnleuchte im Rückspiegel. Voraussetzung dafür ist, dass Sie bereit sind, über ihre Schulter zu blicken, wenn Sie die Leuchte warnt. Ich sage Ihnen deshalb heute, wie Sie Ihre blinden Flecken finden (und die der KI). Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    15 min
  6. JAN 16

    Wann wird Eigenverantwortung zur Worthülse?

    2026 will die Schweiz die Vorgaben für den Brandschutz vereinfachen. Das Ziel: Weniger Kontrollen, mehr Eigenverantwortung. Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana, bei der am 1. Januar vierzig Menschen ums Leben gekommen und über hundert zum Teil schwer verletzt wurden, ist das Vorhaben aufgeschoben worden. Selten kam eine Gesetzesrevision zu einem so schlechten Zeitpunkt. Mir ist dabei vor allem das Wort «Eigenverantwortung» aufgefallen. Viele Schweizerinnen und Schweizer betrachten Eigenverantwortung als Grund für den Erfolg und die Stabilität des Landes. Die Idee ist, dass mündige Bürger keine Vorschriften durch den Staat brauchen, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Das ist nachvollziehbar, wenn es um Gesundheit oder Altersvorsorge geht. Aber was heisst das beim Brandschutz? Was heisst Eigenverantwortung angesichts von vierzig gestorbenen Menschen? Wie kann jemand Verantwortung für sich selbst übernehmen, wenn so viele andere Menschen davon betroffen sind? Und etwas weiter gedacht: Wie kann ich angesichts von hyperkomplexen Technologien wie der KI Eigenverantwortung wahrnehmen, wenn ich nicht verstehe, was da abgeht? Ich frage mich deshalb: Wann wird Eigenverantwortung zur Worthülse? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    17 min
  7. JAN 2

    Fragen Sie richtig? Fragen Sie gut?

    Im Herbst 1990 hielt Bill Gates, der Gründer und damalige Chef von Microsoft, an der Computermesse Comdex eine Rede. Er beschrieb die Vision einer vernetzten Welt mit sofortigem Zugriff auf alle Informationen. Bill Gates sprach von «Information At Your Fingertips», also von Information auf Knopfdruck. 1990 war das eine kühne Vision. Ein durchschnittlicher PC hatte damals eine Festplatte mit 40 MB Speicherplatz, ein Diskettenlaufwerk und arbeitete unter DOS und Windows. Heute lächeln wir über die Rede von Bill Gates. Heute müssen wir nicht einmal mehr einen Knopf drücken, um eine Information zu erhalten. Es genügt, den Computer zu fragen. Die KI weiss immer eine Antwort. Etwa alle zwei Jahre verdoppelt sich die Informationsmenge, auf die wir über das Internet Zugriff haben. Nur schon der Arbeitsspeicher eines Mobiltelefons ist heute grösser als die Festplatte, die 1990 in einem Computer steckte. «Information At Your Fingertips» ist Realität geworden: Wir erhalten jede Information auf Knopfdruck. Vorausgesetzt, wir wissen, was wir wissen wollen. Bei all dem Anhäufen von Daten und Informationen haben wir vergessen, dass es dabei auf die Frage ankommt. Ich frage deshalb zum Jahresbeginn: Fragen Sie richtig? Fragen Sie gut? Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI. Website: https://www.matthiaszehnder.ch/ Newsletter abonnieren: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/ Unterstützen: https://www.matthiaszehnder.ch/unterstuetzen/ Biografie und Publikationen: https://www.matthiaszehnder.ch/about/

    14 min

About

Matthias Zehnder gibt Ihnen hier jede Woche zu denken. Das Thema: Medien und die Digitalisierung. Das Angebot: Konstruktive Kritik.

You Might Also Like